Mitarbeiterin von Zanon - einer von Arbeitern geführten Fabrik in Argentinien - entführt und gefoltert
von Ben Dangl
09.03.2005 — ZNet
Zanon ist eine Keramikfabrik, die von ihren Arbeitern wiedereröffnet wurde und nun von ihnen geführt wird. Zanon ist eine der berühmtesten Fabriken dieser Art in Argentinien. 2001 von den Arbeitern übernommen, ist das als Kooperative betriebene Unternehmen wirtschaftlich ein Erfolg. Als eines der wichtigsten Symbole der Bewegung der wiederangeeigneten Fabriken Argentiniens (inzwischen existieren landesweit 200 solcher Kooperativen) ist Zanon aber auch Hassobjekt der Rechten. Zanon-Fabrikarbeiter erhielten Todesdrohungen, ihr Protest wurde gewaltsam unterdrückt. Vor kurzem eskalierten die Einschüchterungen: Eine Zanon-Mitarbeiterin wurde gekidnappt und gefoltert. Die Arbeiter sind überzeugt, dass die Gruppe, die die Frau entführte, mit der lokalen Regierung in Verbindung steht.
Am Nachmittag des 4. März verließ die Frau Zanon - in Neuquen, einer Stadt nahe Buenos Aires. Der Name der Frau wird nicht genannt. Sie wurde von einer Gruppe in einen grünen Falcon gezwungen. Die Marke Falcon war während der argentinischen Diktatur in den 70gern das typische Fahrzeug bei der Entführung von “Linken“ (die anschließend gefoltert wurden). Die Leute im Fahrzeug beleidigten die Frau. Sie sagten, wir wissen, wo du wohnst, wir wissen, wo deine Familienangehörigen beschäftigt sind, wo deine Tochter nach der Schule spielt. Dann begannen sie, ihr mit dem Messer Schnittwunden zuzufügen; sie schüchterten sie ein - mit Bemerkungen wie: “Schneidet noch ein wenig tiefer, damit in Zanon Blut fließt...“ Sie zerschnitten der Frau Arme und Gesicht und warfen sie anschließend aus dem Wagen. Als Nächstes nehmen wir uns deine Tochter vor, sagten sie. Die Frau alarmierte ihre Kollegen und die Polizei. Die Polizei umstellte ihr Haus, damit die Familie über Nacht Schutz hatte. Am nächsten Morgen stand nur noch ein Polizist als Wache vor dem Haus. Gegen 9 Uhr schlich sich einer der Kidnapper durch die Hintertür ins Gebäude und setzte die Misshandlung der Frau fort: Er schnitt sie mit einem Messer und beleidigte sie. Nachdem der Täter fort war, behauptete der Polizist, der Wache stand, er hätte weder etwas gesehen noch gehört.
“Dieser Fall ist nur einer von vielen, die Zanon-Mitarbeitern passieren. Im letzten Jahr wurde der Zanon-Arbeiter Pepe während einer Demonstration von Polizeigeschossen schwer an den Augen verletzt“, sagt Esteban Magnani, Autor von „El Cambio Silencioso“ („The Silent Change“) - ein Buch über die argentinischen Arbeiterkooperativen. “Der rechtsgerichtete Gouverneur von Neuquen heißt Jorge Sobisch. Er möchte gern der neue Carlos Menem werden (Menem war Argentiniens Präsident in den 90gern und verantwortlich für zahlreiche neoliberale Gesetze. Viele glauben heute, dass Menems Politik einen wesentlichen Anteil an der Wirtschaftskrise im Land hat). Um zu beweisen, wie hart er ist, versucht Sobisch, Zanon loszuwerden“, so Magnani. Kürzlich erklärte Gouverneur Sobisch, bei den nächsten Präsidentschaftswahlen zu kandidieren. “Die Polizei hat ihre Hand in der Sache, sie haben die Frau nicht beschützt, sodass die Kidnapper zurückkehren konnten“, fährt Magnani fort. “Offiziell weiß niemand, wer hinter der Entführung steckt, aber die meisten Leute sind sich ziemlich sicher, dass die Täter etwas mit der Lokalregierung zu tun haben... Zanon ist sehr politisch, sehr berühmt - schlecht für den Gouverneur, der gerne möchte, dass man ihn als rechten Heiland sieht. Sobisch glaubt, der Augenblick zum Durchgreifen sei gekommen, denn je länger er wartet, desto mächtiger wird Zanon.“
Anlässlich einer Pressekonferenz der Zanon-Mitarbeiter zu der Entführung, sagte Alejandro Lopez, Generalsekretär der Neuquener Keramikarbeiter: “Die Polizei hat Zanon nicht geholfen... In Neuquen läuft nichts ohne die Zustimmung der Lokalregierung“. “Neuquen ist keine Insel“, fährt er fort. “Was wir hier sehen, erleben wir auch andernorts. Auch die Arbeiter der Untergrundbahn hat man bedroht (sie verfügen über eine starke Gewerkschaftsgruppe, die erst kürzlich einen Streik in der ganzen Stadt organisierte). Sie stehen unter konstanter Überwachung. Auch Studentengruppen werden gedroht“. Zu der Pressekonferenz waren Hunderte Menschen gekommen. Sie fand im Hotel Bauen in Buenos Aires statt - ein Hotel, das von seinen Mitarbeitern geführt wird. Die Stimmung war düster. Die Erinnerung an Tod und Folter während der argentinischen Diktatur wiegt noch zu schwer in den Köpfen und Herzen der Argentinier. Die Entführung der Zanon-Mitarbeiterin erinnert brutal daran, dass es diese Horrortaten bis heute gibt - nach all den Jahren des Widerstands dagegen.
Hebe Bonafini ist eine der „Mütter der Plaza de Mayo“ - einer Gruppe Frauen, deren Söhne und Töchter während der Militärdiktatur “verschwanden“. Seit Jahrzehnten kämpfen die Frauen der Plaza für soziale Gerechtigkeit, für Menschenrechte und für eine Antwort auf die Frage: Was ist mit unseren Kindern passiert? “So etwas dürfen wir nicht zulassen“, kommentiert Frau Bonafini die Entführung. “Es ist notwendig, dass sich jetzt die Regierung damit befasst. Ich habe mich mit dem Innenminister in Verbindung gesetzt, er weiß also Bescheid. Er braucht nur noch zu handeln“.
“Kirchner und Sobisch sind verfeindet“, sagt Magnani. “Kirchner sieht sich als linken Führer. Sobisch sieht sich als Rechten. Eines von Kirchners Aushängeschildern sind die Menschenrechte. Die jetzige Entführung sowie die ständigen Drohungen lassen Kirchner keine Entschuldigung mehr, jetzt muss er etwas unternehmen“. In Neuquen und Buenos Aires kam es zu Protesten gegen das Kidnapping und die Einschüchterungsversuche. Verschiedene politische Gruppen sowie Menschenrechts-, Aktivisten- und Studenten-Gruppen versammelten sich in Solidarität mit dem Kampf für Gerechtigkeit. Brutale Akte wie diese sollen der Vergangenheit angehören. Eine Petition, mit der Sie sich mit den Zanon-Arbeitern solidarisch erklären können, finden Sie unter: www.petitiononline.com/zanon/petition/html Weitere Infos zu Zanon unter www.labase.org
Benjamin Dangl ist freier Journalist und arbeitet derzeit in Lateinamerika. Dangl gibt das Online-Magazin www.upsidedownworld.org heraus, in dem es schwerpunktmäßig um Aktivismus und Politik geht.
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