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Interview mit Michael Albert über sein neues Buch: 'Parecon: Life After Capitalism'

von Michael Albert

17.02.2003 — Schwarzer Faden / ZNet

— abgelegt unter:
Worum geht es in Ihrem neuen Buch: "Parecon: Life After Capitalism?"

In „Parecon: Life After Capitalism” beschreibe ich ein ökonomisches System - wir nennen es „Partizipative Ökonomie” - dessen Ziel es ist, funktionierende Produk­tions- und Verteilungsbedingungen, die im Einklang stehen mit ethischen Leitlini­en wie Gerechtigkeit, Vielfalt, Solidarität und Selbstorganisation. Wenn mich die Leute fragen, was ich mir im Hinblick auf Ökonomie vorstelle, antworte ich: „parec­on” (Participatory Economics = Partizipa­tive Ökonomie). Im Mittelpunkt von Parec­on steht die Komitee-Idee, auf der Ar­beitsplatz- und Verbraucher-Ebene. Im Mittelpunkt stehen (neue) Normen und Methoden zur selbstorganisierten Ent­scheidungsfindung, steht die Idee der Be­lohnung von Leistung und Einsatz, sowie partizipative Planung und die Idee ausge­glichener Arbeitsabläufe ('job comple­xes').

Von den kapitalistischen Institutionen unterscheiden sich die neuen Institutio­nen völlig, aber eben auch vom soge­nannten „Marktsozialismus”. Mein Buch geht im ersten Teil kurz auf die bestehenden Systeme ein, um herauszuarbeiten, dass diese unvereinbar sind mit ethischen Leitlinien, die für uns zählen. Anschließend werden Institutio­nen vorgestellt, die unsere neue Vorstel­lung von Wirtschaft definieren: neue Insti­tutionen auf Arbeitsplatz-, auf Verbrau­cher- sowie auf Distributionsebene. Wie diese neuen Institutionen in unsern Alltag einwirken könnten, steht im nächsten Teil meines Buches. Im letzten Teil setze ich mich mit einer Reihe von gravierenden Befürchtungen auseinander, die die Leute haben, wenn sie zum erstenmal von unse­rer Vision hören. Bringt das Ganze tatsächlich was für unsere Ziele u. Werte? Ist diese Vision produktiv? Oder gefährdet sie am Ende Individualität u. Privatheit? Wie effizient, flexibel, kreativ u. nützlich kann soetwas sein? Undsoweiter.

Was hat maßgeblich zur Entstehung des Buchs beigetragen?

Das Modell einer „Partizipativen Ökonomie” existiert seit etwa 10 Jahren - etwas länger sogar. Robin Hahnel und ich haben es entwickelt und viele Artikel darüber veröffentlicht. Das vorliegende Buch ist mein bislang ultimativer Versuch, diese Vision zu begründen, ausführlich zu be­schreiben und nicht zuletzt zu verteidigen. So gesehen spiegelt „Parecon: Life After Capitalism" meine vielfältigem Aktivitäten der letzten Jahre wider und reflektiert gleichzeitig die Lehren, die ich aus mei­nen tatsächlichen Arbeitserfahrungen und meiner Lehrtätigkeit gezogen habe. Natürlich auch aus der Organisie­rungsarbeit, aus öffentlichen Auftritten und nicht zuletzt aus den Fragen der Teil­nehmerinnen in den ZNet Online-Foren.

Wir haben das Modell immer wieder neu überarbeitet — hinsichtlich neuer Er­kenntnisse, Fragen, Untersuchungsergeb­nisse. Was das Schreiben selbst angeht: Wir — legten Wert darauf, das Buch so span­nend und „lesbar” wie möglich zu ma­chen. Sicherlich bin ich kein besonders guter Autor — wahrscheinlich gibt es 600 Millionen bessere — aber ich strenge mich an. Und für dieses Buch habe ich mich ge­waltig ins Zeug gelegt.

Welche Hoffnung verbinden Sie mit Ihrem Buch? Welchen Beitrag soll es in politi­scher Hinsicht leisten, was soll erreicht werden? Und auf dem Hintergrund ihrer Anstrengungen und Ziele - was würden Sie als Erfolg bezeichnen? An welchem Punkt würden Sie sagen, ich bin zufrieden, wie sich das Projekt entwickelt? Oder umge­kehrt Wann würden Sie sich die Frage stel­len, war's das wirklich wert — die ganze Zeit und Kraft, die ich investiert habe?

Um was es in meinem Buch geht, ist die schlichte Frage: Was wollen wir? Und ich versuche, diese Frage auf eine möglichst ernsthafte, verständliche und mitreißende Weise zu beantworten. Ich denke: Alle, denen es wirklich um eine bessere Welt geht — vor allem um eine bessere Wirtschaft — müssten mein Buch eigentlich lesen. Zumindest wünsche ich mir das.

Ich habe bereits erwähnt, seit über ei­nem Jahrzehnt bin ich intensiv damit be­schäftigt, die Idee einer partizipativen Ökonomie zu entwickeln und zu verbrei­ten. Mittlerweile geschieht dies auch mit gewissen Erfolg. Das Buch „Parecon: Life After Capitalism” ist sozusagen der Klimax meiner Bemühungen und wird hoffentlich zum weiteren Durchbruch führen. Das Buch wird in vielen Sprachen herauskom­men und hat bereits im Vorfeld seiner Ver­öffentlichung für viel Aufsehen gesorgt. Ich kann Interesse von ganz unterschiedli­cher Seite spüren. Anscheinend nimmt das Interesse an unserer Ökonomie-Vision rapide zu. Hinzu kommt: Die Zeiten haben sich in den letzten zehn Jahren geändert.

Ein weiter Weg von den Glanzzeiten je­ner Markt-Manie (erinnern Sie sich noch an Margaret Thatchers berühmten Aus­spruch: „Es gibt keine Alternative"?) bis in unsere neue Zeit mit ihren massiven Pro­blemen, in der die Wirtschaft infrage ge­stellt wird. Inzwischen lautet die Losung der Progressiven: „Eine andere Welt ist möglich”. Die Antiglobalisierungs-Bewe­gung hat der Selbstgefälligkeit des Markts den Wind aus den Segeln genom­men; alles, was mit Ökonomie zu tun hat, wird jetzt kritisch hinterfragt. Von allen möglichen Aktivisten verlan­gen die Leute eine Antwort auf ihre Frage: Welche Alternative habt ihr zu bieten? Die „Partizipative Ökonomie” könnte, so hoffe ich, eine sehr gute Antwort sein — zumindest in ökonomischem Sinne.

Ich hoffe also, mein Buch kann dazu beitragen, unserer Vision einer (neuen) Ökonomie zum Durchbruch zu verhelfen — und zwar wesentlich stärker als bislang der Fall. Ich hoffe, unser Modell wird sich als ebenso tauglich wie unwiderstehlich erweisen und von vielen übernommen werden. Ich bin da aber wirklich optimi­stisch.

Ich wünsche mir eine Diskussion, die entweder zur breiten Unterstützung der Parecon-Idee führt oder aber alternativ zur Entwicklung einer anderen, noch bes­seren Vision. Zudem hoffe ich, das Buch kann die Leute inspirieren, auch über an­dere Themen — die Geschlechterbezie­hung, Familienbeziehungen, Kultur u. Ge­meinschaft, politische Organisierung, Ökologie und Außenpolitik nachzuden­ken. Vielleicht lassen sich ja auch für die-se Themenneue Visionen entwickeln. Schließlich: das Leben besteht nicht nur aus Wirtschaft.

Niemand wird bestreiten: Im Bereich Ökonomie (aber nicht nur dort) brauchen wir dringend neue Zielsetzungen — ernste, taugliche, verständliche und vertretbare Zielsetzungen. Zudem ist die Zeit reif, den Leuten die Prüfung visionärer Ziele an die Hand zu geben — auch das wird wohl nie­mand bestreiten.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Schwarzen Fadens.
Orginalartikel: Interview About Parecon
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