Nachrichten, die nicht gedruckt werden dürfen
von Edward S. Herman
21.08.2002 — ZNet Kommentar
Die US-Medien haben sich in den vergangenen Monaten direkt überschlagen, um dem “Krieg gegen den Terror” eine ansehnliche Maske zu verpassen. So versuchte man beispielsweise den Eindruck zu erwecken, das afghanische Karzai-Regime repräsentiere die Afghanen - zähle also zu den berühmten “Fast-Demokratien”. Und dabei wurden die Resultate der US-Tötungsmaschinerie - Tod u. Verwüstung - ebenso runtergespielt wie die Beweise dafür, dass der Krieg mittlerweile zu einer Destablisierung der Lage in Nahost bzw. in Zentralasien geführt hat. Das ignorieren unsere Medien nämlich tunlichst, ebenso wie die Tatsache, dass dieser Krieg offensichtlich schon die Bühne bereitet, für weitere Gewaltschauspiele - mit Bush u. Scharon in den Hauptrollen. Bewundernswert, wie die Medien es zum Beispiel geschafft haben, Beweise für die massenhafte Folterung bzw. Ermordung tausender Taliban- u. Al-Kaida-Soldaten unter den Teppich zu kehren. Diese Dinge haben sich ereignet, nachdem sich die Kämpfer im November 2001 bei Kunduz General Rashid Dostum bzw. der Nordallianz ergeben hatten. Unterstützt durch die US-Luftstreitkräfte schlachtete die Nordallianz nur kurze Zeit später nämlich hunderte dieser Gefangenen im Gefängnisaufstand von Qala-i-Janghi ab. Auch eine unbekannte Zahl weiterer Kriegsgefangenener wurde in Qala-i-Janghi u. in anderen Gefängnissen erschossen bzw. dem Hungertod preisgegeben. Sowohl die UN-Menschenrechtskommissarin Mary Robinson als auch Amnesty International hatten hierauf eine Untersuchung der Vorkommnisse gefordert: ganz offensichtlich sei es zu gravierenden Verstößen gegen das internationale Recht gekommen. Spektakulärste Konsequenz dieses Protests: Mary Robinson trat von ihrem Posten zurück (‘America forced me out’ (Amerika hat mich zum zum Rücktritt gezwungen), Oliver Burkeman in ‘The Guardian’/ London vom 31. Juli 2002.) Übrigens nur ein Beispiel von vielen, wie Leute von “internationalen” Organisationen ‘zurückgetreten werden’ - wenn sie sich nämlich mit den USA anlegen. (Ein ähnlicher u. nicht weniger spektakulärer Fall: Jose Bustani. Man hat ihn dazu gebracht, die ‘Organization for the Prevention of Chemical Weapons’ (Organisation zur Verhütung chemischer Waffen) zu verlassen, weil “... man von mir erwartet hat, Befehle von der US-Delegation entgegenzunehmen”, und Bustani hatte sich geweigert.)
Aber weder der Rücktritt Mary Robinsons noch initiale Beweise für schwer- wiegende Kriegsverbrechen an Taliban- bzw. Al-Kaida-Gefangenen vermochten es ja, unsere Medien in erkennbarem Maß zu Berichterstattung u. Kritik anzuregen. Ihren Höhepunkt erreichte die Medien-Zurückhaltung im Interesse der Staatsräson allerdings im Zusammenhang mit einem Dokumentarfilm des irischen Filmemachers Jamie Doran: “Massacre at Mazar” - am 12. Juni 2002 in Deutschland herausgebracht. Der Film handelt hauptsächlich von der Beseitigung jener Taliban-Kämpfer, die sich im Norden Afghanistans ergeben hatten. Viele von ihnen hat man ja bereits in der Festung Qala-i-Janghi abgeschlachtet, einen großen Teil allerdings erst später. Doran präsentiert Zeugen, die behaupten, US-Streitkräfte seien am Gemetzel in Qala-i-Janghi aktiv beteiligt gewesen. Massenhaft hatte man Gefangene in Container praktisch ohne Sauerstoff gestopft u. zur Festung Qala-I-Zieni verfrachtet bzw. zum Gefängnis von Sherberghan. Von den 8000 (Taliban-/Al-Kaida-Kämpfern), die in Kunduz gefangengenommen worden waren, gelten mittlerweile um die 5000 als vermisst. Viele von ihnen ließ man vermutlich in den Schiffs-Containern ersticken, Überlebende erschoss man nach der Ankunft (der Container-Lastwagen). Jamie Doran, ein langjähriger BBC-Filmer, zeigt in seinem Film Bildmaterial über Massengräber nahe Sherberghan u. Mazar-I-Sharif u. von Überresten feindlicher Soldaten dort. Zudem hat er einen afghanischen General gefilmt, der als Augenzeuge offen zugibt, beim Beladen der Container mitgeholfen zu haben (200 bis 300 Gefangene pro C.), er filmt einen afghanischen Soldaten, der zugibt, Löcher in die vollen Container geschossen zu haben. Ein anderer afghanischer Soldat berichtet, er habe gesehen, wie ein amerikanischer Soldat einen Gefangenen zuerst gefoltert u. danach getötet hat. Doran interviewt auch zwei der Container-Fahrer - Zivilisten - sie geben an, die Laster nach Dasht Leili gebracht zu haben, “...wo die Gefangenen, die noch am Leben waren, erschossen wurden”. Die beiden behaupten, dass auch 30 bis 40 Amerikaner bei den Erschießungen anwesend waren. Und noch mehr Zeugen kommen zu Wort.
Am 12. Juni wurde Dorans Film Mitgliedern des Deutschen Bundestags vorgeführt, am 13. Juni den Mitgliedern des Europäischen Parlaments sowie Pressevertretern. Eine Reihe geschockter Euro-Parlamentarier u. Menschenrechts-Aktivisten forderten hierauf eine sofortige Untersuchung (der Vorkommnisse). Ein Untersuchungs-Team des PHR, ‘Physicians for Human Rights’, (Ärzte für Menschenrechte) wurde vor Ort geschickt u. fand auch tatsächlich zwei Massengräber vor. Es exhumierte aus einem ‘Testfeld’ 15 Leichen, nahm an dreien davon Autopsien vor (bei allen 3 Männern handelt es sich um ethnische Paschtunen. Alle 3 waren erstickt. Der volle PHR-Report ist nachzulesen unter: http://www.phrusa.org/research/afghanistan/report_graves.html). Am 13. Juni brachte PHR eine Pressemitteilung heraus. Zudem verschickte die Ärzteorganisation Briefe - an den afghanischen Präsidenten Karzai, an offizielle Stellen in Großbritannien, an offizielle Stellen in den USA - forderte darin dringlich eine umfassende forensische Untersuchung sowie die Sicherung der Massengräberstellen. Keine Antwort kam zurück. Und das Pentagon stritt jede Verwicklung der USA in die Sache ab.
Und was tat unsere ‘freie Presse’ - wie reagierte sie auf Dorans Film, auf die Anschuldigungen? Erinnern wir uns an die Fakten: es geht um 5000 verschwundene Gefangene. Doran ist ein äußerst renommierter Filmemacher, u. dieser Mann liefert uns also einen Film mit Augenzeugen-Berichten aus erster Hand über gröbste Menschenrechtsverletzungen bzw. Tötungen. Und anschließend bestätigt auch noch ein Team des PHR seine Massengräber-Aufnahmen. Wenn es einen solchen Film u. solche Untersuchungs-Berichte im Kosovo gegeben hätte, ich garantiere, die Mainstream-Medien wären völlig aus dem Häuschen gewesen u. hätten sich mit Feuereifer auf die Sache gestürzt. Aber schließlich handelt es sich bei den Opfern in Afghanistan ja nur um nichtsnutzige Taliban, u. zudem würde die Aufklärung der Vorgänge womöglich dem ‘Krieg gegen den Terror’ eine Schlappe zufügen. Folglich übertrafen sich die US-Medien auch im Totschweigen: Keine einzige US-Zeitung, kein Fernsehsender, der, laut Lexis-Nexis, aus der Reihe tanzte u. Dorans Film auch nur erwähnt hätte (Ausnahme: ‘Salon’ stellte am 14. Juni 2002 einen Artikel von Michelle Goldberg ins Netz mit dem Titel: ‘Were U.S. troops in Afghanistan complicit in a massacre?’ (Waren US-Truppen in Afghanistan Komplizen eines Massakers?).
Nicht ganz so gut klappte die Totschweige-Taktik unserer Medien im Falle eines unter den Teppich gekehrten UN-Reports bzgl. der Opfer von Kakarak (US-Bombardement einer afghanischen Hochzeitsgesellschaft am 1. Juli 2002). Dennoch beeindruckend auch hier, wie es medienseits gelang, sich herauszuwinden bzw. die Sache runterzuspielen. Schon am Tag nach den Ereignissen vom 1. Juli besichtigte ein UN-Team - das sich ohnehin in Afghanistan aufgehalten hatte -, den Tatort des Hochzeitsparty-Massakers. Der entsprechende Bericht spart nicht mit Kritik an den Aktionen der Amerikaner. Das Team kam zu folgenden Schlussfolgerungen: die US-Behauptung, man habe nur auf “feindliches Feuer” geantwortet, sei eine glatte Lüge. Von offizieller Seite würden die Opferzahlen des Angriffs heruntergespielt (etwa 80 Tote u. 200 Verletzte). Die US-Bodentruppen hätten den afghanischen Frauen (hinterher) die Hände gefesselt (was ja Standardpraxis der US-Bodentruppen in Afghanistan zu sein scheint), sie hätten die Verletzten stundenlang medizinisch unversorgt gelassen u. stattdessen lieber eine aktive Tatort-”Säuberung” durchgeführt - sprich Beweismaterial wie Schrapnells u. Ähnliches verschwinden lassen. Ein Mitglied des UN-Teams ließ den Report vorab an die ‘London Times’ durchsickern - wahrscheinlich, weil man die (berechtigte!) Befürchtung hatte, der Report könnte erst gar nicht zur Veröffentlichung kommen. Die ‘London Times’ brachte jedoch lediglich eine kurze Zusammenfassung (am 29. Juli) unter der Überschrift: ‘US accused of airstrike cover-up’ (Den USA wird vorgeworfen, die Wahrheit über einen Luftangriff verdeckt zu haben). Daraufhin erklärten offizielle UN-Stellen zuerst, man verspreche, den Report innerhalb der nächsten 24 Stunden herauszugeben - schließlich sei er “... von erfahrenen u. anerkannten UN-Leuten”, verfaßt, “die sich über längere Zeit in der Region aufgehalten haben und sich somit gut auskennen”. Aber dann plötzlich hieß es, nein, der Bericht werde nun doch nicht veröffentlicht, er sei nämlich “...nicht genügend dokumentiert, u. er (enthalte) nicht ausreichend unterlegte Wertungen”. Zudem sei es überhaupt nicht die Aufgabe dieser UN-Gruppe, Militäraktionen der USA bzw. des afghanischen Militärs zu bewerten. Diese Leute befänden sich ja nur in Afghanistan, um humanitäre Hilfe zu leisten. Und ein anderer UN-Sprecher: “die Untersuchungs-Ergebnisse sind weder vollständig noch logisch”. Auch Afghanen-Präsident Hamid Karzai, “in Begleitung seiner Bodyguards von den ‘US-Special Forces’”(so AP-Online vom 2. August) wies den Report zurück. Dabei hatten die UN längst beschlossen, ihn nicht an die Öffentlichkeit zu geben. Vielmehr entschied man sich, ihn an die offiziellen amerikanischen / afghanischen Ermittler weiterzuleiten - vielleicht, weil man dachte, er könne diesen bei Erstellung ihres zweifellos vollständigen, logischen u. (absolut) objektiven Abschlussberichts von Nutzen sein. (Bedenkenswert in diesem Zusammenhang: am 1. August veröffentlichte die UNO den Dschenin-Bericht. In diesem Fall waren die Ermittler ja ausschließlich auf Zweite-Hand-Quellen angewiesen, da man ihnen den Zutritt nach Dschenin verweigert hatte. Aber: d i e s e r Bericht wird von der Mainstream-Presse als aussagekräftig, ausreichend vollständig, logisch u. objektiv akzeptiert).
(Aber wieder zurück zum afghanischen Hochzeits-Massaker / UN-Report:) AP (Associated Press), UPI (United Press International) u. andere ausländische Nachrichtenagenturen - ebenso die britische Presse - haben über die Sache einigermaßen umfassend informiert. Ganz anders die amerikanischen Medien: Die einzigen US-Medien, die den UN-Report und/oder dessen Unterdrückung überhaupt erwähnt haben, sind die ‘New York Times’, die ‘Washington Post’, die ‘Washington Times’ sowie die ‘Chicago Tribune’. Im Artikel der ‘New York Times’ faßt Charlotta Gall - kurz u. knapp - die im Report aufgestellten Behauptungen zusammen; den Gegenargumenten des Pentagon widmet sie ein bißchen mehr Zeilenplatz (‘Rohe Aktion: die UN bewerten einen US-Angriff auf Afghanen’, Ch. Gall, am 30. Juli 2002). Nach diesem Artikel verlor die ‘New York Times’ allerdings komplett das Interesse an der Story u. hat sie nicht weiter verfolgt. Die ‘Chicago Tribune’ konstruiert ihren Artikel vom 31. Juli nicht etwa um den Report selbst herum, respektive um dessen Nichtveröffentlichung, vielmehr geht es darin schwerpunktmäßig um die Behauptung der USA bzw. der UN, nie sei etwas unter den Tisch gekehrt worden. In der ‘Washington Post’ vom 3. August taucht die Sache klein-klein unter ‘Welt in Kürze’ auf - wobei es hauptsächlich um Hamid Karzais Kritik an (Zeitungs-) Berichten geht, in denen steht, die UN hätten unter Druck der USA versucht, die Sache zu vertuschen. Der beste Artikel stand in ‘The Washington Times’ vom 30. Juli - auch er jedoch kurz u. bündig. Darin werden die Verrenkungen, die Manöver, der UN hervorgehoben - die schließlich ja in der Ankündigung gegipfelt hatten, den Report der Öffentlichkeit vorzuenthalten. (‘Durchgesickertes über Bombenfehlwurf wird heruntergespielt’, von Betsy Pisik).
Genauso wie Dorans Film ist auch die Story des unter den Teppich gekehrten UN-Reports peinlich, peinlich - zumal sie auf die amerikanischen Aktionen in Afghanistan ein sehr schlechtes Licht wirft; aber nicht nur das, sie führt auch die offizielle UNO vor (sowie Karzai) - in all deren Feigheit, in all deren mangelnder Unabhängigkeit. Seltsam diese Geschichte - einerseits so berichtenswert u. andererseits politisch so brisant: Und ausgerechnet die im Besitz der Moon-Sekte befindliche ‘Washington Times’ muss es sein, die darüber korrekt berichtet, während beispielsweise die ‘New York Times’ kläglich versagt - im Grunde ja die ganze ‘freie Presse’ (Amerikas).
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