Mitternachtsbastarde
von Tariq Ali
07.07.2002 — Red Pepper / ZNet
Die militärische Antwort des amerikanischen Empire auf den 11. September hat die Welt gefährlicher und unsicherer gemacht. Seine politische Strategie hat Ariel Sharon und Vladimir Putin zu Schlüsselverbündeten im ‚Krieg gegen den Terror‘ und 'Islamo-Faschismus' befördert. Palästinensisches und tschetschenisches Leben ist in den Augen der Bush-Regierung unbedeutend und die liberalen belligeratti in Bezug auf diese Themen praktisch zum Schweigen gebracht worden. In Teilen der liberalen Presse sind die Reporter Teil der Propagandakampagne geworden, die das Regime im Irak zerstören und durch eine Marionettenregierung ersetzen soll.
Währenddessen hat die Ignoranz gegenüber der explosiven Situation in Südasien ein beunruhigendes Niveau erreicht. Die Zahl der Opfer pro Monat ist im Kaschmir höher als in Palästina, aber der Welt scheint das egal zu sein. Die Bevöl-kerung, erschöpft von jahrzehntelanger Gewalt, ist passiv und apathisch geworden, gleichgültig gegenüber den Kriegen, die in ihrem Namen geführt werden.
Die bewaffneten Dschihad-Gruppen in Pakistan, die versucht haben, durch die Bombardierung des indischen Parla-ments und Angriffe auf kaschmirische Zivilisten einen Krieg mit Indien zu provozieren, waren vom militärischen Geheim-dienst Pakistans ins Leben gerufen worden. Sind sie außer Kontrolle geraten? Oder spiegeln sie die Meinung der Frakti-on der erzürnten und verbitterten Falken in der Armee wider?
Die Inder für ihren Teil sagen, dass wenn die Vereinigten Staaten während ihrer Suche nach Terroristen ein Land bom-bardieren und seine Regierung ändern konnten, warum nicht Indien. Wenn Sharon palästinensische Gebiete besetzen und Zivilisten töten kann, warum nicht Indien? Wenn Putin Grosny dem Erdboden gleichmachen und den Tod von über 10.000 Tschetschenen überwachen kann, warum nicht Indien?
Diese Logik ist makellos, aber es ist absurd, von einem Imperium zu erwarten, dass es sich konsequent verhält. Imperia-ler Fundamentalismus ist viel rücksichtsloser und unbeirrbarer als jede andere Art von Fundamentalismus. An erster Stelle stehen immer die wirtschaftlichen und militärischen Interessen des amerikanischen Empire. Weil Pakistan ein wertvoller Verbündeter ist, kann Herrn Vajpayee aus Indien nicht erlaubt werden, dem Kriegsverbrecher, der Israel re-giert, nachzueifern. Deshalb bestand nie die Gefahr eines totalen Kriegs zwischen Indien und Pakistan. Das hätte die Bombardierung von Pakistans Militär- und Luftstützpunkten bedeutet. Da einige von ihnen derzeit vom Empire für den Krieg in Afghanistan benutzt werden, hätte das zu Opfern unter den US-Amerikanern geführt, was keine Regierung in Neu Delhi riskieren kann. Das nukleare Säbelrasseln war der Ersatz für einen richtigen Krieg und eine Gelegenheit für zu Besuch kommende Staatsmänner wie Blair, Cheney und Rumsfeld, ihre militärischen Waren beiden Seiten zum Kauf anzubieten.
Vor einigen Jahren wurde die Hoffnung erweckt, dass im Kaschmir eine Verhandlungslösung möglich sein könnte. Es sollte aber nicht sein. Die amerikanische Antwort auf den 11. September hat dies unmöglich gemacht.
Die Provinz selbst wurde zu einem Fußball und von beiden Seiten schwer gefoult. Die Terroranschläge werden offen-sichtlich vom pakistanischen Geheimdienst arrangiert. Indien antwortet mit Staatsterror. Hinter dieser Tragödie liegt eine offenkundige Lösung verborgen. Der Kaschmir ist ein unerledigtes Geschäft der Teilung von 1947. Seit der Unabhängig-keit von Indien und Pakistan 1947 ist er umstrittenes Gebiet. Die einfachste Lösung wäre ein Referendum gewesen, da-mit die Bevölkerung entscheiden konnte, zu welchem der beiden Staaten sie gehören wollte. Zu Beginn erklärte sich In-dien einverstanden, sabotierte dann aber alle Versuche der Kaschmiris, ihre Zukunft selbst zu bestimmen.
Gibt es einen Weg aus dieser Krise? Es gibt ihn, aber er würde viel Phantasie von Seiten der Südasien regierenden Poli-tiker und Generäle erfordern. Das Problem kann nicht gelöst werden, wenn man seinen Blick ausschließlich auf Kasch-mir richtet. Eine umfassende wirtschaftliche und politische Lösung ist nötig, die eine geteilte Herrschaft für Kaschmir ein-schließt. Eine südasiatische Union, etwa wie die EU, die Indien, Pakistan, Bangladesh, Nepal und Sri Lanka umfasst, könnte der Region insgesamt nützen. Während die Gründerstaaten ihre Souveränität behielten, könnte ein weiche Gren-ze zwischen ihnen Kaschmir zu wirklicher Autonomie verhelfen. Das könnte man auch auf die tamilischen Regionen Sri Lankas ausdehnen. Die Kaschmiris wären bereit, auf eine eigene Armee und Außenpolitik zu verzichten, wenn eine ge-teilte Herrschaft innerhalb eines breiteren Rahmens möglich wäre.
Die meisten Bewohner Südasiens wollen einen dauerhaften Frieden. Indien, Pakistan und Bangladesh allein haben zu-sammen weit über eine Milliarde Einwohner. Trotz der sprachlichen Vielfalt hat die ganze Region Kultur und Geschichte gemeinsam. Eine massive Reduzierung der Militärausgaben könnte ein nützliches Ergebnis sein. Weder Indien noch Pakistan können sich diese Waffen leisten. Beide Länder würden enorm profitieren, wenn die Milliarden statt für Atom-waffen für den Gesundheits- und Bildungsbereich verwendet würden. Da sich die beiden Staaten als Gegner gegenü-berstehen, erscheint so eine Lösung utopisch. Dabei ist sie in Wirklichkeit der einzige realistische Weg vorwärts.
Tariq Alis neuestes Buch 'The Clash of Fundamentalisms', das im Verso-Verlag erschien, enthält eine ausführliche Ge-schichte Kaschmirs.
[Auf Deutsch erschien das Buch unter dem Titel “Fundamentalismus im Kampf um die Weltordnung. Die Krisenherde unserer Zeit und ihre historischen Wurzeln.”]
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