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Palästinensische Olivenernte - Justin Podur interviewt

von Justin Podur und Diana Valentine

16.10.2002 — ZNet

— abgelegt unter:
Diana Valentine ist eine Aktivistin aus San Francisco.
Justin Podur arbeitet als Autor/Freiwilliger für Znet. (Aktualisiert am 17. Oktober 2002, siehe Schluss: Kurzbericht über Aktion) Diana Valentine ist eine von zahlreichen internationalen Aktivisten aus Europa, Amerika, Kanada, usw., die an der ISM*-Kampagne ‘Olivenernte Oktober 2002' teilnehmen. Derzeit hält sie sich im Dorf Yasoof auf, das liegt in der Gegend von Salfit/Westbank. Die internationalen Aktivisten begleiten Palästinenser, während diese sich bemühen, ihre Olivenernte einzubringen. ‘Unbegleitete’ Palästinenser laufen nämlich Gefahr, von Soldaten u. bewaffneten Siedlern angegriffen zu werden. Die Internationalisten u. Palästinenser hegen die Hoffnung, dass durch die internationale Begleitung die nötige Bewegungsfreiheit u. Sicherheit hergestellt werden kann, sodass Palästinenser ihre Oliven abernten können. Heute Abend habe ich Diana Valentine am Telefon interviewt. Sie beantwortete Fragen bzgl. der bisherigen Aktionen in Yasoof bzw. hinsichtlich der geplanten:

Podur:

Die meisten Nord-Amerikaner wissen nicht allzuviel über die Realität der Besatzung. Es gibt zwar hie u. da Berichte über israelische Militär-Angriffe - vor allem, wenn sie viele Opfer kosten -, aber fast nichts wird über den täglichen Alltag unter Okkupation berichtet. Sie sind jetzt in diesem Dorf, begleiten die Menschen bei ihrer Arbeit. Können Sie uns einen Eindruck vermitteln, wie die Okkupation sich auswirkt?

Valentine:

Stellen Sie sich vor, Sie sind all Ihrer Bürgerrechte beraubt, Sie werden Ihres Besitzes beraubt, Ihr Land wird Ihnen weggestohlen. Alle Pläne, die Sie machen, durchkreuzt man - wenn Sie beispielsweise versuchen, ihre Ernte einzubringen oder wenn Sie versuchen, zur Schule zu gehen oder zur Arbeit, all diese Möglichkeiten werden Ihnen einfach genommen. Stellen Sie sich vor, man nimmt Ihnen auch die Hoffnung auf die Zukunft Ihrer Kinder. Soetwas unterminiert die Familienstruktur, stellt bis zu einem gewissen Grad Ihren Lebenssinn in Frage, Ihre ganze Kultur, Ihre Existenz, das alles wird zweifelhaft. Und so fängt es an.

Podur:

Die Palästinenser, mit denen Sie arbeiten, werden von bewaffneten Siedlern bedroht. Klären Sie uns auf: welche Regeln, welche Gesetze gelten für die (jüdischen) Siedler, u. wie unterscheiden sich diese Regeln u. Gesetze von denen für Palästinenser?

Valentine:

Die Unterschiede sind ernorm. Die Siedler stellen ja das drastischste Beispiel für Okkupation dar - schlimmer noch als das Militär, denn die Siedler sind quasi speziell vor Ort, um andern ihr Land wegzunehmen. Umgekehrt gibt es sogut wie keine Regeln für Palästinenser, die auch Siedler zu befolgen hätten. Dann natürlich die Tatsache, dass die Siedler durch das israelische Militär beschützt werden u. die Palästinenser nicht. Es gibt ökonomische u. soziale Unterschiede - wirklich gewaltige Unterschiede hinsichtlich Reichtum u. Einkommen. Es gibt handfeste geographische Unterschiede, insofern die Siedler oben auf dem Hügel wohnen u. die Palästinenser unten zu ihren Füßen. Die Siedler haben rund um die Uhr Elektrizität. Die Palästinenser müssen ihren Strom rationieren. In manchen Fällen steht Strom nur 5 Stunden am Tag zur Verfügung. Hier, wo ich gerade bin, besitzt man zwar einen eigenen Generator, aber auch damit müssen sie sparsam umgeh’n. Dann natürlich die Sache mit dem Wasser. Sicher haben Sie schon davon gehört, dass man in manchen jüdischen Siedlungen im Swimmingpool schwimmt, während die (palästinensischen) Dörfer ringsum Trinkwassermangel haben. Es herrschen einfach riesige Unterschiede hinsichtlich der Lebensqualität - u. hinsichtlich der Bewegungsfreiheit. Um auf die rechtlichen Aspekte zu kommen: die Siedler genießen de facto Straffreiheit. Einmal von der ganz grundsätzlichen Tatsache abgesehen, dass sie den Palästinensern ihr Land wegnehmen, was ja einen Bruch internationalen Rechts darstellt - also davon abgesehen wird ihnen häufig auch noch das Recht zugestanden, Verbrechen zu begehen u. dafür nicht oder nur geringfügig bestraft zu werden. Hier erinnert man sich an all diese Beispiele - z.B. an jenen Siedler, der jemanden erschossen hat u. dafür ganze 8 Monate absitzen musste. Heute - heute Morgen erst - als wir die Palästinenser zum Ernteversuch hinausbegleiteten, schoss ein Siedler direkt auf uns, u. das in Anwesenheit des Militärs. Man hat ihn zwar verhaftet - schließlich hat er ja auf Internationalisten geschossen u. auch noch direkt vor den Augen der Armee -, aber ich denke, die Chancen, dass er sich jetzt zu diesem Zeitpunkt noch in Gewahrsam befindet, stehen nicht besonders gut. Und was die Rechte der beiden Parteien in dieser Konfrontation angeht: Wenn ein Siedler einen Palästinenser mit der Schusswaffe angreift, so geht dafür eher der Palästinenser ins Gefängnis als der angreifende Siedler.

Podur:

Wer sind diese Siedler überhaupt? Gibt es da erkennbare Unterschiede hinsichtlich ihres demographischen Hintergrunds bzw. hinsichtlich Ideologie? Reagieren die verschiedenen Arten Siedler unterschiedlich auf die Palästinenser? Behandeln sie sie unterschiedlich?

Valentine:

Man behauptet hier übereinstimmend, die älteren Siedlungen der Gegend, deren Bewohner überwiegend aus Europa u. Russland stammen, also ‘Ashkenazi’ sind - beispielsweise die Siedlung Ariel, die gibt es ja schon 25 Jahre -, also dass die sich in geringerem Maße mit den Palästinensern anlegen. Aber auch hier wird es den Palästinensern mulmig, wenn sie z.B. auf einer Siedlerstraßen ausgesetzt werden (was ja oft mit zur ‘Bestrafung’ gehört, wenn das israelische Militär einen Palästinenser festnimmt), aber wenigstens halten sich diese Siedler überwiegend innerhalb ihrer Siedlungen auf. Aber die, die zur Gewalt anstacheln, das sind die Neusiedler aus den neueren Siedlungen. Sie stammen zum größeren Teil aus Amerika u. Europa. Da gibt es beispielsweise die Siedler der Kehani-Sekte - diese Sekte wird offensichtlich selbst von der israelischen Regierung als illegale Terrororganisation angesehen. Eines ihrer Sektenmitglieder hat in einer Moschee ein Massaker veranstaltet u. dabei 37 Menschen getötet. Es sind übrigens Siedler dieser Organisation, mit denen wir es morgen bei der Ernte zu tun bekommen.

Podur:

Wem gehören die Oliven eigentlich, die abgeerntet werden sollen?

Valentine:

Diese Frage führt direkt zur nächsten: Wem gehört das Land? Offensichtlicherweise ist es sowohl in rechtlicher als auch historischer Hinsicht palästinensisches Land. Selbst jetzt kann man noch anhand der Umgrenzungen der Olivenhaine klar erkennen, dass sie zu den jeweiligen (palästinensischen) Städten u. Dörfern gehören. Die Haine gehören bestimmten palästinensischen Familien - schon seit Generationen. Hinzu kommt aber noch ein gemeinschaftlicher Aspekt: sobald eine Familie nämlich mit der Ernte fertig ist, hilft sie einer andern Familie. Aber wie gesagt, das Land ist umkämpft, die (jüdischen) Siedlungen übernehmen es, so dass manche Olivenhaine jetzt rein räumlich näher bei Siedlungen liegen, als bei den Dörfern, zu denen sie eigentlich gehören. Siedler u. israelisches Militär errichten hierauf Mauern u. Zäune, die die Haine einschließen. Auf diese Weise können sie die Olivenhaine quasi in die Siedlungen hineinziehen u. so noch mehr Land stehlen. Denn die Olive ist ja die letzte verbliebene Wirtschaftsquelle (der Palästinenser) - und nicht mal eine besonders einträgliche, zumindest nicht bei einer so hohen Zahl Menschen. Aber historisch gesehen ist die Olive eben ‘das Herz und die Seele Palästinas’. Da ist zum einen ihre greifbare wirtschaftliche Bedeutung, aber zum andern eben auch die ganz symbolische, die kulturelle Bedeutung. Den Palästinensern den Zugang zu ihren eigenen Olivenhainen abzuschneiden, stellt somit eine weitere Komponente des Versuchs dar, diese Menschen physisch u. psychisch zu vernichten.

Podur:

Aber wie versperrt man ihnen denn den Zugang? Wie muss man sich das konkret vorstellen?

Valentine:

Ein Beispiel von heute Morgen: Als wir - also wir 14 Internationalisten vom ISM u. rund 15 Palästinenser - gegen 8 Uhr im Olivenhain beim Dorf ankamen, war bereits eine kleine Gruppe jüdischer Siedler anwesend. Als wir kamen, feuerten die Siedler Schüsse auf die Erntenden ab. Die Siedler bedrohten uns u. begannen, Felsbrocken nach uns zu schleudern. Aber wir setzten uns hin u. wichen nicht. Um unsere friedlichen Absichten zu demonstrieren, riefen wir: “Wir sind in Frieden gekommen”. Die Siedler antworteten: “Wir auch!” und warfen weiter Brocken bzw. schossen ihre Waffen ab. Kurz darauf traf das Militär ein. Sie nahmen einen Siedler fest, der in die Menge geschossen hatte. Die restlichen Siedler verschwanden gegen 11 Uhr. Dann fingen die Soldaten an, die Palästinenser mit körperlicher Gewalt aus dem Hain abzudrängen. Sie erklärten das Gebiet kurzerhand zur ‘militärischen Sperrzone’. Und in einer militärischen Sperrzone darf man ja bekanntlich jeden verhaften. So läuft das ab - nur mit dem Unterschied: wenn keine Internationalisten da sind, wird die Sache noch gewaltätiger.

Podur:

Aber was ist das Besonderes an der Olivenernte, das die Siedler/ Soldaten zu so gewaltätigen Reaktionen provoziert?

Valentine:

Also in erster Linie wohl die große Bedeutung der Olivenernte für die Palästinenser, ihre Abhängigkeit vom Ernteerfolg - ich hab’ das ja gerade erläutert. Und weil die Palästinenser so dringend auf ihre Ernte angewiesen sind, verlassen sie ihre Städte, den sicheren Schutz ihrer Gemeinschaften u. gehen in die Haine, wo sie ja sehr viel verwundbarer sind - auf freiem Feld. Zudem gibt es Israel eine zusätzliche Gelegenheit, die Palästinenser zu enteignen, sie zu kontrollieren u. zu unterdrücken. Ich denke, darum geht es hauptsächlich. Denn während die Palästinenser ernten - was sie ja unbedingt tun müssen -, sind sie stundenlang an einen Ort festgenagelt. Das macht sie einfach angreifbar. Noch etwas zu den Oliven: Einige Palästinenser aus dieser Gemeinschaft hier wollen neue Ideen zu deren Vermarktung diskutieren. Vorhin habe ich ja schon erwähnt, dass die Olive die letzte ökonomische Möglichkeit ist - aber nur eine sehr eingeschränkte leider. Denn zusätzlich zur Okkupation haben die palästinensischen Olivenbauern nun auch noch den Neoliberalismus zu fürchten. Der einheimische Markt ist nämlich bereits überschwemmt mit billigem Olivenöl, beispielsweise aus Spanien. Und was den internationalen Markt für Olivenprodukte anbelangt: die Okkupation - speziell die Checkpoints u. die Ausgangssperren - haben jeden Zugang dazu komplett zerstört. Also selbst wenn es den Palästinensern gelingt u. sie können ihre Oliven abernten - was ja schwer genug ist -, finden sie aufgrund der Belagerung immer noch keinen Markt dafür.

Podur:

Wie reagieren die Palästinenser typischerweise auf die Situation?

Valentine:

Die Palästinenser gehen hinaus aufs Feld. Man verjagt sie. Sie gehen u. warten. Sie kehren zurück, u. diesmal bleiben sie. Aber vorher werden sie geschlagen, man bewirft sie mit Steinen, manchmal schießt man auch auf sie. Die (jüdischen) Siedler haben es besonders auf einzelne Palästinenser abgesehen oder auf Zweiergruppen. Die Opfer sind meist junge Leute, die aufs Feld hinausgehen - vor allem früh morgens. Umgekehrt gab es noch nie Vorfälle, bei denen Palästinenser Siedler angegriffen hätten. Schon allein die physische Konstellation dieser Konfrontation verhindert soetwas nämlich. Stellen Sie sich Folgendes vor: Die Olivenernte findet auf einem ansteigenden Hügel statt. Die Erntehelfer fangen ganz unten am Fuß an. Die Siedler kommen von oben. Sie werfen Steine den Berg herab. Aber es ist ja etwas anderes, einen Stein den Berg runterzuwerfen als ihn rauf- schmeißen zu wollen. Die Siedler sind einfach im Vorteil, sie haben die höhere Position. Zudem: ausge- schlossen, dass sich Palästinenser gegen bewaffnete Siedler gewaltsam zur Wehr setzen können, noch dazu, wo letztendlich auch das Militär die Siedler beschützt. Aber nicht nur die Situation verbietet es. Im Anschluss würde es nämlich unweigerlich zu Racheaktionen kommen. Also wie sieht die typische palästinensische Reaktion aus? Einfach versuchen, die Olivenernte durchzuziehen. Die Gewalt ertragen. Und - seit neuestem - eben auch Internationale einzuladen, internationale Aufmerksamkeit auf sich zu lenken - in der Hoffnung, das könne Schutz bieten.

Podur:

Was planen Sie für morgen als Reaktion, falls es zur Gewalt kommt? Wie wird dann die Rolle des ISM aussehen?

Valentine:

Wir haben das in unserer Gruppe besprochen u. sind übereingekommen, selbst dann vor Ort zu bleiben, wenn die Armee versuchen wird, uns abzudrängen. Als die Sache heute Morgen passiert ist, waren wir noch nicht genügend organisiert. Also war es den Soldaten möglich, die Palästinenser aus dem Olivenhain zu drängen, während wir noch mehrere Stunden dort blieben, nachdem sie fort waren. Morgen sind wir besser organisiert u. lassen uns nicht trennen - Internationalisten u. Palästinenser gemeinsam. Die Armee weiß, wir werden dort sein. Und sie sagen, sie werden auch dort sein. Darin besteht ja genau deren Medientaktik. Sie werden sagen, sie hätten heute Morgen diesen einen Siedler verhaftet, sie wären ja nur vor Ort, um zu gewährleisten, dass es zwischen beiden Konfliktparteien friedfertig zugeht - also zwischen Siedlern u. Palästinensern. Die Palästinenser begreifen, dass dies alles Taktik ist, denken aber, es ist besser so. Morgen wird auch noch eine israelische Gruppe von Aktivisten zu uns stoßen - ‘Rabbis für Menschenrechte’ (‘Rabbis for Human Rights) u. andere. Wir werden nicht zurückweichen. Natürlich werden wir auch nicht gegen diese Leute kämpfen, kein Rumgebrülle, kein Steinewerfen, keine Gewalt - nicht von unserer Seite. Wir machen uns auf Prügel gefaßt, auf Verhaftungen. Die Palästinenser werden an unserer Seite bleiben, solange es ihnen eben möglich ist.

Podur:

Heute ist Ariel Scharon zu Gast in den USA u. trifft sich mit George W. Bush, um den ‘Krieg gegen den Terror’ zu besprechen. Interessieren sich die Palästinenser eigentlich für Treffen dieser Art? Hat es überhaupt irgendeine Relevanz für die Situation vor Ort?

Valentine:

Das Treffen ist relevant - so relevant wie die immense militärische Unterstützung der USA für Israel. Aber wenn einem wie den Palästinensern bewußt vor Augen steht, dass sich da (zwei) Leute treffen, die für Massaker verantwortlich sind, dann erwarten Sie von so einem Treffen nichts Gutes - nicht für Palästinenser jedenfalls. Keiner hier kommt beispielsweise auf den Gedanken: “Wow - toll, da treffen sich zwei Staatsmänner und überlegen, wie sie uns retten können”. Nein. Was alle hier beschäftigt, u. darüber reden sicher auch Scharon u. Bush, das ist der Irak. Dabei denken die Leute hier über den Irak ganz erwartungsgemäß. Es ist ein großes Thema. Die meisten denken, die USA werden wirklich Ernst machen mit dem Krieg, u. wenn er eintritt, werde Israel eine Bestrafungsaktion gegen die Palästinenser durchführen. Auf die Idee kommen sie einerseits, weil Israel ja geschworen hat, die USA zu unterstützen u. weil Israel andererseits geschworen hat, auf jeden Angriff des Irak mit einem Gegenschlag zu reagieren. Die Palästinenser rechnen auch nicht mit Hilfe vonseiten der andern arabischen Staaten. Die gefühlsmäßige Erwartung hier ist: Es wird zu einem Krieg kommen - und die Palästinenser werden es büßen müssen.

AKTUALISIERUNG vom 17. Oktober

Podur:

Wie ist die Aktion abgelaufen, erzählen Sie.

Valentine:

Als wir heute Morgen aufs Feld kamen, waren da wie erwartet bereits (jüdische) Siedler vor Ort u. auch ein paar (israelische) Soldaten - ungefähr 15 Siedler u. 4 Soldaten. Die Siedler griffen sofort an. Keiner von uns wurde zwar ernsthaft verletzt, aber dass keiner erschossen wurde, grenzt beinah an ein Wunder. Die Siedler schossen die ganze Zeit mit ihren Gewehren rum, sie warfen aus nächster Nähe Felsbrocken auf uns. Sie riefen rassistische u. schwulenfeindliche Beschimpfungen; sie jagten Palästinenser u. Internationalisten herum, sie schossen, sie schrien, sie stießen die Leute u. terrorisierten sie. Sie schwangen zudem ihre Metallrohre, Messer u. natürlich ihre Gewehre. Ein Siedler zog sein Messer u. drohte einem Aktivisten, ihm die Gurgel durchzuschneiden. Auch ein paar Journalisten von der Mainstream-Presse waren vor Ort - z.B. ein Reporter der ‘Los Angeles Times’. Einer der Fotographen wurde körperlich angegriffen. Ich ging dazwischen, sonst hätten sie ihn verprügelt. Der Reporter bat die Siedler wiederholt um ein Interview. Ob es denn nicht in ihrem Interesse läge, dass ihr Standpunkt gehört wird? Die Siedler: “F... off!” Das alles spielte sich wieder gegen 8 Uhr morgens ab. Aber diesmal gelang es Aktivisten u. Palästinensern, sich gemeinsam zu behaupten bzw. sich hinzusetzen. Uns allen war klar - dazu hatten wir uns schließlich entschieden -, dass wir uns nicht vertreiben lassen würden. Gegen 10.30 Uhr kam dann die Polizei u. schickte die Siedler weg. Das darf man sich allerdings nicht als gewaltätige Auseinandersetzung zwischen Soldaten u. Siedlern vorstellen. Vielmehr begrüßte man sich freundschaftlich, man fraternisierte, u. das, nachdem uns die Siedler herumgejagt hatten, nachdem sie rumgeschossen hatten, usw.. Ich fragte einen der Soldaten, ob er denn keinen der Siedler verhaften wolle. Seine Antwort: “Nein, ich bin hier, um Israel zu verteidigen”. Hierauf fragte ich, ob das auch bedeute, die Siedler zu verteidigen. Er antwortete: “Nein, nur mich selbst”. Ich fragte mich in diesem Moment, wer es denn sein könnte, gegen den er glaubte, sich verteidigen zu müssen. Die Siedler gingen schließlich, die Polizei ging, die Soldaten gingen - diesmal ohne den Hain, wie gestern, zur ‘militärischen Sperrzone’ erklärt zu haben. Wir hatten ohnedies geplant zu bleiben - egal, was sie erklären würden. So aber erlaubten sie den Palästinensern, in einem Teil des Hains ihre Ernte zu erledigen. Also packten wir’s an u. ernteten. Ein kleiner, momentaner Sieg - aber natürlich ist die Sache damit längst nicht erledigt. Vielmehr erwarten wir, dass sich die gleiche Szene in den kommenden Tagen erneut abspielen wird.

*International Solidarity Movement (Internationale Solidaritätsbewegung)

Übersetzt von: Andrea Noll
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