Made in Argentinien: Sklavenbedingungen für bolivianische Arbeiter
von Marie Trigona
02.05.2006 — ZNet Kommentar
Bolivianische Arbeiter in Argentinien fordern die argentinische Regierung dazu auf, Maßnahmen gegen die sklavenhalterartigen Bedingungen zu ergreifen, wie sie in den geheimen Textilfabriken vorherrschen. Dies geschieht, nachdem es am 30. März in einer Fabrik in Buenos Aires zu einem Brand gekommen war - bei dem 6 Menschen starben. Die Regierung ordnete Inspektionen in solchen Nähereien an, in denen Bolivianer und Paraguayer beschäftigt sind. Die Inspektoren haben mittlerweile mindestens 100 Fabriken geschlossen.
"Wir hatten keine andere Wahl, wir mussten die Misshandlungen stillschweigend über uns ergehen lassen. Aber ich bin es leid, die Schläge hinzunehmen. Wir haben begonnen zu kämpfen, Companeros, danke, dass ihr gekommen seid", so Ana Salazar auf einer Textilarbeiterversammlung am Sonntagabend. Das Feuer, das sechs Menschen tötete, "vier Kinder und zwei Frauen", brachte Arbeitsbedingungen der Misshandlung zum Vorschein - Arbeitsbedingungen, wie sie in einem ganzen Netzwerk geheimer Textilfabriken in Buenos Aires vorherrschen.
Vertreter der 'Gewerkschaft der Näherinnen', UTC (eine Vereinigung von Textilarbeitern/Textilarbeiterinnen ohne Papiere) berichten von mindestens 8000 Misshandlungsfällen am Arbeitsplatz, allein in den vergangenen Monaten - in den fast 400 geheimen Nähshops von Buenos Aires. Rund 100 000 Immigranten ohne gültige Papiere sind in prekären Shops beschäftigt. Ihr Lohn beläuft sich im Durchschnitt auf $100 im Monat - das heißt, falls sie überhaupt bezahlt werden.
Die Textilarbeiterin Olga bittet aus Sicherheitsgründen, ihren Nachnamen nicht zu erwähnen. Ihrer Meinung nach haben Sklavenbedingungen in Textilfabriken System. "An einem normalen Arbeitstag arbeitest du von morgens 7 Uhr bis Mitternacht oder 1 Uhr nachts im Shop. Oft werden die Frauen nicht bezahlt, die schulden denen noch den Lohn von zwei oder drei Jahren. Aber weil wir keine legalen Papiere haben und unsere Rechte hier in Argentinien nicht kennen, mussten wir ruhig sein. Du hast kein Recht, dir ein Zimmer zu mieten oder legal zu arbeiten".
Vielfach waren die Arbeiter(innen) über Anzeigen in bolivianischen Zeitungen oder übers Radio in die Fänge des Netzwerks geraten. In Bolivien versprach man ihnen anständige Löhne, ein Zimmer und die Fahrt nach Buenos Aires. Die Arbeiter(innen) wurden auf Lastwagen transportiert, sie reisten illegal nach Argentinien ein. Waren sie erst einmal in der Textilfabrik, zwang man sie, zwischen 16 und 18 Stunden täglich zu malochen. Solltest du dich beschweren, verlierst du deinen Job und landest auf der Straße, wurden sie gewarnt. Mehr als 40% dieser Arbeiter(innen) leben in der Fabrik selbst - oft werden sie sogar eingeschlossen. Zeugen berichten, dass in der Fabrik, die im März brannte, 25 Familien auf nur 4 Quadratmetern gelebt hätten.
Die Näherinnen-Gewerkschaft (Union de Trabajadores Costureros, UTC) ist im Nachbarschafts-Zentrum in Parque Avalleneda entstanden. Parque Avalleneda ist ein Arbeiterviertel von Buenos Aires. Ursprünglich war der Versammlungsort ein Sozialzentrum, in dem sich Familien am Sonntag trafen - dem einzigen Tag in der Woche, an dem die Textilarbeiter ihren Shop verlassen dürfen. Die Familien begannen, sich in dem Zentrum, das gleich an der Ecke des Parks liegt, zu treffen. Später formten bolivianische Textilarbeiter(innen), die in keine Gewerkschaft aufgenommen wurden, aus diesen Treffen die UTC. Die traditionellen argentinischen Gewerkschaften weigern sich, Kollegen ohne Papiere aufzunehmen.
Nestor Escudero ist Argentinier und macht bei UTC mit. Er bezichtigt die Polizei, die Inspektoren und die Gerichte der Mitschuld an den Sklavenhalterbedingungen, die man in den Textilfabriken festgestellt hat. "Diese (unsere) Organisation ist erst vier Monate alt. Hervorgegangen ist sie aus den Arbeitskämpfen in den Textil-Arbeitsshops hier im Viertel, wo die Bedingungen inzwischen so mies sind wie Sklaverei. Sie bringen illegale Immigranten her, um sie brutal auszubeuten. Die Textilarbeiter bekommen 75 Cents für ein Kleidungsstück, das später für $50 verkauft wird. Die Profitspanne ist so groß, dass sie auch für Bestechung reicht. So funktioniert dieses System immer weiter".
Seit 2003 gab und gibt es Tausende Berichte über sklavereiähnliche Zustände. Die Berichte stapeln sich bei den Gerichten, ohne dass etwas geschieht. Oft, wenn Arbeiter der Polizei berichteten, man habe sie schlecht behandelt - zum Beispiel bedroht, körperlich misshandelt oder zur Arbeit gezwungen -, sagte die Polizei nur, sie könne nichts tun, denn das Opfer sei nicht im Besitz einer DNI, eines nationalen Personalausweises. Nestor Escudero von der UTC bestätigt, dass mehrere Textilarbeiter Todesdrohungen erhalten haben, weil sie sich an die Medien gewandt hatten und über die Sklavenzustände in den Textilfabriken berichteten.
Entstanden ist das klandestine Textil-Netzwerk von Buenos Aires in den späten 90ger Jahren - als Reaktion auf einen Import-Influx billiger asiatischer Textilien. Viele Textilfabrikbesitzer hier sind argentinischer, koreanischer oder bolivianischer Abstammung. Die Arbeiter produzieren Kleidung für teure Marken - wie Lacár und Montage. Die geheimen Textilfabriken sind inzwischen eine Branche, die jährlich rund $700 Millionen erwirtschaftet.
Überleben in Argentinien - für illegale Immigranten ein Teufelskreis. Insbesondere wenn Arbeiter keine Papiere haben, sind sie anfällig für die Drohung, ihren Job zu verlieren. Die Arbeiter können sich keine Mietwohnung leisten und viele hiesige Hotelmanager weigern sich, an Immigranten zu vermieten - vor allem an solche mit Kindern. Viele Immigranten mussten medizinisch behandelt werden, weil die unmenschlichen Arbeitsbedingungen ihnen gesundheitlich stark zugesetzt hatten. Sie litten unter Rückenproblemen oder an Lungentuberkulose bzw. an anderen Lungenkrankheiten verursacht durch den permanenten Staub, die permanenten Fasern in der Luft. Aber ohne Personalausweis ist es praktisch aussichtslos, sich nach legaler Beschäftigung umzusehen. Mittlerweile ist es in Argentinien schon so, dass 45% der Bevölkerung schwarz arbeiten (das heißt, ohne legalen Arbeitsvertrag).
Die UTC verklagt den bolivianischen Konsul in Buenos Aires, Alvaro Gonzalez Quint, vor Gericht. Er soll von Immigranten bis zu $100 abkassiert haben, um ihnen die kompletten Papiere, wie sie für einen Identitätsnachweis benötigt werden, fertig zu machen. $100 entsprechen dem durchschnittlichen Monatslohn eines Textilarbeiters. Gonzalez Quint protestiert gegen die strengen Maßnahmen, die das Bürgermeisteramt von Buenos Aires gegen Textilfabriken eingeleitet hat. Auch die 'Argentinische Menschenrechtsliga' geht jetzt bundesgerichtlich gegen Quint vor. Sie wirft ihm Beziehungen zu jenem Netzwerk vor, das Immigranten in die geheimen Textilfabriken einschmuggelt.
Der neue bolivianische Präsident, Evo Morales, hat nach dem Feuer vom 30. März eine Delegation nach Argentinien entsandt, um die Lebensbedingungen der bolivianischen Immigranten prüfen zu lassen. Diese Kommission ruft das Bürgermeisteramt von Buenos Aires dazu auf, die Arbeiter ohne Papiere zu legalisieren. Und bereits vor dem tragischen Brand in der Fabrik hatte UTC die Regierung gedrängt, die illegalen Immigranten zu legalisieren. Die Regierung sagt inzwischen zu, neue Ämter einzurichten, in denen sich Textilarbeiter kostenlos legalisieren lassen können.
Seit es zu Fabrikschließungen kam, ist eine Welle der Umsiedlungen in die Vororte zu beobachten. Auf diese Weise umgehen Fabriken die neu eingeführten Inspektionen. Die Textilarbeiter haben mehrere Märsche organisiert. Sie fordern, dass der Vorarbeiter und die Besitzer der abgebrannten Fabrik vor ein Gericht gestellt werden, und sie fordern die Legalisierung der Immigranten sowie Wohnraum für arme Immigranten und ein Ende der Workshop-Sklaverei.
Marie Trigona schreibt regelmäßig Beiträge für IRC Americas Program (online unter www.americaspolicy.com) mtrigona@msn.com Nähere Informationen zur Gewerkschaft UTC unter www.agoratv.org
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