Offener Brief an den General
von Yigal Bronner
28.10.2002 — ZNet
GENERAL, DEIN TANK IST EIN STARKER WAGEN. Er bricht Wälder nieder. Er zermalmt hundert Menschen. Aber er hat einen Fehler. Er braucht einen Fahrer. (Berthold Brecht)*
Sehr geehrter Herr General,
in Ihrem Brief an mich schreiben Sie, dass Sie meine Person “aufgrund des derzeitigen Kriegs in Judäa, Samaria u. im Gazastreifen u. im Hinblick auf die militärischen Notwendigkeiten” dazu auffordern, “an Armee-Operationen” in der Westbank “teilzunehmen”. Hiermit teile ich Ihnen mit, ich werde Ihrer Aufforderung nicht nachkommen. Während der 80ger Jahre ließ Ariel Scharon dutzende Siedlerkolonien im Herzen der besetzten Gebiete errichten - eine Strategie, deren Endziel es war, das palästinensische Volk unter die Knute zu zwingen u. ihm das Land wegzunehmen. Mittlerweile kontrollieren die (jüdischen) Kolonien bereits fast die Hälfte der besetzten Gebiete, sie strangulieren die palästinensischen Städte u. Dörfer, behindern die Bewegungsfreiheit ihrer Bewohner - um nicht zu sagen, sie verhindern Bewegungsfreiheit zur Gänze. Inzwischen ist Scharon unser Premierminister. Und während des vergangenen Jahres ist er der entscheidenden Phase seiner vor 20 Jahren gestarteten Kampagne ein großes Stück nähergekommen. Scharon hat seinem Lakaien, dem Verteidigungsminister, einen Befehl erteilt - u. der tröpfelt nun die ganze hierarchische Befehlskette abwärts nach unten. Unser Stabschef verkündet, er halte die Palästinenser für eine krebsartige Bedrohung u. befiehlt, ‘Chemotherapie’ gegen sie anzuwenden. Der Brigadegeneral verhängt Ausgangssperren ohne Zeitlimit, der Oberst ordnet die Zerstörung palästinensischer Felder an. Der Divisions- kommandant stellt Panzer auf die Hügel zwischen die (palästinensischen) Häuser u. verwehrt Ambulanzen die Bergung der Verwundeten. Der Oberstleutnant sagt, die Regeln zum Schusswaffengebrauch seien eingefroren, es gälte nur noch ganz undifferenziert der Befehl “Feuer frei!”. Und dann entdeckt der Panzerkommandierende eine Menschengruppe u. gibt seinem Artilleristen hierauf den Befehl, eine Rakete abzuschießen.
Ich soll dieser Artillerist sein - minimales Rädchen in dieser perfekt funktionierenden Kriegsmaschinerie. Das letzte, das kleinste Rädchen in einer Befehlskette, das bin ich. Von mir erwartet man, dass ich nichts weiter tue, als Befehle auszuführen. Ich soll meine Existenz auf ein Reiz-Reaktions- Schema reduzieren: Sobald ich die Worte: “Feuer frei!” höre, soll ich einfach nur abdrücken u. so den Großplan (dieser Leute) zur Ausführung bringen. Und man erwartet von mir auch, dass ich dies alles mit der Unkompliziertheit, der natürlichen Präzision eines Roboters tue. Ein Roboter würde - höchstenfalls - das Zittern registrieren, das den Panzer durchläuft, wenn die Rakete abgeschossen wird - auf ihr Ziel abgeschossen wird.
Aber Brecht hat ja geschrieben:
General, der Mensch ist sehr brauchbar, er kann fliegen, er kann töten. Aber er hat einen Fehler. Er kann denken.*
Das ist wahr. Wer auch immer Sie sein mögen, Herr General - der Oberst, der Brigadekommandant, der Stabschef, der Verteidigungsminister, der Premier- minister oder alle diese Leute zusammen: denken kann ich tatsächlich. Vielleicht kann ich sonst nicht viel. Ich gebe zu, ich wäre wahrscheinlich kein besonders guter oder mutiger Soldat. Ich bin ein mieser Schütze, meine technischen Fähigkeiten gehen gegen Null. Ich bin noch nicht mal besonders sportlich, u. der Uniformstoff hängt an meinem Körper. Aber ich kann eins: denken. Und daher sehe ich auch, wohin Sie mich führen. Ich begreife, dass wir töten werden, zerstören, dass wir selbst (vielleicht) verletzt oder getötet werden u. dass da kein Licht am Ende des Tunnels ist. Ich weiß, der “derzeitige Krieg”, von dem Sie mir schreiben, Herr General, er wird immer u. immer weitergehen. Und wenn “militärische Notwendigkeiten” so weit gehen, dass wir ein ganzes Volk belagern, bekämpfen u. aushungern, dann stinken diese militärischen “Notwendigkeiten” sehr gewaltig zum Himmel. Das alles zwingt mich, ihrer Einberufung nicht Folge zu leisten - denn ich werde auf keinen Fall schießen.
Natürlich mache ich mir nichts vor. Sie werden mich einfach zum Teufel jagen u. einen andern Artilleristen auftreiben - einen folgsameren u. talentierteren. Bei uns herrscht ja kein Mangel an Soldaten dieser Art. Ihr Panzer wird weiterrollen. Eine Stechbremse wie ich bringt keinen Panzer zum Stehen, keine Panzerkolonne u. schon gar keinen idiotischen Einmarsch. Aber wenigstens kann sie surren, das Stechvieh, sie kann ärgern, sie kann anecken, u. manchmal sticht sie auch zu. Und mit der Zeit werden weitere Artilleristen u. Fahrer u. Kommandanten - unter dem Eindruck dieses ganzen sinnlosen Tötens, dieser endlosen Gewaltspirale - anfangen zu denken u. ‘surren’. Es gibt ja jetzt schon hunderte von unserer Sorte. Und wenn es dann soweit sein wird, wird man unser Surren als gewaltiges Dröhnen wahrnehmen, ein ohrenbetäubendes Dröhnen, das in ihren Ohren widerhallen wird - bzw. in den Ohren Ihrer Nachkommen. Unser Protest wird in die Geschichtsbücher eingehen, u. alle nachfolgenden Generationen werden davon erfahren. Also, Herr General, bevor sie mich jetzt endgültig verscheuchen, sollten auch Sie eventuell lieber mal anfangen zu denken.
Mit freundlichen Grüßen, Yigal Bronner
Anmerkung
Yigal Bronner lehrt Sanskrit an der Universität von Tel Aviv. Er kann kontaktiert werden unter yigalbronner@yahoo.com allerdings kann er erst nach Beendigung seiner 28tägigen Haftstrafe antworten
Protestbriefe zur Unterstützung der Verweigerer richten Sie bitte an das Israelische Verteidigungsministerium:
Mr. Binyamin Ben-Eliezer (Shaul Mofaz?) Minister of Defence, Ministry of Defence,< 37 Kaplan St., Tel-Aviv 61909, Israel. E-mail: mailto:sar@mod.gov.il oder an: mailto:pniot@mod.gov.il Fax-Nr.: ++972-3-696-27-57 / ++972-3-691-69-40 / ++972-3-691-79-15
Eine andere Adresse, an die Sie sinnvollerweise schreiben können:
Militär-Generalstaatsanwaltschaft (Israel):
Brig. Gen. Menachem Finklestein Chief Military Attorney Militärpost-Kodex-Nr.: 9605 IDF Israel Fax: ++972-3-569-43-70
Anmerkung d. Übersetzerin
*zitiert aus Berthold Brechts Gedichtzyklus ‘Gegen den Krieg’, 1938; vertont von Hanns Eisler
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