Kevin Pina auf Haiti verhaftet
Amerikanischer Journalist verhaftet
von Justin Felux
13.09.2005 — ZNet
Was auf Haiti - dieser verarmten und umkämpften Insel - vor sich geht, darüber genauere Informationen zu erhalten, ist fast unmöglich. Die amerikanischen Mainstream-Journalisten vor Ort versuchen erst gar nicht, den Anschein von Objektivität zu wahren. Sie drucken Regierungslügen, sie drucken die Lügen der korrupten Polizei und der faschistoiden Wirtschaftsführer. Oft plappern sie die verzerrten Informationen der haitianischen Medien einfach nach (die haitianischen Medien befinden sich überwiegend im Besitz der rechten Eliten). Aber es gibt eine Stimme, die seit Jahren für ein Mindestmaß an Ausgewogenheit und Vernunft hinsichtlich der Haiti-Berichterstattung in Amerika sorgt. Diese Stimme heißt Kevin Pina. Kevin wurde schon oft bedroht, es gab zahlreiche Anschläge auf sein Leben. Für Leute wie uns, die wir die Menschen über die haitianische Wirklichkeit informieren wollen, war sein mutiger Journalismus häufig die einzige Quelle für Informationen. Seit letzten Freitag, 17 Uhr, sitzt Kevin Pina in einem haitianischen Gefängnis*. Sein Leben ist in der Hand von mörderischen Schurken, die sich als Gesetz maskieren, ausgeben.
Hier der Ablauf der Ereignisse - soweit bekannt:
Seit geraumer Zeit hält die haitianische Polizei Fr. Gerard Jean-Juste fest, einen prominenten Führer der progressiven Bewegung. Die Anklage ist frei erfunden. Unter anderem wird ihm vorgeworfen, von einem Florida-Tripp ein ganzes Arsenal an Waffen mitgebracht zu haben - um irgendeinen Aufstand vorzubereiten. Die Anklagepunkte sind einfach lächerlich. Von Amnesty International wird Jean-Juste als “Gewissensgefangener“ (prisoner of conscience) eingestuft. Am Freitag tauchte haitianische Polizei vor der Kirche von Pater Jean-Juste auf, durchsuchte und filzte das Gebäude. Wie so oft trugen die Polizisten schwarze Masken. Sie schüchternen die Menschen in der Kirche ein, unter anderem eine Gruppe Kinder.
Einige lokale Journalisten - unter ihnen Kevin Pina - erfuhren von der Razzia und erschienen vor der Kirche, um über die Ereignisse zu berichten. Kevin stellte den Polizisten einige Fragen. Sie antworteten so in etwa in der Art: “Wir haben genug von euch kalifornischen Troublemakern“. Kurz darauf wurden Pina und sein haitianischer Kollege Jean Ristil festgenommen. Man wirft Pina vor, den Richter, der die Polizisten bei ihrer Razzia begleitete, geschlagen zu haben. Pina bestreitet dies. Sehr wahrscheinlich hat die Polizei die Razzia veranstaltet, um in der Kirche inkriminierende “Beweise“ gegen Pater Jean-Juste zu hinterlegen. Später wird man dann behaupten, beim Durchsuchen der Pfarrei von Jean-Juste “Beweismaterial“ “gefunden“ zu haben.
Nicht das erstemal, dass Kevin Pina von rechtem Gesindel bzw. von haitianischen Todesschwadronen schikaniert und bedroht wird. Die haitianische Polizei hat längst bewiesen, dass sie vor der Ermordung amerikanischer Staatsbürger ebenso wenig zurückschreckt wie vor der Ermordung haitianischer Bürger. 2004 ermordeten die Polizei den jungen Amerikaner Cassey Auguste brutal. Sie hielten den jungen Mann für einen politischen Sympathisanten der Lavalas. Sie erinnern sich, Lavalas ist die Partei des geschassten, demokratisch gewählten Präsidenten Haitis, Jean-Bertrand Aristide. In Wirklichkeit war Auguste aber unpolitisch. Er wurde getötet, weil er eine Dreadlock-Frisur hatte - was von manchen schon als Zeichen für radikales politisches Denken gewertet wird -, und Lavalas-Mitglieder hin und wieder im Laden seiner Mutter eingekauft hatten. Wenn sie einen amerikanischen Staatsbürger wie Cassey Auguste aus so nichtigem Anlass töten, habe ich kaum Zweifel, dass sie auch Kevin Pina töten könnten - denn Pinas politische Sympathien und sein Aktivismus sind allgemein bekannt. Kevin ist amerikanischer Staatsbürger, er ist weiß und ein angesehener Journalist - die (drei) einzigen Dinge, die im Moment sein Leben schützen*.
Die Verhaftung Kevin Pinas ist nur der Letzte in einer Serie von Angriffen auf die Pressefreiheit - seit die Staatsstreichs-Regierung (die von der Bush-Administration, Kanada und Frankreich unterstützt wurde und von dort ihren Rückhalt erhält), die Macht übernommen hat. Gleich nach dem Coup auf Haiti waren zahlreiche Journalisten verprügelt oder getötet worden, ihre Büros und Bürogebäude durchsucht. Andere mussten in die Hügel fliehen, um der Verfolgung zu entgehen. In den letzten Wochen war die haitianische Polizei dazu übergegangen, Übergriffe gegen die Presse offiziell zu bestrafen. Zuvor hatte sie einfach weggeschaut, wenn Polizisten, bzw. die mit der Polizei verbündeten Todesschwadronen, Journalisten misshandelt hatten. Am 3. August berichtete AHP: “Am Freitag, den 5. August, werden ein Dutzend Medienorganisationen in der Hauptstadt, unter anderem Radio- und TV-Sender, keine Nachrichten senden - aus Protest gegen das Kommunique des Council of Ministers, das Sanktionen gegen die Medien fordert, weil es ihnen vorwirft, “Vehikel für eine verhängnisvolle zweideutige Sprache und für Hassreden“ zu sein und Leuten das Mikrofon zu reichen, die verdächtigt werden, “Banditen“ zu sein“.
Wie die Zahl der Übergriffe gegen Journalisten steigt auch die Zahl der Angriffe auf Demokratieverfechter und die Armen auf Haiti. So dokumentierte die Organisation „The National Catholic Justice and Peace Commission“ 169 Mordfälle allein für Mai/Juni. Es ist davon auszugehen, dass dies nur die Spitze des Eisbergs ist und die eigentliche Zahl viel höher liegt. Jetzt, vor den Wahlen, will die US-kontrollierte Regierung Haitis dem Volk von vorneherein klarmachen, dass es keine Chance hat, wieder einen progressiven Führer wie Präsident Aristide (oder wie Pater Jean-Juste) zu wählen. Dazu ist es jedoch nötig, eine Stimmen wie Kevin Pina zum Schweigen zu bringen. Die Terrorkampagne auf Haiti soll ohne internationale Aufmerksamkeit vor sich gehen. Vergessen Sie die UN-Truppen (MINUSTAH) auf Haiti. Sie werden nichts unternehmen. In Wirklichkeit sind sie Mordkomplizen und Komplizen bei den Entführungen und Vergewaltigungen, denen schon zahllose Bürger und Bürgerinnen Haitis zum Opfer fielen. Die Rolle der UNO auf Haiti ist alles andere als die einer “stabilisierenden“ oder “humanitären Kraft“, vielmehr sehen wir hier eine der grausamsten Formen kolonialer Barbarei. Laut eines Harvard-Reports hat die “MINUSTAH der Polizei effektiv Schutz gewährt, um in den Slums von Port-au-Prince eine Terrorkampagne durchzuführen. Noch besorgniserregender als die Komplizenschaft der MINUSTAH bei Misshandlungen der HNP (Haitian National Police) sind allerdings glaubwürdige Anschuldigungen über Menschenrechtsverstöße, die von der MINUSTAH selbst begangen wurden.“
Über diese Dinge würden wir hier in Amerika wahrscheinlich nichts erfahren, gäbe es nicht Journalisten wie Kevin Pina. Ich bin kein Mensch, der gerne öffentlich um Hilfe bettelt. Aber ich flehe alle Leser dieses Artikels an, bitte wenden Sie sich an untenstehende Adressen und fordern Sie die Freilassung von Kevin Pina* und Jean Ristil* sowie die aller politischer Gefangener auf Haiti. Natürlich weiß ich, dass derzeit die Katastrophe in New Orleans und der Irakkrieg für Sie im Vordergrund stehen und Haiti vergessen ist. Aber was auf Haiti vor sich geht, ist das Produkt derselben rassistischen und imperialen Politik - im Sinne Bushs. Diese Politik ist schuld an dem Horror, den wir heute in New Orleans sehen, sie ist schuld an dem Horror, den wir im Nahen/Mittleren Osten seit Jahren erleben. Ich bitte alle Progressiven weltweit, ignorieren Sie Haiti nicht - so wie Bush New Orleans ignoriert hat. Wir wissen, das Leben vieler guter Menschen steht auf dem Spiel. Ihre Aktionen könnten den Unterschied machen.
Mailen Sie an die UNO: presidentga58@un.org
UN Stabilization Mission in Haiti (MINUSTAH)
Tel.: 011.509.244.9650.9660
Fax.:011.509.244.9366/67
Fax an das Büro des UNO-Generalsekretärs in New York: - 212.963.4879
Weitere Informationen unter: www.margueritelaurent.com/campaigns/campaignone/presswork/freepina.html
Justin, Felux ist Autor und Aktivist. Er lebt in San Antonia, Texas. Justins@alacrityisp.net
Anmerkungen
*Laut AP (12. Sept.) wurde die Freilassung Kevin Pinas und Jean Ristils inzwischen angeordnet; gegen beide sei keine Anklage erhoben worden, heißt es.
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