Retter und Opfer
von George Monbiot
29.01.2002 — Guardian / ZNet
Je mächtiger eine Nation wird, desto stärker sieht sie sich selbst in einer Opferrolle. In den Augen zeitgenössischer Briten waren die furchtbarsten Greueltaten des 18. und 19. Jahrhunderts jene, die an ihre Landsmänner im Schwarzen Loch von Kalkutta verübt worden sind, oder während der indischen Meuterei und der Belagerung von Khartoum. Als extreme Manifestationen der schweren Bürde des weissen Mannes, wurden diese Ereignisse zum Symbol für die Barbarei und Undankbarkeit der wilden Rassen, die die Briten aus ihrer Umnachtung zu retten gesucht hatten.
Heute wird der Angriff auf New York diskutiert, als ob er das furchtbarste sei, das irgendeiner Nation in der letzten Zeit zugestossen ist. Wenige würden abstreiten, dass es sich um eine schwere Greueltat gehandelt hat, aber man fordert von uns dem amerikanischen Volk eine einzigartige und exklusive Sympathie entgegenzubringen. Nun wird diese Forderung auch auf frühere amerikanische Verluste ausgeweitet.
Black Hawk Down verspricht zu einem der gewinnträchtigsten Filme aller Zeiten zu werden. Wie alle Filme des in Grossbritannien geborenen Regisseurs Ridley Scott, ist er fesselnd, intensiv und von einer wunderschönen visuellen Kraft. Er ist auch eine erstaunliche Falschdarstellung dessen, was sich in Somalien ereignet hat.
In 1992 marschierten die Vereinigten Staaten mit guten Absichten in Somalien ein. George Bush Senior verkündete, Amerika sei gekommen um "Gottes Werk" zu verrichten, in einer Nation, die von Klankriegen und Hungersnöten verwüstet war. Aber wie Scott Petersons persönlicher Bericht "Me Against My Brother" zeigt, war die Mission durch Versagen der Nachrichtendienste, parteiliche Einsätze und letztendlich, durch den Glauben, dass man eine Nation zum Frieden und Wohlstand bombardieren kann, zum Scheitern verurteilt.
Bevor die US Regierung die Verwaltung Somaliens 1993 der UN übergab, hatte sie bereits mehrere fundamentale Fehler gemacht. Sie hatte die Klanoberhäupter Mohamed Farah Aideed und Ali Mahdi gegen einen anderen Kriegsherren unterstützt, und ihre Macht verankert, als sie gerade angefangen hatte zu zerbröckeln. Sie erkannte nicht, dass die konkurrierenden Klanchefs bereit waren Entwaffnungen im grossen Masstab zu akzeptieren, wenn diese unparteilich verlaufen würden. Weit davon entfernt den Konflikt zwischen den Klans zu lösen, verstärkten ihn die U.S. versehentlich noch.
Nach der Übergabe versuchten die pakistanischen UN Friedenstruppen Aideeds Radiostation zu erobern, die anti-UN Propaganda verbreitete. Der Überfall versackte, und 25 Soldaten wurden von Aideeds Unterstützern getötet. Einige Tage später eröffneten pakistanische Truppen das Feuer auf eine unbewaffnete Menge, und töteten Frauen und Kinder. Die Streitmacht der Vereinten Nationen, unter dem Kommando eines U.S.-Admirals wurden in einer Blutfehde gegen Aideeds Milizen hineingezogen.
Als die Fehde eskalierte wurden U.S.-Spezialtruppen eingeflogen um mit dem Mann fertigzuwerden, der nun von den amerikanischen Nachrichtendienste als "der Hitler von Somalien" beschrieben wird. Aideed, der mit Sicherheit ein unbarmherziger und gefährlicher Mann gewesen ist, aber ebenfalls auch nur einer von mehreren Klanführer, die in dem Land um die Macht wetteiferten, wurde für alle Problemen Somaliens verantwortlich gemacht. Die UN Friedensmission hatte sich in einem Partisanenkrieg verwandelt.
Die Spezialtruppen, strotzend vor Selbstvertrauen und hoffnungslos fehlinformiert, überfielen in rascher Abfolge die Hauptquartiere der UN Entwicklungsprogramme, den wohltätigen World Concern, und die Räume der Ärzte ohne Grenzen (Medecins sans Frontieres). Es gelang ihnen nicht nur Scharen unschuldiger Zivilisten und Hilfsarbeiter gefangenzunehmen, sondern brachten es auch noch fertig darunter den Leiter der UN-Polizeitruppe festzunehmen. Aber die Farce wiederholte sich bald als Tragödie. Als einige der wichtigsten Mitglieder von Aideens Klan sich in einem Gebäude in Mogadishu trafen, um ein Friedensabkommen mit den Vereinten Nationen zu besprechen, sprengten sie die US-Truppen - missinformiert wie immer - in die Luft und töteten 54 Menschen. So schafften sie es ihnen sich alle Somalier zu Feinde zu machen. Die Spezialtruppen wurden von allen Seiten von Schützen angegriffen. Als Reaktion begannen die US-Truppen in der UN Einrichtung Raketen auf Wohngebiete abzufeuern.
So war der Überfall auf eins von Aideeds Gebäuden am 3. Oktober 1993, die zu der Zerstörung zweier Black Hawk Hubschrauber und dem Tod von 18 amerikanischen Soldaten geführt hat, nur eine weitere Runde in Amerikas Grollwettstreit mit dem Kriegslord. Die Truppen, die Aideeds Beamte festgenommen hatten wurden von allen angegriffen: sogar Schützen aus verfeindeten Milizen kamen um die toten Zivilisten zu rächen, die die Amerikaner getötet hatten. Die US Sondertruppen, mit einer verständlichen aber unbarmherzigen Sorge um ihre eigene Sicherheit, sperrten somalische Frauen und Kinder in dem Haus in dem sie belagert wurden ein.
Ridley Scott sagt, er wäre ohne Politik zu dem Projekt gekommen, was das ist, was Menschen oft sagen, wenn sie sich der dominierenden Sichtweise verschreiben. Die Geschichte die er erzählt (mit Unterstützung des US Verteidigungsministeriums und des ehemaligen Vorsitzenden des Stabsrates) ist die Geschichte, die die amerikanischen Menschen sich selbst erzählen müssen.
Black Hawk Down erzählt, der Zweck des Überfalls vom 3. Oktober sei es gewesen, Aideeds mörderische Streitkräfte daran zu hindern, Somalien zu Tode zu hungern. Die Fehde zwischen ihn und der UN wird mit keinem Wort erwähnt, ausser der anfänglichen Attacke auf die pakistanischen Friedenstruppen. Es wird nirgendwo erwähnt, dass die schlimmste Hungersnot bereits vorbei war, oder die US-Truppen schon längst aufgehört hatten ein Teil der Lösung zu sein. Die US-Geiselnahme, sogar die lebenswichtige Rolle der malaysischen Soldaten bei der Rettung der Rangers, wurden alle aus der Erzählung gestrichen. Stattdessen - und seit dem 11. September ist das ein vertrautes Thema geworden - war der Versuch Aideeds Untergebene zu fassen ein Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen Zivilisation und Barbarei.
Die Somalier in Black Hawk Down sprechen nur um sich selbst zu verurteilen. Sie zeigen keine anderen Gefühle ausser Gier und Mordlust. Ihr Erscheinen wird von einem finsteren arabischen Technosound begleitet, während die US-Streitkräfte von Geigen, Oboen und Enya-inspirierten Stimmen unterlegt sind. Die amerikanischen Truppen tragen furchtbare Wunden davon. Sie klammern sich an Bilder ihrer Liebsten, und bitten sterbend darum, ihren Eltern oder Kinder in Erinnerung zu bleiben. Die Somalier fallen wie fliegen, sauber getötet, entbehrlich, unbeweint.
Einige haben Black Hawk Down mit dem britischen Film Zulu verglichen. An diesem Vergleich ist etwas dran, aber die Somalier hier bieten eine viel überzeugendere Personifizierung des Bösen, als die ungeschickten, kriegerischen Zulus. Sie sind finster, hinterlistig und unergründlich; eher wie die britischen Karrikaturen der Chinesen während der Opiumkriege.
Was wir sowohl in Black Hawk Down als auch den gegenwärtigen Krieg gegen den Terrorismus beobachten können, ist die Schaffung eines neuen Mythos über die Nation. Amerika stellt sich selbst als Retter und gleichzeitig als Opfer der ganzen Welt dar, ein selbstaufopfernder Messiah, auf einer Mission um die Welt vom Bösen zu erlösen. Dieser Mythos enthält unberechenbare Gefahren für alle anderen auf dieser Welt.
Um das Gefühl ihres einzigartigen Kummers zu entlasten hat die US Regierung etwas angekündigt, das zu einem asymmetrischen Weltkrieg werden könnte. Es ist kein Zufall, dass Somalien an der Spitze der Liste der Nationen steht, die sie bereit sein könnten anzugreifen. Wenn dieser Krieg sich materialisiert, wird er nicht von Generälen in ihren Bunkern geführt werden, sondern von den Menschen, die die Geschichte konstruieren, die die Nation zu glauben wünscht.
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