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Medizinische Versorgung der Palästinenser unter Besatzung

von Sonia Nettnin

10.04.2006 — ZNet

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Mehrere Mitglieder des Ibdaa* Health Comitee (IHC) befinden sich derzeit auf einer Reise durch die USA, um die Amerikaner über die verheerenden medizinischen Zustände zu informieren, denen sich die Palästinenser und die Mitarbeiter des Gesundheitswesens in der Westbank, in Ost-Jerusalem und im Gazastreifen ausgesetzt sehen.

Die Zustände vor Ort sind wirklich schockierend. Die internationale Gemeinschaft ignoriert die umfassende Gewalt und Kriegsführung Israels gegenüber den Palästinensern. Nicht minder schockierend ist die Gewalt gegen Mitarbeiter des Gesundheitssektors, gegen das palästinensische Gesundheitswesen und die palästinensische Infrastruktur.

Laut Palästinensischem Gesundheitsministerium wurden bislang 36 Gesundheitsmitarbeiter getötet und 447 Helfer verletzt; an israelischen Checkpoints starben 129 Patienten. Wie konnte das passieren? Es gab 375 Angriffe gegen Gesundheitszentren, 383 Angriffe gegen Ambulanzen, 38 Ambulanzen wurden völlig zerstört.

Selbst Palästinenserinnen in Wehen verschont die militärische Besatzung nicht. Seit dem 28. September 2000 mussten 67 Frauen an israelischen Checkpoints gebären. Dabei starben 39 Neugeborene bzw. kamen tot zur Welt.

Laut einer Landkarte des Applied Research Institute in Jerusalem existieren in der Westbank mehr als 100 fest eingerichtete Checkpoints. Wir sprechen von einem Gebiet mit einer Gesamtgröße von 5 970 Quadratkilometern. Nicht mitgerechnet sind sogenannte "fliegende Checkpoints" und Barrieren (Straßensperren, Erdhügel, aufgerissene Straßen usw.) Sobald Israel mit dem Mauerbau fertig ist, werden 33 Prozent aller Dörfer in der Westbank keinen "...offenen und freien Zugang zum Gesundheitssystem" mehr haben, so das IHC und 81 Prozent "...der Menschen, die in isolierten Zonen und Enklaven leben, keinen ausreichenden Zugang zu Erstversorgungskliniken, zu medizinischen Zentren und Hospitälern".

In manchen Fällen, wenn Palästinenser dringende medizinische Hilfe benötigen, lassen die israelischen Streitkräfte die palästinensischen Ambulanzen nicht durch die Checkpoints. In solchen Fällen müssen die betroffenen Palästinenser in eine israelische Ambulanz umsteigen - Kostenpunkt, zwischen 350 NIS (80 US-Dollar) und 650 NIS (150 US-Dollar). Dabei darf nicht vergessen werden, dass schätzungsweise 50 Prozent aller Palästinenser in der Westbank unterhalb der Armutsgrenze leben, die derzeit bei $2 US-Dollar pro Person und Tag angesetzt ist. Die Arbeitslosenrate bei Palästinensern in der Westbank, in Ost-Jerusalem und Gaza liegt im Durchschnitt bei 60%. Im Grunde ist die israelische Okkupation ein gutes Geschäft auf Kosten von Palästinensern, die dringende medizinische Hilfe benötigen - Palästinenser, deren verarmte Familien so schon ums tägliche Überleben kämpfen.

Eine Studie des Palestinian Central Bureau of Statistics (PCBS) über die Auswirkungen israelischer Maßnahmen auf die wirtschaftliche Situation palästinensischer Familien hat ergeben, dass 86% aller Haushalte inzwischen weniger Geld für Lebensmittel ausgeben. 66% der untersuchten Haushalte gaben zudem weniger für medizinische Versorgung aus. Hier einige wichtige demographische Daten: 46% der Mitglieder palästinensischer Familien sind 14 Jahre und jünger. In 18% dieser Familien leben unter vierjährige Kinder (PCBS - 2005 population results).

Eine weitere Dimension, die dieses düstere Bild verdeutlicht: Wie das IHC herausfand, ist die Ernährungssituation in 73% der Westbank und des Gazastreifens sowohl in qualitativer als auch quantitativer Hinsicht schlechter geworden. Ein aktuelles Beispiel: die Schließung des Übergangs Karni (Al-Mintar) 2006. Dadurch kommt es zu massiven Engpässen bei der Lebensmittelversorgung - vor allem bei Reis und Mehl - und die Palästinenser können ihre Produkte, wie Pfeffer, Tomaten und Nelken, über den Übergang nicht mehr nach Europa exportieren. Die Einbußen betragen mehrere Millionen Dollar, die palästinensische Wirtschaft liegt darnieder. Für wenige Tage hatten die israelischen Streitkräfte die Al-Mintar-Kreuzung wieder geöffnet - allerdings nur zu 10% der üblichen Kapazität. 83% aller palästinensischen Familien in der Westbank haben durch den Bau der Mauer Schwierigkeiten, einen lokalen Markt oder einen Gebrauchsgütermarkt zu erreichen.

In amerikanischen Medienberichten finden sich gute Erklärungen für die Operationen der israelischen Armee (IDF) (Angriffe gegen "Terroristen"), was die US-Medien nicht berichten, ist, dass die Besatzung und deren Begleitumstände auf die palästinensische Jugend abzielen sowie auf die zivile und administrative Infrastruktur, in der diese Jugendlichen leben.

Eine Nachrichtenquelle ist Ma'an News Agency, mit aktuellen Berichten im Minutentakt aus dem 'Heiligen Land' .

Das Ibdaa* Health Committee (IHC)

Mitglieder des IHC haben die USA bereist, um öffentliche Aufmerksamkeit für die medizinische Versorgungssituation der Palästinenser zu erreichen. Sie bitten die Amerikaner um Unterstützung und um Kooperation für künftige Projekte im Gesundheitswesen.

Vor allem bitten sie die Menschen, Spenden zu sammeln und Stiftungen zu gründen - zur Finanzierung von medizinischem Gerät und Arzneimitteln - sowie um finanzielles Sponsering von Patienten und Kindern. Benötigt werden Ärzte, Schwestern, Psychologen, Sozialarbeiter, Soziologen, Profis aus dem Bereich Gesundheitswesen und der Psychiatrie sowie Medizinstudenten, die ihre Zeit und Kompetenz in den Dienst eines freiwilligen Praktikums stellen möchten (medizinischer Service und Ausbildung innerhalb der Strukturen des palästinensischen Gesundheitswesens).

Ein besonderer Schwerpunkt des IHC ist das Flüchtlingslager Dheisheh vor den Toren Bethlehems, da die Mitglieder des IHC in dieser Region aufgewachsen sind. Es sind Freiwillige, die ein Komitee zur Rettung des öffentlichen Gesundheitswesens und zur generellen Verbesserung der medizinischen Versorgung gründen wollten. Zu den Langzeitzielen des IHC zählen: ein Programm zur Gesundheitserziehung, ein psychosoziales Programm, ein Programm zur Ernährungsberatung, ein Diabetesprogramm, eine Augenklinik, an der Augenuntersuchungen, Behandlungen und Präventionsmaßnahmen durchgeführt werden können, ein Präventivzentrum zur Verhinderung von Kindesmisshandlung sowie ein Behandlungstrainingszentrum.

Allein im Lager Dheisheh leiden 95% der insgesamt 6000 Kinder unter psychosozialen Problemen. Mehrere hundert Kinder, die untersucht wurden, sehen schlecht. 60% dieser sehbehinderten Kinder kommen aus Familien, die sich keine Brille leisten können. Allein diese Beispiele zeigen, welche Auswirkungen die Besatzung auf die Kinder hat.

Eines der IHC-Mitglieder sprach vom Verdacht, dass israelische Konserven, die auf palästinensischen Märkten vertrieben werden, mit hohen Mengen E211 verseucht sind. In den USA verbietet das FDA, dass Produkte mehr als 1% E211 enthalten. Hohe Konzentrationen dieses Stoffes in Konserven sind potentiell gesundheitsschädlich - siehe entsprechende Bedenken einer US-Forschungsgruppe www.inchem.org/documents/cicads/cicad26.htm Weitere Forschung in dieser wichtigen Frage, die die öffentliche Gesundheit betreffen, ist daher nötig. Für israelische, palästinensische und internationale medizinisch-wissenschaftliche Forscher ergäbe sich hier eine einmalige Chance zur Kooperation.

Logischerweise sollte man auf das Problem reagieren, indem man den Menschen rät, mehr frische und weniger konservierte Lebensmittel einzukaufen. Das Problem der Palästinenser ist nur: Wie erreicht man unerreichbare Märkte und unerreichbare Jobs - unter Besatzung? Wächst das Geld etwa auf Bäumen, oder mit was sollen die Leute bezahlen?

Wohl den palästinensischen Bauern, deren Oliven- und Zitrusgärten noch nicht von israelischen Bulldozern zerstört wurden. Israelische Bulldozer haben in den vergangenen 39 Jahren, während das Land der Palästinenser zunehmend kolonialisiert wurde, mehr als eine Million Bäume vernichtet.

Auch der Zugang zu sauberem Trinkwasser ist für Palästinenser ein Problem.

In der Westbank und im Gazastreifen leben über 4 Millionen Palästinenser. Das Palästinensische Gesundheitsministerium hat für all diese Menschen aber nur 23 Hospitäler mit 799 Betten.

Die Mitglieder des IHC kamen in die USA, um über die Probleme von Dheisheh und dessen 13 000 Bewohnern zu berichten. Allerdings ist das Camp nur eines von insgesamt 59 Flüchtlingslagern in Westbank und Gaza. All diese Lager plagen dieselben Probleme (mangelnde medizinische Ausstattung, Arzneimittelbestände und Büromöbel). Hier einige zusätzliche Infos über die Herausforderungen, denen sich das palästinensische Gesundheitswesen durch Jerusalem ausgesetzt sieht.

Anmerkungen

www.dheisheh-ibdaa.net Der Koordinator für die USA kann kontaktiert werden unter lorir@unm.edu

* "Ibdaa" ist arabisch und bedeutet "etwas aus nichts erschaffen".

Übersetzt von: Andrea Noll
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