SOS
von Eduardo Galeano
17.09.2002 — ZNet
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Globalisierung / Nord-Süd Konflikt
Wer bekommt das Wasser? Der Affe mit dem Knüppel bekommt es. Der unbewaffnete Affe verdurstet. Diese vorgeschichtliche Lehre leitet den Film „2001 – A Space Odyssey“ ein. Jetzt verkündete Präsident Bush ein Militärbudget von einer Milliarde Dollar pro Tag für die Odyssey 2003. Die Waffenindustrie ist die einzige sichere Investition: Manche Behauptungen sind nicht anfechtbar, ob nun auf dem kommenden Earth Summit in Johannesburg oder auf irgendeiner anderen internationalen Konferenz.
- Die mächtigen Staaten welche den Planet besitzen, haben sich daran gewöhnt in Bombardierungen zu denken. Sie zusammen sind die Macht – eine genetisch veränderte Macht, eine riesige Frankensteinmacht, welche die menschliche Natur demütigt: Diese Macht nutzt ihre Freiheit um Luft in Schmutz zu verwandeln, und ihr Recht zu verwirklichen die Menschen heimatlos zu machen; Sie bezeichnet ihre Abscheulichkeiten als Fehler; Sie erdrückt jeden der sich ihr in den Weg stellt; Sie ist taub gegenüber allen Warnungen und zerbricht alles, was sie berührt.
- Die Meere steigen, und die niedrigen Länder werden für immer unter Wasser begraben. Das mag in dieser Form wie eine Metapher für die wirtschaftliche Entwicklung klingen, aber was es eigentlich beschreibt ist ein Bild der Welt in nicht allzu ferner Zukunft, wie es die Wissenschaftler sehen, welche die Vereinten Nationen beraten.
- Für mehr als zwei Jahrzehnte sind die Vorhersagen der Ökologen entweder mit Bewitzelung oder Schweigen beantwortet worden. Heute gestehen die Wissenschaftler ein, dass sie recht haben. Und am 3. Juni 2002 wurde sogar Präsident Bush dazu gezwungen einzugestehen, dass riesige Unglücke geschehen werden, wenn die globale Erwärmung den Planet weiter schädigt. Der Journalist Bill McKibben kommentierte dies damit, dass auch der Vatikan heute zustimmt, dass Galileo sicht nicht geirrt hatte. Aber Niemand ist perfekt: Zur selben Zeit verkündete Bush, dass die Vereinigten Staaten ihren Ausstoß an Giftgasen in den nächsten 18 Jahren um 43% erhöhen werden. Schließlich präsidiert er über ein Land von Maschinen, welche durch das Fressen von Petroleum und das Auskotzen von Gift angetrieben werden. Ende letzten Jahres machte Bush einen Aufruf an die Solidarität, und er war dazu fähig es so auszudrücken: „Lass deine Kinder das Auto deines Nachbarn waschen“.
- Die Energiepolitik des wichtigsten Landes der Welt wird vom erdnahen Business diktiert, welche behauptet den höheren Himmeln zu gehorchen. Die ehemalige Enron Korporation (an Betrug gestorben), welche die hauptsächliche Beratungsfirma für die Regierung und der führende Financier Bushs und der meisten Kampagnen der Senatoren war, war daran gewöhnt göttliche Nachrichten zu verbreiten. Ihren CEO Kenneth Lay hörte man öfters sagen: „Ich glaube an Gott und ich glaube an den Markt“. Der vorhergehende Chef hatte ein ähnliches Motto: „Wir sind auf der Seite von Engeln“.
- Die Vereinigten Staaten begeht Umweltterrorismus, mit einer totalen Abwesenheit von Schuldbewusstsein, als ob Gott diesem Land einen Persilschein gegeben hätte weil es mit dem Rauchen aufgehört hat.
- „Die Natur ist bereits sehr abgetragen“, schrieb der spanische Mönch Luis Alfonso de Carvallo. Er schrieb dies 1695. Wenn er uns heute sehen könnte!
- Ein großer Teil der Oberfläche von Spanien verliert seinen Boden. Der Boden bewegt sich weg und eher bald als später wird Sand in die Risse kommen. Nur 15% der Wälder des Mittelmeerraumes gibt es noch. Vor hundert Jahren war halb Äthiopien mit Wäldern bedeckt, heute ist es eine weit ausgedehnte Wüste. Die Amazonen-Region in Brasilien hat Wälder in der Größe Frankreichs verloren. Mit unserer heutigen Geschwindigkeit wird Zentralamerika bald genauso ihre Bäume zählen wie ein kahler Mann seine wenigen übrigen Haarsträhnen zählt.
- Erosion jagt mexikanische Bauern von den ländlichen Gebieten und aus dem Land. Je mehr der Boden an Qualität verliert, um so größer wird die Menge an benötigten Düngern und Pestiziden. Laut der Weltgesundheitsorganisation tragen diese Chemikalien zum Tod von drei Millionen Farmern pro Jahr bei.
- So wie menschliche Zungen und Kulturen absterben, so sterben auch die Pflanzen und die Tiere. Laut den Biologen Edward O Wilson verschwinden Arten mit einer Geschwindigkeit von 3 / Stunde. Und nicht nur wegen der Zerstörung von Wäldern und Verschmutzung: großflächige Produktion, am Export orientierte Landwirtschaft und die Standardisierung der Konsumprodukte zerstören die Artenvielfalt. Es ist schwer möglich zu begreifen, dass es vor kaum einem Jahrhundert mehr als 500 Arten von Salat und 287 Arten von Karotten auf der Welt gegeben hat. Und allein in Bolivien 220 Arten von Tomaten.
- Die Wälder werden abrasiert und die Länder verwandeln sich zu Wüsten, Flüsse werden vergiftet, das Eis der Polarkappen und der Schnee der Bergspitzen schmilzt dahin. An vielen Orten haben die Regen ganz und gar aufgehört, während es an anderen regnet, als würde der Himmel hinabstürzen. Das Weltklima ist wahnsinnig geworden.
- Fluten, Dürren, Zyklone, unkontrollierbare Feuer—werden alle weniger und weniger natürlich, obwohl die Medien ganz ohne Beweise darauf bestehen sie so zu bezeichnen. Und die Tatsache, dass die Vereinten Nationen die 90er als die „Internationale Dekade für die Verminderung der Naturkatastrophen“ genannt hat, klingt wie ein makabrer Witz. ¿Verminderung? Das war das desaströste Jahrzehnt von allen. Es gab 86 katastrophale Ereignisse welche mehr Tote hinterließen als die bereits äußerst tödlichen Kriege, welche in der selben Zeit stattfanden. Fast alle Toten (96% um genau zu sein) waren aus den armen Ländern, diejenigen bei welchen die Experten darauf bestehen sie „Entwicklungsländer“ zu nennen.
- Mit Widmung und Enthusiasmus ahmt der Süden die schlimmsten Praktiken des Norden nach und verschlimmert sie noch. Und der Norden exportiert nicht seine Tugenden, sondern eher seine schlimmsten Fehler, so dass die armen Länder die amerikanische Verehrung für das Automobil und die damit verbundene Verachtung von öffentlichen Verkehrsmitteln übernehmen, genauso wie die Mythologie der freien Märkte und der Konsumgesellschaft. Der Süden empfängt auch die dreckigsten Fabriken, die für die Natur schädlichsten, mit offenen Armen um Löhne zu erhalten, welche Sklaverei im Vergleich als verlockend erscheinen lassen.
- Und dennoch verbraucht der Norden im Durchschnitt zehnmal mehr Petroleum, Gas und Holzhohle pro Person als der Süden, wo nur jeder Hundertste ein Auto besitzt. Eine Darstellung des Umweltverhaltens der Feiernden gegenüber jenem den Fastenden zeigt, dass 75% der Verschmutzung der Welt von 25% ihrer Bevölkerung bewirkt wird. Diese Minderheit schließt natürlich nicht jene zweihundertmillionen Menschen mit ein, welche ohne Trinkwasser leben, oder Einhundertmillionen welche jeden Abend mit leerem Magen schlafen gehen. Es ist nicht die „Menschheit“, welche dafür verantwortlich ist die natürlichen Ressourcen zu verschlingen oder die Luft, den Boden und das Wasser zu zerstören.
- Die Macht zuckt nur mit den Achseln. Wenn dieser Planet nicht länger profitabel ist, wird sie auf einen anderen gehen.
- Die Schönheit ist nur dann schön, wenn sie verkauft werden kann, und die Gerechtigkeit ist nur dann gerecht, wenn sie gekauft werden kann. Der Planet wird durch die Art des Lebens, welches wir zu übernehmen aufgefordert werden, getötet, genauso wie wir von Maschinen gelähmt werden, welche dazu entwickelt worden sind die Bewegung zu beschleunigen, und wie wir uns in Städten isolieren, welche zur Versammlung geschaffen waren.
- Die Worte verlieren ihren Sinn, wo das grüne Meer und der blaue Himmel –welche freundlicherweise von den Algen gemalt worden sind, die für Millionen von Jahren Sauerstoff produziert haben – ihre Farben verlieren.
- Diese in der Nacht auf uns scheinenden Lichtpunkte – spionieren sie uns nach? Die Sterne funkeln mit Verwunderung und Angst. Sie können nicht verstehen wie diese unsere Welt, noch am leben, sich noch weiter dreht und dreht, und so fieberhaft an ihrer eigenen Vernichtung arbeitet. Und schiere Angst lässt sie flackern, wenn sie sehen, dass diese Welt bereits andere Himmelskörper zu übernehmen beginnt.
Orginalartikel:
SOS
Übersetzt von:
Matthias
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