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Rache

von Howard Zinn

18.09.2001 — ZNet

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Die Fernsehbilder waren herzzerreißend. Brennende Menschen, die aus dem hundertsten Stockwerk in den Tod sprangen. Menschen in Panik und Todesfurcht rennen um ihr Leben, eingehüllt in Staub und Rauch. Wir wissen, tausende sind dort lebend begraben, werden aber bald tot unter einem Trümmerberg liegen. Wir können uns die Todesfurcht der Flugzeugpassagiere in den entführten Flugzeugen vorstellen, als sie den Aufprall, das Feuer, das Ende voraus ahnten. Diese Szenen erschreckten mich und machten mich krank.

Danach sahen wir unsere Politiker im Fernsehen. Wieder war ich erschrocken und wie gelähmt. Die Politiker sprachen von Vergeltung, Rache und Bestrafung. Wir sind im Krieg, sagten sie. Ich dachte, sie haben aus der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts, aus den hundert Jahren der Vergeltung, Krieg und Rache nichts gelernt, absolut nichts - den hundert Jahren des Terrorismus und kontra-Terrorismus, den hundert Jahren der Gewalt und Gegengewalt und dem unendlichen Zyklus der Dummheit.

Wir alle fühlen den furchtbaren Zorn gegen diejenigen, die in der irrsinnigen Idee, es würde ihrer Sache helfen, tausende unschuldiger Menschen getötet haben. Aber was tun wir mit unserem Zorn? Werden wir in Panik reagieren, schlagen wir los, gewalttätig und blind, nur um zu zeigen wie stark wir sind? "Wir werden keinen Unterschied machen zwischen Terroristen und den Ländern die Terroristen beherbergen", erklärte unser Präsident. Werden wir jetzt Afghanistan bombardieren und unvermeidlich unschuldige Menschen töten? Dies liegt nämlich in der Natur des bombardierens, keinen Unterschied zu machen zwischen unschuldigen Menschen und Terroristen. Werden wir dann terroristische Aktionen vollbringen um, "den Terroristen eine Botschaft zu überbringen", wie es so schön heißt?

Wir haben dies schon in der Vergangenheit getan. Es ist die alte Art zu denken, der alte Weg zu handeln. Nie hat es funktioniert. Reagan bombardierte Lybien. Bush erklärte dem Irak den Krieg und Clinton bombardierte Afghanistan und eine Arzneimittelfabrik im Sudan, um den Terroristen eine "Botschaft zu überbringen". Und nun kommt dieses Entsetzen nach New York und Washington. Ist es denn immer noch nicht klar, dass es mit einer "Botschaft an Terroristen senden" nicht getan ist. Es funktioniert nicht. Es führt nur zu mehr Terrorismus.

Haben wir aus dem Israel-Palästina-Konflikt nichts gelernt? Palästinensische Autobomben bewirken Luft und Panzerangriffe durch Israel. So geht das schon über Jahre. Es funktioniert nicht und unschuldige Menschen sterben auf beiden Seiten.

Jawohl, dies ist die alte Art des Denkens und wir brauchen ein neues Denken. Wir müssen über die Opfer weltweiter amerikanischer Militäraktionen nachdenken und über den Zorn den wir dadurch auf uns geladen haben. Die terroristischen Luftangriffe auf vietnamesische Dörfer mit Napalm und Cluster-Bomben. Wir unterstützten Diktatoren und Todesschwadronen in Chile und El Salvador und anderen latein amerikanischen Ländern. Eine Million Menschen starben im Irak durch unsere Wirtschaftblockade und, vielleicht am wichtigsten um die derzeitige Situation zu verstehen, sollten wir an die besetzten Gebiete auf der West-Bank und Gaza denken, wo über eine Million Palästinenser unter einer grausamen militärischen Besatzung leben, währenddessen unsere Regierung High-tech Waffen an Israel liefert.

Wir müssen uns darüber im klaren sein, dass die furchtbaren Bilder von Tod und Leiden, die uns jetzt auf unseren Fernsehbildschirmen begegnen, schon lange Realität in anderen Teilen dieser Erde sind. Erst jetzt können wir anfangen zu begreifen, was andere Menschen erleiden mussten, oft auch als Resultat unserer Politik. Wir müssen verstehen lernen wie einige dieser Menschen, über eine stille Wut hinaus, zu Terrorangriffen bewogen werden.

Wir brauchen neue Wege des Denkens. Unser 300-Milliarden Militärhaushalt hat uns keine Sicherheit gegeben. Unsere über die ganze Welt hinaus verstreuten Militärbasen, unsere Kriegsschiffe auf allen Meeren der Welt haben uns nicht sicherer gemacht. Ein Raketenabwehrsystem wird uns keine Sicherheit geben. Wir müssen unsere Position in dieser Welt überdenken. Wir müssen aufhören, Waffen an Länder zu liefern, die andere oder ihre eigenen Bürger unterdrücken. Wir müssen uns entschließen keinen Krieg zu führen, egal welcher Grund auch dafür von Politikern und Media heraufbeschworen wird. Krieg in unserer Zeit trifft immer wahllos Unschuldige. Krieg ist Terrorismus, verstärkt um das hundertfache.

Wir werden nur in Sicherheit leben können, indem wir unseren nationalen Reichtum nicht für Kanonen, Flugzeuge und Bomben einsetzen, sondern für die Gesundheit und Fürsorge unserer Menschen. Wir brauchen eine kostenlose Gesundheitsfürsorge, garantierte Ausbildung und Behausung, anständige Löhne und eine saubere Umwelt für alle. Wir können nicht in Sicherheit leben indem wir unsere Freiheiten limitieren, wie es einige unserer Politiker verlangen, sondern nur indem wir sie erweitern.

Wir dürfen uns nicht unsere Militärs und politischen Führer, die Rache und Krieg schreien als Beispiel nehmen. Nein, wir sollten uns die Ärzte, Krankenschwestern, Medizinstudenten, die Feuerwehrleute und Polizisten, die mitten im Chaoes Menschenleben retteten als Vorbild nehmen. Ihre ersten Gedanken waren nicht Gewalt, sondern Heilung, nicht Rache sondern Mitleid.

Übersetzt von: Helmut Fiedler
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