Pakistan wird in die Taliban Ecke getrieben
von Syed Saleem Shahzad
15.11.2001 — Asia Times Online / ZNet
Karachi - Durch den plötzlichen Rückzug des Talibans aus Schlüsselregionen Afghanistans, um sich in den östlichen Provinzen für einen langen Guerrillakrieg zu konzentrieren, und der Wahrscheinlichkeit einer anti-pakistanischen Regierung in Afghanistan, könnte sich Islamabad gezwungen sehen dem Taliban, den sie zwei Monate zuvor zugunsten der Vereinigten Staaten und ihrem Krieg gegen den Terrorismus fallengelassen haben - verdeckte Unterstützung zu gewähren.
Der schnelle Rückzug des Talibans aus Mazar-e-Sharif und die dramatischen Rückzüge aus der Hauptstadt Kabul und aus Jalalabad, schlugen unter den pakistanischen militärischen Entscheidungsträger im Generalhauptquartier in Rawalpindi und dem Aussenministerium in Islamabad wie eine Bombe ein.
Die Entwicklungen stehen im völligen Gegensatz zu dem was die pakistanischen Geheimdienste Präsident General Pervez Musharraf berichtet hatten - nämlich, dass der Krieg sich viel länger hinausziehen würde und Pakistan mit den U.S. und ihren Verbündeten eine starke Verhandlungsposition über die Zusammenstellung einer neuen afghanischen Regierung halten würden.
All dies änderte sich mit der Unfähigkeit - oder Unwilligkeit - der U.S. die Nördliche Allianz davon abzuhalten Kabul einzunehmen, wo bereits berichtet wird, dass der ehemalige afghanische Präsident Burhanuddin Rabbani am Mittwoch zurückkehren würde, um sich selbst zum Anführer der Gebiete zu erklären, die jetzt von der anti-Taliban Opposition kontrolliert werden. Der ethnische Tajik Rabbani, der 1996 von dem Taliban abgesetzt wurde, ist der politische Anführer der Nördlichen Allianz, und wird von den Vereinten Nationen und den meisten Länder immer noch als Präsident Afghanistans anerkannt.
Obwohl die Vereinten Nationen ihr Bestes versuchen um in Afghanistan eine Regierung mit breiter Basis einzusetzen, hat Rabbani bereits Schritte unternommen um eine Übergangsregierung aufzustellen. Man sagt, dass Mohammad Fahim als Verteidigungsminister, Abdullah Abdullah als Aussenminister, und Yunus Qanooni als Innenminister fungieren sollen. Kriegsherren wie Rashid Dostum und Ismail Khan sollen voraussichtlich über die Gebiete die sie eingenommen haben - jeweils Mazar-e-Sharif und Herat - die Kontrolle behalten.
Dies stellt Pakistan ziemlich auf Eis, da diese Machtkonfiguration hauptsächlich aus drei verschiedenen ethnischen Gruppen besteht: Tajiken, die etwa 25% der Bevölkerung ausmachen; Hazaras, ca. 19%; und Uzbeken, mit etwa 6%. Das zentrale und südliche Afghanistan jedoch, die Heimbasis der Führung des Talibans und des Al-Qaeda Netzwerkes Osama bin Ladens, wird von Pashtuns dominiert, die etwa 40% der Bevölkerung ausmachen.
Rabbani sagte, er würde den ehemaligen Monarchen Zahir Shah willkommen heissen, aber nur als "Privatbürger". Rabbani war jedoch der Gründer der afghanischen Widerstandsbewegung, die in den Tagen Zahir Shahs ihren Anfang nahm. Rabbanis Aussagen, dass Zahir Shah für Kriegsverbrechen gehängt werden würde, falls er jemals nach Afghanistan zurückkehren sollte, sind gut dokumentiert, und er hat diese Haltung niemals gemildert.
Aus dieser Sicht scheint es, dass Afghanistan seine Jahrhunderte alte Traditionen weiter befolgen wird, unter denen es in der Regierung keine Beteiligung auf irgendeiner anderen Basis ausser der von "Macht ist Recht" geben wird, und dass der einzige Weg für Pakistan die feindlichen Kräfte jenseits ihrer Grenze auszubalancieren darin besteht, den Taliban dabei zu unterstützen einen Guerillakrieg aufrechtzuerhalten.
Quellen zufolge, wurde auf die Nachricht von der Einnahme Kabuls hin in Rawalpindi ein Dringlichkeitstreffen einberufen, der von General Yusuf, dem Vizechef des Armeestabes geleitet wurde - Musharraf befindet sich gegenwärtig zu Besuch in den Vereinigten Staaten. Bei dem Treffen wurde die Notwendigkeit einer neuen strategischen Afghanistanpolitik hervorgehoben,.
Gutinformierte Quellen deuten an, dass der pakistanische Stammesgürtel an der Grenze Afghanistans, die Heimat von mehr als 10 Millionen Menschen, grösstenteils Pashtun, in der neuen Situation eine wichtige Rolle spielen wird: der Taliban wird den Guerrillakrieg weiterführen, mit Unterstützung und Vorräte aus Pakistan, die durch die Stammesgegenden an sie gelangen werden.
Währenddessen ersuchte Asia Times Online um die Ansichten einiger prominenter Persönlichkeiten Pakistans über ein breites Interessenspektrum, und sie glauben alle, dass Pakistan in der Region an Boden verloren hat.
Der ehemalige Botschafter Hussain Haqqani sagte, dass die einseitige pakistanische Afghanistanpolitik nun in Scherben läge. Er sagte Pakistan hätte nicht einmal überlegt was passieren könnte, wenn Kabul in die Hände einer anderen Gruppe als der Favorisierten fallen würde. Nun hängen alle Optionen Pakistans, einschliesslich der Zahir Shahs, von der Gnade der Nördlichen Allianz und deren Wöhltäter in Washington und London ab.
Nun, sagt Hussain Haqqani, wird Pakistan eine passive Rolle spielen müssen, da obwohl einige der ehemaligen Kriegsherren westliche Unterstützung erhalten, und in der künftigen Zusammensetzung Afghanistans eine Rolle spielen werden, die Nördliche Allianz nicht willens sein wird sie aufzunehmen. Dies wird zu einer Situation führen, in der die Wahrscheinlichkeit eines Bürgerkrieges nicht auszuschliessen ist.
Der ehemalige Direktor des Inter-Services Geheimdienstes, der pensionierte General Hamid Gul, sagte, die U.S. hätten Pakistan getäuscht, und den Einzug der Nördlichen Alliant in Kabul, trotz der starken pakistanischen Opposition erleichtert.
"Professor Rabbani hatte sehr starke Unterstützung aus Russland, und wird die Regierung um jeden Preis zurückerobern. Man sollte sich erinnern, dass Rabbani schon immer gegen Zahir Shah gewesen ist; er wird ihn nicht in irgendeiner breitgefächerten Regierung erlauben. Noch wird er es dem Taliban erlauben Teil irgendeiner Regierung zu sein. Diese Situation wird in Afghanistan zu Anarchie und Bürgerkrieg führen."
Er bezeichnete den Rückzug des Taliban aus Mazar-e-Sharif und Kabul als strategische Bewegungen, und den Verlust Jalalabads als ein "Spiel". "Nunt werden pro-indische und pro-russische Streitkräfte der Nördlichen Allianz in die Pashtun Hochburg von Jalalabad Einzug halten, die an der Grenze zu Pakistan liegt. Pakistan wird gezwungen sein eine Rolle bei der Unterstützung einer Gruppe zu spielen, und unter den gegenwärtigen Bedingungen wäre der Taliban die einzige Wahl."
Er sagte, Pakistan würde erneut zum Sündenbock für die Pläne der Vereinigten Staaten gemacht, und darum ersucht werden, unter der Schirmherrschaft der UN-Kräfte, Bodentruppen in das Land zu entsenden. "Dabei würde es sich eher um eine friedensschaffende als um eine friedenserhaltende Operation handeln, denn andernfalls würde es in Afghanistan einen Bürgerkrieg geben," sagte er. Pakistan sollte es ablehnen Truppen nach Afghanistan zu senden, fügte er hinzu.
Er glaubte, dass der Taliban die östlichen Provinzen zu ihrer Festung machen, und den Kampf gegen den U.S.-gesponseren Krieg gegen den Terrorismus in der Region weiterführen werden.
Liaquat Baloch, der Führer der Abgeordneten von Jamaat-i-Islami (JI), der regierenden fundamentalistischen Partei in Pakistan, sagte die gegenwärtige Situation sei das Ergebnis der fehlgeleiteten pakistanischen Politik, die die Einsetzung einer pro-indischen Regierung an der westlichen Grenze Pakistans [Kabul] zugelassen hatte, zu einer Zeit in der die pakistanische Armee bereits in einem Kampf mit dem Erzrivalen an der östlichen Grenze verwickelt war. Er beharrte darauf, dass es die Unterstützung Pakistans für die U.S.-Position gewesen sei, die es den anti-Taliban Kräften ermöglichte Kabul einzunehmen. Er fügte hinzu, die U.S. hätten Musharraf für ihre eigenen Ziele in der Region missbraucht, und hätten Afghanistan in einen langen Bürgerkrieg gestürzt.
Ein ehemaliger Senator und Anführer der Pakistanischen Volkspartei, Taj Haider, sagte, dass die mögliche des Talibans durch die Streitkräfte der Nördlichen Allianz wäre die grösste Sorge. "Obwohl sie [der Taliban] mich als Ungläubigen ansehen [Taj Haider entstammt einer radikalen marxistischen Denkschule und einer Shia-Familie], weint mein Herz um sie. Was sie getan haben mag falsch sein, aber nachdem sie sich ergeben haben, sollte die Weltgemeinde ihre Stimme für sie erheben, um sie besser zu behandeln."
Er erklärte, Pakistan hätte für die Nördliche Allianzkräfte alle Türen geschlossen, und auch als ihr ehemaliger militärischer Anführer, Ahmad Shah Masood, in September ermordert wurde, Pakistan keinen Beileid ausgesprochen hätte.
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