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Philippinen: Massenhunger und 'Steuerschuldenkrise'

von Alejandro Lichauco

29.08.2004 — ZNet

— abgelegt unter:
Offener Brief des Bürgerkomitees zur Nationalen Krise (Citizens Committee on the National Crisis) an Präsidentin Gloria Macapagal-Arroyo

Geehrte Frau Präsidentin: Die Philippinen sind heute ein Beispiel für eine humanitäre Katastrophe. Ende letzten Jahres veröffentlichte das FNRI-DOST (Forschungsinstitut für Nahrung und Ernährung des Departments für Wissenschaft und Technologie) eine Studie, die zu dem Ergebnis kam, daß “8 von 10 Haushalten hungern”. Soweit uns bekannt das erstemal, daß die Regierung, durch eine relevante Agentur, die Tatsache eingesteht, daß Massenhunger - nicht nur Massenarmut - das Land erfaßt hat. Falls das Ergebnis des FNRI-DOST-Berichts, daß 8 von 10 Haushalten Hunger leiden, zutrifft, kann das nur bedeuten, daß die Philippinen ein Beispiel für eine humanitäre Katastrophe sind - was die dringliche Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft erforderte sowie ein Programm für internationalen Beistand und Hilfe. Die humanitäre Dimension der FNRI-DOST-Statistik spiegelt folgende Zeitungsnachricht: “Inzwischen verkaufen Mütter ihre Babies, Väter verkaufen ihre Niere, und Bauern verzehren Feldratten”.

Die Ergebnisse des FNRI-DOST-Berichts, Frau Präsidentin, wurden in der Ausgabe der Zeitung ‘Today’ vom 2. November 2003 veröffentlicht. ‘Today’ brachte die Story auf der Titelseite, dennoch hat sie zu keiner öffentlichen Reaktion geführt, nicht einmal vonseiten der Medien. ‘Today’ scheint die einzige Zeitung, die die Story überhaupt veröffentlichte. Erklären läßt sich die öffentliche Gleichgültigkeit vielleicht damit, daß die Öffentlichkeit annahm, es handle sich nur um eine neue nebulöse Statistik - die Öffentlichkeit ist ja abgestumpft durch nebulöse Statistiken. Wäre die menschliche Dimension hinter der Statistik erkannt worden, es hätte vielleicht dazu geführt, daß das Gewissen einer Nation, die verkündet, sie sei die “einzige christliche Nation Asiens”, spürbar aufgerüttelt worden wäre - wenn auch nur ein klein wenig und für den Moment.

Auf humanitärer Ebene, Frau Präsidentin, bietet die Statistik eine Erklärung, weshalb Menschen in Nueva Vizcaya ihre Babies verkaufen, warum Bauern im fruchtbaren Reisanbaugebiet von Nueva Ecija Feldratten jagen, um sie zu essen und weshalb in den öffentlichen Krankenhäusern unseres Landes - selbst im PGH (Philippine General Hospital in Manila) - tagtäglich Kleinkinder sterben. Und sie erklärt vielleicht auch, warum ein guter Familienvater sich gezwungen sah, seinem Heim den Rücken zu kehren, um im Ausland zu arbeiten - selbst in einem vom Terror heimgesuchten Land wie dem Irak. Schließlich mußte er ja essen und genug verdienen, um die Lieben, die er verlassen hatte, zu ernähren. Angelo de la Cruz*, Frau Präsidentin, ist kein Symbol eines neuen philippinischen Heroismus - wie ihn ihre kitschigen PR- Leute darstellen. Angelo de la Cruz ist Symbol jener humanitären Katastrophe, die unsere Nation erfaßt hat. Das Problem, Frau Präsidentin, ist der Hunger und nicht die “Steuerschuldenkrise”, über die jene Ökonomen von der U.P. (University of the Philippines) so gewichtig schreiben. Sich auf die “Steuerschuldenkrise” zu konzentrieren - vor allem, nachdem eine Agentur der Regierung die Tatsache formal bestätigte, daß Massenhunger existiert -, ist gelinde gesagt seltsam, es wäre geradezu komisch, wenn es nicht so seltsam wäre, denn die sogenannte “Steuerschuldenkrise” ist ja nur Symptom des sozialen Krebsgeschwürs, das unsere Innereien auffrißt - oder anders gesagt, Symptom der Bedingungen, die für den massenhaften Hunger verantwortlich sind. Sich in diesem Moment auf die “Steuerschuldenkrise” zu konzentrieren bedeutet, die natürliche Katastrophe zu trivialisieren. Selbst das Präsidentenbüro wird so trivialisiert.

Nicht die “Steuerschuldenkrise” ist schuld am Hunger, Frau Präsidentin, denn die Nation ist schon längst im Griff des Hungers - lange, bevor das FNRI-DOST seine (Untersuchungs-)Ergebnisse veröffentlichte, mit denen es die Tatsache offiziell bestätigte und ganz sicher lange vor der “Steuerschuldenkrise”, über die die U.P.-Ökonomen nun so gelehrt schreiben. Der Hunger steckt hinter der Steuerschuldenkrise.

Dieser Brief wurde am 26. August 2004 in der philippinischen Zeitung ‘Today’ erstveröffentlicht.

Anmerkung d. Übersetzerin

* Angelo de la Cruz - ein 46jähriger philippinischer Lastwagenfahrer und achtfacher Familienvater - wurde im Juli 2004 im Irak gekidnappt und mit Hinrichtung bedroht, sollten die Philippinen nicht ihre restlichen Truppen aus dem Land abziehen. Nach massivem Druck der Öffentlichkeit gab Präsidentin Arroyo schließlich nach und zog die philippinischen Truppen aus dem Irak ab. Angelo de la Cruz kam nach zweiwöchiger Geiselhaft frei.

Übersetzt von: Andrea Noll
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Anonymous sagt
17.04.2008 19:27

Möchte nur mal wissen,was solch ein Land im Irak zu suchen hat.