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Kuba schmerzt

von Eduardo Galeano

06.10.2002 — The Progressive / ZNet

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Die jüngste Verhaftungs- und Exekutionswelle auf Kuba sind gute Nachrichten für die universelle Supermacht, die weiterhin darauf versessen ist, diesen hartnäckigen Stachel aus ihrer Tatze zu entfernen. Aber es sind sehr schlechte und traurige Nachrichten für jene unter uns, die die Tapferkeit dieses kleinen Landes bewundern, das zu solcher Größe imstande ist, aber auch für diejenigen, die glauben, dass Freiheit und Gerechtigkeit entweder ganz oder gar nicht zusammenpassen.

Es sind Zeiten schlechter Nachrichten: Als ob die heimtückische Straffreiheit für das Gemetzel in Irak nicht schon genug wäre, begeht die kubanische Regierung im Moment Taten, die, wie der uruguayische Schriftsteller Carlo Quijano sagen würde, "gegen die Hoffnung sünden".

Rosa Luxemburg, die ihr Leben für die sozialistische Revolution hergab, war in Bezug auf das Projekt einer neuen Gesellschaft anderer Meinung als Lenin. Ihre warnenden Worte beweisen eine prophetischen Begabung, denn achtzig Jahre nach ihrer Ermordung in Deutschland behält sie immer noch Recht: "Freiheit, die nur für die UnterstützerInnen der Regierung gilt, ganz egal wie viele es sind, ist keine Freiheit. Wahre Freiheit ist die Freiheit anders zu denken."

Und: "Ohne allgemeine Wahlen, ohne presse- und uneingeschränkte Versammlungsfreiheit, ohne ein Wettkampf freier Meinungen, tritt das Leben auf der Stelle und vergeht in allen öffentlichen Institutionen während sich die Bürokratie zum einzigen aktiven Element entwickelt."

Im 20. Jahrhundert und in dem Teil des 21sten, den wir bisher erlebt haben, ist der Sozialismus doppelt betrogen worden: Erstens durch den Verrat der Prinzipien sozialer Demokratie, der mit Feldwebel Blair seinen Höhepunkt erreicht hat, und zweitens durch den Kollapse kommunistischer Staaten, die sich in Polizeistaaten verwandelt haben. Viele von ihnen sind ganz ohne Schmerz und Gloria verschieden und ihre recycelten BürokratInnen dienen ihren neuen Herren mit pathetischem (übertriebe Leidenschaft) Enthusiasmus.

Die kubanische Revolution wurde geboren, um sich von diesem Prozess zu unterscheiden. Angesichts der überfallartigen, unaufhörliche Hetzjagd durch das im Norden liegende Imperium, überlebte sie wie es ihr möglich war und nicht wie sie es beabsichtigte. Die tapfere und generöse Bevölkerung opferte sehr viel, um ihre Füße in einer Welt zügelloser Unterwürfigkeit am Boden zu halten. Aber mit den jährlichen Attacken gegen die Insel verlor die Revolution ihre Spontaneität und Frische, die ihre Anfänge gekennzeichnet hatten. Ich sage das traurigen Herzens. Kuba schmerzt.

Reinen Gewissens werde ich wiederholen, was ich zuvor auf und fernab der Insel gesagt habe: Ich glaube nicht und ich habe noch nie an eine Einparteiendemokratie geglaubt (auch nicht in den Vereinigten Staaten, wo sich eine einzige Partei als zwei unterschiedliche verkleidet). Und genauso wenig glaube ich, dass die Allgegenwärtigkeit des Staates eine stichhaltige Antwort auf die Allgegenwärtigkeit des Marktes ist.

Die langen Haftstrafen, die auf Kuba verhängt wurden, können nur negative Folgen nach sich ziehen. Sie machen bestimmte Gruppen zu Märtyrern der freien Meinungsäußerung, die offen von James Cason Haus, George Bushs Vertreter in Havanna, aus operierten. Indem die kubanischen Behörden diese Gruppen wie eine ernste Bedrohung behandelten, huldigten sie ihnen und garantierten ihnen das Prestige, das Wörter erlangen, wenn sie verboten werden.

Diese "demokratische Opposition" hat nichts mit den wahren Hoffnungen der ehrlichen KubanerInnen zu tun. Wenn die Revolution ihnen nicht den Gefallen getan hätte, sie zu unterdrücken, und wenn es auf Kuba ein vollkommenes Recht auf freie Presse- und Meinungsäußerung gäbe, dann wäre diesen vermeintlichen DessidentInnen ihre Maske genommen worden und sie hätten die verdiente Strafe, die Strafe der Einsamkeit, für ihre zwanghafte Nostalgie (Sehnsucht) nach der kolonialen Periode eines Landes, das sich für den Weg der nationalen Würde gewählt hat, erhalten.

Die USA, jene unermüdliche, weltweit produzierende Diktatorenfabrik, besitzt nicht die moralische Autorität, um andere über Demokratie zu belehren, obgleich Präsident Bush sicherlich Lehrstunden zur Todesstrafe geben könnte, da er als Champion der Todesstrafe zu seiner Zeit als Gouverneur in Texas 152 Todesurteile unterzeichnete. Aber müssen echte Revolutionen, die wie Kubas von unten erzeugt wurden, wirklich die schlechten Eigenschaften ihrer Feinde, die sie bekämpfen, übernehmen? Es gibt für die Todesstrafe schlichtweg keine Rechtfertigung.

Wird Kuba die nächste Beute auf Bushs staatlichen Jagdparty sein? Sein Bruder Jeb, der Gouverneur von Florida, deutete dies zumindest an, als er sagte: "Nun müssen wir unseren Blick auf unsere Nachbarschaft richten." Die im Exil lebende Kubanerin Zoe Valdes schleuderte ihre Forderung, dass "sie den Diktator bombardieren sollen" wild durch das spanische Fernsehen. Verteidiguns-, nein, vielmehr Angriffsminister Rumsfeld klärte, ob Kuba der nächste auf der Liste sei: "Im Moment nicht." Es scheint, als ob der Gefahrendetektor und das Schuldbarometer, die Instrumente, mit denen Washington seine nächsten Opfer auswählt, auf Syrien zeigen. Wer weiß das schon? Im Moment, wie Rumsfeld sagt.

Ich glaube an das heilige Recht der Selbstbestimmung für die Menschen überall und zu jeder Zeit. Ich kann das ohne Gewissensbisse so vertreten, weil ich jedes Mal auf dieses Recht beharrt habe, als es im Namen des Sozialismus und mit Applaus breiter Teile der Linken mißbraucht wurde - als z.B. sowjetische Panzer 1968 in Prag auffuhren oder als sowjetische Truppen Ende 1979 in Afghanistan einmarschiert sind.

Auf Kuba kann m. Zeichen für den Verfall des Modells zentralistischer Macht beobachten, das Obrigkeitshörigkeit in eine revolutionäre Tugend verwandelt. Die Blockade und tausende andere Aggressionen behindern die Entwicklung einer Demokratie auf Kuba, füttern die Militarisierung der Macht und liefern Alibis für die bürokratische Rücksichtslosigkeit.

Die gegenwärtigen Ereignisse belegen, dass es schwerer als jemals zuvor ist, eine geschlossene Stadt wieder zu eröffnen, weil sie sich selbst verteidigen muss. Aber sie zeigen auch, dass eine demokratisch Öffnung jetzt unausweichlicher denn je ist. Die Revolution, der es gelang, der Wut zehn amerikanischer Präsidenten und zwanzig CIA Direktoren zu widerstehen, benötigt die Energie, die der Mitbestimmung und Vielfalt innewohnt, um die dunklen Zeit, die mit Sicherheit vor ihr liegen, zu bewältigen. Die KubanerInnen, nur die KubanerInnen müssen, ohne die Störungen von außerhalb, eine Demokratie für sich selbst schmieden und ihre Rechte zurückgewinnen, die ihnen verwehrt sind, indem sie innerhalb der Revolution arbeiten, die sie getragen haben. Die Revolution, deren Wurzeln tiefer gehen als alle anderen auf Erden und die von der größten Solidarität erweckt wurde, die mir bekannt ist.

Eduardo Galeano ist ein urugayischer Journalist und Autor von "The Open Veins of Latin America" (zu dt.: Die offenen Venen Lateinamerikas) und "Memory of Fire" (zu dt.: Andenken des Feuers).

Orginalartikel: Cuba Hurts
Übersetzt von: Christian Stache
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