Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Artikel Mord und Politik in Kolumbien
Artikelaktionen

Mord und Politik in Kolumbien

Eine Buchrezension

von Doug Stokes

11.03.2004 — ZNet

— abgelegt unter:

Besprechung von: Steven Dudley: „Walking Ghosts: Murder und Guerilla Politics in Colombia“. (zu dt.: Wandelnde Geister: Mord und Guerillapolitik in Kolumbien) erschienen bei Routledge. London 2004.

Dudley versucht mit seinem Buch die Wege nachzuziehen, auf denen Kolumbiens erste demokratisch- linke Partei, die Union Patriotica (UP - Patriotische Union), von den ultra- rechten Warlords der Paramilitärs während der 1980er und 1990er Jahre systematisch ermordet wurde. Die UP begann unter den gemeinsamen Anstrengungen des damaligen kolumbianischen Präsidenten Belisario Betancur und der größten Rebellenarmee, den Revolutionären Bewaffneten Streitkräften (FARC). Betancurs Friedenprozess diente dazu, dass traditionell aufgeschmissene politische System Kolumbiens für die UP zu öffnen, um einerseits einen Mechanismus für den demokratischen Ausdruck linker Politik zu ermöglichen, aber auch um andererseits die FARC in den kolumbianisch- demokratischen Prozess mit einzubinden. Dudleys Buch ist eine bedeutende englisch- sprachige Studie über eine in zu geringem Maße erforschte und dennoch entscheidende Periode in der kolumbianischen Geschichte, die folglich eine offene geschichtliche Lücke schließt. Er beweist sehr viel Einfühlungsvermögen für seine Themen und seine umfassenden Interviews mit einigen Schlüsselfiguren der UP sowie mit anderen weniger ritterlichen Charakteren wie dem Chef der Paramilitärs, Carlos Castano, liefern ein interessanten Blick auf die Wahrnehmungen der politisch Beteiligten dieser turbulenten Periode.

Und trotzdem sind Dudleys weit greifenderen Schlussfolgerungen teilweise Anlass zum Ärgernis. Er scheint z.B. das Scheitern des politischen Projekts der UP, den FARC in die Schuhe schieben zu wollen. Er argumentiert, dass die FARC wegen des Ausbaus ihrer militärischen Streitmacht während des gesamten Friedensprozesses schlechte Absichten verfolgte hätten. Unterdessen seien sich viele idealistischen AktivistInnen der UP oft nicht der parasitären Strategie der FARC bewußt gewesen, die versucht hätten, das erweiterte und von der UP geschaffene politische Kapital für sich zu nutzen. Dudley behauptet, dass die UP bloß ein weiteres politisches Instrument des „Aufstandsprojektes“ der FARC gewesen sei und dass die Strategie der FARC, legale und illegale Mittel zu kombinieren, um den Staat zu stürzen (la combinación de todas las formas de lucha), für die Paramilitärs der Hauptgrund gewesen sei, um die UP ins Visier zu nehmen. Genau sagt Dudley, dass „während den Rebellen ihre Doppelmoral half militärisch zu wachsen, lieferte sie ihren Feinden den Hebel, den sie benötigte, um sie [UP] zu attackieren“. Dudley scheint das Argument zu entwickeln, dass die FARC schlechte Absichten gehabt, den Deckmantel der UP zur Aufrüstung genutzt und la combinación mit verheerenden Konsequenzen für die UP fortgesetzt hätten. Die Paramilitärs werden hingegen häufig als defensiv reagierend beschrieben (als ob sie nur auf das Eindringen der FARC in ihren Geschäftsbereich oder im Fall der Castano Brüder, aus Rache für den Tod ihrer Mutter agierten).

Das Problem an dieser Darstellung ist, dass die Paramilitärs die unbewaffneten Linken angriffen, ohne dass sie echte oder vermutliche Verbindung zu den FARC unterhalten hatten, und dass sie es bis heute tun. In der Tat sind viele ihrer Opfer ZivilistInnen, die unter dem dünnen Vorwand der „anti- Unterwanderung“ ermordet werden. Dieser Vorwand wird benutzt, um oft eklatante Landnahmen, „soziale Reinigungs-“ operationen und Morde an progressiven sozialen Kräften, die eine Bedrohung für die Interessen der herrschenden Klasse Kolumbiens sind, zu verschleiern. Wie das U.S. Außenministerium argumentiert, sind die Paramilitärs im Wesentlichen „eine Söldnertruppe, die durch kriminelle Aktivitäten finanziert werden“, und „die privat bezahlte“ Armee der Drogenhändler und Großgrundbesitzer“. Mit anderen Worten sind die paramilitärischen Einheiten also ein wenig mehr als die privaten Milizen der herrschenden Klasse Kolumbiens. Dudleys Argument, dass die Gewalt gegen die UP auf die la combinación- Strategie der FARC zurückzuführen sei, geht insofern über die Realität hinaus, als dass angenommen wird, dass die herrschende kolumbianische Klasse in Abwesenheit der FARC weniger gewalttätig auf ein politisches Projekt reagiert hätte, das Kolumbiens sozio- ökonomisches System hätte umwandeln wollen. Dudley teilt uns mit, dass noch vor dem ersten Geburtstag der UP (und vermutlich noch bevor sich die FARC unter ihrer Schirmherrschaft ausdehnen konnte) 300 UP AktivistInnen bereits vom kolumbianischen Staat und den parastaatlichen Verbänden getötet wurden. Die Zerstörung der UP (über 3.000 AktivistInnen wurden bis Mitte der 1990er ermordet) überwiegend auf den militärischen Ausbau der FARC zurückzuführen, misst dem Argument zuviel Gewicht zu. Mensch könnte eher andersherum ernsthaft fragen, was die FARC angesichts des paramilitärischen Ansturms auf das demokratische Experiment der FARC hätte tun sollen. Ist Dudley der Meinung, dass die paramilitärische Gewalt gegen die UP schwächer gewesen wäre, wenn sich die FARC nicht militärisch erweitert hätte? Glaubt er, dass der kolumbianische Staat den Schutz ehemaliger FARC- Guerilleras/-os garantiert hätte, wenn sich die FARC demobilisiert hätte? Wenn die UP völlig unabhängig von den FARC eine glaubwürdige Bedrohung für die Interessen der herrschenden Klasse Kolumbiens dargestellt hätte, wäre sie dann ein Ziel niederen Ranges geworden? Traurigerweise deuten die geschichtlichen Beweise genau in die entgegengesetzte Richtung. Mensch muss nur das gegenwärtige Verhalten des Staates gegenüber unbewaffneten Linken betrachten. Es scheint so, als ob Dudley vereinzelt die PR- Ente des kolumbianischen Staates und der USA geschluckt hat, die die Ursachen für die schreckliche Gewalt in Kolumbien ausschließlich den FARC in die Schuhe schieben. Kurz gesagt: FARC = Aggressor, Paramilitärs = reagierende Verteidiger. Es steht völlig außer Zweifel, dass die FARC in jener Zeit zynisch in Beziehung zur UP gehandelt hat, aber Dudley lässt die kolumbianische Elite, ihr Militär und die privatisierten Paramilitärs zu leicht und zu schnell vom Haken. Die UP wurde zerschlagen, weil sie eine glaubwürdige und potentielle Bedrohung für die Interessen des kolumbianischen und des U.S. amerikanischen Kapitals waren. Der militärische Ausbau der FARC ist bloß ein Faktor unter vielen gewesen, der zum Ende der UP und dem traurigen Schlachten ihrer AktivistInnen beigetragen hat.

Insgesamt sollten alle, die sich für die Politik Kolumbiens und Lateinamerikas oder die bisher nicht ausreichend erforschte Geschichte des brutalen Krieges des kolumbianischen Staates gegen die Linke interessieren, dieses Buch lesen. Dudley hat einige sehr interessante Interviews geführt. Der echte Wert diese Buches verbirgt sich allerdings in dem Zugang zu den Meinungen der UP- AktivistInnen. Das Buch erzählt eine tragische Geschichte und veranschaulicht das immense Heldentum Tausender vergessener UP- AnhängerInnen, die ihr Leben für den Kampf für eine bessere Welt hergaben.

Doug Stokes´ Buch „Repackaging Repression: US Intervention in Colombia After the Cold War“ (zu dt.: „Neu verpackte Repressionen: U.S: Intervention nach dem Kalten Krieg“) wird in Zukunft bei Zed Books erscheinen.

Übersetzt von: christian stache
Artikelaktionen