Kerry und das Geschenk der Straffreiheit
von Naomi Klein
01.12.2004 — The Nation / ZNet
Ikonen inspirieren Liebe und Hass, und so ist es auch mit der Fotografie von James Blake, dem 20-jährigen Marine-Soldaten aus den Appalachen, der von Kriegsbefürwortern „das Gesicht Falludschas“ und von fast jedem anderen „der Malboro-Mann“ getauft wurde. In über 100 Zeitungen abgedruckt zeigte das Foto aus der Los Angeles Times Miller „nach mehr als zwölf Stunden fast pausenlosen tödlichen Kampfes“ in Falludscha, sein Gesicht mit Kriegsbemalung, eine blutige Schramme auf der Nase und eine gerade angezündete Zigarette auf seinen Lippen hängend.
Dan Rather, während er liebevoll das Bild anstarrt, stellte fest, dass “für mich persönlich...Das ist ein Krieger mit seinen Augen am weiten Horizont, Gefahr witternd. Sieh es, studiere es, adsorbiere es. Denke über es nach. Dann nimm einen tiefen Atemzug des Stolzes. Und wenn dann deine Augen nicht feucht werden, bist du ein besserer Mensch als ich.“ Einige Tage später erklärte die Los Angeles Times, dass dieses Foto „in das Reiche der Ikonographie eingegangen“ ist. Und wirklich, dieses Bild erscheint wie eine Ikone (Heiligenbildchen), da es lächerlich gestellt wirkt: Es ist ein direkter Abklatsch der größten Ikone in der Werbung der USA (der Malboromann), welcher wiederum den strahlendsten Star, der jemals von Hollywood erschaffen wurde (John Wayne) imitiert, der wiederum dem größten US-Mythos entspringt (der Cowboy an der rauhen Grenze). Es ist wie ein Lied, von dem du fühlst, dass du es schon Tausende Male bevor gehört hast – weil du es ja auch hast.
Aber genug zu dem. Für ein Land, das gerade einen Möchegern-Malboro-Mann als Präsident gewählt hat, ist Miller eine Ikone und, wie um es zu beweisen, rief es seine sehr spezielle Kontroverse hervor. „Viele Kinder, gerade Jungen, spielen „Krieg“ und lieben es, diesen jungen Mann zu imitieren. Die deutliche Botschaft dieses Fotos ist es, dass es nach einer Schlacht üblich ist, mit einer Zigarette zu entspannen,“ schrieb Daniel Malony in einem Leserbrief an den Houston Chronicle. Linda Ortmann hob ebenfalls diesen Punkt an die Herausgeber der Dallas Morning News hervor:“ Gibt es keine Bilder mit nichtrauchenden Soldaten im Irak?“ Ein Leser der New York Post schlug eine politisch korrektere Propaganda vor:“ Ein Marine in einem Panzer, der einem anderen Soldaten hilft oder Wasser trinkt, hätte vielleicht einen positiveren Einfluss auf Ihre Leser.“
Ja, das ist richtig: Leserbriefschreiber aus dem ganzen Land sind sich einig in ihrer Abscheu – nicht, dass der stahläugige, rauchende Soldat Massenmord „cool“ erscheinen lässt, sondern dass der lobenswerte Akt des Massenmordes das schlimme Verbrechen des Rauchens „cool“ aussehen lässt. Das erinnert mich an den Witz über den chassidimischen Rabbiner, der sagte, alle sexuellen Stellungen seien erlaubt, außer einer: Stehen, denn das könnte zum Tanzen führen.
Der zweite Gedanke ist, dass Miller es vielleicht wirklich verdient, in den Rang einer Ikone erhöht zu werden – nicht des Irakkrieges, sondern der neuen Ära einer überstürmenden US-Straflosigkeit. Außerhalb der US-Grenzen ist es natürlich ein anderer Marine, der als das „Gesicht Falludschas“ erwählt wurde: der Soldat, der gefilmt wurde, wie er einen unbewaffneten, verletzten Gefangenen in einer Mosche exekutierte. Renner sind auch das Foto eines Zweijährigen in einem Krankenhausbett, dem eines seiner winzigen Beine zerschossen wurde; ein totes Kind, das auf der Straße liegt und den kopflosen Körper eines Erwachsenen umklammert; und ein Nothospital, zum Platzen überfüllt. Innerhalb der Vereinigten Staaten erscheinen diese Schnappschüsse einer gesetzlosen Besatzung nur kurz, wenn überhaupt. Bis jetzt dauert Millers Status als Ikone an, lebendig erhalten mit menschelnden Geschichten über Fans, die Kisten mit Zigaretten nach Falludscha senden, Interviews mit stolzen Müttern von Marines und ernstgemeinten Diskussionen, ob Rauchen eventuell Millers Effektivität als Kampfmaschine beeinträchtigen könnte.
Straflosigkeit – die Erkenntnis, außerhalb des Gesetzes zu stehen – ist seit langem das Zeichen des Bush-Regimes. Was alarmierend ist, ist das, dass es sich seit der Wahl vertieft haben zu scheint und in etwas gipfelt, was am Besten als Orgie der Straffreiheit beschrieben werden kann. Im Irak greifen US-Truppen und irakische Leihtruppen zivile Ziele an und attackieren freimütig Ärzte, Kleriker und Journalisten, die es wagten, die Toten zu zählen. Zu Hause wurde die Straflosigkeit durch Bushs Ernennung von Alberto Gonzales zur offiziellen Strategie gemacht – des Mannes, der dem Präsidenten persönlich in seinem infamen „Folter Memo“ riet, dass die Genfer Konventionen über die Behandlung von Kriegsgefangenen „veraltet“ seien – als Justizminister.
Diese Art von Trotz kann nicht einfach nur mit dem Wahlsieg Bushs erklärt werden. Das muss an der Art gelegen haben, wie er gewonnen hat, wie der Wahlkampf geführt wurde, was der Regierung den gewissen Eindruck gab, dass ihr ein Freifahrschein zum „Ausstieg aus der Genfer Konvention“ ausgehändigt wurde. Das ist, weil der Regierung genau solch ein Geschenk gemacht wurde – von John Kerry.
Im Namen der “Wählbarkeit“ gab die Wahlkampagne Kerrys Bush fünf Monate Wahlkampfzeit, ohne ihn jemals mit ernsthaften Fragen über die Vergewaltigung internationalen Rechts zu konfrontieren. Mit der Frucht, sanft gegenüber terroristischer Bedrohung und illoyal gegenüber der US-Armee zu erscheinen, blieb Kerry skandalös ruhig gegenüber Abu Ghraib und Guantanamo Bay. Als es offensichtlich wurde, dass sobald die Wahlurnen versiegelt wurden, der Zorn sich auf Falludscha senken würde, sagte Kerry nie etwas gegen diesen Plan oder etwas gegen das illegale Bombardement ziviler Gebiete, das während des gesamten Wahlkampfes stattfand. Sogar nachdem „The Lancet“ seine Studie, dass 100 000 Iraker aufgrund der Invasion und Besatzung gestorben sind, veröffentlicht hatte, wiederholte Kerry seine abscheuliche (und offen rassistische) Aussage, das US-Amerikaner „90 % der Opfer im Irak zu beklagen haben“. Seine unmissverständliche Botschaft: Irakische Tote zählen nicht. Indem sie die sehr fragwürdige Logik, dass US-Amerikaner nicht imstande sind, sich um andere Leben als nur ihre eigenen zu kümmern, aufnahm, wurden die Wahlkampagne Kerrys und seiner Unterstützer Komplizen in der Entmenschlichung der Iraker, was die Idee verstärkt, dass einige Leben nicht wichtig genug sind, um Wählerstimmen zu riskieren. Und das ist die moralische Bankrotterklärung, mehr als die Wahl eines einzelnen Kandidaten, die die unkontrollierte Fortsetzung dieser Verbrechen erlaubt.
Das Resultat in der realen Welt aus all diesem “strategischem“ Denken ist das Schlimmste beider Welten: Es führte nicht dazu, dass Kerry gewählt wurde und es sendete den Leuten, die gewählt wurden, eine klare Botschaft, dass sie keinen politischen Preis dafür bezahlen, wenn sie Kriegsverbrechen zugeben. Und das ist das wahre Geschenk Kerrys an Bush: nicht nur die Präsidentschaft, sondern die Straffreiheit. Man kann es vielleicht am besten an dem Malboro-Mann in Falludscha und den surrealen Debatten, die um ihm laufen, sehen.
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