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'Poland Watch' interviewt Michael Albert zu Parecon

von Michael Albert und Mariusz Doszyn

05.03.2004 — ZNet

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Die Folgen der sogenannten ‘Globalisierung’ - die wohl eher ein ‘Übereinkommen für Investorenrechte’ ist -, sind in Polen überdeutlich sichtbar. So traf Hundai vor einigen Tagen die Entscheidung, mehrere neue Werke in der Slowakei zu bauen - und nicht in Polen - aus dem einfachen Grund, weil die Löhne in der Slowakei niedriger sind und die Gewerkschaften weniger zu sagen haben. Was würden Sie den Menschen in Polen raten, die etwas gegen diese Art des “Globalisierungs”-Prozesses tun wollen, Menschen, die nicht die Möglichkeit haben, an WSFs oder ähnlichen Events teilzunehmen? Gibt es überhaupt eine Chance auf Wandel, wenn in anderen Ländern der Region die neoliberalen Reformen so schnell umgesetzt werden?

Wenn ich ehrlich bin, kann ich keinen Rat geben, wie die Leute in Polen sich am besten organisieren. Der Kontext, mit dem ich mich auskenne, unterscheidet sich sehr stark vom Kontext hier. Was ist strategisch am sinnvollsten? Immer eine sehr kontextabhängige Frage. Andererseits gibt es Dinge, die praktisch universell sind. Ganz entscheidend ist jedenfalls, dass man sich auf möglichst breiter Basis auf Themen verständigt, für die die Bewegung eintreten soll. Und anschließend ist sehr entscheidend, dass die gemeinsame Linie möglichst Verbreitung findet. Gemeinsames Engagement ist wichtig, die Leute müssen bereit sein, Organisationsarbeit zu leisten, zu agitieren und natürlich zu demonstrieren, um die sozialen Kosten für die Eliten hochzutreiben, damit sie sich den Forderungen beugen. Ansonsten bin ich überfragt - etwa in der Frage, welche Forderungen Sinn machen, sobald die Bewegung steht und in der Lage ist, auf Wandel zu drängen, oder wie man Verbindungen zwischen polnischen Bewegungen und Bewegungen in anderen Ländern der Region herstellt, wie man das am besten bewerkstelligt.

Sie und Robin Hahnel haben ein partizipatives Wirtschaftssystem (Parecon) entworfen, ein ökonomische System, basierend auf Werten wie Gerechtigkeit, Solidarität, Selbstverwaltung, Entlohnung für Einsatz und Opferbereitschaft (sacrifice). Können Sie uns die Grundideen von Parecon erläutern? Wie hat man sich den Übergang zu Parecon vorzustellen? Wie könnte das für Polen aussehen?

Also in Kürze - das Wirtschaftssystem, das wir vorschlagen, Parecon, basiert auf mehreren definierenden Schlüsselinstitutionen: (1) Es gibt Arbeiter- und Konsumentenräte sowie Räte-Föderationen. Innerhalb der Räte bzw. der Räte-Föderationen finden Entscheidungsprozesse statt. Diese und ihre Methodik zielen darauf ab, jedem/jeder Beteiligten den Entscheidungseinfluss zu geben, der seiner/ihrer Betroffenheit von der Entscheidung proportional entspricht. (2) In entsprechender Weise ersetzt Parecon die Konzern-Arbeitsteilung. Rund 20% der Bevölkerung monopolisieren Jobs und (Arbeits-)Bedingungen, die empowern bzw. eher angenehm sind, während für die restlichen 80% nur langweilige, häufig gefährliche, mechanische Arbeit übrigbleibt, also Aufgaben, die sicher eher weniger Befriedigung und Macht mit sich bringen. Das wird bei Parecon durch sogenannte ‘ausgeglichene Job-Komplexe’ ersetzt. Für alle Arbeitenden sieht Parecon einen Mix aus Aufgaben und Pflichten vor, aus dem sich der Job insgesamt zusammensetzt. Die Arbeit bietet Tätigkeiten, die empowern und solche, die nicht empowern. Angenehme und weniger angenehme Tätigkeiten wechseln fair ab. Unterm Strich lässt sich bei Parecon, was die empowernde Wirkung angeht, also jeder Job mit jedem andern vergleichen. Auf diese Weise wird eine Spaltung in eine Koordinatoren-Klasse (siehe die herrschende Klasse im alten (kommunistischen) Polen) und eine Arbeiterklasse vermieden. Die Klassenhierarchie wird beseitigt - indem man die unterschiedlichen Arbeiten gleich und gerecht verteilt.

(3) Hinzu kommt - es wird Lohn für Leistung und Lohn für Opferbereitschaft (sacrifice) geben. Unser Einkommen wird sich danach richten, wie hart wir arbeiten bzw. wie unangenehm unsere Aufgaben sind (was in einem ausgeglichenem Verhältnis stehen sollte). Wir werden nicht als Besitzende bezahlt werden, auch nicht für unsere Macht, ja noch nicht mal für unsern Erfolg. (4) Letzter Punkt: Marktwirtschaft und/oder zentrale Planwirtschaft würden die Räte-Selbstverwaltung zwangsläufig unterminieren, sie würden ausgeglichene Job-Komplexe und eine Vergütung nach Anstrengung und Opferbereitschaft abschaffen. Beides (der Markt und/oder zentrale Planwirtschaft) verzerrt zudem die Preisgestaltung, fördert Klassenunterschiede und eine antisoziale Haltung - von anderen Mankos ganz zu schweigen. Parecon ersetzt Markt- bzw. zentrale Planwirtschaft daher in der Frage der Verteilung durch sogenannte ‘partizipative Planung’. Das heißt, Arbeiter- und Konsumentenräte handeln die ökonomische Verteilung kooperativ aus. Allen Beteiligten wird ein angemessenes, eigenverantwortliches Mitspracherecht eingeräumt. Die Preise entsprechen den tatsächlichen sozialen Kosten bzw. dem tatsächlichen sozialen Nutzen. Sehen Sie, ich behaupte, Parecon wird nicht nur primär dazu dienen, auf effiziente Weise Bedürfnisse zu befriedigen und Potenziale zu entwickeln - indem dies geschieht, fördert Parecon nämlich gleichzeitig Solidarität, Gerechtigkeit, Selbstverwaltung und Diversität. Was für ein dramatischer Kontrast zu bestehenden Ökonomien - die ein paar Wenige auf Kosten der Mehrheit reich machen, die unsoziale Verhaltensweisen produzieren und krasse Ungleichheit; Entscheidungen werden homogenisierend vorweggenommen, die erzwungenen Entscheidungsprozesse sind stark autoritär.

Aber wie erreicht man eine derartige neue Wirtschaft - Parecon? Ich glaube, das funktioniert mit möglichst großen, engagierten Bewegungen, in deren Mittelpunkt Arbeiter- und Konsumentenräte stehen - sie sind der entscheidende Schlüssel zur Selbstorganisierung - dann natürlich durch möglichst viele Parecon-Projekte und Firmen, in denen Parecon weiterentwickelt wird, in denen man mit der Idee experimentiert. Dies wird eine Reihe von Veränderungen bewirken - Veränderungen, von denen jede das Los unserer unterdrückten Klientel verbessert -, was wiederum den beteiligten Bewegungen Macht und weiteres Engagement einbringt. Zum Schluss wird man gemeinsam die Wirtschaft übernehmen. Denken wir nur an Argentinien, was dort in letzter Zeit geschehen ist - wären die einzelnen Bewegungen stärker und die Zielvorstellungen klarer gewesen, viele wichtige Elemente eines solchen Prozesses wären dort deutlich und im großen Bild zum Vorschein gekommen.

Sie sind ein Markt-Abolitionist. Nach unseren Erfahrungen mit zentraler Planwirtschaft werden solche Vorstellungen heutzutage in Polen als Ketzerei betrachtet. Können Sie Ihren Standpunkt etwas erläutern?

Die Tatsache, dass die zentrale Planwirtschaft ein Desaster war, ist noch lange kein Markt-Argument. Es ist lediglich ein Argument gegen zentrale Planwirtschaft. Wenn ein Fläschchen auf dem Regal Gift enthält, greifen Sie ja auch nicht sofort zu dem daneben und denken, was für eine tolle Nährlösung. Sie werden erst mal testen, welche Eigenschaften die neue Substanz besitzt - unabhängig von den schädlichen Eigenschaften der alten, die sie nicht mehr wollen. Schließlich könnte ja in beiden Fläschchen Gift sein. Genauso verhält es sich mit Marktwirtschaft und zentraler Planwirtschaft. Beide Verteilungs-Ansätze sind “Gift” für die Menschen, für ihr Wohlergehen und ihre Entwicklung. Denn, beide Ansätze erzwingen eine Gesellschaft, die in eine Koordinatoren-Klasse und eine Arbeiterklasse gespalten ist - wobei Erstere über Letztere herrscht. In Polen gab es zentrale Planwirtschaft, die Wirtschaft funktionierte extrem schlecht, okay. Aber in Jugoslawien, zum Beispiel, gab es einen Markt und keine zentrale Planwirtschaft, und die Wirtschaft lief trotzdem extrem schlecht. Märkte sind immer schlecht - aus einer Vielzahl von Gründen heraus. Und selbst wenn sie nicht im Privatbesitz wären - was ja ihr Manko verstärkt und zu zusätzlichen Problemen führt -, Märkte zwingen Käufer und Verkäufer zu antisozialem Verhalten, zu einer antisozialen Haltung. Der Markt garantiert Produktion im Sinne des Surplus - und nicht im Sinne eines zufriedenstellenden Nutzens. Marktwirtschaft erzeugt extreme Preisverzerrung bei Produkten, deren Effekt nicht nur unmittelbar Käufer und Verkäufer angeht (am deutlichsten sichtbar bei Waren, die die Umwelt verschmutzen oder andere offensichtliche ‘Nebenwirkungen’ haben). Märkte sorgen dafür, dass Geschmäcker und Vorlieben pervertiert werden - sodass das Private den Vorzug über das Öffentliche gewinnt und neue Bedürfnisbefriedigung entsteht, wo das alte vielleicht viel, viel besser war. Der Markt verstößt gegen das Prinzip der ökologischen Nachhaltigkeit - indem Problematisches billig verkauft wird bzw. durch kurze Haltbarkeitsfristen. Märkte oktroyieren uns Klassenunterschiede und Klassenherrschaft auf.

Aber - es gibt keinen Grund, diese Probleme einfach in Kauf zu nehmen. Nur, weil wir zentrale Planwirtschaft hassen, brauchen wir uns noch lange nicht für Marktwirtschaft zu entscheiden. Wir würden ja auch kein Arsen in den Tee oder Kaffee schütten, nur, weil uns Süßstoff extrem schlecht bekommt. Den Vergleich meine ich wörtlich. So übel zentrale Planwirtschaft auch gewesen sein mag, der Markt ist das weit größere Übel (auf dem Hintergrund Ihrer Erfahrungen mag sich das vielleicht seltsam anhören, aber man darf nicht vergessen, Polen hatte neben zentraler Planwirtschaft auch noch ein äußerst autoritäres Politsystem. Der Horror des alten Systems hängt größtenteils mit Letzterem zusammen und nicht mit Ersterem). Der Grund, weshalb wir uns nicht zwischen zentraler Planwirtschaft und dem Markt entscheiden müssen, es gibt Alternativen - andere Möglichkeiten der Verteilung. In einer guten Ökonomie hieße die Verteilungsvariante der Wahl ‘partizipative Planung’.

In Polen sagen viele Leute, die Märkte sind zwar oft schlecht, aber eben wenigstens effizient. Was würden Sie den Leuten antworten, die glauben, ein anderes Wirtschaftssystem (zum Beispiel Parecon) könne nicht effizient funktionieren?

Nun, der erste Punkt, Märkte sind in Wirklichkeit gar nicht effizient - außer, man glaubt, Profitmaximierung für einige Wenige sei der primäre, vielleicht sogar einzige Wert, der zählt. Nein, es ist nicht effizient, die Möglichkeiten von rund 80% der Bevölkerung total verkümmern zu lassen. Es ist nicht effizient, Gesundheit und Unversehrtheit eines Großteils der Bevölkerung auf dem Altar der Profitmaximierung zu opfern. Es ist nicht effizient, gegen ökologische Belange zu verstoßen, usw.. Effizienz würde bedeuten, man verfolgt eine Zielsetzung, ohne dass dabei Wertvolles auf der Strecke bleibt - oder wir einen anderen schmerzlichen Preis zahlen müssen. Der Markt erzeugt Profite für Besitzer und opfert dafür das öffentliche Wohl, er opfert die Gesundheit der Arbeitenden, das Wohlergehen aller, usw.. Und die Besitzer scheren sich einen Dreck um diese Verluste. Gut, also, legen wir das Wertesystem der Besitzer zugrunde - dann wäre der Markt tatsächlich effizient. Auch die Sklaverei war ja effizient - in der Logik und der berechnenden Moral der Sklavenhalter, denen die Folgen für die Sklaven völlig egal waren. Für den großen Rest von uns gilt: Der Markt ist nicht nur nicht effizient sondern absolut ineffizient. Die Ziele des Markts lassen sich mit unseren elementarsten Interessen nicht in Einklang bringen. Sie schädigen unsere Interessen in horrender Weise. Der Markt geht verschwenderisch mit Werten um, die uns am Herzen liegen, mit unserer Umwelt zum Beispiel, der Markt vergeudet unsere Fähigkeiten, usw..

Die Kritik an der Effizienz (des Markts) wäre noch weiter fortzuführen - aber was ich oben gesagt habe, ist das Wichtigste, was wir erkennen sollten. Besitzer scheren sich zudem nicht direkt um die Ratio Output/Kosten oder um ökologische Nachhaltigkeit. Nehmen wir einmal an, eine Firma hat die Möglichkeit, ein besseres Input-Output-Verhältnis zu erzielen, mit einem Ansatz, der die Belegschaft massiv empowert und ihr so - durch mehr Einkommen - einen größeren Anteil am Surplus verschafft, wodurch natürlich weniger für den Besitzer abfällt: der Besitzer wäre gegen diesen Ansatz. Er würde die günstigere Input-Output-Ratio der Maximierung des eigenen Profits opfern. So etwas passiert ja ständig. Ebenso verzerrt der Markt die Preise für Autobenzin - im Faktor 1 zu 9 etwa (das heißt, wenn Benzin $1 kostet, würde man bei einer ehrlichen, sozialen Kosten-Nutzen-Kalkulation $9 berechnen müssen). Aber der Markt schert sich nicht um schädliche Folgen - für die Luftreinheit, für die Gemeinden, usw.. Das gilt übrigens für viele Produkte. Hier wird unglaublicher Schaden angerichtet, die Bevölkerungung leidet - aber weil im Interesse des massiven Profitstrebens, geht alles munter so weiter. Das nennt man Effizienz. Anders gesagt, die ‘unglaublich effizienten Märkte’, wie sie die Proganda feiert, sind in Wirklichkeit Preisverzerrer - und das gilt für so gut wie alle Waren und Dienstleistungen. Die Märkte verfolgen ihre Ziele mit moralischen Scheuklappen. Die institutionellen (immanenten) Folgen ihres Tuns: Sie zerstören Werte, die uns teuer sind - zum Beispiel unsere Gesundheit, ja selbst unser Überleben. Dass viele den Eindruck bekommen, der Markt sei zumindest effizient, zeigt nur, wie massiv unser Schulsystem bzw. die Medien unsere Wahrnehmung bezüglich des eigenen Lebens verzerren.

Aber zurück zu Parecon. Man müsste das alles natürlich viel ausführlicher darlegen*, damit es einleuchtet. Im Hinblick auf Produktion (und Konsum) ist Parecon-Motivation: Die Bedürfnisse aller müssen befriedigt werden, deren Potenziale realisiert - im Gegensatz zu Profit für relativ Wenige. Die Preise werden den eigentlichen sozialen Kosten / dem sozialen Nutzen angepasst. Auf diese Weise beziehen die Verteilungskriterien die eigentlichen Folgekosten mit ein. So gesehen ist Parecon effektiv - im Sinne der Ziele, die die Menschen sich frei wählen und im Sinne eines proportionalen Inputs. Parecon lässt Werte oder Ziele, die für Menschen wichtig sind, nicht vor die Hunde gehen, treibt nicht Schindluder damit. Anders gesagt, Parecon ist wirklich effizient - natürlich nicht von der moralisch kurzsichtigen Warte einer kleinen Elite aus, sondern vom informierten Standpunkt aller Mitglieder der Bevölkerung. Nochmal: Mir ist klar, was ich hier sage, ist nicht umfassend, ist lediglich ein Plädoyer für ein Modell - aber wäre toll, wenn es realisiert würde. Was ich hoffentlich vermittelt habe, ist, dass man sich die Sache genauer anschauen sollte - um selbst herauszufinden, ob das Ganze etwas taugt*.

Derzeit wird in Polen über die Umsetzung einer Politik diskutiert, die hauptsächlich darauf abzielt, bei den sozialen Ausgaben (der größte Brocken) sowie bei Verwaltungskosten einzusparen. Das Ganze nennt sich ‘Hausner-Plan’. Ohne dessen Umsetzung wird es sehr wahrscheinlich zu einer Finanzkrise kommen. Die Gefahr einer Krise ist so massiv, weil das Haushaltsdefizit sehr groß ist und die Investoren “unruhig” werden. Natürlich interessiert keinen aus dem Establishment die Meinung der einfachen Leute - wie nicht anders zu erwarten. Minister Hausner sagt, die Gesellschaft habe ihm ‘kalte Konzession’ erteilt. Also sei doch alles in Ordnung. Was sollte Ihrer Meinung nach geschehen? Sollte der Plan umgesetzt werden?

Wenn der Plan von der Regierung kommt, halte ich es für zweifelhaft, dass er irgendetwas anderes darstellt als den Versuch, die Mechanismen, die ein paar Reiche - auf Kosten der Mehrheit - noch reicher machen, weiter zu verankern. Es sei denn, der Plan besteht aus Forderungen der Arbeitenden und der Konsumenten und ist daher gegen die Tendenzen von Regierung und Eliten gerichtet. Ich kenne die Einzelheiten des Plans nicht und auch nicht en détail die Situation in Polen. Also, tut mir leid, mehr als diese allgemeine Überlegung kann ich kommentierend nicht beisteuern.

Manche sind der Meinung, die Situation in Polen entwickle sich ähnlich wie in Argentinien oder Brasilien. Rund 60% der Polen leben in Armut. In Großstädten (wie Szczecin und Krakau) gibt es jetzt Armenviertel, in denen die Menschen in Alkoven leben. Von der enormen Korruption ganz zu schweigen. Glauben Sie, das Szenario Argentinien könnte sich hier in Polen wiederholen?

Ich denke, überall in Osteuropa - auch in der ehemaligen Sowjetunion - hat die Öffentlichkeit geglaubt, wenn das alte System erst überwunden ist (ich spreche in diesem Zusammenhang immer von Koordinatoren-Ökonomien - zu denen ein autoritäres politisches System gehörte), werde man sich zu so etwas wie Spanien oder Italien entwickeln oder Kanada. Inzwischen geht den meisten Menschen der Region auf, dass für sie wohl eher ein Schicksal wie Brasilien oder Argentinien vorgesehen war - meiner Meinung nach sogar eher das Schicksal Guatemalas, das war von Anfang an der Gradmesser. Zumindest für die meisten ehemaligen Ostblock-Länder trifft das zu. Wenn Sie allerdings darauf anspielen, ob ich glaube, die Menschen Polens könnten in nächster Zeit gegen die Bedingungen rebellieren, die ihnen aufoktoryiert werden - als Aktivisten, wie das in letzter Zeit so charakteristisch für Argentinien war -, beziehungsweise, dass sie sich an der Wahlurne zur Wehr setzen, wie in Brasilien, ich weiß es nicht, hoffe es aber. Und ich hoffe, es wird nicht dabei bleiben sondern weitergehen.

Sie haben ‘Southend Press’, Z Magazine und ZNet mitbegründet. Welchen Rat geben Sie Leuten in Polen, die alternative Medien schaffen wollen? Was sollte man vermeiden, was ist Ihrer Meinung nach das Wichtigste?

Aufgrund des unterschiedlichen Kontextes ist das natürlich wieder so eine schwierige Frage. Aber manche Dinge lassen sich vergleichen. Für ein alternatives Medium ist meiner Meinung nach wichtig, dass man Projekte schafft, die so weit als möglich mit den Werten übereinstimmen, für die man steht, so dass das operierende Projekt nicht in Gegensatz zu den Zielen gerät. Analog sollte man nicht einfach die Mainstream-Institutionen nachahmen sondern versuchen, neue Institutionen aufzubauen, mit neuen Strukturen, die die Werte verkörpern, denen man sich verpflichtet fühlt - in meinem Fall heißt das zum Beispiel, ich baue Projekte auf, die die Strukturen und Normen von Parecon verkörpern. Ich kann daher nur empfehlen: Alternative Instutionen sollten selbstverwaltet sein, sie sollten ausgeglichene Job-Komplexe bieten, eine Vergütung auf der Grundlage von Anstrengung und Opferbereitschaft (sacrifice), usw.. In den Institutionen, die Sie ansprechen, versuchen wir das alles zu realisieren - mit großem Erfolg - auch wenn unsere Ressourcen gering sind. Ich denke, das wäre andernorts auch möglich.

Anmerkung der Übersetzerin

Siehe: ‘Parecon - Life after Capitalism’ - ein neues Buch, in dem Michael Albert seine Vorstellungen ausführlich darlegt.

Übersetzt von: Andrea Noll
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