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Medien und die Gefahr einer Politikgläubigkeit

von Norman Solomon

28.05.2002 — ZNet Kommentar

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Einige Wochen bevor das Zwanzigste Jahrhundert endete, beschrieb einer unserer Meinungsmacher, Michael Kinsley, in einem Times-Essay in außergewöhnlich direkter Weise die Vorzüge der Welthandelsorganisation und zwar mit seinem Schlusssatz: "Aber wirklich, die WTO ist in Ordnung, rechnen Sie nach oder glauben Sie es mir einfach". Diese Botschaft, überbracht durch das Star-Magazin des Time-Warner-Konzerns (der ja demnächst mit AOL verschmilzt), war unverhüllter als wir es normalerweise gewohnt sind (sie lautet:) wir sollen untertänigst gewisse Äußerungen als Faktum akzeptieren.

Derart blindes Vertrauen ist aber gefährlich. Es unterminiert das kritische Denken und ist weit offen für Manipulation - Manipulation vonseiten der Mainstream-Presse wie auch durch Presseorgane, die sich als anti Establisment darstellen.

Viele Jahre vor der Erfindung des Fernsehens lag der amerikanische Historiker Henry Adams im wesentlichen richtig, als er über die herrschenden Medien seiner Zeit schrieb: "Die Presse ist der angemietete Agent der Finanzinstitutionen und hat kein anderes Ziel, als Lügen zu verbreiten, wo deren Interessen tangiert werden". Substantiell hat sich daran bis heute nicht viel geändert.

Allerdings sind diejenigen, die den korporativen Medien - vernünftigerweise - misstrauen, auch nicht von vornerein besser dran, falls sie nämlich in ihrer Wachsamkeit nachlassen und dubiosen Behauptungen alternativer Quellen auf den Leim gehen. Wenn wir schon unerbittliche Kritiker der Massenmedien sein wollen, dann sollten wir unser Kritikvermögen auch gegenüber diesen anderen Quellen zur Geltung kommen lassen.

Ein Beispiel ist die Geschichte (im Internet mit großem Rummel verbreitet) jenes Gefängnisinsassen aus Toronto, der angeblich schon vor dem 11. September eine 'Warnungsnotiz' verfaßt hat. Dieser Mann, Delmart 'Mike' Vreeland, ist ein Marine-Nachrichtenoffizier; er soll die Warnung im August verfaßt und anschließend an seine kanadischen Wärter weitergegeben haben.

Aber Vreelands Notizen, die letzten Okotober einem Gericht in Toronto als Beweismittel vorgelegt wurden, entpuppten sich als widersprüchlicher Misch-Masch. Die Phrase 'Wasserversorgung' tauchte dabei in einer nicht weiter explizierten Liste mit Gebäuden (?) und Städten auf, die neben dem World Trade Center, dem 'Weissen Haus' und dem Pentagon auch noch Plätze in Chicago, Ottawa, Tronto und Malaysia enthielt.

"Lasst eines geschehen, verhindert die andern", kritzelte Vreeland auf das Papier, darunter Vornamen und so zufällige Worte wie 'Wladiwostok' oder 'bilateral'. Die einzigen festen Zeitdaten waren 2007 und 2009. Soetwas als 'Warnungsnotiz' zu bezeichnen ist einfach absurd.

Vor zwei Jahren berichtete eine Detroiter Zeitung, dass Vreeland wegen einer unglaublichen Zahl Straftaten auf der Flucht vor der Polizei sei - unter anderem wegen Urkundenfälschung, Benutzung gefälschter Kreditkarten sowie Scheckbetrugs. In dem Artikel wird ein Polizei-Seargant mit den Worten zitiert: "Woimmer er auftaucht, hinterlässt er eine Spur des Betrugs, der Hinterhältigkeit und des Verbrechens.".

Vor einigen Tagen telefonierte ich mit Mike Martindale, dem 'Detroit-News'-Reporter, der jenen Artikel (über Vreelands Vergangenheit), erschienen am 27. April 2000, verfaßt hatte. Auf meine Frage, ob der Artikel denn jemals korrigiert oder zurückgenommen worden sei, antwortete er klipp und klar: "überhaupt nicht".

Ein ehemaliger Polizist aus Los Angeles, Michael Ruppert, verbreitet ebenfalls, dass Vreeland "imstande gewesen ist, eine detaillierte Warnung vor den Anschlägen zu geben, bevor diese eintraten" - am 11. September. Ruppert hat viele loyale Bewunderer, die er jedoch (außer den Hartnäckigsten) schnell wieder verlieren wird, falls sie nämlich einen Blick auf die tatsächliche 'Warnungsnotiz' werfen bzw. mehr über Vreelands Vergangenheit erfahren.

Ruppert ist allerdings ein Experte darin, echte Tatsachen mit unzuverlässigen Berichten und wilden, unlogischen Behauptungen zu kombinieren. So erklärte er beispielsweise letzten Herbst, die CIA hätte 'Vorabinformationen' über die Angriffe des 11. Speptembers besessen. Und in letzter Zeit versteigt er sich sogar zu der Behauptung: "die Bush-Regierung war über die Angriffe komplett vorinformiert".

Rupperts äußerst erfolgreiche Herangehensweise ist die eines 'selektiven Staubsaugers': alles, was seine Schlussfolgerungen untermauert, saugt er auf, während er andererseits Zusammenhänge und Informationen, die seiner Auffassung widersprechen, ignoriert. Er ist auch gut darin, haltlose Berichte als Offenbarung zu akzeptieren. So zitiert er beipielsweise einen indischen Pressebericht, in dem der indische Geheimdienst pakistanische Regierungsstellen mit den Hijackern des 11. September in Verbindung bringt, weist allerdings nur beiläufig darauf hin, daß Indien ein starkes Interesse daran hat, seinen Erz-Rivalen Pakistan mit Terrorismus in Verbindung zu bringen.

Eine andere Methode, die Ruppert anwendet, ist, dass er suggeriert, dass derjenige, der ein Ereignis nachdem es passiert ist, für seine Zwecke ausbeutet, auch automatisch der direkten Komplizenschaft überführt sei. Auf diese Weise wird die Tatsache, dass die Bush-Administration ja alles getan hat, um Vorteile aus den Ereignissen des 11. Septembers zu ziehen, von Ruppert als Beweis gewertet, dass sie gemäß seiner Theorie 'Vorabinformationen' hatte bzw. 'Komplizin' war.

Es ist natürlich angemessen, eine gründliche Untersuchung der Vorgänge um den 11. September durch den amerikanischen Kongress zu verlangen. Etwas anderes ist es hingegen, windige Behauptungen ohne glaubwürdigen Beweis vorzubringen.

Für Leute, denen klar vor Augen steht, dass viele Präsidenten nur allzuoft die Unwahrheit über ihre Aussenpolitik gesagt haben, ist es natürlich verlockend, so ziemlich jede Behauptung einer Irreführung für bare Münze zu nehmen. Aber der Wunsch als Vater des Gedankens kann ja nicht Ersatz sein für die Bereitschaft zum kritischen Denken.

Viele Spielarten dieser Verschwörungstheorien sind im Grunde völlig apolitisch. Sie wollen die Amerikaner dazu bringen, sich auf Geheimgesellschaften und einige einzelne Übeltäter zu konzentrieren, anstatt die grundlegenden institutionellen Kräfte, die hinter sozialer Ungerechtigkeit und hinter Kriegen stecken, anzugeh'n. Die gut dokumentierten Aktionen der US-Regierung und der mächtigen Korporationen sollten aber doch eigentlich genügen, uns in Alarmbereitschaft zu versetzen, in Wut u. Aktivismus.

Übersetzt von: Helmut Fiedler
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