Neue Ziele
von Michael Albert
24.05.2001 — ZNet Kommentar
Wir Gegner der Globalisierung wenden uns gegen imperiale, von oben aufgesetzte Handelsbeziehungen. Wir sind dagegen, dass die Reichen immer reicher werden. Wir lehnen es ab, dass die Armen immer ärmer werden. Wir lachen über unsere Leitartikler, die uns weismachen wollen, dass die Globalisierung unsere Welt in positiver Weise durch eine neue Art der Kommunikation und des Reisens verbindet. Wir brechen in schallendes Gelächter aus, wenn wir hören, dass die Globalisierung Demokratie und unsere Mitbestimmung fördern soll. Es ist für uns offensichtlich, dass Globalisierung nur ein anderer Name für eine Neufassung internationaler Normen für Handel, Macht und Kultur ist. Es liegt auf der Hand: Die Globalisierung stärkt US-amerikanische und europäische Eliten und schwächt Bevölkerung und Regierungen. Kurzum: Für uns ist Globalisierung der Imperialismus des 21. Jahrhunderts und wir wollen sie aufhalten.
Einmal angenommen, wir sind gegen internationale Ungerechtigkeit und Unterdrückung. Sollten wir uns nicht auch in unserem eigenen Lande dagegen wenden? Als zentrale Institutionen internationaler Verarmung sind die WTO, die IMF und die Weltbank ideale Angriffspunkte. Aber warum nicht auch das Weiße Haus? Oder die Wallstreet? Warum nicht unsere lokalen Handelskammern? Und wie ist es mit den großen Kapitalgesellschaften gleich hier in unserem Lande? Sollten wir uns nicht gegen unsere Informationsmanager wenden, die in Presse, Fernsehen und Radio das Lied der Globalisierung singen? Wie halten wir es mit den präsidialen Palästen, den Aktienmärkten, Kapitalgesellschaften und der Mainstream-Presse von Britannien bis Thailand, von Peru bis Australien, von Kanada bis Japan und von Brasilien bis Indien?
Und weiter, wenn wir uns schon gegen Geschäftemacherei, autoritäre Machtausübung und Informationsmanipulation durch die Medien wenden, müssen wir dann nicht auch für eine gerechte Verteilung von Ressourcen und Vermögen sein? Warum sollten wir nicht für eine Art der Beschlussfassung eintreten, die einem jeden Beteiligten ein Mitspracherecht über die Umstände seines eigenen Lebens gibt? Oder für eine Art der Informations- und Kulturpolitik, die Wahrheit respektiert und auf die Bedürfnisse großer Bevölkerungsteile eingeht?
Gegen das Profitstreben und den Wettbewerb setzen wir Gerechtigkeit und Kooperation. Gegen Ausgrenzung und Autorität setzen wir Teilnahme und Eigenverantwortung. Gegen Lügen und Manipulation setzen wir Wahrheit undehrliche Kommunikationsbereitschaft.
Unsere Aktivitäten gegen die Globalisierung sind ein internationales Phänomen und ein schwer wiegender Vorgang. Nicht nur verwandte Institutionen wie IMF und Weltbank, sondern auch kapitalistische Märkte und Eigentumsverhältnisse, welche in erster Linie für die Globalisierung verantwortlich sind, stehen auf dem Spiel.
Wir müssen deshalb weiter wachsen, einsatzfähiger werden und unser Verständnis schärfen, nicht nur um das Bewusstsein der Menschen zu wachzurütteln, sondern auch um fähig zu sein, durch steigenden Aktivismus Druck auf unsere Eliten auszuüben, bis die sozialen Kosten zu hoch werden und sie gezwungen sind, nachzugeben. Unsere Bewegung muss einen Fahrplan entwickeln, der weitreichendes Interesse weckt, und wir müssen Mittel zur Verfügung stellen für eine andauernde Beteiligung. Wir brauchen mehrere und unterschiedliche Ziele, auf die die Bewegung fokussieren kann und welche lokale, nationale und internationale Auswirkungen haben. Und das nicht nur ein- oder zweimal im Jahr.
Welchen Weg sollen wir nun gehen? Ich mache hier einige Vorschläge:
(1) Die Antiglobalisierungsbewegung muss ihre Ziele hervorheben und unterstreichen. Wir müssen abklären, was wir unter Alternativen für internationale Beziehungen verstehen und auch was wir meinen, wenn wir von einer kooperativen und gerechten Wirtschaftsordnung sprechen, die in der Lage ist, das Leben der Menschen zu verbessern. Unsere Ablehnung autoritärer Handelsinstitutionen bedarf als Untermauerung einer Klärung unserer Einstellung zur Marktwirtschaft und zu den Kapitalgesellschaften, sowie eine Perspektive, wie wir diese Institutionen ersetzen wollen. Sicherlich erreichen wir diese gemeinsamen Ziele nicht durch magisches Handauflegen. Wir können nur Zukunftsvisionen entwickeln, indem wir diese Themen gemeinsam ansprechen, debattieren, erforschen und anfangen, daraus nützliche Konsequenzen zu ziehen. Wir müssen dann versuchen, die Ergebnisse so weit wie möglich zu verbreiten. Die Medien und wichtiger noch unsere politischen Verbündeten fragen uns immer wieder: "Was wollt ihr eigentlich?"Ob wir weiterhin Erfolg haben werden, hängt davon ab, ob wir diese Frage auf intelligente und überzeugende Art und Weise beantworten können.
(2) Wir müssen uns klar darüber sein, dass wir so viele Menschen wie nur möglich anzusprechen und Mittel für ihre Beteiligung an unserer Bewegung bereitzustellen haben. Unser strategisches Ziel kann nicht nur sein, nur eine kleine Armee von couragierten, kreativen und mutigen Dissidenten zu unterstützen. Wir brauchen viele in der Bewegung, nicht nur ganz wenige, ungeachtet wie engagiert die wenigen auch sein mögen. Und für unser Ziel sind Tausende, ja Zehntausende auch nur wenige. Um eine kritische Menge zu erreichen, müssen wir den Anschein korrigieren, dass wir in weit entfernte Städte reisen müssen, um dort gegen die Globalisierung zu demonstrieren und uns dabei möglicherweise Tränengas und Polizeiknüppeln aussetzen oder gar Pflastersteine werfen und Gummigeschossen ausweichen müssen.
Zum einen werden sich nur wenige bisher Unbeteiligte dazu bewegen lassen, von heute auf morgen in eine derartige Konfrontation einzusteigen. Zweitens, nur wenige sind in einer Position, die es ihnen erlaubt, auf diese Art aktiv zu werden, auch wenn sie es sich noch so sehr wünschen. Die meisten haben nicht die Zeit oder das Geld und sind auch aus familiären, emotionellen, physischen oder beruflichen Gründen nicht in der Lage, auf diese Weise aktiv zu werden. Viele werden auch die Wirksamkeit dieser Methoden bezweifeln. Wir stehen also vor den Tatsachen:
(i) Eine Bewegung, die Veränderungen in internationalen Handelsbeziehungen erreichen will, braucht Millionen und sicherlich nicht nur paar tausend Teilnehmer.
(ii) Nur wer in einer kontinuierlichen Weise in der Bewegung aktiv ist, kann wirklich als Teilnehmer bezeichnet werden.
(iii) Aus alledem können wir schließen: Wenn unsere Bewegung so wachsen soll, dass sie wirklich effektiv wird, müssen wir den Menschen dort, wo sie wohnen, etwas anbieten, und zwar in Übereinstimmung mit ihren Neigungen und Möglichkeiten.
(3) Indymedia http://de.indymedia.org ist ein großartiges und verblüffendes Nebenprodukt des Antiglobalisierungsprojekts. Aber wie wäre es, wenn diese in der ganzen Welt angesiedelten Organisationen sich einer weiteren Aufgabe widmen könnten. Indymedia Organisationen machen es sich zur Aufgabe, Wege zu finden, um alternative Meinungen einem lokalen Publikum nahe zu bringen. Dies sollte als Priorität auch beibehalten werden. Aber könnte nicht Indymedia ein Art Zellkern werden, um den sich Aktionen gegen die Mainstream-Medien organisieren ließen? Indymedia könnte regionale Versammlungen unterstützen, welche das Bewusstsein bezüglich des Informationsgehalts der Mainstream-Medien schärfen. Eventuell könnten später dann auch Massenproteste gegen die Mainstream-Medien unterstützt werden. Würde das nicht neue Dimensionen eröffnen, neue Ziele und Themen, auf die die Bewegung sich konzentrieren könnte?
Um unser Ziel zu erreichen, müssen wir einen weitgestreuten Aktivismus schaffen, den unsere Eliten nicht mehr manipulieren oder unterdrücken, aber auch nicht einfach ignorieren können. Nur so können wir logischerweise kurz oder mittelfristig auf gesellschaftliche Änderungen hoffen. Aber was bedroht unsere Eliten und kann nicht einfach unterdrückt oder in eine andere Richtung manipuliert werden? Die einzige Antwort, die ich kenne, ist eine schnell wachsende Anzahl von Dissidenten, welche, sich auf diverse Ziele konzentrierend, mit ständig wachsendem Einsatz und Kampfgeist operieren. Um Erfolg zu haben, brauchen wir all diese Eigenschaften, nicht nur eine oder zwei davon, sondern alle drei.
(i) Unsere Bewegung muss vielseitige Taktiken anwenden, damit die Mitgliedschaft ihre Ziele deutlich machen kann und der Eindruck vermieden wird, dass nur einige wenige für die gesamte Bewegung sprechen.
(ii) Unsere Bewegungen müssen verschiedene Themen ansprechen, damit einzelne Teile der Bewegung ihre eigenen Prioritäten setzen können. Dabei darf kein Teil einen anderen monopolisieren, sondern im Gegenteil, es sollten immer Möglichkeiten gefunden werden, die anderen zu unterstützen. Zum Beispiel könnten Globalisierungs-Aktivisten auch die Arbeit von "living wage"-Aktivisten oder streikende Gewerkschafter unterstützen. Anti-Kriegs-Aktivisten könnten Menschen anderer Hautfarbe unterstützen und sich mit gegen Unterdrückung durch Polizei, rassistische Gewalt und Verarmung einsetzen.
(iii)Unsere Bewegungen brauchen eine militante Spitze, welche den steigenden Unmut der Bevölkerung für alle sichtbar macht, sich aber trotzdem nicht vom Hauptteil der Bewegung entfernt. In anderen Worten, wenn der Eindruck entstehen sollte, dass aggressiver ziviler Ungehorsam der einzige Ausdruck unserer Opposition ist, so werden wir wenig Erfolg haben. Entsteht aber aggressiver ziviler Ungehorsam ganz natürlich, auf einem wachsenden Berg breiten Widerstandes, abgesichert durch das öffentliche Eintreten von Millionen andersdenkender Menschen, dann sind wir auf dem Weg zu ernsthaften sozialen Veränderungen. In den letzten Monaten wurde einiges in dieser Richtung auf den Weg gebracht, und wir sollten diese Ziele nicht aus dem Auge verlieren.
Letztendlich müssen wir uns auch Klarheit verschaffen über die Anwendung von Gewalt. Es ist ganz einfach. Der Staat hat ein Monopol darüber. Das heißt, es gibt keine Möglichkeit für die Öffentlichkeit, im Besonderen nicht in den entwickelten Erste-Welt-Ländern, auf dem Gebiet der Gewalt mit ihren Regierungen zu konkurrieren. Dies sollte völlig klar und einleuchtend sein. Unsere Stärke sind Information, Tatsachen, Gerechtigkeit, Ungehorsam und unsere numerische Anzahl. Ihre Stärke sind Lügen und – besonders wichtig – ihre Fähigkeit, militärische Gewalt auszuüben. Wir können einen Wettbewerb in eskalierender Gewalt nur verlieren. Einen Wettbewerb, in dem viele sich für Veränderungen einsetzen und in dem ein kämpferischer, aber nicht gewalttätiger Aktivismus in Konfrontation zum Staat tritt: Diesen Wettbewerb können wir gewinnen.
Es ist wahr: Nicht immer ist es leicht, seinen eigenen Zorn im Zaum zu halten. Aber es ist auch nicht sehr mutig oder etwa strategisch, wenn wir einen Kurs planen, der uns direkt in die Höhle des Löwen führt. Unser Sinn für Taktik muss mit unseren strategischen Plänen Hand in Hand gehen. Wir können Teach-ins abhalten. Wir können Demonstration organisieren. Wir können streiken. Wir können Blockaden bauen. Wir können alle Kreativität für unseren Widerstand einsetzen. Wir können zu den Menschen sprechen. Wir können stören. Wir können Eigentum vernichten, wenn es wirklich Sinn macht und eine klare und verständliche Botschaft vermittelt. Wir können in Notwehr Tränengaskanister zurückwerfen und Absperrungen niederreißen, um uns ungehemmt bewegen zu können. Aber die Polizei angreifen mit der Absicht, Polizisten zu verletzen, ob nun mit Steinen oder Molotowcocktails, ist einfach nur eine Einladung an die Polizei, mit erhöhter Gewalt zu reagieren. Es ist kein Beitrag, um die Vorhaben unserer Eliten zu behindern, sondern im Gegenteil, dadurch werden sie nur vorangetrieben und legitimiert. Durch Zorn angeregte Gewalt ist oft schwer zu unterdrücken, das weiß ich sehr gut. Aber unterdrücken müssen wir sie auf jeden Fall.
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