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Mit Martin Luther-King die Menschen in Schach halten.

von Cynthia Peters

25.03.2002 — ZNet Kommentar

— abgelegt unter:

Menschen fÜhren allerlei Günde an, die sie davon abhalten sich eine bessere Zukunft vorzustellen. "Das ist utopisch" sagen einige. "Du träumst, wir können höchstens mal kleinere Verbesserungen erwarten".

"Warum sollen wir für eine bessere Gesellschaft in der Zukunft planen? Sollen wir nicht einfach abwarten und sehen, was uns der Prozess gesellschaftlicher Veänderungen bringt?"

"Die Leute glauben du spinnst," sagen andere. "Wir sind so weit entfernt von dem, was du dir vorstellst; du machst damit einen realiätsfernen Eindruck."

Zum Gedenken an Martin Luther-King am 21. Januar 2002 gibt uns die Boston Globe einen weiteren Grund, unsere Träume zu vergessen. In einfachen Worten ausgedückt: Wir sind unfähig.

Um Martin Luther-King ihre "Hochachtung" zu erweisen schaltete die Boston Globe eine ganzseitige Anzeige. Die Anzeige war in zwei Kolumnen aufgeteilt, die erste Kolumne war Überschrieben mit: "Martin Luther-King jun.", die zweite war mit der Überschrift: "Die meisten Menschen" versehen.

In der ersten Kolumne war Kings wunderbarer "Ich habe einen Traum"-Appell nachgedruckt. In ihm stellt King sich vor wie eines Tages die "Söhne früherer Sklaven und die Söhne früherer Sklavenhalter sich an den Tisch der Bruderschaft niederlassen"; den Tag an dem seine vier Kinder nicht mehr "nach ihrer Hautfarbe beurteilt werden sondern nach ihrem Charakter" und wenn "kleine schwarze Jungen und kleine schwarze Mädchen dazu imstande sein werden, kleinen weißen Jungen und kleinen weißen Mädchen die Hände zu reichen als Brüder und Schwestern.

Wir verspüren, wie in der Ansprache Würde, Hoffnung und visionäre Kraft widerhallen. Aber die Globe und Mail will uns nicht dazu einladen Martin-Luther-Kings Traum zu täumen, damit wir eines Tages sehen, wie Rassen-, Klassen- und Geschlechter-Schranken fallen. Nein, die Absicht ist vielmehr, Kings herrlichem Traum, unser aller mageren Träume entgegenzusetzen.

Unter dem Stichwort "Die meisten Menschen" listet die Globe auf, wie sie sich unsere Träume vorstellt. "Die meisten Menschen" bedeutet fÜr dich und mich, die Menschen, die nicht Martin Luther-King sind. Was sind unsere Träume? Offenbar sind es nur drei: In der Lotterie zu gewinnen, Eigentümer einer schönen Wohnung und eines großen Autos zu sein und ein Filmstar zu werden.

Ich bin mir nicht sicher woher die Globe diese Informationen hat. Haben die ein spezielles Forscherteam, das "Die meisten Menschen" fragt, was sie träumen? Oder haben sie damit nur ihr eigenes Produkt gefördert, nü;mlich korporative Promotion die inhaltlich ihren Inserenten vielversprechend erscheint.

In anderen Worten, brauchen Zeitungen für Automobile, Immobilien, Möbel und Reisen jeweils einen eigenen Zeitungsteil, da "Die meisten Menschen" immerzu Automobile, Häuser, Möbel und Reisen kaufen?

Oder brauchen sie ihre jeweils eigene Zeitungsbeilage, da man auf diese Weise am besten Inserate verkaufen kann? Gibt es einen besseren Rahmen fÜr Automobilanzeigen als einen Zeitungsteil dessen Reportagen den - ja was den nun? – Menschen, die Auto fahren, gewidmet ist?

Gibt es eine bessere Möglichkeit fÜr eine Zeitung an Imobilien Anzeigen zu kommen, als Journalisten zu beauftragen, "ausgewogene" Geschichten Über das GlÜck des eigenen Heimes, Bau- und Spartipps und Über die Möglichkeiten an billiges Baugeld zu kommen zu schreiben?

Sie finden, dass es nicht wichtig ist, welche Art von KÜchengeräten sie in ihrer KÜche haben? Denken Sie nochmals nach. Die Zeitungen schreiben sehr ausfÜhrlich Über die relativen VorzÜge der verschiedensten KonsumgÜter. Damit erledigen die Zeitungen schon eine ganze Menge fÜr ihre Inserenten kostenlos, da die sich dann nicht mehr um die Förderung der Kaufmentalität zu kÜmmern haben. Die Zeitung macht das fÜr sie. Die Inserenten mÜssen sich nur noch darauf konzentrieren, unserem Gedächtnis ihr Markenzeichen einzuprägen.

Und wie sieht es aus mit den Nachrichtenteilen unserer Zeitung? Helfen die uns die Welt besser zu verstehen, damit wir verantwortungsbewusster handeln können? Das ist höchst unwahrscheinlich.

Die Bandbreite der Debatte die uns von den Mainstream-Medien angeboten wird ist sehr eng. Pressemeldungen des Verteidigungsministeriums werden uns als Tatsachen verkauft. Mainstream-Institutionen - im besonderen die des freien Marktes - sind unerschÜtterlich, zwangsläufig und dÜrfen nicht in Frage gestellt werden. Auf der ersten Seite finden Sie wenig Über menschliche BeweggrÜnde, die sind reserviert fÜr die "Home"-Sektion der Zeitung. Sie finden dort ganzseitige Beiträge zur Fensterbehandlung. Die Zeitungen laden uns höchstens dazu ein, unsere Wahl zwischen verschiedenen Urlaubszielen zu treffen, was fÜr ein Auto wir kaufen und welche Rezepte wir ausprobieren sollen.

Sehen wir doch der Tatsache ins Auge. Die Globe - und alle anderen Mainstream-Medien - nehmen ihren Auftrag, ihre Inserenten zuvorkommend zu bedienen sehr ernst. Gibt es ein besseres Mittel uns dazu zu bewegen, auf die unzähligen Damenunterwäsche-Inserate positiv zu reagieren, als uns davon zu Überzeugen, dass wir an nichts anderes denken!

Martin Luther-Kings Geburtstag sorgt wieder einmal fÜr eine besondere Gelegenheit, die Anweisung, dass unser Lebenszweck nur der des Verbrauchers zu sein hat, zu bekräftigen. Nachdenken und Entscheidungen treffen sollen wir nur im Rahmen der Marktbedingungen; und träumen dÜrfen wir von der richtigen Lottonummer, vom Erreichen persönlichen Ruhmes und vom Besitz teurer Bedarfsartikel.

Die GegenÜberstellung seines Traumes mit den Träumen der "meisten Menschen" macht aus Martin Luther-Kings Vision eine Waffe. Sie wird zu einem Verkaufsinstrument das uns davon Überzeugen soll, dass mit persönlichem Egoismus und dem Streben nach materiellen Dingen die Grenzen unserer kollektiven Vorstellungskraft erreicht sind.

In Wirklichkeit sagt uns die Globe gar nichts Über die "Träume der meisten Menschen", aber eine Menge darÜber wie gnadenlos unsere Eliten daran arbeiten uns in Schach zu halten (to keep us in our place). Sehen Sie, wogegen sie sich wenden? Sie wenden sich gegen "richtige Menschen" von denen die meisten moralische Werte vertreten, die GroßzÜgigkeit schätzen und sehr daran interessiert sind, ihre meistens nicht Waren bezogenen Träume zu verwirklichen.

Die Hausmeister und Krankenschwester- helferinnen in meiner Volkshochschulklasse am Boston Allgemeinem Krankenhaus sind brennend daran interessiert ihre Familien angemessen zu versorgen, ihren Kindern den Besuch eines Collegs zu ermöglichen, ihre Nachbarn kennen zu lernen, Arbeit zu finden die weniger ermüdend und erniedrigend ist, Diskriminierung am Arbeitsplatz anzusprechen und durch Freiwilligenarbeit etwas an die Gemeinschaft zurÜckzugeben.

Hier finden wir die wahren "meisten Menschen" - dazu gehören noch Du und ich und so ziemlich alle die wir kennen. Unsere Träume haben sehr viel gemeinsam mit denen des Martin Luther-King und haben wenig zu tun mit dem Kauf von Waren, deshalb arbeiten korporative Interessen so hart daran uns eines anderen zu belehren.

 
Übersetzt von: Helmut Fiedler
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