Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Artikel Pornographie
Artikelaktionen

Pornographie

von Eric Patton

07.04.2005 — ZNet

— abgelegt unter:

Manche Menschen finden, dass Pornographie schlecht ist, dass sie in einer guten Gesellschaft nicht existieren sollte. Vermutlich denken sie, wenn einst Israel mit der ethnischen Säuberung von Palästinensern aufgehört hat und die USA aufhört haben, auf Haiti einzudreschen, und wenn einst partizipatorische Wirtschaft an die Stelle des Kapitalismus getreten ist, dass Pornographie ebenfalls den Bach runtergehen wird.

Ich vermute, die Argumentationslinie geht etwa derart: Da Pornographie Frauen zum Objekt degradiert, muss Pornographie in jeder Gesellschaft, in der die Geschlechter wahrhaft gleichberechtigt sein sollen, beseitigt werden. Nun, *natürlich* degradiert Pornographie Frauen in dieser Gesellschaft zu Objekten. Was degradiert Frauen in dieser Gesellschaft *nicht* zu Objekten – oder stellt sie als schwach oder kindisch dar? Frauen werden von der Schamponwerbung zu Objekten degradiert, verdammt noch mal! (Denk daran, wenn du das nächste Mal die völlig organische Erfahrung mit Herbal Essence genießt!)

Die Annahme, dass Pornographie Frauen durch höhere Gewalt zum Objekt degradiert, ist kaum besser als die Annahme, dass Männer in Mathe und Naturwissenschaft genetisch bedingt besser sind als Frauen. Der Glaube, dass Pornographie beseitigt werden muss, um eine geschlechtsneutrale Gesellschaft zu erreichen, ist lächerlich. Können Menschen nicht-sexistischen Sex haben? Warum ist es dann unmöglich, nicht-sexistischen Sex in Bild, Film und Schrift darzustellen?

Die Antwort, zumindest insofern sie unsere momentane Gesellschaft betrifft, liegt darin, dass wir in einer von Männern dominierten Gesellschaft leben, in der Geschlechtsvorurteile auch mithilfe des kapitalistischen Systems reproduziert werden. Wir leben in einer entsetzlich sexistischen Gesellschaft – einer Gesellschaft, in der ein Universitätsrektor, der andeutete, dass Schwarze eher zu Verbrechern werden als Weiße, schnell seinen Job los wäre – aber in der die Andeutung, dass Männer in Mathe und Naturwissenschaft Frauen überlegen sind, ihn im Amte lässt. [Lawrence Summers, Rektor von Harvard, hat genau dies geäußert. Anm. d. Übers.]

Wir leben in einer Gesellschaft, in der sexistisches Denken und Benehmen den Menschen so sehr eingeimpft worden ist, dass viele sogar hoch gebildete Frauen die Identität ihres Ehemanns bei der Eheschließung annehmen *wollen* - einer Gesellschaft, in der so gut wie jeder überhaupt nichts Falsches daran sieht, wenn eine ganze Familie die Identität eines einzelnen Mannes annimmt.

Der Weg, eine geschlechtsneutrale Gesellschaft aufzubauen, liegt genauso wenig in der Abschaffung von Pornographie wie in der Abschaffung von Schampon. Wenn du wirklich Pornographie für inhärent sexistisch hältst, musst du auch Heterosexualität als inhärent sexistisch annehmen. Eher als Pornographie (oder Heterosexualität) abzuschaffen sollten wir uns bemühen, neue Rollen und Wege sexuellen Ausdrucks zu schaffen und zu definieren. Oder gesetzt, dass die Sexualität der Menschen schon vielfältiger und diverser ist, als der Kapitalismus uns (bereitwillig) sehen lässt, müssten wir uns vielleicht nur bemühen das zu popularisieren, was bereits unter der Oberfläche lauert. Dies muss mehr sein als einen Kampf aufzunehmen, der nicht zu gewinnen ist, gleichermaßen weil er moralisch gesehen der falsche Kampf ist und weil zu viele Menschen an ihrem Schweinekram Gefallen finden und darauf nicht verzichten werden. (Außerdem, wenn du ernsthaft vorschlägst, den Leuten ihre Pornographie wegzunehmen, womit willst du ihn den ersetzen?) Pornographie, wie sie heute existiert, ist auf Männer ausgerichtet, aber (so ziemlich) *alles* ist in seiner jetzigen Form auf Männer ausgerichtet. (Zählen Liebesromane als Pornographie?) Das kann geändert werden. Doch nur, wenn dies der Kampf ist, für den wir uns entscheiden. Ein Besucher, der vom Mars zu uns käme uns, würde uns, nachdem er sich einen Überblick über die Darstellung von Sex und Sexualität in dem Spektrum von Mainstream-Filmen, -Büchern und -Fernsehshows bis zu Softcore-Porn und Hardcore-Schmutz verschafft hätte, mit der Vorstellung verlassen, dass unser Sexualleben entsetzlich zweidimensional und recht sexistisch ist.

Der richtige Kampf geht nicht darum, Darstellungen von Sex und Sexualität in jeglicher Form zu beseitigen, sondern um die Veränderung dessen, was dargestellt wird. Dieser Kampf kann in einem kapitalistischen Wirtschaftssystem nie endgültig gewonnen werden; marktbasierte Verteilung muss partizipatorischer Planung weichen (unter anderen notwendigen wirtschaftlichen Veränderungen), bevor der Kampf wirklich gewonnen werden kann. Doch selbst innerhalb der Zwänge einer an Klassen orientierten, marktbasierten Wirtschaft, in der sexistische Geschlechterrollen ständig mit reproduziert werden, könnten Fortschritte erzielt werden, wenn wir uns nur klar würden, wohin wir eigentlich wollen.

Das, was wir erstreben sollten, ist (unter anderem) eine Gesellschaft, in der unser biologisches Geschlecht uns nicht das Gefühl aufzwingt, es in bestimmten vorgeschriebenen Weisen miteinander treiben zu müssen – noch in vorgeschriebener Weise zu lieben, zu daten oder mit anderen zusammenzuwohnen. *Dies* ist es, was wir in einer guten Gesellschaft erwarten sollten zu haben – und auch eine Menge scharfer Pornographie.

– Eric Patton ist ein jung gebliebener Mann, der unter ebpatton@yahoo.com geschmäht werden kann.

Orginalartikel: Porn
Übersetzt von: Benjamin Brosig
Artikelaktionen