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Raketenangriffe und Selbstmordbomber

von Mitchell Plitnick

28.08.2003 — ZNet

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In den Schlagzeilen von heute ist zu lesen, dass Hamas und Islamischer Dschihad den temporären Waffenstillstand mit Israel für beendet erklären, nachdem Israel in Gaza-Stadt angegriffen und ein führendes Mitglied der Hamas ermordet hat. Die Schlagzeilen teilen uns mit, dies sei die gewaltsame Reaktion Israels auf den Selbstmordbombenanschlag in Jerusalem von letzter Woche. Aus diesem Grund ermorde es Führer von Hamas und Islamischem Dschihad - aber auch zahllose Passanten wurden getötet oder verletzt. Schlagzeilen wie diese verdeutlichen aber vor allem eines: Die rasierklingen- dünne Hoffnung, die die Roadmap einigen Wenigen vermitteln konnte, ist dahin; mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit gehen wir demnächst wieder einer Periode des Blutvergießens entgegen - auf beiden Seiten.

Aber was steckt hinter den Schlagzeilen? Beginnen wir mit einem Blick auf das, was die Zeitungen als “relative Ruhe“ bezeichnet haben - mit der Zeit vor dem Jerusalemer Bombenattentat. In jenen 6 Wochen bis zu den Selbstmordbomben am 12. August, denen 2 Israelis zum Opfer fielen, starben 17 Palästinenser durch die Hand israelischer Soldaten, 59 wurden verletzt (siehe: http://www. fair.org/press-releases/relative-calm.html). Einige würden diese Zeit als “relative Ruhe“ sehen. Schließlich war es eine der ruhigsten 6-Wochen-Perioden innerhalb der letzten 3 Jahre. Doch der entscheidende Punkt in der öffentlichen Darstellung ist ganz eindeutig der: “relative Ruhe“ bedeutet, dass keine Israelis getötet wurden. Die sogenannte Ruhe - für die Palästinenser brachte sie keine Erleichterung. Man kann die Sache argumentativ drehen und wenden, wie man will, Tatsache bleibt, die meisten Berichte über die Selbstmordanschläge vom 12. August und jenem größeren vom 19. August, erwähnen die toten Palästinenser nicht. Natürlich lässt sich aus ethischer Sicht wohl kaum die Argumentation nachvollziehen, die Toten (Palästinenser) rechtfertigten die Angriffe auf Zivilisten. Aber es ist offensichtlich, über diese Toten zu berichten ist ein unverzichtbarer Teil des Kontextes - hinsichtlich dessen, was anschließend passierte. Der Waffenstillstand hielt - am dünnen Faden zwar - bis zum Selbstmordanschlag vom 19. August. Diesem Anschlag gingen, genau wie jenem Zwillingsanschlag vom 12. August, israelische Mordoperationen voraus. Und jedesmal hieß es, es handle sich um Reaktionen.

Noch eine Mordoperation, und das Maß war voll; jetzt besaß Hamas offensichtlich die Rechtfertigung, die sie brauchte, um jenen heimtückischen Anschlag in Jerusalem am 19. August durchzuführen. Um es noch einmal deutlich zu sagen: Der Anschlag erfolgte nach einer Periode, die für die Palästinenser alles andere als “ruhig“ gewesen war. Die Regierung Scharon trägt ihren Teil der Verantwortung für den Anschlag. Und sie kann sich nicht hinter der Tatsache verschanzen, dass derartige Taten durch nichts zu rechtfertigen sind. Das ist natürlich wahr, aber ebenso wahr ist, dass Israel sehr wohl bewusst gewesen ist, seine Aktionen würden Hamas oder andere Gruppen zu so einer Tat provozieren. Schon im November 2001 hatte der Militärkorrespondent der Yediot Akhronot, Alex Fishman - eine eher konservative Stimme im israelischen Lager -, darauf hingewiesen, israelische Mordoperationen in Zeiten, in denen die Hamas sich mit Selbstmordaktionen zurückhält, seien offensichtlich darauf abgezielt, die militanten Palästinensergruppen so zu provozieren, dass diese ihre mörderischen Aktionen wiederaufnehmen. Fishman bezog sich damals auf die Ermordung eines hohen Hamas- Führers und zwar in einer Zeit, in der Hamas mit der Palästinenserbehörde (PA) eine Art „gentleman“s agreement“ getroffen hatte, die Anschläge in Israel auszusetzen.

Sind die jetzigen Operationen etwa in einem anderen Licht zu sehen? Stimmt, der Bombenanschlag in Jerusalem war ein nicht tolerierbarer, inhumaner Akt. Der angegriffene Bus war vollbesetzt mit Familien u. vielen Kindern. Unter den Toten 7 Kinder, dutzende weitere wurden verletzt. Selbst die Okkupation, mit all ihrer Gewalt, ihren Morden, ihren Entwürdigungen und Enteignungen, kann eine solche Tat nicht rechtfertigen. Aber umgekehrt rechtfertigt eine solche Tat auch nicht das Leiden, das Israel den Palästinensern zufügt. So müssen also weiterhin Unschuldige für die Gewalt ihrer Führer leiden - ganz gleich, ob diese Führer nun das israelische Militär oder palästinensische Paramilitärs befehligen. Beide Gruppen scheinen sich in einer Art Symbiosebeziehung zu befinden: jede Seite gibt der anderen genau das, was sie will. Jeder Selbstmordanschlag bzw. jeder militärische Einmarsch gibt der anderen Seite, was sie braucht, um ihr Gewaltprogramm zu kontinuieren. Jede Art von Ruhe oder Fortschritt in Richtung besserer Zukunft gerät so nicht nur außer Reich- sondern außer Sichtweite. In dieser Hinsicht sind Hamas und die Regierung Scharon also Partner. Der Bombenanschlag in Jerusalem war einer der bösartigsten und verabscheuungswürdigsten dieses Konflikts, aber er war provoziert - bewusst provoziert durch jene Mordoperationen. Und danach war zu beobachten, wie wichtig es Israel tatsächlich ist, seinen neuesten “Partner für den Frieden“, den palästinensischen Premierminister Abu Mazen, zu unterstützen. Umgehend traf das israelische Kabinett die Entscheidung: Ganz gleich, was die Palästinenserbehörde tut, Israel wird mit Gewalt reagieren, und seine Operationen werden in den besetzten Gebiete stattfinden. Man konnte sich des Eindrucks kaum erwehren, die Regierung Scharon (besorgt, der unpopuläre Abu Mazen könnte williger denn Jassir Arafat direkt gegen Hamas vorgehen) beeilt sich mit dem israelischen Schlag, bevor dem palästinensische Premierminister noch Zeit bleibt zu reagieren. Selbst wenn die PA sich jetzt noch entschlösse, machtvoll gegen Hamas u. den Islamischen Dschihad vorzugehen, nach den Aktionen der Israelis wäre sie durch die öffentliche palästinensische Meinung massiv behindert. Diese öffentliche Meinung würde sich nämlich fragen, weshalb ihre Regierung Israel bei dessen Rachefeldzug zur Vergeltung unschuldiger Israelis hilft, wo dieselben israelischen Truppen doch für den Tod palästinensischer Zivilisten verantwortlich sind. Und noch etwas: Indem Israel einseitig handelt, torpediert es jede Bemühung der PA, die ständige israelische Behauptung zu entkräften, die PA toleriere oder unterstütze gar die gewaltätigen Aktionen militanter Palästinenser- Gruppen. Mit seinen Schnellschüssen engt Israel Abu Mazens ohnehin engen Spielraum weiter ein. Was immer Mazen unternimmt, wird in den Augen Israels u. der Amerikaner nicht mehr wirklich bestechen können.

Sowohl Abu Mazen als auch Jassir Arafat haben ihre Bereitschaft erklärt, gegen Hamas vorzugehen - falls Israel seine jetzigen Aktionen stoppt. Aber unabhängig von der Erklärung der Israelis, man werde “der PA Zeit geben“, um gegen Hamas vorzugehen, die Mordoperationen gehen unvermindert weiter. Dutzende Passanten - Frauen, Kinder, alte Menschen - wurden bereits getötet oder verletzt. In solch einer Atmosphäre wäre es keiner Regierung möglich, den israelischen Forderungen nachzugeben. Denn dann wäre das Volk außer sich vor Zorn. Die Angst - von Abu Mazen zum Ausdruck gebracht und von Arafat wiederholt - man könnte einen palästinensischen Bürgerkrieg auslösen, ist sehr wohl realistisch. Es zeugt daher nicht von Vernunft, von der PA in dieser Situation handeln zu erwarten. Hinzu kommt: Im Augenblick treffen sich Führer der Hamas mit Abu Mazen, um über eine Wiederaufnahme der Waffenruhe zu verhandeln. Die fortgesetzten israelischen Attacken jedoch nehmen der Hamas jeden Anreiz, einer solchen Wiederaufnahme zuzustimmen. Abu Mazen wird so eines wichtigen Verhandlungsinstruments beraubt. Die Verhandlungen gehen zwar weiter, aber berechtigte Hoffnung ist nicht in Sicht.

Die USA stellen nach wie vor sicher, dass keine außenstehende Partei (auch nicht das restliche Quartett, bestehend aus UN, EU u. Russischer Föderation) sich in den Konflikt einmischt. Aber was unternehmen die USA? Nicht viel mehr als maulend zuzusehen, wie der Konflikt immer mehr in den Morast gerät. Und die schon jetzt ferne Hoffnung entschwindet mit jedem Tag weiter. Damit sich etwas vorwärtsbewegen kann, müsste zweierlei geschehen: Erstens, die internationale Gemeinschaft muss sich vor Ort nach Israel / Palästina begeben. Denn nur eine wirkliche internationale Truppe kann den nötigen Puffer zwischen den beiden Parteien gewährleisten. Die Europäische Union - und noch wichtiger, die UN - müssten einen Weg finden, die amerikanische Obstruktionshaltung zu umgehen und sich zwischen den Kriegskräften (auf beiden Seiten) dieses Konflikts zu installieren. Die USA sehen sich im Irak zunehmenden Attacken ausgesetzt. Die Regierung Bush scheint sich im Moment weit mehr für die Installierung einer Regierung in Bagdad zu interessieren, die noch viel, viel mehr Petrodollars nach Amerika schickt, als für die Lösung des palästinensisch-israelischen Konflikts. Hier wäre für andere Weltakteure der Hebel anzusetzen. Sie könnten die Rolle des internationalen Peacekeepers für sich durchsetzen - eine Rolle, die seit drei Jahren ebenso offensichtlich wie dringend benötigt wird. Der zweite Punkt ist noch wichtiger: Wir sehen, die Israelis können nicht kontrollieren, was die Palästinenser tun und umgekehrt. Also muss das palästinensische Volk, müssen das israelische Volk und das amerikanische Volk, auf ein Ende des Tötens drängen - das ist ihre Aufgabe. Für die Palästinenser ist es natürlich schwierig, ihre Stimmen gegen jene in ihrer Mitte zu erheben, die Gräuel begehen: durchleiden die Palästinenser doch Tag für Tag die Bitterkeit der Besatzung. Und doch muss es geschehen. Und es kann auch geschehen, wenn die Israelis gleichfalls ihre Stimmen erheben. Wenn sie von ihrer Regierung verlangen, ihr Leben nicht länger durch eine Politik absichtsvoller Provokationen bzw. durch entsprechende Aktionen in gesteigerte Gefahr zu bringen. Laut und klar muss es in Tel Aviv erschallen: Schluss mit der Okkupation - und zwar zu Bedingungen, die sowohl für die israelische als auch palästinensische Seite vernünftig sind. Es kann geschehen, wenn wir hier in den USA unsere Regierung dazu bringen, nicht länger in Kotau zu verfallen vor jener amerikanischen Minderheit, die für Krieg und Hass im Nahen Osten eintritt. Allerhöchste Zeit, dass auf der politischen Bühne der USA Kräfte zu Wort kommen, die das repräsentieren, was die meisten Amerikaner für den Nahen Osten wollen: Fairness - für beide Seiten -, Hoffnung für die Zukunft, ein Ende jeglichen Terrors, ein Ende der israelischen Siedlungen, ein Ende der israelischen Besatzung in Westbank und Gaza, Jerusalem für beide und eine gerechte Lösung in der palästinensischen Flüchtlingsfrage. „Jewish Voice for Peace“ (Jüdische Stimme für den Frieden) arbeitet am Aufbau einer solchen politischen Kraft. Unsere Website: www.jewishvoiceforpeace.org

Wir haben viele Verbündete. Wenn unsere Stimme erst in Washington Gehör findet, wird sie bald auch in Tel Aviv erschallen, in Jerusalem und Ramallah, falls es den Amerikanern gelingt, ihre Regierung dazu zu zwingen, auf die Volksmehrheit zu hören - und nicht mehr nur auf die Wenigen, vertreten durch die verschiedenen pro-israelischen jüdischen Gruppen, nicht mehr auf die großen Waffenhändler und auch nicht auf die Christliche Rechte (das ist die dreipolige Kraft, die hinter der Macht des AIPAC** steckt). Sollte dies gelingen, wird es israelischen Führern wie Scharon nicht länger möglich sein, derart unbekümmert das Leben anderer wegzuwerfen (meist sind Palästinenser betroffen, vielfach aber auch israelisches Leben) - mit einer Politik der Provokationen. Dies würde für den Nahen Osten eine ganz neue Art von Politik bedeuten - eine Politik, die es sowohl dem Volk der Israelis als auch dem der Palästinenser möglich macht, frei über die eigene Zukunft zu bestimmen. Sie wären frei zu handeln - nicht mehr angstgetrieben sondern aus dem Entschluss heraus, das eigene Leben und das der Nachbarn zu verbessern, wie wir es alle tun. An den Israelis liegt es, die IDF (Israelische Armee) zu stoppen; an den Palästinensern, Hamas zu stoppen. Denn: Nur gemeinsam haben beide Völker eine Zukunft.

Anmerkung d. Übersetzerin

*Weitere Artikel von Mitchell Plitnick auf unserer Nahostseite

**AIPAC - „The American Israel Public Affairs Committee“ - ist die offizielle amerikanische Pro-Israel-Lobby

Übersetzt von: Andrea Noll
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