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Man ist, was man isst - die allgegenwärtige Porno-Industrie und was sie über dich und deine Sehnsüchte aussagt

von Robert Jensen

01.01.2002 — ZNet Deutschland

— abgelegt unter:
Bevor[0] wir mit Debatten darüber anfangen, wie wir Pornografie definieren, oder ob Pornografie und sexuelle Gewalt miteinander in Verbindung stehen, oder inwiefern der Grundsatz der Redefreiheit für Pornografie gelten sollte, wollen wir innehalten, um etwas Grundlegenderes durchzudenken:

Was sagt die Existenz einer Pornografie-Industrie mit Milliardenumsätzen über uns, über Männer?

Noch spezieller, was sagt „Blow Bang 4“[1] darüber aus?

So sieht Pornografie aus

„Blow Bang 4“ war in der allgemeinen Abteilung eines örtlichen Pornovideogeschäfts[2] zu finden. Für ein Forschungsprojekt über den Inhalt derjenigen Pornografie, die heutzutage massenhaft vermarktet wird, bat ich die Angestellten dort, mir bei der Auswahl von typischen Videos, wie sie der durchschnittliche Kunde ausleiht, zu helfen. Eines der fünfzehn Videos, das ich mitnahm, war „Blow Bang 4“.

„Blow Bang 4“ besteht aus acht verschiedenen Szenen, in denen eine Frau inmitten einer Gruppe von drei bis acht Männern kniet und Oralsex an ihnen durchführt. Am Ende von jeder Szene ejakuliert jeder der Männer auf das Gesicht der Frau oder in ihren Mund. Um eine Anleihe von der Videohülle zu machen: Das Video besteht aus „schmutzigen kleinen Schlampen inmitten hämmernder Schwänze … und sie mögen es.“

In einer dieser Szenen ist eine junge, als Cheerleaderin gekleidete Frau von sechs Männern umringt. Etwa sieben Minuten lang bewegt „Dynamit“ (der Name, den sie im Video nennt) ihren Kopf systematisch von Mann zu Mann, während diese Beleidigungen äußern, die bei „du kleine Cheerleader-Schlampe“ anfangen und von da an übler werden. Für weitere anderthalb Minuten liegt sie rücklings auf einem Sofa, so dass ihr Kopf über die Kante hängt, während die Männer ihren Penis in ihren Mund stoßen und sie zum Würgen bringen. „Ihr mögt es, auf meinem hübschen kleinen Gesicht abzuspritzen, hab ich recht?“ sagt sie, während die Männer während der letzten zwei Minuten der Szene auf ihr Gesicht und in ihren Mund ejakulieren.

Fünf Männer sind fertig. Der sechste tritt heran. Während sie darauf wartet, dass er auf ihr Gesicht ejakuliert, das inzwischen mit Sperma bedeckt ist, kneift sie ihre Augen dicht und verzieht ihr Gesicht. Einen Moment lang verändert sich ihr Gesicht; es ist schwer, davon ihre Gefühle abzulesen, aber es scheint, als ob sie in Tränen ausbrechen könnte. Nachdem der letzte Mann, Nummer Sechs, ejakuliert hat, gewinnt sie ihre Fassung zurück und lächelt. Dann reicht ihr der Erzähler hinter der Kamera den Pompom, den sie am Anfang des Videos schon in der Hand hatte, und sagt: „Hier ist dein kleiner Spermawischer, Liebling – wisch auf!“ Sie vergräbt ihr Gesicht in den Pompom. Das Bild verblasst, und sie ist verschwunden.

Man kann „Bang Blow 4“ im Laden für 3$ ausleihen, oder ihn online für 19.95$ kaufen. Oder wenn man mag, kann man auch eines der anderen sechs Videos der „Bang Blow“-Serie ausfindig machen. „Wenn du dich dafür begeistern kannst, wenn ein Mädel zur gleichen Zeit eine Handvoll Schwänze lutscht, ist das deine Serie“, schreibt ein Rezensent,

„Die Kameraführung ist exzellent.“

Selbst wenn man sich nur einen oberflächlichen Überblick über Pornografie verschafft, stellt sich heraus, dass exzellente Kameraführung keine Voraussetzung für den Erfolg ist. „Bang Blow 4“ ist einer von 11.000 neuen pornographischen Hardcore-Videos, die jedes Jahr erscheinen, und eine von 721 Millionen Kassetten, die jährlich entliehen werden in einem Land, in dem sich Leih- und Verkaufsgebühren von pornographischen Videos auf vier Milliarden jährlich belaufen.

Die Profite der Pornoindustrie beruhen nicht auf der Qualität von Kameraführung, sondern auf der Fähigkeit, Erektionen bei Männern schnell herbeizuführen. Es gibt viele pornographische Videos, die weniger krass sind als „Blow Bang 4“, und einige, die mit offener Gewalt und Sadomasochismus[3] noch viel weiter in „extremes“ Gebiet vorstoßen. Armageddon Productions, die Firma, die die „Blow Bang“-Serie produziert, prahlt auf ihrer Webseite, dass „Vivid ätzt/Armageddon fetzt“[4], womit sie einen Seitenhieb auf den Ruf von Vivid austeilt, einem der Marktführer der Branche, der für zahmere Videos mit glätteren Produktionsgrundsätzen bekannt ist, oder in Vivids eigenen Worten, für „Qualitätserotikfilmunterhaltung für den Paare-Markt“.

So sieht Qualitätserotikfilmunterhaltung für den Paare-Markt aus:

„Im Wahn“[5], eine Vivid-Veröffentlichung von 2000, ist ein weiteres unter den fünfzehn Videos, die ich mir angesehen habe. In seiner letzten Sexszene gesteht der männliche Hauptcharakter (Randy) dem weiblichen Hauptcharakter (Lindsay) seine Liebe. Nachdem Lindsay entdeckt hatte, dass ihr Mann sie betrogen hatte, zögerte sie damit, eine neue Beziehung zu beginnen, und wartete darauf, dass sie den Richtigen – einen empfindsamen Mann – treffen würde. Es sah nun so aus, als ob Randy dieser Mann sei. „Ich werde immer für dich da sein, egal was kommt“, sagt Randy zu ihr, „Ich möchte einfach nur auf dich achtgeben.“ Lindsay lässt ihre Abwehrhaltung fallen, und sie umarmen sich.

Nach etwa drei Minuten, in denen sie sich küssen und ihre Kleider ausziehen, beginnt Lindsay mit dem Oralsex bei Randy, während sie auf dem Sofa kniet, und dann führt er Oralsex bei ihr durch, während sie auf dem Sofa liegt. Dann haben sie Geschlechtsverkehr, wobei Lindsay sagt „Fick mich, oh fick mich bitte“ oder „Ich habe zwei Finger in meinem Arsch – macht dich das an?“ Dies führt uns zu der üblichen Abfolge von Positionen: Sie befindet sich auf ihm, während er auf dem Sofa sitzt, dann dringt er von hinten in ihre Scheide ein und fragt sie dann: „Möchtest du, dass ich dich in den Arsch ficke?“ Sie antwortet bejahend, „Steck ihn in meinen Arsch“. Nach zwei Minuten Analverkehr endet die Szene damit, dass er masturbiert und auf ihre Brüste ejakuliert.[6]

Welche ist nun die zutreffendste Beschreibung dessen, was Männer heutzutage in den Vereinigten Staaten wollen, Armageddon oder Vivid? Die Frage nimmt einen merklichen Unterschied zwischen den beiden an; die Antwort ist, dass beide dieselbe sexuelle Norm ausdrücken. „Blow Bang 4“ beginnt und endet in der Annahme, dass Frauen für das Vergnügen der Männer leben und wollen, dass Männer auf sie ejakulieren. „Im Wahn“ beginnt mit der Idee, dass Frauen etwas eher Führsorgliches an einem Mann wollen, aber endet damit, dass sie nach Analsex und Ejakulation bittet. Der eine ist krasser, der andere geleckter. Beide spiegeln eine einzige pornographische Denkungsart wieder, bei der männliches Vergnügen den Sex bestimmt und weibliches Vergnügen ein Beiprodukt des männlichen Vergnügens ist. Zufällig lieben Frau in Pornografie gerade das, was Männer mit ihnen machen wollen, und was Männer in Pornografie gerne tun ist Kontrollieren und Benutzen, was den Männern, die sich Pornografie ankucken, auch ermöglicht zu kontrollieren und zu benutzen.

Wenn ich öffentliche Veranstaltungen über Pornografie und die feministische Kritik an der kommerziellen Sexindustrie mache, beschreibe ich – aber ich zeige sie nicht – derartige Videos. Ich erkläre die anderen Konventionen der Industrie wie z.B. Doppelpenetration, eine verbreitete Praktik, bei der eine Frau gleichzeitig von den Penissen von zwei Männern vaginal und anal penetriert wird, und in manchen solchen Szenen führt die Frau gleichzeitig an einem dritten Mann Oralsex durch. Ich erkläre, dass praktisch jede Sexszene damit endet, dass der oder die Männer auf eine Frau ejakulieren, meistens ins Gesicht, was die Industrie als „facial“ bezeichnet.

Viele der Zuhörenden, insbesondere Frauen, sagen mir, dass es ihnen schwer fällt, etwas über diese Dinge zu hören, sogar wenn die Handlungen in der Art klinischer Distanz beschrieben werden, die ich aufrecht zu erhalten trachte. Eine Frau trat nach einem Vortrag an mich heran und sagte: „Was sie sagten war wichtig, aber ich wünschte, ich wäre nicht hier gewesen. Ich wünschte, ich wüsste nicht, was sie uns erzählt haben. Ich wünschte, ich könnte es vergessen.“

Für viele der Frauen, die sich so betroffen fühlen, scheint der beunruhigendste Teil nicht im Wissen darum zu liegen, was in den Videos gezeigt wird, sondern in dem Wissen, dass Männer aus solchen Videos Lust gewinnen. Sie fragen mich ständig: „Warum mögen Männer so etwas? Was könnt ihr Typen an solchen Videos finden?“ Sie wollen wissen, warum die größtenteils männlichen Kunden jährlich schätzungsweise zehn Milliarden US-Dollar in den USA und 56 Milliarden US-Dollar weltweit für Pornografie ausgeben.

Das ist eine wichtige Frage, auf die es zweifellos komplexe Antworten gibt. Was sagt es über unsere Gesellschaft aus, wenn Männer ein Video wie „Blow Bang 4“ mit nach Hause nehmen und es sich ankucken und dabei masturbieren. Was sagt es über die Vorstellungen der Gesellschaft von Sexualität und Männlichkeit, dass viele Männer Lust daraus gewinnen, wenn eine junge Frau am Würgen ist, während ein Penis in ihren Hals gestoßen wird und danach sechs Männer auf ihr Gesicht und in ihren Mund ejakulieren? Oder dass andere Männer, die diese Szene vielleicht zu extrem finden, lieber einem Mann und einer Frau beim Sex zusehen, der mit zarten Worten beginnt und mit „Möchtest du, dass ich dich in den Arsch ficke?“ und der Ejakulation auf ihren Brüsten endet? Was bedeutet es, dass ein solches Video, dafür gemacht, dass Männer dazu masturbieren, als gehoben und hochwertig angesehen wird?

Ich glaube, es bedeutet, dass sich Männlichkeit in dieser Kultur in Schwierigkeiten befindet.

Es gibt viele Punkte in der Pornografiedebatte, über die vernünftige Leute uneins sein können. Rechtliche Strategien führen zu wichtigen Fragen über Freiheit und Verantwortung, und zweifelsfreie Verbindungen zwischen Medienkonsum und menschlichem Verhalten sind immer schwer herzustellen. Allgemeiner gesagt, Sexualität ist ein komplexes Phänomen, bei dem eine weite Schwankung menschlichen Verhaltens allgemeingültige Aussagen verdächtig macht.

Doch die feministische Kritik ruft eine apologetische Gegenreaktion von den Verteidigern von Pornografie hervor, die zumindest mir immer übertrieben schien. Die politische Debatte, die die Kritik auslöste, sowohl innerhalb des Feminismus wie in einem weiter gefassten Bereich von Kultur, scheint ungewöhnlich intensiv. Aus meinen Erfahrungen daraus, öffentlich darüber zu schreiben und zu sprechen, darf ich ziemlich sicher sein, dass das Wenige, was ich hier bisher geschrieben habe, einige Leser dazu bringen wird, mich als einen „Sexualfaschisten“[7] oder als einen Prüden zu bezeichnen.

Ein offensichtlicher Grund für die Entschlossenheit hinter diesen Beschuldigungen besteht darin, dass Pornografen Geld verdienen, sodass Profit ein Motiv dafür ist, Kritik an der Industrie mit aller Kraft zu verdrängen oder auszuschalten. Aber ich glaube, der wichtigere Grund ist, dass irgendwo jeder weiß, dass es bei der feministischen Kritik an Pornografie um mehr als nur um Pornografie geht. Es schließt eine Kritik der Art und Weise ein, in der „normale“ Männer in dieser Kultur gelernt haben, sexuelles Vergnügen zu empfinden – und die Formen, in denen Frauen und Kinder lernen, dem Rechnung und/oder die Konsequenzen zu tragen. Diese Kritik ist nicht nur eine Bedrohung für die Pornografieindustrie oder die Privatsammlungen, die Männer in ihren Toiletten verstecken, sondern für jeden.

Die feministische Kritik fragt Männer die einfache, aber vernichtende Frage: „Warum ist das sexuell stimulierend für dich, und zu was für einer Art Person macht es dich?“ Und weil heterosexuelle Frauen mit Männern und mit dem sexuellen Verlangen von Männern zusammen leben müssen, können sie der Frage nicht ausweichen – entweder in der Form des Verlangens ihres Freundes, Partners oder Ehemanns, oder in den Erfahrungen, die sie in ihrem Sexualleben gemacht haben. Das bringt uns nun etwas über Zeitschriften, Filme und Computerbildschirme hinaus und zur Essenz dessen, wer wir sind und was für ein Sexual- und Gefühlsleben wir haben. Das beängstigt die Menschen. Vermutlich sollte es uns beängstigen. MICH hat es immer beängstigt.

Die feministische Kritik von Pornografie entwickelte sich in den später siebziger Jahren aus einer weitergreifenden Bewegung gegen sexuelle Gewalt. In der moralischen Debatte zwischen Liberalen und Konservativen über Obszönität davor standen die Kritiker „schmutziger Bilder“ gegen die Verteidiger „sexueller Befreiung“. Die feministischen Kritiker lenkten die Diskussion auf die Art und Weise, in der Pornografie Beherrschung und Unterwerfung erotisiert. Diese Kritiker identifizierten den Schaden, den Frauen und Kinder im Zusammenhang mit Pornografie erleiden, darunter die Schäden:

(1) für die Frauen und Kinder, die bei der Produktion von Pornografie verwendet werden;
(2) für die Frauen und Kinder, denen Pornografie aufgezwungen wird;
(3) für die Frauen und Kinder, die durch einen Mann sexuell angegriffen werden, der Pornografie benutzt;
(4) in einer Kultur zu leben, in der Pornografie den untergeordneten Rang der Frau verfestigt und sexualisiert.

Männlichkeit in Schwierigkeiten

Der Schwerpunkt MEINER Arbeit und der der feministischen Antipornografiebewegung im Allgemeinen liegt bei dem Schaden für Frauen und Kinder. Aber die Bewegung hat lange schon verstanden, dass eine Auseinandersetzung mit der Gewalt, sexuellen Gewalt, sexualisierten Gewalt und Gewalt entlang der Geschlechtergrenzen, die so sehr zuhause in unserer Kultur sind, eine Konfrontation mit unserem Konzept von Männlichkeit erfordert. Genauso wie wir gelernt haben zu verstehen, dass Rassismus ein Problem von Leute mit weißer Hautfarbe ist, kann man sagen, dass sexueller Missbrauch und sexuelle Gewalt Probleme von Männern sind. Genauso wie wir damit anfangen können, uns mit der pathologischen Natur der kulturellen Konzeption von Weißsein zu beschäftigen, können wir auch anfangen, uns mit der pathologischen Natur von Männlichkeit auseinander zu setzen.

Die traditionellen Charakteristiken, die in dieser Kultur mit Männlichkeit in Verbindung gebracht werden, sind Kontrolle, Beherrschung, Zähigkeit, ausgeprägtes Konkurrenzverhalten, Unterdrückung von Gefühlen, Aggressivität und Gewalt. Eine gängige Beleidigung, die Jungen einander an den Kopf werfen, ist die Beschuldigung, ein Mädchen zu sein, ein Wesen, dem Stärke abgeht. Keine Beleidigung auf dem Spielplatz ist schlimmer, als ein Mädchen genannt zu werden, abgesehen vielleicht, wenn man jemanden eine Schwuchtel nennt, ein Synonym für Verweiblichung[8]. Feminismus und andere fortschrittliche Bewegungen haben versucht, diese Definition von Männlichkeit abzuändern, aber sie hat sich als schwer zu verdrängen erwiesen.

Nicht unerwartet, spiegelt Pornografie dieses Konzept von Männlichkeit wieder; Männer werden generell dazu erzogen, Sex als einen Bereich des Lebens zu sehen, in dem Männer von Natur aus beherrschend sind und in dem die weibliche Sexualität den Bedürfnissen von Männern entsprechen sollte.

Nun, lasst mich das in die erste Person Singular setzen: Ich wurde 1958 in den Vereinigten Staaten geboren, der Generation nach Playboy. Ich bekam eine sehr spezifische sexuelle Grammatik beigebracht, die Catharine MacKinnon prägnant zusammenfasste als „Mann fickt Frau; Subjekt Verb Objekt.“ In der Welt, in der ich etwas über Sexualität lernte, war Sex der Erwerb von Genuss durch das Nehmen von Frauen. In der Umziehkabine ging die Frage nicht „Haben du und deine Freundin letzte Nacht einen Weg gefunden, leidenschaftliche und intime Gefühle miteinander zu empfinden?”, sondern „Hast du letzte Nacht wen kriegen können?“ Was kriegt man? Man kriegt „ein Stück Hintern“. Was für eine Art Beziehung kann man mit einem Stück Hintern haben? Subjekt, Verb, Objekt.

Nun, vielleicht hatte ich eine sehr spezifische Jugend. Vielleicht war die Sexerziehung, die ich bekam – auf der Straße, durch Pornografie – verschieden von dem, was die meisten Männer lernen. Vielleicht war das, was ich darüber gelernt habe, ein Mann zu sein – auf der Straße, in der Umziehkabine – eine Abirrung. Aber ich habe viel Zeit damit verbracht, mit Männern hierüber zu reden, und ich glaube es nicht.

Meine Herangehensweise an all dies ist einfach: Männlichkeit ist keine gute Idee, für niemanden, und es ist Zeit, dass wir sie loswerden. Sie nicht reformieren, sondern abschaffen.

Aber warte, könnte der ein oder andere sagen wollen. Nur weil zu diesem Zeitpunkt die Eigenschaften, die Männern zugewiesen werden, ziemlich übel sind, heißt das ja nicht, dass wir nicht andere Eigenschaften mit ihnen in Verbindung bringen könnten. Wie wäre es damit, Männlichkeit als verständnisvolles und einfühlsames Benehmen umzudefinieren? Was wäre daran falsch? Nun, nichts ist falsch daran, Männer um mehr Einfühlsamkeit zu bitten, aber die Frage, die hierbei aufkommt, liegt auf der Hand: Wieso sind das spezifisch männliche Eigenschaften? Sind es nicht menschliche Eigenschaften, die wir uns bei jedem wünschen? Und wenn, wieso sie als ein Charakteristikum von Männlichkeit etikettieren?

Richtige Männer, in diesem Sinne, wären wie richtige Frauen. Wir wären alle richtige Menschen. Eigenschaften würden nicht biologischen Kategorien folgen. Aber sobald wir mit Männlichkeit/Weiblichkeit anfangen, wäre das Ziel, etwas zu finden, was Männer sind und Frauen nicht, oder andersrum. Ansonsten ließe sich kein Sinn darin sehen, dieselben Qualitäten zwei Gruppen zuzuweisen und so zu tun, als ob die Qualitäten maskulin und feminin wären, männlich und weiblich. Wenn das der Fall ist, sind sie menschliche Eigenschaften, die bei einzelnen Menschen mal mehr und mal weniger vorhanden sind, aber nicht in der Biologie verwurzelt. Der Umstand, dass wir sie immer noch mit geschlechtlichen Kategorien in Verbindung bringen wollen, zeigt nur, wie verzweifelt wir in der Vorstellung verhaftet sind, dass Geschlechtskategorien Hinweise soziale und psychische Eigenschaften sind, die den Individuen irgendwie innewohnen.

Mit anderen Worten: So lange es die Männlichkeit gibt, sind wir in Schwierigkeiten. Wir können diese Schwierigkeiten auf die ein oder andere Weise lindern, aber es scheint mir viel besser, aus den Schwierigkeiten herauszukommen, als bewusst zu entscheiden, in ihnen zu verharren.

„Blow Bang“ noch einmal, oder Warum Pornografie mich so traurig macht, Teil I

Wie viele Männer in dieser Kultur habe ich Pornografie während meiner Kindheit und als junger Erwachsener benutzt. Aber in den dutzenden Jahren, während derer ich nun über Pornografie und die feministische Kritik forsche und schreibe, habe ich verhältnismäßig wenig Pornografie gesehen, und dann auch nur unter gut kontrollierten Umständen. Vor fünf Jahren unternahmen ein Mitautor und ich eine Analyse von pornographischen Videos, die erforderte, dass ich mich mehr Pornografie aussetze, als das über viele Jahre hinweg der Fall gewesen ist, und meine Reaktion angesichts des Materials traf mich überraschend. Ich fand mich in einer Situation wieder, in der ich versuchte die sexuelle Erregung zu verstehen, die ich beim Zusehen empfand, und ich brauchte einige Zeit, um emotional fertig zu werden mit der Brutalität des Materials und meiner sexuellen Reaktion ihm gegenüber.

Als ich dieses neuerliche Projekt unternahm, das eine Wiederholung meiner vorigen Arbeit darstellte, um nach Veränderungen bei der Pornografieindustrie zu suchen, war ich darauf vorbereitet, mit meinen physischen Reaktionen auf die Videos umzugehen. Ich hatte das Verständnis gewonnen, dass es völlig verständlich ist, wenn ich durch Videos Erregung empfinde, die schließlich eigens dafür produziert worden sind, Leute wie mich sexuell zu erregen. Ich sprach die Dinge vorher mit meinem Mitautoren und anderen Freunden durch. Ich war bereit, die Arbeit zu machen, wiewohl ich mich nicht darauf freute. Ein Freund scherzte: „ZU schade, dass du diesen Job nicht per Subkontrakt jemanden überlassen kannst, der Gefallen daran fände.”

Es waren etwa fünfundzwanzig Stunden Video, die ich mir ankucken musste. Ich behandelte die Arbeit wie jedes andere Forschungsprojekt auch. Ich ging um acht Uhr zur Arbeit, die ich in einem Konferenzraum an der Universität, wo ich arbeite, aufgebaut hatte. Ich hatte einen Fernseher mit Videorekorder und Kopfhörer, so dass niemand in den benachbarten Räumen durch die Geräusche belästigt würde. Ich machte mir auf meinem Laptop Notizen. Ich machte eine Mittagspause. Am Ende eines langen Arbeitstages verstaute ich meine Arbeitsgeräte und begab mich zum Abendessen nach Hause.

Ich war abwechselnd erregt und gelangweilt durch die Videos – vorhersehbar, wenn man betrachtet, wie sehr sexuell und gleichzeitig steif konventionalisiert das Genre ist. Ich war auf beide diese Reaktionen vorbereitet. Worauf ich nicht vorbereitet war, war die tiefe Trauer, die ich während des Schauens empfand. Während dieses Wochenendes und Tage danach überfluteten mich ein wildes Spektrum starker Emotionen und ein tiefes Gefühl von Verzweiflung.

Ich vermute, dass das teilweise an der Intensität darin lag, sich so viel Pornografie in so konzentrierter Form anzuschauen. Männer schauen sich Pornografie üblicherweise in kurzen Schüben an, um ein sexuelles Ergebnis zu erzielen; Pornografie ist vornehmlich ein Hilfsmittel zur Masturbation. Ich vermute, dass Männer selten ein ganzes Video anschauen angesichts der intensiven Nutzung der Vorspultaste. Wenn Männer mit ihrer Masturbation fertig werden, bevor das Video zuende ist, ist es anzunehmen, dass die meisten nicht zuende kucken.

Wenn man derart episodisch kuckt, überwiegt im Erfahren von Pornografie sexuelles Vergnügen. Es ist schwer zu sehen, was jenseits der Erektion des eigenen Penisses liegt. Aber wenn man sich ein Video nach dem anderen ankuckt, in dieser abstumpfenden Weise, verfliegt das Vergnügen schnell und die zugrunde liegende Ideologie wird leichter zu greifen. Nach ein paar Videos wird es schwer, die konzentrierte Frauenverachtung und subtile (und manchmal auch nicht so subtile) Gewalt nicht zu sehen, mit der die meisten dieser „Mainstreamvideos“ durchtränkt sind. Ich denke, das führt zu einem Mitgefühl mit den Frauen, etwas, das der typische Pornografiekonsument nicht erlebt.

Solches Mitgefühl ist der Alptraum jedes Pornografen. Die Männer, die Pornografie kucken, sollen sich mit den Männern in den Videos identifizieren, nicht mit den Frauen. Wenn Männer die Frage stellen „Wollen Frauen wirklich von zwei Männern gleichzeitig penetriert werden?“, ist das Spiel der Pornografen vorbei. Frauen müssen als weniger denn menschlich erscheinen, damit Pornografie funktionieren kann. Wenn Frauen zu mehr werden als – in den Worten des berüchtigten Pornografieproduzenten Max Hardcore – ein „Sammelbehälter für Schwänze“, dann könnten die Männer, die nach Vergnügen suchen, innehalten und sich fragen, wie es sich für die wirkliche Frau in dieser Szene anfühlt, die Frau, die eine Person ist.

„Blow Bang 4“ war das sechste Video, das ich mir an jenem Tag ankuckte. Zu der Zeit, da ich es in den Videorekorder schob, hatte mein Körper weitgehend damit aufgehört, auf die sexuellen Stimuli zu reagieren. An diesem Punkt wäre es schwer gewesen, sich nicht zu fragen, wie die Frau in der einen Szene sich wohl gefühlt haben mag, als acht Männer ihr Bestes taten, um sie zum Würgen zu bringen, indem sie ihren Kopf ergriffen und so weit wie möglich auf ihren Penis pressten. Im Video sagte die Frau, dass sie es toll fände. In der Tat ist es möglich, dass sie Freude dabei empfand, aber ich konnte nicht aufhören mich zu fragen, wie sie sich wohl fühlte, als es vorbei war und die Kameras abgeschaltet waren. Wie würden sich Frauen fühlen, die sich das ankuckten? Wie würden sich Frauen, die ich kenne, fühlen, wenn ihnen das widerführe? Es geht nicht darum, die Unabhängigkeit und Handlungsfähigkeit von Frauen zu leugnen; es ist einfaches Mitgefühl, die Sorge um andere Menschen und ihre Gefühle beim Versuch, die Erfahrung einer anderen Person nachzuempfinden.

Wenn Mitgefühl Teil dessen ist, was uns menschlich macht, und Pornografie erfordert, dass Männer ihr Mitgefühl unterdrücken, dann müssen wir eine ziemlich schwere Frage stellen. Wiewohl Männer Pornografie kucken, sind Männer menschlich? Mehr dazu später.

Warum Pornografie mich so traurig macht, Teil II

Am Ende des ersten Tages, an dem ich diese Videos anschaute, war ich dabei nach Hause zu fahren. Ohne Vorwarnung oder offensichtliche Ursache begann ich zu schluchzen. Die Bilder aus den Videos überkamen mich, insbesondere das der jungen Frau aus „Blow Bang 4“. Ich fand mich dabei, wie ich zu mir selbst sagte: „Ich möchte in dieser Welt nicht leben.“

Mir wurde später klar, dass diese Trauer sehr selbstsüchtig war. Es war mir in diesem Moment nicht vornehmlich um die Frauen in den Videos oder um ihren Schmerz gegangen. Ich glaube, dass in diesem Moment die Gefühle in mir eine Reaktion darauf waren, was diese Videos über mich sagen, nicht auf das, was sie über Frauen sagen. Wenn Pornografie zu der Definition beiträgt, was ein Mann in dieser Kultur auf sexueller Ebene ist, dann ist mir nicht klar, wie ich als ein sexuelles Wesen in dieser Kultur leben kann.

Ich lebe in einer Welt, in der Männer – viele Männer, nicht nur ein paar isolierte, verrückte Männer – gerne Bilder davon ansehen und dazu masturbieren, wie andere Männer auf eine Frau ejakulieren, die als weniger denn menschlich dargestellt wird. Die Videos zwangen mich, mich daran zu erinnern, dass ich sie zu einem früheren Zeitpunkt in meinem Leben auch gekuckt hatte. Ich bin darüber hinweg, dafür Schuld oder Scham zu empfinden; in meiner Reaktion geht es mehr um meinen Versuch, für mich selbst einen Platz zu finden in einer Welt, in der das Mannsein mit sexuellem Vergnügen auf Kosten von Frauen in Verbindung gebracht wird. Ich möchte nicht immer diese Assoziation bekämpfen müssen, weder in der Welt noch in meinem eigenen Körper.

Als ich diese Videos kuckte, fühlte ich mich wie in einer Falle – als ob ich keine Möglichkeit hätte, gleichzeitig ein Mann zu sein und ein sexuelles Wesen. Ich möchte mich selber nicht mit Männlichkeit in Verbindung bringen, aber da ist kein anderer offensichtlicher Ort, wo ich mich sonst einordnen könnte. Ich bin keine Frau, und nicht daran interessiert, ein Eunuch zu sein. Gibt es eine Möglichkeit, ein sexuelles Wesen zu sein jenseits dessen, was die Kultur von mir fordert?

Eine mögliche Antwort: Wenn du es nicht magst, schaff doch etwas anderes. Das ist schon eine Antwort, aber nicht allzu nützlich. Der Versuch, eine neue Herangehensweise an Geschlechterrollen und Geschlecht zu finden, ist kein Unterfangen für EINE Person. Ich habe Verbündete bei diesem Unterfangen, aber ich muss auch in einer weiter gefassten Gesellschaft leben, die mich ständig wieder auf die üblichen Kategorien zurückbringen will. Unsere Identität ist eine komplexe Kombination von Kategorien, die durch die Gesellschaft, in der wir leben, geschaffen werden, von der Weise, in der die Menschen in unserer Umgebung uns sehen, und von dem, was wir bewusst sein wollen. Wir schaffen uns selbst nicht im luftleeren Raum; wir können uns nicht dazu bringen, etwas Neues zu sein ganz allein und ohne Hilfe und Unterstützung.

Eine andere mögliche Antwort: Wir könnten ehrlich und aufrichtig darüber sprechen, warum diese Bilder existieren und warum wir sie benutzen. Wir könnten versuchen, die Frage der Frau zu beantworten: „Warum mögen Männer so etwas? Was könnt ihr Typen an solchen Videos finden?“

Verwechselt das nicht mit Selbstmitleid oder Gejammer. Ich bin mir bewusst, dass die Leute, die die schwerwiegendsten Folgen dieses Sexualsystems tragen, die Frauen und Kinder sind, die sexueller Zudringlichkeit gegenüber am verwundbarsten sind. Als ein privilegierter erwachsener weißer Mann ist mein geistiges Ringen relativ unbedeutend gegenüber den Schmerzen dieser Anderen. Ich spreche hierüber nicht, um Aufmerksamkeit auf meinen eigenes Ringen zu lenken, sondern um an den kollektiven Kampf mit der Männlichkeit anzuknüpfen. Wenn Männer an dem Unterfangen teilnehmen sollen, die Männlichkeit auseinander zu nehmen, brauchen wir eine Vorstellung davon, dass wir eine Identität finden können, um sie zu ersetzen. Wenn wir nicht über die Traurigkeit und Angst sprechen, die mit diesem Kampf in Verbindung stehen, gibt es nichts, worüber sich die Männlichkeit Sorgen machen müsste. Sie würde in ihrer gegenwärtigen Form weiter bestehen. Männer würden weiter in den Krieg ziehen. Männer würden weiter auf dem Football-Feld ineinander krachen. Und „Blow Bang 4“, und eines Tages vielleicht „Blow Bang 104“, wird weiterhin für einen flotten Umsatz bei Pornovideogeschäften sorgen.

Die Menschlichkeit von Männern

Um das klarzustellen: Ich hasse Männer nicht. Ich hasse mich selbst nicht. Ich spreche über „Männlichkeit“, nicht über den Zustand, ein Mann zu sein. Ich spreche über das Verhalten von Männern. Feministen wird oft vorgeworfen, männerfeindlich zu sein. Radikalen Feministen der Anti-Pornografie-Bewegung wird vorgeworfen, unter allen Feministen die männerfeindlichsten überhaupt zu sein. Und Andrea Dworkin wird typischerweise als die fanatischste unter den Fanatikerinnen eingeschätzt, die ultimative männerkastrierende Feministin. Ich habe Dworkins Werk gelesen, und ich glaube nicht, dass sie Männer hasst. Und sie auch nicht. Hier, was Dworkin über Männer geschrieben hat: „Ich glaube nicht, dass Vergewaltigung unausweichlich oder natürlich ist. Wenn ich das täte, hätte ich keinen Grund hier zu sein [vor einem männlichen Auditorium sprechend]. Wenn ich das täte, würde sich meine politische Praxis von meiner jetzigen unterscheiden. Habt ihr euch jemals gefragt, warum wir uns nicht im bewaffneten Kampf gegen euch befinden? Es liegt nicht daran, dass es in diesem Land einen Mangel an Küchenmessern gäbe. Es liegt daran, dass wir an eure Menschlichkeit glauben, der Beweislage zuwider.“ Feministen glauben an die Menchlichkeit von Männern, gegen alle Indizien aus Vergewaltigung und Misshandlung, Ausgrenzung und Ablehnung. Dieser Glaube an die Menschlichkeit von Männern ist bei jeder Frau vorhanden, ob heterosexuell oder lesbisch, mit der ich in der Bewegung gegen sexuelle Gewalt und die kommerzielle Sexindustrie zu tun hatte. Das sind Frauen, die keine Illusionen über den Lauf der Welt haben, und doch glauben sie an die Menschlichkeit von Männern. Ich denke, sie glauben stärker an sie als ich. Es gibt Tage, wo mir Zweifel kommen. Aber solchen Zweifeln nachzuhängen ist ein Luxus, der auf Privilegierung beruht. Dworkin erinnert Männer daran: wieso es feige ist, sich hinter unserem Scham über das, was wir getan haben, zu verstecken: „[Frauen] wollen nicht die Arbeit tun, euch dazu zu verhelfen, an eure Menschlichkeit zu glauben. Wir können es einfach nicht mehr. Immer haben wir es versucht. Wir sind dafür belohnt worden mit systematischer Ausbeutung und systematischer Misshandlung. Ihr werdet das von jetzt an selbst machen müssen, und ihr wisst das.“ Vielleicht ist ein erster Schritt dazu, sich über die Kennzeichen von Menschlichkeit klarzuwerden. Hier der Anfang meiner Liste: „Mitgefühl und „passion“ [Leidenschaft; intensives Gefühl; ausdauerndes Ertragen von Leiden], Solidarität und Selbstrespekt, die Fähigkeit zu lieben und die Bereitschaft sich einzusetzen. Fügt eure eigenen Kriterien bei. Und dann fragt euch diese Frage: Können wir Männer uns unsere Menschlichkeit bestätigen, wenn wir sexuelles Vergnügen dabei empfinden, drei Männer eine Frau oral, vaginal und anal gleichzeitig penetrieren zu sehen? Können wir unsere Menschlichkeit in ihrem vollstem Maße ausleben, wenn wir sexuelles Vergnügen dabei empfinden, acht Männer auf das Gesicht einer Frau und in ihren Mund ejakulieren zu sehen? Können wir mit diesen Bildern masturbieren und ernsthaft glauben, dass sie keinen Effekt außer der Aufstieg und Fall unserer Penisse in diesem Moment haben? Selbst wenn ihr daran glaubt, dass solche sexuellen „Fantasien“ keine Auswirkungen in der Welt außerhalb unserer Köpfe haben, was sagt dieses Vergnügen über unsere Menschlichkeit? Brüder, das ist wichtig. Bitte lasst euch hiervor nicht ohne weiteres davonkommen. Ignoriert diese Frage nicht und beginnt nicht darüber zu diskutieren, ob wir nun Pornografie angemessen definieren können oder nicht. Beginnt nicht zu erklären, dass Sozialwissenschaftler noch keine Verbindung zwischen Pornografie und sexueller Gewalt abschließend haben feststellen können. Und bitte, beginnt nicht zu erklären, inwiefern es wichtig ist, Pornografie zu verteidigen, weil ihr in Wirklichkeit die Redefreiheit verteidigt. Egal, für wie wichtig ihr diese Fragen haltet, im Moment stelle ich sie nicht. Ich stelle euch die Bitte, darüber nachzudenken, was es heißt, ein menschliches Wesen zu sein. Bitte ignoriert die Frage nicht. Ich muss sie fragen. Und auch Frauen müssen sie fragen.

Was ich damit nicht sagen will

Ich schreibe Frauen nicht vor, wie sie sich fühlen oder was sie tun sollen. Ich werfe ihnen nicht vor, ein falsches Bewusstsein zu haben oder vom Patriarchat gelenkt zu sein[9]. Ich wende mich nicht an Frauen. Ich wende mich an Männer. Frauen, ihr habt eure eigenen Kämpfe und eure eigenen Debatten untereinander. Ich möchte ein Verbündeter in diesen Kämpfen sein, aber ich stehe außerhalb ihrer.

Was ich damit sagen will

Ich stehe nicht außerhalb der Männlichkeit, stecke vielmehr mittendrin, kämpfend um mein Leben. Ich brauche Hilfe, nicht von Frauen, sondern von anderen Männern. Ich kann der Männlichkeit nicht allein widerstehen; es muss ein Unterfangen sein, das wir zusammen unternehmen. Und Dworkin hat Recht; wir müssen es selber machen. Frauen sind freundlich zu uns gewesen, freundlicher vielleicht, als es in unserem Interesse gelegen hat, und zweifellos freundlicher, als wir es verdienen. Wir dürfen uns nicht länger auf die Freundlichkeit der Frauen verlassen; sie ist nicht unerschöpflich, und es wäre weder fair noch gerecht, sie weiterhin auszunutzen. Hier einige Weisen, in denen wir beginnen können, der Männlichkeit zu widerstehen: Wir können damit aufhören, Gewalt zu glorifizieren, und wir können ihre sozial abgesegneten Formen, hauptsächlich bei Militär und Sport, zurückweisen. Wir können Frieden zu etwas Heldenhaftem machen. Wir können Wege finden, unsere Körper zu benutzen und im Spiel zu erleben, ohne einander zu erblicken, wie wir uns am Boden krümmen nach einem „großartigen Treffer“.

Wir können damit aufhören, Profite aus Aktivitäten zu ermöglichen, die unsere Menschlichkeit leugnen, anderen Menschen schaden und sexuelle Gerechtigkeit unmöglich machen: Pornografie, Stripbars, Prostitution, Sextourismus. Es kann keine Gerechtigkeit geben in einer Welt, in der manche Körper gekauft und veräußert werden können. Wir können die feministische Kritik sexueller Gewalttätigkeit erst nehmen, nicht nur, indem wir übereinstimmen, dass Vergewaltigung und Prügel schlecht sind, sondern indem wir einander zur Verantwortung ziehen und nicht wegkucken, wenn unsere Freunde das machen. Und nicht weniger wichtig, wir können uns fragen, wie die Sexualethik männlicher Dominanz sich in unseren eigenen intimen Beziehungen auswirkt, und dann unsere Partner fragen, wie es aus ihrer Sicht aussieht. Wenn wir diese Dinge tun, wird die Welt nicht nur ein besserer Ort sein für diejenigen, die gegenwärtig durch unsere Gewalttätigkeit leiden, sondern auch für uns selbst. Wenn dich Argumente nicht bewegen, die von Gerechtigkeit und der Menschlichkeit der anderen ausgehen, dann lass dich bewegen von der Idee, dass du zu einer besseren Welt für dich selber beitragen kannst. Wenn du den Schmerz anderer nicht ernst nehmen kannst, dann nimm wenigstens deinen eigenen Schmerz ernst, dein eigenes Zögern, dein eigenes Unbehagen über Männlichkeit. Du fühlst es; ich weiß, dass du das tust. Ich habe in meinem Leben nie einen Mann getroffen, der sich nicht unbehaglich mit der Männlichkeit fühlte, der nicht das Gefühl hatte, dass er in der einen oder anderen Weise nicht dem Ideal entsprach, was es bedeute, ein Mann zu sein. Das hat seinen Grund: Männlichkeit ist ein Schwindel, eine Falle. Keiner von uns ist Manns genug.

Es gibt Männer, die dies wissen, mehr, als es einräumen. Wir suchen nach einander. Wir sammeln uns. Wir blicken nach unseren Augen mit Hoffnung. „Kann ich dir trauen?“, fragen wir stumm. Kann ich mir trauen? Und dann, am Ende, werden wir beide es mit der Angst bekommen und uns auf unsere Männlichkeit zurückziehen, auf das, was wir kennen? Am Ende, werden wir da beide zu „Blow Bang 4“ greifen?

In einer Welt voll von Schmerzen, die das Leben mit sich bringt – Tod und Krankheit, Enttäuschung und Bedrängnis –, ist es schwer genug, Mensch zu sein. Lasst uns unsere Schwierigkeiten nicht noch durch den Versuch mehren, Männer zu sein. Lasst uns nicht zum Leid anderer beitragen. Hören wir damit auf, Männer zu sein; bemühen wir uns, Menschen zu sein.

[0] Anmerkungen des Übersetzers:

Die im Text vertretene Position, dass Pornografie (oder auch Prostitution) an und für sich ein Problem darstellt, ist nicht unwidersprochen geblieben, auch nicht innerhalb „des“ Feminismus, und „Feministische Pornografie“ stellt nicht für jeden einen Widerspruch in sich dar. Für eine andere und leicht historisch angehauchte Perspektive auf Pornofilme kann ich „Linda Williams (Hrsg.) (2004): Porn studies“ empfehlen, was allerdings recht gute Amerikanischkenntnisse voraussetzt. Viele lehrreiche antipornografischen Texte finden sich ebenfalls in englischer Sprache auf www.oneangrygirl.net. Eine viel kürzere nicht pornografiefeindliche Position zu Pornografie findet sich in einem Text von Eric Patton unter http://www.zmag.de/artikel.php?id=1408. Interessant mag weiterhin die umfangreiche Bibliografie zu Women studies und Queer studies unter http://www.genderinn.uni-koeln.de sein, wo sich auch hier und da mal ein deutscher Titel finden lässt.

Ich habe einige Fußnoten gemacht, die für denjenigen, der sich für schwer übersetzbare Eigenheiten des englischen Texts interessieren, von Interesse sein mögen. Da sich Jensens Text aber durch eine gewisse Wirkungsabsicht auszeichnet, auf deren Übersetzung ich auch einige Mühe verwendet habe, sollte man sein Lesen eher nicht durch die Fußnoten unterbrechen lassen, sondern sich diese bei Interesse hinterher oder bei einer zweiten Lektüre ansehen.

Fussnoten

[1] „Gruppenblasen 4“; der Term „bang“ (in etwa „durchficken“, wenn als Verb gebraucht) ist allerdings etwas brutaler als „group sex“
[2] wörtlich ist „adult video store“ „Erwachsenenvideogeschäft“, wie auch der respektablere Term für die Pornobranche „adult industry“ ist.
[3] Sadomasochismus, wiewohl nicht der, der in nämlichen Pornovideos dargestellt wird, kann auch eine legitime Form von Sexualität sein, über die wir genauso zurückhaltend und vorsichtig zu urteilen streben sollten wie sich die Lesben und Schwulen das während des letzten Jahrhunderts von den Heten erhofft hätten. SM muss Feminismus genauso wenig notwendig zuwiderlaufen wie Lesbentum, für das z.B. die Schriftstellerin und Aktivistin Rita Mae Brown noch 1969 aus der National Organization for Women ausgeschlossen worden ist.
[4] Englisch eigentlich „Vivid sucks/Armageddon fucks“ „to suck“ könnte zwar auch „lutschen“ heißen, meint hier aber „ätzend sein“. „to fuck“, wiewohl das Wort das eigentlich nicht bedeutet, muss dann auch als „bringt es“ gelesen werden.
[5] engl. „delusional“
[6] Offen sichtbare Ejakulation bietet den sichersten Beweis für den männlichen Höhepunkt. Frauenorientierte pornografische Comics in Japan setzen zum gleichen Zweck einen Fokus aufs Gesicht der Frau. In der männerorientierten Pornoindustrie ist DIESER Aspekt freilich sekundär.
[7] Dieses Wort wird im englischsprachigen Bereich leichtfertiger und weniger konkret gebraucht als bei uns. Vgl. auch „feminazi“, ein Lieblingswort des amerikanischen Fernsehkommentators Rush Limbaugh.
[8] Im Englischen etwas anders: „except perhaps being called a “fag,” a derivative of girl.”, eine übrigens etymologisch fragwürdige Behauptung.
[9] „or being dupes of patriarchy“. Es scheint mir bei diesem Punkt darum zu gehen, dass nicht selten Feministen und Konservative, als Unterstützer des Patriarchats, auf das gleiche Ziel „Abschaffung von Pornografie“ hinarbeiten, wobei die Absichten von Konservativen mit ihrer Abtreibungsgegnerschaft und ihrem Glauben an Geschlechterrollen genau das Gegenteil der feministischen Ziele darstellt. Wenn nun angenommen werden würde, dass Feministen durch ihr Engagement hauptsächlich die Agenda der Konservativen befördern, wären sie in der Tat „vom Patriarchat [wenn auch gegen ihren Willen] gelenkt“.

Orginalartikel: Dieser Artikel ist NICHT bei www.zmag.org erschienen!
Übersetzt von: Benjamin Brosig
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