Jerusalemer Nachtleben
von Neve Gordon
04.08.2003 — ZNet
Neve Gordon ist Politik-Dozent an der Ben-Gurion-Universität und Mitglied von „Ta“ayush - Arab-Jewish Partnership“
JERUSALEM. Das Essen ist köstlich. Gerade will ich zahlen, da klingelt das Handy. Es ist zwar kurz vor Mitternacht, aber noch immer herrscht in diesem Jerusalemer Restaurant reger Betrieb. Ich muss hinaus, um zu hören, was die Anruferin will: “Sie haben Jammal, Yusef und 17 weitere Männer verhaftet!“ schreit die Frau am anderen Ende. “Wir wissen nicht, wo sie sie hingebracht haben... Aber Irit, Ezra, Tamara und Amiel sind auf dem Weg zum Militär-Checkpoint“. Ich verlasse das Restaurant zusammen mit Farid und Mounther. Wir fahren Richtung Checkpoint 300 - der Checkpoint zwischen Jerusalem und Bethlehem. Unterwegs meint Mounther, Tag und Zeitpunkt der Operation seien wirklich gut gewählt. Es sei schon spät, man werde wohl kaum einen Anwalt für eine Eilbeschwerde auftreiben; noch wichtiger, die Wochenendausgaben der israelischen Zeitungen seien schon alle in Druck. Und Sonntag würde die Sache keinen Nachrichtwert mehr haben.
Schon zum drittenmal ist israelische Grenzpolizei in das kleine palästinensische Dorf Nuemann eingedrungen, das im südlichen Hügelland Jerusalems liegt. Zusammen mit 27 anderen Dörfern war Nuemann kurz nach dem Sechstagekrieg 1967 an die Stadt und deren Verwaltung angegliedert (annektiert) worden. Im Gegensatz zu den meisten Bewohnern der anderen Dörfer, die von der israelischen Zivilverwaltung als Einwohner Israels (nicht Bürger) registriert wurden, hatte man den Bewohnern Nuemanns Westbank-Ausweise ausgehändigt. So kommt es, dass die Bewohner Nuemanns nun einem anderen Verwaltungs- und Rechtssystem zugeordnet sind als ihre Häuser: Häuser und Land gehören zum Gemeindeverwaltungssystem Jerusalem; die Bewohner der Häuser jedoch sind Westbank-Einwohner und daher der israelischen Militärherrschaft unterworfen.
Kurz nach Mitternacht treffen wir am Checkpoint ein. Die 19 Männer sind bereits da - eingepfercht in einen engen Metallschuppen. Ein paar sehen aus wie ältere Teenager, die meisten sind Mitte Dreißig; 2 oder 3 sind so alt wie mein Vater: über 60. Die Gefangenen schildern, wie die Polizei in alle Häuser eindrang und die Bewohner - auch die Kinder - aufweckte. Darauf mussten sich die Männer versammeln. Wer gehen konnte, musste mitkommen. Die Beschuldigung: “Illegales Eindringen nach Israel“.
Stellen Sie sich vor, Sie verbringen Ihr ganzes Leben in dem Dorf, in dem Sie und Ihre Eltern geboren sind. Sie haben 4 Kinder, die in die nahe Schule gehen. Sie selbst bebauen Ihr Land mit Weizen und Olivenbäumen. Dann plötzlich, eines nachts, steht Polizei vor Ihrer Tür. Die Polizisten zwingen Sie, zum nächsten Militär-Checkpoints zu marschieren - ein paar Kilometer entfernt. Dort wird Ihnen mitgeteilt, Sie seien ein illegaler Okkupant und hätten aus der Heimat ihrer Vorfahren zu verschwinden. Natürlich werden Sie argumentieren, Sie seien doch in dem Dorf geboren, hätten Ihr ganzes Leben dort verbracht. Der befehlshabende Polizist will Ihren Ausweis sehen. Sie händigen ihn aus. Er sieht ihn sich kurz an, dann weist er Sie darauf hin, nein, Sie seien kein Einwohner des Dorfes, Sie gehörten in die Westbank, und deswegen hätten Sie auch Ihr Heim zu verlassen. “Ich will nur der Rechtsstaatlichkeit dienen“, erklärt er. Rechtsstaatlichkeit - dabei denkt man an Gerechtigkeit und Demokratie. Häufig jedoch geschieht es, dass Gesetze benutzt werden, um einen kriminellen Akt zu perpetuieren. Schließlich wurde auch das südafrikanische Apartheid- Regime durch den Rechtsstaat aufrechterhalten - so wie heute Israels brutale Okkupation Palästinas.
Die Frage ist allerdings, warum gerade jetzt? Warum fällt es Israel nach 36 Jahren der Besatzung plötzlich ein, seine drakonischen Gesetze auf Nuemann anzuwenden? Des Rätsels Lösung: Wenn man nach Nuemann kommt und nach Süden blickt, sieht man nicht weit entfernt, wie Bulldozer emsig bei der Arbeit sind. Sie bauen für die Trennmauer - eine komplexe Abfolge von Barrieren, Gräben, Straßen u. Zäunen. Man will, dass das Land nördlich der Mauer “unbewohnt“ ist, wenn es enteignet wird. Für die Bewohner Nuemanns bedeutet das, dass sie aus ihren Häusern vertrieben werden. Bei uns in Israel nennt man diese Politik “Transfer“. Nuemann ist nur ein Beispiel, das zeigt, die Mauer wird mit dem Ziel errichtet, Palästinenserland zu konfiszieren und vor Ort Fakten zu schaffen. Alle künftigen Abkommen zwischen Israel und den Palästinensern werden durch diese Fakten in Mitleidenschaft gezogen. In einem kürzlich von der Weltbank veröffentlichten Bericht heißt es, wenn die Mauer erst fertiggestellt sei, würden 95 000 Palästinenser in nach allen Seiten isolierten Bantustans leben.
Es ist jetzt gegen 3 Uhr morgens. Die Polizisten beschließen, die 19 Palästinenser freizulassen. Allerdings drohen sie ihnen mit Strafen, sollten sie ihre Häuser nicht demnächst verlassen. Schon zum drittenmal in einem Monat mussten die Männer diese Tortur über sich ergehen lassen, wobei die Polizei diesmal wesentlich sachter verfuhr, weil die Ta“ayush-Leute (Ta“ayush - arabisch-jüdische Partnerschaft) die Sache beobachteten. Wir brachten die Bewohner Nuemanns nach Hause und fuhren heim - vorbei an Pubs und Nachtclubs. Wir atmeten das Jerusalemer Nachtleben.
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