'Perilous Power' - neues Buch von Noam Chomsky und Gilbert Achcar
von Gilbert Achcar, Stephen R. Shalom und Noam Chomsky
30.11.2006 — ZNet
—
abgelegt unter:
Terror / Krieg
Das aktuelle Buch von Chomsky/Achcar ist ein Dialog über den Nahen/Mittleren Osten und die amerikanische Außenpolitik (Terror, Demokratie, Gerechtigkeit, Krieg). Hier ein ZNet-Interview mit den beiden Autoren und dem Herausgeber Stephen R. Shalom (Boulder CO, Paradigm Publishers 2006).
Frage 1:
Sagen Sie ZNet bitte, um was es in dem neuen Buch 'Perilous Power' geht? Was soll kommuniziert werden?
Shalom:
'Perilous Power' ist ein Dialog zwischen zwei der geschliffensten Analysten (Noam Chomsky u. Gilbert Achcar) der Weltregion Naher/Mittlerer Osten zum Thema amerikanische Politik in der Region. Natürlich brauche ich Noam Chomsky den ZNet-Lesern nicht vorzustellen. Allerdings ist es sein erstes Buch, seit 'The Fateful Triangle', in dem er sich ausschließlich dem Thema Naher/Mittlerer Osten widmet. Gilbert Achcar schreibt häufig für ZNet zu diesem Thema. Achcar ist im Libanon aufgewachsen und hat viele Jahre dort gelebt. Er ist Autor von Büchern wie 'The Clash of Barbarism' oder 'Eastern Cauldron' und Herausgeber von 'The Israeli Dilemma'.
Das vorliegende gemeinsame Buchprojekt weist beide Autoren als scharfsinnige Analysten der inneren Dynamik des Nahen/Mittleren Ostens und der Rolle der USA aus. Alle Schlüsselfragen - einschließlich Themen wie Terrorismus, Fundamentalismus, Öl, Demokratie, Verschwörungen, Selbstbestimmung, Antisemitismus, Rassismus, Antiarabismus, der Krieg in Afghanistan, die Invasion und Okkupation des Irak, der israelisch-palästinensische Konflikt, die Quellen der amerikanischen Außenpolitik - werden hier zur Sprache gebracht.
Das vorliegende Buch ist nicht einfach eine Aneinanderreihung eigenständiger Essays. Es basiert auf dem Dialog zweier Autoren. In vielen Punkten herrscht zwischen Noam Chomsky und Gilbert Achcar Übereinstimmung, in manchen vollendet der eine die Analyse des anderen (aus eigener Perspektive und Informationsstand), manches bleibt zwischen den beiden auch umstritten. Das vorliegende Buch ist mehr als die Summe seiner Teile. Die Dialogform trägt zu einem reicheren Verständnis bei. Chomsky und Achcar verbindet das gleiche Engagement - auf sehr unterschiedlichem Erfahrungs- und Fachhintergrund. Ziel des Buches ist es, eine Einführung in die amerikanische Außenpolitik des Nahen/Mittleren Ostens zu geben. Aber auch für Leser mit einem gewissen Hintergrundswissen über die Region ist das Buch von Interesse. Ob es um die Israel-Lobby, die Rolle Saudi-Arabiens in der US-Politik oder die unterschiedlichen politischen Kräfte im Irak geht, 'Perilous Powers' bietet viele nutzbare neue Erkenntnisse. Besonders provokativ die Diskussion über eine mögliche kurzfristige Lösung des palästinensisch-israelischen Konflikts.
Frage 2:
Können Sie ZNet etwas zur Entstehung des Buches sagen? Woher stammen die Themen? Was ist eingeflossen? Was macht das Buch aus?
Shalom:
Noam und Gilbert haben von Anfang an entschieden, es sei sinnvoll, eine dritte Person miteinzubeziehen. Dieser Dritte sollte ihren Auge-in-Auge-Dialog moderieren. Sie fragten mich, ob ich diese Rolle übernehmen wolle. Das Projekt war als Konversation zwischen zwei Personen gedacht. Allerdings sollte ein Dritter die Fragen stellen, die Diskussion am laufen halten und sich um den ganzen technischen Kram (Aufnahmen) kümmern. Auf diese Weise sollten sich die beiden Diskutanten ganz auf ihre Argumente und ihre Analyse konzentrieren können. Ich habe versucht, mich aus der Diskussion herauszuhalten und nur das Nötigste getan.
Das Prozedere bestand aus mehreren Schritten. Wir begannen mit Erstellung einer Themen/Fragen-Liste. Dazu trafen wir uns Anfang Januar 2006 in Noams Büro am MIT, in Cambridge/Massachusetts. Drei Tage lang wurden Aufnahmen gemacht. Ich habe transkribiert, die Rohfassung produziert, Hänger und Überschneidungen herausgeschnitten, hie und da gegliedert, im Sinne einer besseren Lesbarkeit verbessert. Dann gingen Noam und Gilbert die Fassung durch und brachten ihre Anmerkungen an. Ziel war nicht eine wortwörtliche Übersetzung. Beide Autoren sollten Gelegenheit haben, ihre Aussagen noch einmal auszuführen oder klarzustellen. (Wichtige Argumente, auf die der andere schon geantwortet hatte, wurden natürlich im Nachhinein nicht mehr verändert). Außerdem waren wir uns einig: Verbale Aussagen - ohne Quellennachweis - sind nicht das letzte Wort. Also haben wir die Fakten überprüft, wo nötig, Zitate eingefügt, gecheckt. Wir glauben nicht, dass Leser die Äußerungen von Autoren ungeprüft hinnehmen sollten. Also bieten wir für alle Behauptungen - sofern nicht selbstverständlich und unumstritten -, dokumentierte Quellennachweise an. Das war uns wichtig. Im Sommer 2006 verfassten beide Autoren je einen Epilog, in dem sie auch auf aktuellere Ereignisse eingehen.
Frage 3:
Was erhoffen Sie sich von dem Buch? Was wollen Sie politisch bewirken, welchen politischen Beitrag leisten? Was wäre für Sie ein Erfolg - angesichts Ihres Anspruchs und des betriebenen Aufwands? Was würde Sie befriedigen? Was würde Sie andererseits zu der Frage veranlassen, war es den ganzen Aufwand und die Zeit überhaupt wert?
Shalom:
Eine fundamental andere amerikanische Außenpolitik im Nahen/Mittleren Osten würde uns mehr als glücklich machen. Der Aufwand hat sich aber schon gelohnt, wenn das Buch einen Beitrag dazu leistet, dass Durchschnittsbürger im Westen, vor allem in den USA, besser informiert - und beunruhigter - sind über die aktuelle amerikanische Politik im Nahen/Mittleren Osten. Kritikern soll das Buch helfen, Analyse und Verständnis zu schärfen. Allzu oft diskutieren Kritiker das Thema Irak ja ausschließlich in Kategorien von "Kollaboration" und "Widerstand". Das greift, angesichts dessen, was dort vor sich geht, zu kurz, ebenso wenig wie es ausreichend ist, die amerikanische Nahostpolitik ganz allein mit der "Israellobby" zu erklären, beziehungsweise den islamischen Fundamentalismus entweder als Ausgeburt der Bushschen Fantasie abzutun oder als gerechtfertigt (angesichts der imperialen US-Außenpolitik) zu akzeptieren. Bei einem besseren Verständnis der Situation im Nahen/Mittleren Osten fiele es Kritikern leichter, gegen die Politik der USA anzugehen und sich für eine friedlichere und gerechtere Welt einzusetzen.
Weitere wichtige Großmächte und das Thema Irak
Shalom:
Im Februar 2003, als Kriegsbefürworter in den USA ihren französischen Wein in die Gosse kippten und die French fries umbenannt wurden - weil Frankreich sich im UN-Sicherheitsrat widerspenstig zeigte -, bejubelten Viele in der amerikanischen Antikriegsbewegung Frankreich, Deutschland, Russland und andere Regierungen, die sich gegen den Krieg gestellt hatten. Aber wie verlässlich ist die Antikriegshaltung dieser Regierungen wirklich?
Chomsky:
Deren Verlässlichkeit geht gegen Null. Vernünftige Friedensaktivisten werden sich nicht mit Regierungen verbünden. Dennoch war die Position dieser Regierungen wichtig. Aus gutem Grund wurden sie von den US-Eliten so erbittert denunziert: Sie zeigten ein Mindestmaß an Demokratie. Wer weiß, aus welchem Grund - vielleicht aus purem Zynismus - aber sie handelten wie demokratische Regierungen. Kurz gesagt, sie reagierten auf den Willen der überwältigenden Mehrheit ihrer Bevölkerungen. Die Antikriegsbewegung sollte die Haltung vertreten, okay, schön, dass diese Regierungen etwas auf ihr Volk geben - die Gründe sind nebensächlich -, aber wir werden uns sicher nicht mit ihnen verbünden oder ihnen vertrauen. Was hier (in den USA) abging, war ziemlich entlarvend, wurde aber im Grunde nicht zur Kenntnis genommen. In jenen Monaten hat sich ein extremes Maß an Demokratieverachtung und Demokratiehass gezeigt - nahezu über das gesamte Spektrum. Ich kenne nichts Vergleichbares. Rumsfeld sprach von einem "Alten Europa" und einem "Neuen Europa". Laut Rumsfeld-Definition unterscheiden sich beide glasklar durch ein Kriterium: Regierungen im Alten Europa haben die Position der breiten Mehrheit ihrer Bevölkerung übernommen, im Neuen Europa - "der Hoffnung für die Demokratie" - missachteten die Regierungen den Willen einer (noch größeren) Mehrheit der Bevölkerung. Einiges war fast schon komisch. So wurde ausgerechnet der damalige italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi - als Hoffnungsträger der Demokratie - ins Weiße Haus eingeladen. Man weiß nicht, soll man weinen oder lachen. Am schlimmsten war der Fall des spanischen Premiers José María Aznar. Bush und der britische Premier Tony Blair würdigten die Demokratiehoffnung, die er auf den Azoren-Gipfel gebracht habe. Das war wenige Tage vor der (Irak-)Invasion. Bush und Blair erklärten auf jenem Gipfel praktisch den Krieg, und Aznar stimmte in die Kriegserklärung mit ein. Kurz zuvor hatten Umfragen in Spanien gezeigt, dass lediglich 2 Prozent der (spanischen) Bevölkerung für den Krieg waren. Und deshalb soll er die große Demokratiehoffnung sein[1]. Jedenfalls war er gewillt, Befehle aus Crawford/Texas entgegenzunehmen - mit dem Rückhalt von 2 Prozent der Bevölkerung. Was sagt Ihnen das über deren Haltung zur Demokratie?
Manchmal wurde es richtig surreal. Als beispielsweise die türkische Regierung völlig überraschend - auch für mich - die Meinung von 95 Prozent ihrer Bevölkerung akzeptierte und keine amerikanische Offensive über das Territorium der Türkei zuließ, hieß es verbittert, der türkischen Regierung mangle es an demokratischer Legitimität. Dieser Ausdruck wurde gebraucht - mangelnde Legitimität - da die Regierung mit der Meinung von 95 Prozent ihrer Öffentlichkeit konform ging. Unsere große Taube, Außenminister Colin Powell, kündigte umgehend Sanktionen gegen die Türkei an[2]. Am extremsten trieb es der damalige Unterstaatssekretär im Verteidigungsministerium, Paul Wolfowitz. Er gilt in den amerikanischen Medien, und soweit ich es überblicke auch in den europäischen, als führende Kraft bei der Verbreitung der Demokratie. Die Washington Post bezeichnete ihn als "Chefidealisten"[3]. Aber jetzt machte Wolfowitz dem türkischen Militär den Vorwurf, nicht interveniert zu haben - um die Regierung zu zwingen, sich über den Willen von 95 Prozent ihrer Bevölkerung hinwegzusetzen; im Prinzip verlangte er von der Türkei eine Entschuldigung an Amerika und etwas in der Art: "Lasst uns überlegen, wie wir den Amerikanern möglichst von Nutzen sein können"[4]. Das also hat man unter Demokratie verstanden. Und die Farce ging - unkommentiert - weiter. Allein die Tatsache, dass jemand nach so einer Show weiter über Förderung der Demokratie reden kann, ist erstaunlich.
Auf diese Dinge sollte sich die Antikriegsbewegung konzentrieren. Wenn einige Regierungen zufällig - aus eigenen, zynischen Motiven - mit der Mehrheit ihrer Bevölkerung übereinstimmten und die richtige Position vertraten, war das okay. Damit hat es sich aber auch schon. Man braucht darüber kein Wort mehr zu verlieren. Schon morgen werden sie ohnedies das Gegenteil tun, aus purem Zynismus - aus Machtinteresse.
Achcar:
Noam hat Recht, wenn er diesen typischen Zug unserer Zeit betont. In den Mainstream-Medien geht der Trend allgemein dahin, Politiker zu loben, die regieren, ohne sich um Umfragewerte zu scheren. Das gilt inzwischen als große Tugend. Dahinter steckt ein sehr elitärer Gedanke, der fest im Konzept der "repräsentativen Demokratie" verankert ist. Er lautet: Einmal gewählt, kann ein Repräsentant/eine Repräsentantin im Grunde tun und lassen, was er oder sie will, selbst gegen den einigen Willen der Wählerschaft. Allerdings muss ich zustimmen, die drei oben genannten Regierungen - Frankreich, Deutschland und Russland - waren sicher nicht aus demokratischen Gründen gegen den Krieg. Auf die Regierung Russlands brauche ich nicht extra einzugehen. Aber auch deutsche und französische Regierungen fackeln nicht lange, wenn es um extrem unpopuläre, neoliberale politische Maßnahmen und den Angriff auf soziale Errungenschaften geht. Im Fall des Irakkriegs hatten deren Motive sicherlich nichts mit demokratischen Prinzipien zu tun. Weit nüchternere Beweggründe waren sicher im Spiel.
Im Irak kam es zu einem direkten Interessenskonflikt zwischen den USA/Großbritannien auf der einen und Frankreich/Russland - man könnte noch China hinzufügen -, auf der anderen Seite. Die Sowjetunion und Frankreich waren für Saddam Hussein jahrelang die wichtigsten Partner beim Waffenhandel gewesen. Im Irankrieg war vor allem Frankreich dessen wichtigster militärischer Rückhalt. Mit dem Irakkrieg 1991 war Russland zwar einverstanden - Frankreich beteiligte sich daran -, doch in den Embargojahren versuchte Saddam Hussein, seine traditionelle Partnerschaft mit Frankreich und Russland im UNO-Sicherheitsrat auszuspielen und so ein Gegengewicht zu Amerika und Großbritannien zu schaffen. Französische und russische Unternehmen erhielten wichtige Ölkonzessionen - allerdings nur unter der Bedingung, dass das UNO-Embargo fiel. Aus diesem Grund änderten Paris und Moskau ihre Haltung und suchten einen Weg zur Aufhebung des UN-Embargos. Washington und London blockten ab. Die USA und Großbritannien würden auch dann gegen eine Aufhebung des Embargos sein - beziehungsweise sich dagegen sträuben -, wenn/falls die UNO-Inspekteure die Abrüstung des Irak bestätigten. Dies wurde von Paris und Moskau zurecht als Weigerung (der USA u. Großbritanniens) interpretiert, Frankreich und Russland in den Genuss der (vom Irak) gewährten Ölkonzessionen kommen zu lassen. Die Absicht Washingtons und Londons, in den Irak einzumarschieren, wurde von Paris und Moskau sehr deutlich als Devise nach dem Motto "schnapp ihnen den Preis weg!" empfunden. Eine der ersten Proklamationen nach dem Irakeinmarsch war auch tatsächlich, alle Verträge mit Saddam Hussein für null und nichtig zu erklären. Das ist der eigentliche Grund, weshalb Paris und Moskau gegen den Krieg waren. Hätte die Bush-Administration ihnen ein großes Stück vom Kuchen angeboten, sie hätten sich sicher darauf eingelassen, dessen bin ich mir gewiss. Aber die Bush-Administration war derart arrogant, sie wollte ihnen praktisch überhaupt nichts überlassen. Aus diesem Grund waren (diese Regierungen) bis zum Schluss gegen den Krieg.
Im Falle Deutschlands standen keine direkten wirtschaftlichen Interessen auf dem Spiel. Bestenfalls, bei großzügiger Auslegung, spielten für Kanzler Schröder übergeordnete geopolitische Erwägungen eine Rolle - er war in gewissem Maße besorgt, den USA nicht alle Machttrümpfe bezüglich Europa zu überlassen. Dies könnte man in Verbindung zu der sehr engen Beziehung zu Putin sehen, die der Kanzler nährte bzw. zu den Verträgen für eine neue Gaspipeline von Russland nach Deutschland (über das Baltische Meer), die damals gerade ausgearbeitet wurden. Dies wäre die großzügigere Auslegung von Schröders Motivation. Die weniger großzügige Variante würde betonen, dass hinter seinen Motiven eine gehörige Portion Wahlopportunismus steckte - nicht etwa Demokratieerwägungen. Die Vorbereitungen für die Irakinvasion liefen just an, als dem Kanzler prognostiziert wurde, die anstehenden Bundestagswahlen zu verlieren. Der Grund: Schröders neoliberales Sozialprogramm, das traditionelle SPD-Wähler zögern ließ, ihn zu unterstützen. Das einzig populäre Thema, das Schröder finden konnte, war ein Nein zum Krieg - zu einem Zeitpunkt, als, laut Umfragen, die öffentliche Meinung in Deutschland sehr überwiegend gegen den Krieg war.
Regierungschefs vom Schlage Chirac, Putin und Schröder sollten von der Antikriegsbewegung auf keinen Fall als Verbündete gesehen werden. Wenn ihre Interessen auf dem Spiel stehen, verwandeln sich diese Leute in falkenhafte Kriegstreiber. Die russischen Streitkräfte führen in Tschetschenien einen furchtbaren, quasi-genozidalen Krieg. Die französische Regierung sieht sich in Afrika immer noch als Kolonialmacht - und benimmt sich entsprechend -, ganz zu schweigen von der Tatsache, dass sowohl Frankreich als auch Deutschland, gemeinsam mit US-Truppen, in Afghanistan involviert sind. Noch eines: Obgleich weder Paris noch Berlin die Irakinvasion politisch unterstützt haben, taten sie in technischer Hinsicht alles, um diese zu erleichtern - Deutschland, indem es die gesamte amerikanische Militärinfrastruktur auf deutschem Territorium zur Verfügung stellte[5], Frankreich durch Öffnung von Luftkorridoren für amerikanische Kriegsflugzeuge. Lassen wir uns von diesen Regierungen nicht täuschen. Die Antikriegsbewegung ist - zumindest in ihren dynamischsten Sektoren -, eng mit der Bewegung für globale Gerechtigkeit verbunden. Meiner Ansicht nach eine gute Kombination. Schließlich geht es um zwei Facetten ein- und derselben Realität. Es geht um Opposition gegen imperiale Kriege und um Opposition gegen den Neoliberalismus.
Chomsky:
Analog ergänzend könnte ich die Haltung der USA kommentieren. Ich glaube allerdings nicht, dass es pure Arroganz ist. Amerika hat ein reales Interesse, Frankreich und Deutschland zu unterminieren - die beiden sind das industrielle, kommerzielle und finanzielle Zentrum Europas, der Rest eine Art Peripherie. Während der 40ger Jahre waren die Vereinigten Staaten sehr besorgt, Europa könnte sich unabhängig entwickeln. Deshalb war Amerika auch so in Sorge, als der damalige französische Präsident, Charles de Gaulle, zu einem Europa vom Atlantik bis zum Ural aufrief. Die Kräfte zur Umsetzung eines solchen Europas finden sich heute im "Alten Europa" - einer der Gründe, weshalb den USA soviel an einer Ausweitung der Europäischen Union (EU) bis in die ehemaligen sowjetischen Satellitenstaaten gelegen war. Sie glauben wohl, sie könnten sie kontrollieren. Aus demselben Grund unterstützen amerikanische Politiker vehement den EU-Beitritt der Türkei - nicht, weil sie die Türkei so sehr lieben, sondern, weil sie dies als weitere Möglichkeit ansehen, den Einfluss der mächtigsten Sektoren Europas zu verwässern und die US-Kontrolle über Europa zu gewährleisten, so deren Hoffnung. Wie auch immer die Haltung Deutschlands und Frankreichs im Irakkrieg, dies bliebe weiter konstant.
Das Gleiche passierte 1990, als der damalige Sowjetführer, Michail Gorbatschow, die Vereinigung Deutschlands zuließ - aus russischer Sicht eine enorme Bedrohung. Im Gegensatz zu den USA geht es für Russland um echte Sicherheitsbelange. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte allein Deutschland Russland praktisch zweimal zerstört. Ein vereinigtes Deutschland, eingebettet in eine westliche Militärallianz, war als große Bedrohung anzusehen. Gorbatschow stimmte der deutschen Vereinigung dennoch zu - unter einer Bedingung: Er verlangte von (dem damaligen US-Präsidenten) Bush senior die feste Zusicherung, die Nato werde sich nicht Richtung Osten ausdehnen. Einige Jahre später missachtete Präsident Clinton diese Verpflichtung und erweiterte die Nato gen Osten - bis an die Grenzen Russlands. Entsprechend die russische Reaktion. Russland erhöhte seine militärischen Offensivkapazitäten. Zuvor hatte das Land massiv auf die Abschaffung der Atomwaffen gedrängt. Russland hatte - im Gegensatz zu USA und Nato übrigens - den Verzicht auf die atomare Erstschlagsoption erklärt. Aber nachdem Clinton die Nato-Verpflichtung (siehe oben) zurückgenommen hatte, nahm auch Russland entsprechende Vorstöße zurück und warf sich in eine mehr offensive militaristische Positur. Unter Bush junior hat sich dieser Trend fortgesetzt. Diese wirklich wichtigen Entwicklungen haben mit zur Hysterie über das sogenannte "Alte" und "Neue Europa" beigetragen. Das Neue Europa ist für die Vereinigten Staaten wichtig, um den europäischen Einfluss zu unterminieren.
Achcar:
Ich stimme weitgehend zu. Wir sollten allerdings betonen, dass auch im Neuen Europa die öffentliche Meinung überwältigend gegen den Irakkrieg war - sogar mehr noch als im Alten Europa!
Chomsky:
Lediglich in Rumänien erreichte die Prokriegsstimmung 10 Prozent[6].
Somit haben die Regierungen des Neuen Europa die Meinung ihrer eigenen Bevölkerung am meisten missachtet. Indem sie die Unabhängigkeit Europas verwässern, zeigen sie (die Regierungen des "Neuen Europa") sich gegenüber den USA gehorsam.
Anmerkungen
[1] Agence France Presse: 'Majority of Spanish Against War in Iraq' vom 22. Februar 2003. Laut dieses Artikels unterstützten zu diesem Zeitpunkt 2,3 Prozent der spanischen Bevölkerung einen Krieg der USA und ihrer Verbündeten ohne Autorisierung der Vereinten Nationen (wie er dann Realität wurde). 11,8 Prozent der Befragten waren nur im Falle einer UN-Autorisierung nicht gegen einen Krieg gegen Irak, 84,7 Prozent waren bedingungslos dagegen.
[2] Richard Bourdeaux u. John Hendren: 'U.S. Drops Its Bid to Base Troops in Turkey', Los Angeles Times vom 15. März 2003, S. A5.
[3] David Ignatius: 'A War of Choice, and One Who Chose It', Washington Post vom 2. November 2003, S. B1.
[4] Mark Lacey: 'Turkey Rejects Criticism by U.S. Official over Iraq', New York Times vom 8. Mai 2003, S. A15. Wolfowitz: "Let's have a Turkey that steps up and says: "We made a mistake. We should have known how bad things were in Iraq, but we know now. Let's figure out how we can be as helpful as possible to the Americans."" Wolfowitz 'singled out the Turkish military for criticism. "I think for whatever reason, they did not play the strong leadership role that we would have expected."'. Türkische Umfragewerte finden sich in der Washington Post, S. A17 vom 26. Februar 2003: 'Turkey Plans for 62,000 U.S. Troops', Philip P. Pan.
[5] Unabhängig hiervon gibt es Anschuldigungen, deutsche Nachrichtendienste hätten dem US-Militär während des Einmarsches in den Irak Hilfe geleistet, siehe Richard Bernstein in der New York Times vom 3. März 2006, S. A12: '2 German Roles: Opposing War and Aiding U.S.'.
[6] Umfrage ('Iraq Poll') von Gallup International 2003: http://www.gallup-international.com/ContentFiles/survey.asp?id=10
Der vorliegende Text ist ein Auszug (S. 90-95) aus dem Buch 'Perilous Power: The Middle East and U.S. Foreign Policy' von Noam Chomsky & Gilbert Achcar, Herausgeber Stephen R. Shalom, erschienen bei Paradigm Publishers http://www.paradigmpublishers.com/Books/BookDetail.aspx?productID=143446
Frage 1:
Sagen Sie ZNet bitte, um was es in dem neuen Buch 'Perilous Power' geht? Was soll kommuniziert werden?
Shalom:
'Perilous Power' ist ein Dialog zwischen zwei der geschliffensten Analysten (Noam Chomsky u. Gilbert Achcar) der Weltregion Naher/Mittlerer Osten zum Thema amerikanische Politik in der Region. Natürlich brauche ich Noam Chomsky den ZNet-Lesern nicht vorzustellen. Allerdings ist es sein erstes Buch, seit 'The Fateful Triangle', in dem er sich ausschließlich dem Thema Naher/Mittlerer Osten widmet. Gilbert Achcar schreibt häufig für ZNet zu diesem Thema. Achcar ist im Libanon aufgewachsen und hat viele Jahre dort gelebt. Er ist Autor von Büchern wie 'The Clash of Barbarism' oder 'Eastern Cauldron' und Herausgeber von 'The Israeli Dilemma'.
Das vorliegende gemeinsame Buchprojekt weist beide Autoren als scharfsinnige Analysten der inneren Dynamik des Nahen/Mittleren Ostens und der Rolle der USA aus. Alle Schlüsselfragen - einschließlich Themen wie Terrorismus, Fundamentalismus, Öl, Demokratie, Verschwörungen, Selbstbestimmung, Antisemitismus, Rassismus, Antiarabismus, der Krieg in Afghanistan, die Invasion und Okkupation des Irak, der israelisch-palästinensische Konflikt, die Quellen der amerikanischen Außenpolitik - werden hier zur Sprache gebracht.
Das vorliegende Buch ist nicht einfach eine Aneinanderreihung eigenständiger Essays. Es basiert auf dem Dialog zweier Autoren. In vielen Punkten herrscht zwischen Noam Chomsky und Gilbert Achcar Übereinstimmung, in manchen vollendet der eine die Analyse des anderen (aus eigener Perspektive und Informationsstand), manches bleibt zwischen den beiden auch umstritten. Das vorliegende Buch ist mehr als die Summe seiner Teile. Die Dialogform trägt zu einem reicheren Verständnis bei. Chomsky und Achcar verbindet das gleiche Engagement - auf sehr unterschiedlichem Erfahrungs- und Fachhintergrund. Ziel des Buches ist es, eine Einführung in die amerikanische Außenpolitik des Nahen/Mittleren Ostens zu geben. Aber auch für Leser mit einem gewissen Hintergrundswissen über die Region ist das Buch von Interesse. Ob es um die Israel-Lobby, die Rolle Saudi-Arabiens in der US-Politik oder die unterschiedlichen politischen Kräfte im Irak geht, 'Perilous Powers' bietet viele nutzbare neue Erkenntnisse. Besonders provokativ die Diskussion über eine mögliche kurzfristige Lösung des palästinensisch-israelischen Konflikts.
Frage 2:
Können Sie ZNet etwas zur Entstehung des Buches sagen? Woher stammen die Themen? Was ist eingeflossen? Was macht das Buch aus?
Shalom:
Noam und Gilbert haben von Anfang an entschieden, es sei sinnvoll, eine dritte Person miteinzubeziehen. Dieser Dritte sollte ihren Auge-in-Auge-Dialog moderieren. Sie fragten mich, ob ich diese Rolle übernehmen wolle. Das Projekt war als Konversation zwischen zwei Personen gedacht. Allerdings sollte ein Dritter die Fragen stellen, die Diskussion am laufen halten und sich um den ganzen technischen Kram (Aufnahmen) kümmern. Auf diese Weise sollten sich die beiden Diskutanten ganz auf ihre Argumente und ihre Analyse konzentrieren können. Ich habe versucht, mich aus der Diskussion herauszuhalten und nur das Nötigste getan.
Das Prozedere bestand aus mehreren Schritten. Wir begannen mit Erstellung einer Themen/Fragen-Liste. Dazu trafen wir uns Anfang Januar 2006 in Noams Büro am MIT, in Cambridge/Massachusetts. Drei Tage lang wurden Aufnahmen gemacht. Ich habe transkribiert, die Rohfassung produziert, Hänger und Überschneidungen herausgeschnitten, hie und da gegliedert, im Sinne einer besseren Lesbarkeit verbessert. Dann gingen Noam und Gilbert die Fassung durch und brachten ihre Anmerkungen an. Ziel war nicht eine wortwörtliche Übersetzung. Beide Autoren sollten Gelegenheit haben, ihre Aussagen noch einmal auszuführen oder klarzustellen. (Wichtige Argumente, auf die der andere schon geantwortet hatte, wurden natürlich im Nachhinein nicht mehr verändert). Außerdem waren wir uns einig: Verbale Aussagen - ohne Quellennachweis - sind nicht das letzte Wort. Also haben wir die Fakten überprüft, wo nötig, Zitate eingefügt, gecheckt. Wir glauben nicht, dass Leser die Äußerungen von Autoren ungeprüft hinnehmen sollten. Also bieten wir für alle Behauptungen - sofern nicht selbstverständlich und unumstritten -, dokumentierte Quellennachweise an. Das war uns wichtig. Im Sommer 2006 verfassten beide Autoren je einen Epilog, in dem sie auch auf aktuellere Ereignisse eingehen.
Frage 3:
Was erhoffen Sie sich von dem Buch? Was wollen Sie politisch bewirken, welchen politischen Beitrag leisten? Was wäre für Sie ein Erfolg - angesichts Ihres Anspruchs und des betriebenen Aufwands? Was würde Sie befriedigen? Was würde Sie andererseits zu der Frage veranlassen, war es den ganzen Aufwand und die Zeit überhaupt wert?
Shalom:
Eine fundamental andere amerikanische Außenpolitik im Nahen/Mittleren Osten würde uns mehr als glücklich machen. Der Aufwand hat sich aber schon gelohnt, wenn das Buch einen Beitrag dazu leistet, dass Durchschnittsbürger im Westen, vor allem in den USA, besser informiert - und beunruhigter - sind über die aktuelle amerikanische Politik im Nahen/Mittleren Osten. Kritikern soll das Buch helfen, Analyse und Verständnis zu schärfen. Allzu oft diskutieren Kritiker das Thema Irak ja ausschließlich in Kategorien von "Kollaboration" und "Widerstand". Das greift, angesichts dessen, was dort vor sich geht, zu kurz, ebenso wenig wie es ausreichend ist, die amerikanische Nahostpolitik ganz allein mit der "Israellobby" zu erklären, beziehungsweise den islamischen Fundamentalismus entweder als Ausgeburt der Bushschen Fantasie abzutun oder als gerechtfertigt (angesichts der imperialen US-Außenpolitik) zu akzeptieren. Bei einem besseren Verständnis der Situation im Nahen/Mittleren Osten fiele es Kritikern leichter, gegen die Politik der USA anzugehen und sich für eine friedlichere und gerechtere Welt einzusetzen.
Weitere wichtige Großmächte und das Thema Irak
Shalom:
Im Februar 2003, als Kriegsbefürworter in den USA ihren französischen Wein in die Gosse kippten und die French fries umbenannt wurden - weil Frankreich sich im UN-Sicherheitsrat widerspenstig zeigte -, bejubelten Viele in der amerikanischen Antikriegsbewegung Frankreich, Deutschland, Russland und andere Regierungen, die sich gegen den Krieg gestellt hatten. Aber wie verlässlich ist die Antikriegshaltung dieser Regierungen wirklich?
Chomsky:
Deren Verlässlichkeit geht gegen Null. Vernünftige Friedensaktivisten werden sich nicht mit Regierungen verbünden. Dennoch war die Position dieser Regierungen wichtig. Aus gutem Grund wurden sie von den US-Eliten so erbittert denunziert: Sie zeigten ein Mindestmaß an Demokratie. Wer weiß, aus welchem Grund - vielleicht aus purem Zynismus - aber sie handelten wie demokratische Regierungen. Kurz gesagt, sie reagierten auf den Willen der überwältigenden Mehrheit ihrer Bevölkerungen. Die Antikriegsbewegung sollte die Haltung vertreten, okay, schön, dass diese Regierungen etwas auf ihr Volk geben - die Gründe sind nebensächlich -, aber wir werden uns sicher nicht mit ihnen verbünden oder ihnen vertrauen. Was hier (in den USA) abging, war ziemlich entlarvend, wurde aber im Grunde nicht zur Kenntnis genommen. In jenen Monaten hat sich ein extremes Maß an Demokratieverachtung und Demokratiehass gezeigt - nahezu über das gesamte Spektrum. Ich kenne nichts Vergleichbares. Rumsfeld sprach von einem "Alten Europa" und einem "Neuen Europa". Laut Rumsfeld-Definition unterscheiden sich beide glasklar durch ein Kriterium: Regierungen im Alten Europa haben die Position der breiten Mehrheit ihrer Bevölkerung übernommen, im Neuen Europa - "der Hoffnung für die Demokratie" - missachteten die Regierungen den Willen einer (noch größeren) Mehrheit der Bevölkerung. Einiges war fast schon komisch. So wurde ausgerechnet der damalige italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi - als Hoffnungsträger der Demokratie - ins Weiße Haus eingeladen. Man weiß nicht, soll man weinen oder lachen. Am schlimmsten war der Fall des spanischen Premiers José María Aznar. Bush und der britische Premier Tony Blair würdigten die Demokratiehoffnung, die er auf den Azoren-Gipfel gebracht habe. Das war wenige Tage vor der (Irak-)Invasion. Bush und Blair erklärten auf jenem Gipfel praktisch den Krieg, und Aznar stimmte in die Kriegserklärung mit ein. Kurz zuvor hatten Umfragen in Spanien gezeigt, dass lediglich 2 Prozent der (spanischen) Bevölkerung für den Krieg waren. Und deshalb soll er die große Demokratiehoffnung sein[1]. Jedenfalls war er gewillt, Befehle aus Crawford/Texas entgegenzunehmen - mit dem Rückhalt von 2 Prozent der Bevölkerung. Was sagt Ihnen das über deren Haltung zur Demokratie?
Manchmal wurde es richtig surreal. Als beispielsweise die türkische Regierung völlig überraschend - auch für mich - die Meinung von 95 Prozent ihrer Bevölkerung akzeptierte und keine amerikanische Offensive über das Territorium der Türkei zuließ, hieß es verbittert, der türkischen Regierung mangle es an demokratischer Legitimität. Dieser Ausdruck wurde gebraucht - mangelnde Legitimität - da die Regierung mit der Meinung von 95 Prozent ihrer Öffentlichkeit konform ging. Unsere große Taube, Außenminister Colin Powell, kündigte umgehend Sanktionen gegen die Türkei an[2]. Am extremsten trieb es der damalige Unterstaatssekretär im Verteidigungsministerium, Paul Wolfowitz. Er gilt in den amerikanischen Medien, und soweit ich es überblicke auch in den europäischen, als führende Kraft bei der Verbreitung der Demokratie. Die Washington Post bezeichnete ihn als "Chefidealisten"[3]. Aber jetzt machte Wolfowitz dem türkischen Militär den Vorwurf, nicht interveniert zu haben - um die Regierung zu zwingen, sich über den Willen von 95 Prozent ihrer Bevölkerung hinwegzusetzen; im Prinzip verlangte er von der Türkei eine Entschuldigung an Amerika und etwas in der Art: "Lasst uns überlegen, wie wir den Amerikanern möglichst von Nutzen sein können"[4]. Das also hat man unter Demokratie verstanden. Und die Farce ging - unkommentiert - weiter. Allein die Tatsache, dass jemand nach so einer Show weiter über Förderung der Demokratie reden kann, ist erstaunlich.
Auf diese Dinge sollte sich die Antikriegsbewegung konzentrieren. Wenn einige Regierungen zufällig - aus eigenen, zynischen Motiven - mit der Mehrheit ihrer Bevölkerung übereinstimmten und die richtige Position vertraten, war das okay. Damit hat es sich aber auch schon. Man braucht darüber kein Wort mehr zu verlieren. Schon morgen werden sie ohnedies das Gegenteil tun, aus purem Zynismus - aus Machtinteresse.
Achcar:
Noam hat Recht, wenn er diesen typischen Zug unserer Zeit betont. In den Mainstream-Medien geht der Trend allgemein dahin, Politiker zu loben, die regieren, ohne sich um Umfragewerte zu scheren. Das gilt inzwischen als große Tugend. Dahinter steckt ein sehr elitärer Gedanke, der fest im Konzept der "repräsentativen Demokratie" verankert ist. Er lautet: Einmal gewählt, kann ein Repräsentant/eine Repräsentantin im Grunde tun und lassen, was er oder sie will, selbst gegen den einigen Willen der Wählerschaft. Allerdings muss ich zustimmen, die drei oben genannten Regierungen - Frankreich, Deutschland und Russland - waren sicher nicht aus demokratischen Gründen gegen den Krieg. Auf die Regierung Russlands brauche ich nicht extra einzugehen. Aber auch deutsche und französische Regierungen fackeln nicht lange, wenn es um extrem unpopuläre, neoliberale politische Maßnahmen und den Angriff auf soziale Errungenschaften geht. Im Fall des Irakkriegs hatten deren Motive sicherlich nichts mit demokratischen Prinzipien zu tun. Weit nüchternere Beweggründe waren sicher im Spiel.
Im Irak kam es zu einem direkten Interessenskonflikt zwischen den USA/Großbritannien auf der einen und Frankreich/Russland - man könnte noch China hinzufügen -, auf der anderen Seite. Die Sowjetunion und Frankreich waren für Saddam Hussein jahrelang die wichtigsten Partner beim Waffenhandel gewesen. Im Irankrieg war vor allem Frankreich dessen wichtigster militärischer Rückhalt. Mit dem Irakkrieg 1991 war Russland zwar einverstanden - Frankreich beteiligte sich daran -, doch in den Embargojahren versuchte Saddam Hussein, seine traditionelle Partnerschaft mit Frankreich und Russland im UNO-Sicherheitsrat auszuspielen und so ein Gegengewicht zu Amerika und Großbritannien zu schaffen. Französische und russische Unternehmen erhielten wichtige Ölkonzessionen - allerdings nur unter der Bedingung, dass das UNO-Embargo fiel. Aus diesem Grund änderten Paris und Moskau ihre Haltung und suchten einen Weg zur Aufhebung des UN-Embargos. Washington und London blockten ab. Die USA und Großbritannien würden auch dann gegen eine Aufhebung des Embargos sein - beziehungsweise sich dagegen sträuben -, wenn/falls die UNO-Inspekteure die Abrüstung des Irak bestätigten. Dies wurde von Paris und Moskau zurecht als Weigerung (der USA u. Großbritanniens) interpretiert, Frankreich und Russland in den Genuss der (vom Irak) gewährten Ölkonzessionen kommen zu lassen. Die Absicht Washingtons und Londons, in den Irak einzumarschieren, wurde von Paris und Moskau sehr deutlich als Devise nach dem Motto "schnapp ihnen den Preis weg!" empfunden. Eine der ersten Proklamationen nach dem Irakeinmarsch war auch tatsächlich, alle Verträge mit Saddam Hussein für null und nichtig zu erklären. Das ist der eigentliche Grund, weshalb Paris und Moskau gegen den Krieg waren. Hätte die Bush-Administration ihnen ein großes Stück vom Kuchen angeboten, sie hätten sich sicher darauf eingelassen, dessen bin ich mir gewiss. Aber die Bush-Administration war derart arrogant, sie wollte ihnen praktisch überhaupt nichts überlassen. Aus diesem Grund waren (diese Regierungen) bis zum Schluss gegen den Krieg.
Im Falle Deutschlands standen keine direkten wirtschaftlichen Interessen auf dem Spiel. Bestenfalls, bei großzügiger Auslegung, spielten für Kanzler Schröder übergeordnete geopolitische Erwägungen eine Rolle - er war in gewissem Maße besorgt, den USA nicht alle Machttrümpfe bezüglich Europa zu überlassen. Dies könnte man in Verbindung zu der sehr engen Beziehung zu Putin sehen, die der Kanzler nährte bzw. zu den Verträgen für eine neue Gaspipeline von Russland nach Deutschland (über das Baltische Meer), die damals gerade ausgearbeitet wurden. Dies wäre die großzügigere Auslegung von Schröders Motivation. Die weniger großzügige Variante würde betonen, dass hinter seinen Motiven eine gehörige Portion Wahlopportunismus steckte - nicht etwa Demokratieerwägungen. Die Vorbereitungen für die Irakinvasion liefen just an, als dem Kanzler prognostiziert wurde, die anstehenden Bundestagswahlen zu verlieren. Der Grund: Schröders neoliberales Sozialprogramm, das traditionelle SPD-Wähler zögern ließ, ihn zu unterstützen. Das einzig populäre Thema, das Schröder finden konnte, war ein Nein zum Krieg - zu einem Zeitpunkt, als, laut Umfragen, die öffentliche Meinung in Deutschland sehr überwiegend gegen den Krieg war.
Regierungschefs vom Schlage Chirac, Putin und Schröder sollten von der Antikriegsbewegung auf keinen Fall als Verbündete gesehen werden. Wenn ihre Interessen auf dem Spiel stehen, verwandeln sich diese Leute in falkenhafte Kriegstreiber. Die russischen Streitkräfte führen in Tschetschenien einen furchtbaren, quasi-genozidalen Krieg. Die französische Regierung sieht sich in Afrika immer noch als Kolonialmacht - und benimmt sich entsprechend -, ganz zu schweigen von der Tatsache, dass sowohl Frankreich als auch Deutschland, gemeinsam mit US-Truppen, in Afghanistan involviert sind. Noch eines: Obgleich weder Paris noch Berlin die Irakinvasion politisch unterstützt haben, taten sie in technischer Hinsicht alles, um diese zu erleichtern - Deutschland, indem es die gesamte amerikanische Militärinfrastruktur auf deutschem Territorium zur Verfügung stellte[5], Frankreich durch Öffnung von Luftkorridoren für amerikanische Kriegsflugzeuge. Lassen wir uns von diesen Regierungen nicht täuschen. Die Antikriegsbewegung ist - zumindest in ihren dynamischsten Sektoren -, eng mit der Bewegung für globale Gerechtigkeit verbunden. Meiner Ansicht nach eine gute Kombination. Schließlich geht es um zwei Facetten ein- und derselben Realität. Es geht um Opposition gegen imperiale Kriege und um Opposition gegen den Neoliberalismus.
Chomsky:
Analog ergänzend könnte ich die Haltung der USA kommentieren. Ich glaube allerdings nicht, dass es pure Arroganz ist. Amerika hat ein reales Interesse, Frankreich und Deutschland zu unterminieren - die beiden sind das industrielle, kommerzielle und finanzielle Zentrum Europas, der Rest eine Art Peripherie. Während der 40ger Jahre waren die Vereinigten Staaten sehr besorgt, Europa könnte sich unabhängig entwickeln. Deshalb war Amerika auch so in Sorge, als der damalige französische Präsident, Charles de Gaulle, zu einem Europa vom Atlantik bis zum Ural aufrief. Die Kräfte zur Umsetzung eines solchen Europas finden sich heute im "Alten Europa" - einer der Gründe, weshalb den USA soviel an einer Ausweitung der Europäischen Union (EU) bis in die ehemaligen sowjetischen Satellitenstaaten gelegen war. Sie glauben wohl, sie könnten sie kontrollieren. Aus demselben Grund unterstützen amerikanische Politiker vehement den EU-Beitritt der Türkei - nicht, weil sie die Türkei so sehr lieben, sondern, weil sie dies als weitere Möglichkeit ansehen, den Einfluss der mächtigsten Sektoren Europas zu verwässern und die US-Kontrolle über Europa zu gewährleisten, so deren Hoffnung. Wie auch immer die Haltung Deutschlands und Frankreichs im Irakkrieg, dies bliebe weiter konstant.
Das Gleiche passierte 1990, als der damalige Sowjetführer, Michail Gorbatschow, die Vereinigung Deutschlands zuließ - aus russischer Sicht eine enorme Bedrohung. Im Gegensatz zu den USA geht es für Russland um echte Sicherheitsbelange. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte allein Deutschland Russland praktisch zweimal zerstört. Ein vereinigtes Deutschland, eingebettet in eine westliche Militärallianz, war als große Bedrohung anzusehen. Gorbatschow stimmte der deutschen Vereinigung dennoch zu - unter einer Bedingung: Er verlangte von (dem damaligen US-Präsidenten) Bush senior die feste Zusicherung, die Nato werde sich nicht Richtung Osten ausdehnen. Einige Jahre später missachtete Präsident Clinton diese Verpflichtung und erweiterte die Nato gen Osten - bis an die Grenzen Russlands. Entsprechend die russische Reaktion. Russland erhöhte seine militärischen Offensivkapazitäten. Zuvor hatte das Land massiv auf die Abschaffung der Atomwaffen gedrängt. Russland hatte - im Gegensatz zu USA und Nato übrigens - den Verzicht auf die atomare Erstschlagsoption erklärt. Aber nachdem Clinton die Nato-Verpflichtung (siehe oben) zurückgenommen hatte, nahm auch Russland entsprechende Vorstöße zurück und warf sich in eine mehr offensive militaristische Positur. Unter Bush junior hat sich dieser Trend fortgesetzt. Diese wirklich wichtigen Entwicklungen haben mit zur Hysterie über das sogenannte "Alte" und "Neue Europa" beigetragen. Das Neue Europa ist für die Vereinigten Staaten wichtig, um den europäischen Einfluss zu unterminieren.
Achcar:
Ich stimme weitgehend zu. Wir sollten allerdings betonen, dass auch im Neuen Europa die öffentliche Meinung überwältigend gegen den Irakkrieg war - sogar mehr noch als im Alten Europa!
Chomsky:
Lediglich in Rumänien erreichte die Prokriegsstimmung 10 Prozent[6].
Somit haben die Regierungen des Neuen Europa die Meinung ihrer eigenen Bevölkerung am meisten missachtet. Indem sie die Unabhängigkeit Europas verwässern, zeigen sie (die Regierungen des "Neuen Europa") sich gegenüber den USA gehorsam.
Anmerkungen
[1] Agence France Presse: 'Majority of Spanish Against War in Iraq' vom 22. Februar 2003. Laut dieses Artikels unterstützten zu diesem Zeitpunkt 2,3 Prozent der spanischen Bevölkerung einen Krieg der USA und ihrer Verbündeten ohne Autorisierung der Vereinten Nationen (wie er dann Realität wurde). 11,8 Prozent der Befragten waren nur im Falle einer UN-Autorisierung nicht gegen einen Krieg gegen Irak, 84,7 Prozent waren bedingungslos dagegen.
[2] Richard Bourdeaux u. John Hendren: 'U.S. Drops Its Bid to Base Troops in Turkey', Los Angeles Times vom 15. März 2003, S. A5.
[3] David Ignatius: 'A War of Choice, and One Who Chose It', Washington Post vom 2. November 2003, S. B1.
[4] Mark Lacey: 'Turkey Rejects Criticism by U.S. Official over Iraq', New York Times vom 8. Mai 2003, S. A15. Wolfowitz: "Let's have a Turkey that steps up and says: "We made a mistake. We should have known how bad things were in Iraq, but we know now. Let's figure out how we can be as helpful as possible to the Americans."" Wolfowitz 'singled out the Turkish military for criticism. "I think for whatever reason, they did not play the strong leadership role that we would have expected."'. Türkische Umfragewerte finden sich in der Washington Post, S. A17 vom 26. Februar 2003: 'Turkey Plans for 62,000 U.S. Troops', Philip P. Pan.
[5] Unabhängig hiervon gibt es Anschuldigungen, deutsche Nachrichtendienste hätten dem US-Militär während des Einmarsches in den Irak Hilfe geleistet, siehe Richard Bernstein in der New York Times vom 3. März 2006, S. A12: '2 German Roles: Opposing War and Aiding U.S.'.
[6] Umfrage ('Iraq Poll') von Gallup International 2003: http://www.gallup-international.com/ContentFiles/survey.asp?id=10
Der vorliegende Text ist ein Auszug (S. 90-95) aus dem Buch 'Perilous Power: The Middle East and U.S. Foreign Policy' von Noam Chomsky & Gilbert Achcar, Herausgeber Stephen R. Shalom, erschienen bei Paradigm Publishers http://www.paradigmpublishers.com/Books/BookDetail.aspx?productID=143446
Orginalartikel:
Perilous Power: The Middle East and U.S. Foreign Policy Dialogues on Terror, Democracy, War, and Justice By Noam Chomsky and Gilbert Achcar
Übersetzt von:
Andrea Noll
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