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Machen Sie den Mund auf

von Ellen Cantarow

06.04.2002 — ZNet

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Ich bin Jüdin. Ich bin Autorin. Von 1979 bis 1989 schrieb ich als Reporterin über Israel bzw. die West Bank u. zwar für 'The Village Voice', 'Mother Jones', 'Inquiry' u. andere US-Publikationsorgane. Während dieser Zeit war ich vor Ort Zeugin des rasanten Wachstums der Israelischen Siedlungen sowie der Inbesitznahme palästinensischen Lands u. Wassers für diese Siedlungen. Heute sind über die Hälfte der Wasserresourcen der West Bank in israelischen Händen (in Gaza sind es ungefähr ein Drittel).

Ich habe in dieser Zeit ausführliche Interviews mit ultrarechten Siedlern u. Siedlerführern geführt, die gerufen haben: "Laßt sie die Köpfe beugen oder Israel wirft sie raus!". Ich sprach mit palästinensischen Dorfbewohnern, die Opfer von Vigilanten aus der Siedlerszene geworden waren u. las dazu auch Berichte von israelisch-jüdischen Journalisten (die ein Gewissen hatten), in der 'Haaretz' u. in anderen israelischen Zeitungen. Diese Vigilantenübergriffe deckten das ganze Spektrum (der Gewalt) ab: angefangen vom mutwilligen Zerstören palästinensischen Eigentums oder von Feldfrüchten über randalierendes Durch-die-Dörfer-ziehen - begleitet von 'Tod-den-Araber'-Rufen - das Einschlagen von Autoscheiben, das beiläufige Demütigen von palästinensischen Passanten auf offener Straße, bis hin zum Verprügeln oder gar Töten von Palästinensern war alles vorhanden. In Israel selber konnte ich die immer mehr zunehmende Polarisierung der Gesellschaft durch die Okkupation beobachten sowie einen wachsenden, virulenten Rassismus, der von Generation zu Generation weiter zunahm. Da sind zum Beispiel die marokkanischen Juden von Kiryat Shemona - die ja zu Menachem Begins Stammwählerschaft gehörten. Über sie schrieb ich 1982 in 'The Village Voice'. Diese Leute sagten mir mit der allergrößten Selbstverständlichkeit: "Nur ein toter Araber ist ein guter Araber".

Während Israels nunmehr 34 Jahre andauernder Besatzung (Palästinas) war die 'kollektive Bestrafung' (der palästinensischen Bevölkerung) als Vergeltung für die Verbrechen Einzelner gängige Praxis. Man riß ihre Häuser nieder, man verhängte 23-Stunden-Ausgangssperren - u. das oft über Wochen am Stück. (Während der Zeit, in der ich berichtete, wurden die kollektiven Bestrafungen ja noch mit Steinewerfer-Gewalt u. Straßenprotesten (der Palästinenser) begründet. Die Selbstmordattentate hingegen sind ein Nach-Oslo-Phänomen - ausgelöst durch eine Verdoppelung der Population jüdischer Siedlungen im Anschluß an die Vertragsunterzeichnung sowie durch die allmählich dämmernde Erkenntnis auf palästinensischer Seite, daß Oslo auf eine dauerhafte 'Bantustanisierung' der West Bank nach südafrikanischem Muster hinauslaufen würde). Und was die damalige Politik anbetrifft: 1980, als ich als Reporterin tätig war, wurden mehrere demokratisch gewählte (palästinensische) Bürgermeister (Israel ließ entsprechende Wahlen nur ein einziges Mal zu) das Ziel ultrarechter jüdisch-israelischer Attentäter - Kriminelle. Zwei der Bürgermeister trugen dauerhafte Verstümmelungen davon, nachdem sie mit ihren Autos in die Luft geflogen waren. Die Täter wurden (von Israel) zwar ausfindig gemacht aber nie bestraft. Dann hieß es von offizieller Seite plötzlich, diese Bürgermeister seien sowieso alles Unterstützer der PLO (anstatt lenkbare Marionetten Israels). Damit war uns allen klar, es würde keine weiteren Wahlen dieser Art mehr geben. In dieser Zeit war Israel geradezu verzweifelt darum bemüht, die PLO als Gesprächpartner zu umgehen. Zu diesem Zweck wurde zum Beispiel in der West Bank ein Quislings*-Regierungsapparatus installiert - die sogenannten 'Dorfverbände'. Darüber hinaus begann Israel, die Hamas finanziell zu unterstützen - in der ebenso seltsamen wie irrigen Annahme, eine religiöse Vereinigung würde, anders als die PLO, nicht gegen die koloniale Herrschaft ankämpfen. Beide Strategien waren Fehlschläge - bei der Sache mit der Hamas erleben wir die Folgen jetzt deutlich: eine extreme Polarisierung der palästinensischen Politik.

Bei allen meinen Aufenthalten in der West Bank wurde ich Augenzeugin fast beiläufiger u. alltäglicher Demütigungen von Palästinensern an den Israelischen Checkpoints. Mir wurde dabei das geografisch Zufällige sowie das sozial Besondere von Apartheid deutlich gemacht (am durchgängigsten u. auffälligsten zeigte sich dies an den gemischten Checkpoints - nämlich durch die unter- schiedliche Behandlung von jüdisch-israelischen Durchreisenden bzw. Ausländern einerseits u. Palästinensern andererseits. Zudem hatten die Fahrzeuge unterschiedliche Arten von Kennzeichen. Die Schilder der palästinensischen Autos waren blau, die der Israelis gelb). Ich interviewte palästinensische Dorfbewohner, deren Häuser von Israelischem Militär entweder in die Luft gejagt oder niedergewalzt worden waren. Ich hörte Frauen u. Männer berichten, wie sie in Israelischen Gefängnissen eingesperrt, gefoltert u. mißbraucht worden waren (übrigens, was das Thema 'Folter' anbelangt, hat die Londoner 'Times' in den frühen 80gern eine sehr fundierte Reportage veröffentlicht. Die Folterpraxis in Israel ist ja eine bekannte Tatsache - die schließlich auch von Israels 'B'tselem' sowie von ausländischen Menschenrechtsorganisationen bezeugt wird. Und Folter in Israel ist nach wie vor ein Thema; während ich hier schreibe, steht in der 'Financial Times' vom heutigen 6. April: "Die Israelische Menschenrechtsorganisation 'B'tselem' hat gestern den (israelischen) 'Obersten Gerichtshof' angerufen, weil sie von Folter im Ofer-Gefängnis bei Ramallah erfahren hat".) Während der gesamten 80ger Jahre habe ich immer wieder mit palästinensischen Offiziellen, mit Ärzten, Rechtsanwälten u. andern beruflich mit derlei Dingen Befaßten gesprochen, die alle eine fortlaufende u. gezielte Praxis der Mißhandlung bezeugen - Akte, die auch unter der 1949 festgeschriebenen '4. Genfer Konvention' (Genfer Menschenrechtskonvention), u. zwar in dem Teil, in dem es um das Verhalten (des Besatzers) in seinem 'besetzten Gebiet' geht, ganz klar illegal wären. Über all das hat die Hebräische (Israelische) Presse ganz offen ge- schrieben, während sich die US-Medien damals fast ausnahmslos bedeckt hielten.

Aber kommen wir nun zum derzeitigen Alptraum. Was sich im Moment abspielt, ist die Ausuferung der Gewalt der 'kollektiven Bestrafung' (wie ich u. andere Journalisten sie über Jahrzehnte berichtet haben) zu regelrechten u. tausendfachen Kriegsverbrechen. In der West Bank ist diese Situation bereits Realität, in Gaza fängt sie jetzt an - von dort hat mich nämlich heute Morgen die E-mail eines amerikanischen Hilfsorganisationsmitarbeiters erreicht. Während der letzten Woche habe ich zudem täglich, ja stündlich, Berichte über Kriegsverbrechen in Ramallah u. anderen palästinensischen Städten gemailt bekommen - von palästinensischen Ärzten, Rechtsanwälten, Schriftstellern, Studenten sowie von Ausländern vor Ort. Diese verzweifelten E-mail-Schreiber fordern mich u. andere dazu auf, uns an unsere Kongress-Abgeordneten u. Senatoren zu wenden, an die Presse zu schreiben u. uns öffentlich zu organisieren. Diese Menschen berichten von Ambulanzen, auf die geschossen wird oder die angehalten werden u. an der Weiterfahrt gehindert; sie berichten über das Eindringen (der israelischen Armee) in Krankenhäuser u. darüber daß medizinisches Personal mit vorgehaltener Waffe an der Ausübung seiner Arbeit gehindert wird. Sie berichten von Verbluteten, die sterben mußten, weil (israelische) Soldaten mit Waffengewalt oder mittels Panzer die Weiterfahrt zum Krankenhaus verhindert haben. Sie schreiben von unzähligen Toten, die in Krankenhausfluren verwesen müssen (in vielen Mails wird bereits von 'Seuchengefahr' gesprochen). Den Angehörigen wird das feierliche Beerdigen ihrer Toten verweigert (eine Gruppe Getöteter mußte deshalb schon auf einem Parkplatz in Ramallah beerdigt werden). Wenn Zivilisten auch nur die Nase zur Tür hinausstrecken, werden sie erschossen. Wohnungen würden massiv verwüstet bzw. geplündert. Kulturelle Einrichtungen würden durchsucht, Akten/Dokumente vernichtet. Elektrische Einrichtungen zur Wasserversorgung würden zerstört, so daß ganze Stadtteile ohne Wasser dastünden. Ausländische Beobachter u. palästinensische Journalisten wären von israelischen Schützen verletzt worden. Während ich dies hier schreibe am 6. April erreicht mich die dringlichste E-mail dieses Tages - darin ist von einer sich ausbreitenden Katastrophe die Rede: "Die bewußt herbeigeführte humanitäre Katastrophe hat einen unerträglichen Punkt erreicht: 6. April, morgens 11 Uhr". In dieser Mail wird beschrieben, daß in 6 Behelfslazaretten aberdutzende Menschen mit schlimmen bis schlimsten Verletzungen versorgt würden. Die Ärzte wären gezwungen, mit minimalster medizinischer Ausrüstung zu operieren. In einem dieser improvisierten Lazarette, einer Moschee, würden Tote im Operationsraum herumliegen, während israelische Scharfschützen draußen jeden unter Feuer nähmen, der raus oder rein wollte. An anderer Stelle dieses Hilferufs heißt es, Apache-Hubschrauber hätten in Dschenin 50 Häuser beschossen u. schwer beschädigt u. zwar auf der westlichen Seite des Lagers. 20 Verletzte sollen in den Straßen liegen u. verbluten. Die Einwohner hätten berichtet, an verschiedenen Stellen würden insgesamt 15 Tote liegen, aber die Ambulanzen, die versuchten, diese zu bergen, würden von den Hubschraubern unter Feuer genommen. An anderer Stelle der Mail steht: "Yatta, bei Hebron, ist jetzt auch unter konstanten israelischen Beschuß gekommen u. zwar bereits seit heute Morgen um Drei. Dutzende Panzer haben die Stadt umstellt u. das Feuer auf die Bewohner eröffnet. Das Hospital berichtet, 2 Palästinenser wurden in ihren Häusern getötet: Jamal Hamad Karaysh, 22: Kopfschuß, Nader Jamil Al Khadder, 21: Schuß in die Brust. Das Krankenhaus mußte die beiden jungen Männer sofort auf dem Friedhof beerdigen - ohne Zeremonie. Es wird befürchtet, daß, nachdem die Israelische Armee die Stadt ersteinmal vollständig eingenommen hat, die hygienische Situation außer Kontrolle gerät - ähnlich wie in anderen Städten in der West Bank, wo Leichen in Krankenhäusern u. Privathäusern verrotten, weil sie nicht mehr beerdigt werden können."

Wie Nero, der (auf der Leier) spielte, als Rom brannte, hat auch unser Präsident Bush zuwenig getan - zuwenig zuspät. Was wir brauchen, ist erstens die klare Aufforderung (an Israel) zum Rückzug u. zweitens die Androhung ökonomischer Sanktionen (das war Präsident Eisenhowers Strategie, 1956 in der Suez-Krise, u. sie hat sofortige Wirkung gezeigt). Außerdem muß Colin Powell jetzt u. sofort nach Nahost reisen - u. nicht erst nächste Woche oder am kommenden Sonntag. Scharon - Milosevis Zwilling - der all diese Verbrechen angeordnet hat, ist derselbe Kriegsverbrecher, der die berüchtigte '101ste Einheit' kommandierte, die im Oktober 1953 bei Kibyeh 99 wehrlose Zivilisten getötet hat; derselbe, der auch im August 1977 die Zerstörung von 2000 (!) Privathäusern in Gaza angeordnet hat sowie die Vertreibung ihrer 16 000 (!) Bewohner - während einer blutigen sogenannten 'Befriedungsaktion' im Gazastreifen nämlich. Scharon war auch 1982 für die Israelische Armee verantwortlich, als diese den Falangisten in Beirut behilflich war, über tausend palästinensische Zivilisten in den Flüchtlings- lagern Sabra u. Schatila zu massakrieren (für dieses Verbrechen wurde Scharon damals von seiner eigenen Regierung zum Rücktritt als Verteidigungsminister gezwungen). Scharon ist ein Nachahmer machiavellistischer Provokation. So löste er die zweite 'Intifada' aus, indem er im September 2000 - eskortiert von 1000 Soldaten - die 'Al Aksa Moschee' 'besuchte' - schon einen Tag nach dem 'Besuch' wurden vor der Moschee palästinensische Demostranten von Israelischer Armee erschossen. Scharons permantes Ziel - als Bauminister in den 70gern, als Verteidiguns- minister während des Israelischen Libanonfeldzugs u. nun eben als Premierminister - ist die dauerhafte Kolonialisation der 'Besetzten Gebiete', ist die permanente Ausdehnung der israelischen Grenzen, ist die dauernde Beibehaltung bzw. Ausweitung der Siedlungen. Unnötig zu sagen, daß dieses Ziel Scharons die Palästinensische Gesellschaft zerstören muß; aber nicht nur sie wird dadurch zerstört sondern ebenso die Wirtschaft Israels sowie die politische u. moralische Substanz des Landes. Und natürlich wird die Stabilität der ganzen Region untergraben.

Ich als Jüdin (und alt genug, als Kind noch die Nachkriegszeit erlebt zu haben), fühle im Moment eine Mischung aus Trauer, Hilflosigkeit, aus Verzweiflung u. Wut - angesichts dieser Handlungsweise Israels nämlich, das vorgibt, in meinem Namen zu handeln u. das den 'Holocaust' dazu mißbraucht, seine Verbrechen zu rechtfertigen -, angesichts dieses Israels also, das so klar seinen Versuch fortsetzt, die Ökonomie, die sozialen, politischen u. kulturellen Institutionen sowie die gesamte Infrastruktur des Palästinensischen Volkes zu zerstören.

Und ich sage: die jetzt den Mund nicht aufmachen gegen diese Verbrechen, gegen diesen Horror, machen sich durch ihr Schweigen automatisch mitschuldig. Und diejenigen, die versuchen, Israels Taten zu rechtfertigen, machen sich damit zu dessen Komplizen.

Orginalartikel: Speak Out
Übersetzt von: Andrea Noll
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