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Nächstes Jahr in Mas'ha!

von Starhawk

06.05.2003 — ZNet

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Nachdem ich einen Monat in den besetzten Gebieten von Palästina mit der Internationalen Solidaritätsbewegung (ISM) gearbeitet habe, einem Monat, in dem eine unserer jungen Frauen absichtlich von einem israelischen Fahrer mit dem Bulldozer überfahren wurde und zwei junge Männer absichtlich angeschossen wurden, der eine ins Gesicht, der andere in den Kopf, war ich nicht mehr in der Lage, einen Seder-Abend - nicht einmal mit meinen Freunden vom israelischen Friedenslager - zu begehen. Ich hätte nicht ruhig sitzen und die alte Sklaverei betrauern und den Auszug ins verheißene Land feiern können. Ich fürchtete, dass ich die bitteren Kräuter und das Salz über den Sedertisch gespuckt und irgend etwas zerbrochen hätte. Also ging ich in das Friedenszeltlager bei Mas'ha. In Mas'ha waren Leute nötig. Es war Vollmond, und ich dachte, ich könnte mich im Mondenschein einfach auf den Boden legen, damit einige Bitterkeit "wegfließt". Mas'ha ist ein Dorf auf der Linie, auf der der sog. "Sicherheitswall" gebaut werden soll. Hier wurde auf Wunsch der Bewohner, meistens Bauern, die der Enteignung von 98 % ihres Landes gegenüberstehen, ein Friedenslager errichtet.

Mas'ha, an einer der Hauptstraßen nach Israel gelegen, hatte einst einen blühenden Handel - bis die Israelis die Straße absperrten. Die Bauern kultivieren Oliven, Feigen, Weintrauben und Weizen, doch nun ist das Land für den Mauerbau enteignet worden, ohne dass eine Entschädigung gezahlt wird. An manchen Stellen ist die Mauer eine 10 m hohe Betonbarriere mit Wachtürmen versehen. An andern Stellen ist es ein elektrischer Zaun in einem tiefen Graben aus nacktem, kahlem Gestein, von Straßen flankiert, auf denen ständig Soldaten patrouillieren. Diese Mauer wird das Dorf bald von der benachbarten Siedlung Elkana trennen, mit der es immer friedliche Beziehungen gehabt hatte. Kein bewaffneter Widerstand, keine Selbstmordattentäter sind jemals von Mas'ha gekommen.

Mit dieser Aussicht konfrontiert, die nur wenige Wochen vorher bekannt gegeben wurde, kam der Dorfrat zu einem bewundernswerten Entschluss. Obwohl er jeden Grund zum Hassen der Israelis hätte, entschied er sich, Israelis einzuladen, zusammen mit den Leuten von ISM und dem Internationalen Frauenfriedensdienst. Wir setzten ein Zeltlager an den Rand der Bulldozerroute, als Zeuge und zur Dokumentation der Zerstörung. Bei Mas'ha zu sein, heißt, am absoluten Rand des Konfliktes zu sein. Die Straßensperre, die das Dorf von der Siedlung trennt, ist die Trennung von zwei Realitäten.

Ich fuhr von Tel Aviv nach Elkana mit dem Siedlerbus, der voll älterer Frauen war, die meine Tanten und mit alten Männern, die meine Onkels hätten sein können. Es waren auch ein paar jüngere Leute drin und jeder wünschte beim Verabschieden den anderen Hag Sameach! Fröhliche Feiertage für Pesach, das jüdische Osterfest. Wir fuhren durch eine Siedlung, um Leute aussteigen zu lassen. Für mich war es eine Fahrt wie durch einen transplantierten süd-kalifornischen Vorort, üppige Gärten und neue Häuser, alle mit einer Aura von Wohlhabenheit. Alle aus Sicherheitsgründen mit einem bewaffneten Wächter versehen, mit Stacheldrahtzaun umgeben und israelischem Militär. Die für die Landschaft charakteristischen Olivenbäume stehen auf dem Mittelstreifen der Straße. Ich vermute, sie wurden von einem Bauern gestohlen und hier neu eingepflanzt - was vorher den Palästinensern zum Leben diente, wird nun zum dekorativen Element der Siedlungen.

Von Elkana ging ich ein paar hundert Meter die Straße hinunter und kletterte über die von Bulldozern geschaffene Straßensperre, um die Palästinenser von Israel fernzuhalten.

Nun war ich in einem staubigen Dorf aus alten Steinen und neuen Zementhäusern, geschlossenen Läden. Dahinter eine offene Hügellandschaft mit uralten Olivenbäumen. Das Zeltlager stand auf einem kleinen Hügel, zwei rosa Zelte in einem Olivenhain auf steinigem Grund voll von wilden Blumen, gelbem Ginster und Feigenkakteen. Die Olivenbäume gaben Schatten und manchmal dienten sie als Rückenlehne. Wenn man in eine Richtung schaut, dann dehnt sich das Graugrün der Olivenhaine unterhalb der Hügel meilenweit aus. Im Hintergrund blaue Hügel und dazwischen kleine Dörfer. Aber rund um den Hügel und über die Hügellandschaft ist eine breite, graue Schneise gezogen, eine Zone der Zerstörung, ein breiter Streifen mit ausgerissenen Bäumen und blankem Untergrund, wo eine überdimensionale Maschine sich entlang wälzt wie ein riesiges präs-historisches Ungeheuer, das Felsen grabscht und zerkleinert, Erde verschlingt, die Luft mit Staub und mechanischem Bellen seines Motors erfüllt.

Als ich ankomme, sitzt ein junger Mann unter einem Baum und schreibt mit schwarzem Stift auf Steine. Er ist ein Bauer. Er sagt mir, dass er auf arabisch schreibt: " Zerstört diese Bäume nicht!" Er denkt einen Augenblick nach und fügt dann noch eine Zeile hinzu. Ich bitte ihn, mir dies zu übersetzen. Er lächelt mich an und zeigt auf den Boden. "Was ist dies?" "Erde?" Ich weiß nicht, ob er Erde, Boden oder Land meint. "Die Erde spricht arabisch," sagt er.

Alle Israelis außer einer sind gegangen, um mit ihren Familien Pessach zu feiern. Nur zwei von uns , vom ISM und eine Frau vom IWPS sind geblieben, um mit zwei Palästinensern das Lager zu bewachen. Als der Vollmond aufstieg, lag ich auf dem steinigen Boden und meditierte. Ich hoffte, etwas Frieden oder Heilung zu finden - aber die Erde hier wird gefoltert und ich spürte ihren Schmerz. Tiefer und tiefer durch die Erdschichten und Jahrhunderte und Epochen hindurch hörte ich, wie die Menschen von damals weinen. Das Land ist blutgetränkt und Generationen standen unbarmherzigen Mächten gegenüber und wurden niedergemäht. Warum soll es mit uns heute anders sein?

Um 3 Uhr nachts wache ich auf. Nun bin ich an der Reihe mit dem Wachdienst. Ich sitze am Feuer, erschöpft und schlafe wieder ein. Am Morgen wache ich ganz niedergeschlagen auf.

Aber Leute kommen schon zu einem Mittagstreffen an. Die Frauen von der IWPS und die Männer vom Dorf und Dutzende Israelis. Wir sitzen im offenen Zelt und reden darüber, wie man eine Kampagne gegen den Mauerbau bilden könnte. Einer der Männer, Steinhauer von Beruf, baut zu unsern Füßen Miniaturgebäude aus den da liegenden Steinen. "Wahrscheinlich können wir den Mauerbau hier nicht mehr stoppen," sagt ein Mann aus dem Dorf, " aber vielleicht können wir dies woanders stoppen."

Die Israelis, die gekommen waren, sind fast alle jung. Es sind Anarchisten, Punks, Schwule und Studenten mit wilden Frisuren. Es fällt mir ein, dass der Bürgermeister von Mas'ha und die Dorfältesten - aus einer sehr konservativen Gesellschaft - wohl viel mehr mit den Orthodoxen Juden gemeinsam haben, die sie hassen, als mit diesen wilden, sozialen Rebellen . Aber das Dorf akzeptiert sie mit Anstand und einem warmherzigen palästinensischen Willkommen. ....

Später treffen wir die Frauen des Dorfes, die wissen wollen, ob wir ihnen irgend wie helfen können. Sie sind dabei, die Grundlage ihres Lebensunterhaltes zu verlieren. Gibt es da noch etwas, was wir tun können? Wir haben ein langes Gespräch über das, was wir in der ISM tun und versprechen Organisationen zu suchen, die sich Dorfentwicklungsarbeit beschäftigt.. Sie sind begeistert als sie erfahren, dass wir an den Checkpoints stehen und beobachten und helfen, dass Leute durchkommen. Studenten aus dem Dorf, die zur Universität gehen, werden oft an den Checkpoints festgehalten oder sie müssen einen Umweg durch die Berge machen. Vielleicht können wir ihnen helfen.

Zurück im Lager waren auch alle jungen unverheirateten Männer - shabab - gekommen. Wir saßen rund ums Feuer, während zwei der Männer ein Essen bereiteten. Wir lachten und redeten. Und plötzlich wurde mir bewusst, dass etwas Wunderbares geschieht: Die Israelis und die Palästinenser können mit einander reden, weil die meisten der jungen Männer hebräisch sprechen. Sie liegen rund ums Feuer, reden und erzählen Geschichten, lachen und sind ganz entspannt. Sie sitzen da am nächtlichen Feuer wie jede andere Gruppe junger Menschen, als ob sie nie bittere Feinde wären, als ob es so einfach wäre, zusammen in Frieden zu leben.

Es war also ein seltsamer Seder-Abend in diesem Jahr: Pita anstelle von Matzen, Rührei mit Tomaten, Hummus anstelle von Hühnersuppe, Wasser anstelle von Wein und anstelle von bitteren Kräutern, die ich schon gekostet hatte, ein lieblicher Wink von Hoffnung.

Ich kann nicht mehr "Nächstes Jahr in Jerusalem!" sagen. Ich kann nicht mehr an das verheißene Land glauben, das fordert, dass Betonmauern und Wachtürme gebaut und weiter gemordet wird, um es zu verteidigen. Es wäre weit besser, wenn wir die alten Steine von Jerusalem aufgeben würden ...

Aber ich würde gerne an das Versprechen von Mas'ha glauben, an das Beispiel der Leute, die mit schlimmster Zerstörung von allem, was sie benötigen und was ihnen teuer ist, konfrontiert sind, die ihre Herzen gegenüber den Söhnen und Töchtern ihrer Feinde öffnen und sie um Hilfe bitten . Ich würde gerne an das Israel glauben, das in den Augen derjenigen reflektiert, die auf diesen Hilferuf antworten. Dass irgendwie der Abgrund zwischen denen, die erobern und jenen, die der vollständigen Eroberung wiederstehen, Brücken und Verbindungen entstehen und Treffen stattfinden, die die Mauern der Trennung niederreißen. Im nächsten Jahr wird es das Lager von Mas'ha wahrscheinlich nicht mehr geben. Die Bauunternehmer, die für das israelische Militär arbeiten, haben schon begonnen, einen tiefen Graben zu sprengen, der bald die Olivenhaine vom Dorf abschneidet. Die internationale Kampagne gegen den Mauerbau hat begonnen - aber die Wirklichkeit ist die, dass sie die Macht und Fähigkeit haben, schneller zu bauen als wir die Kampagne gegen sie organisieren können.

Und doch sage ich noch einmal als Akt des puren Glaubens: nächstes Jahr in Mas'ha!

(www.starhawk.org)

Starhawk ist eine Aktivistin, Organisatorin und Autorin mehrerer Bücher über Feminismus, politische und erd-gebundene Spiritualität. Sie war im März und April 2003 in Palästina mit ISM, die gewaltfreien Widerstand unterstützt und die Menschenrechte der pal. Zivilisten schützt.

Orginalartikel: Next Year at Mas'Ha
Übersetzt von: Ellen Rohlfs
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