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Sanktionen gegen Israel wie gegen Südafrika?

von Noam Chomsky

31.05.2004 — Turning the Tide / ZNet

— abgelegt unter:

Ich denke, es gibt viele Gründe weshalb der Vergleich mit Südafrika in diesem Fall nicht greift.

Ein häufig unbeachteter Grund ist der, dass die Sanktionen erst dann zu einer ernsthaften Angelegenheit mit richtiger Durschlagskraft wurden, als jahrelange Informations- und Organisierungsarbeit eine gewaltige Opposition gegen Apartheid geweckt hatten, selbst in Firmenkreisen und den oberen Rängen der Politik, und ganz bestimmt bei der Öffentlichkeit. Großkonzerne fingen an, sich aus wirtschaftlichen Überlegungen heraus gegen die Apartheid zu stellen. Bürgermeister ließen sich bei Demonstrationen verhaften. Und so weiter. Dies wurde als Ergebnis der breiten Bürgerrechtsbewegung angesehen, die sich damals auf ihrem Höhepunkt befand. Als Südafrika vor 40 Jahren seine Homelands („Bantustans“) errichtete, erhielt es praktisch keine Unterstützung, nur die Verurteilung durch die Weltgemeinschaft – selbst durch seine Fürsprecher (die USA und Großbritannien im Besonderen). Wenn Israel das gleiche tut, so wird es gegen Kritik geschützt. Und zwar so sehr, dass die Meinung der amerikanischen Öffentlichkeit zu diesem Thema – die sehr kritisch ausfällt – praktisch unterdrückt wird und unbekannt bleibt, und innerhalb der Medien (die liberalen Medien eingeschlossen) und des politischen Diskurses wird im Wesentlichen gar nichts gesagt. Dies sagt uns, dass noch viel Informations- und Organisierungsarbeit bevorsteht, bis es irgendeinen Sinn macht das Thema Sanktionen auf den Tisch zu bringen. Unter den gegeben Realitäten käme ein Sanktionsaufruf, und sei er noch so gerechtfertigt, den Vertretern der extremen Rechten und den Hardlinern sehr entgegen, zumal sie ihn mühelos zu einem weiteren „Beweis“ dafür ummünzen könnten, dass alle Welt die Juden töten möchte und wir unsere Unterstützung für das bedrängte Israel aufstocken müssen, um einen weiteren Holocaust zu vermeiden. Jene, die den herrschenden Umständen nicht ihre höchste Aufmerksamkeit schenken, vermögen es gerade denen, die sie schützen möchten, ernsthaften Schaden zuzufügen. Das geschieht immer und immer wieder.

Wir sind uns darin einig, das die Bevölkerung Israels mit überwältigender Mehrheit Sanktionen ablehnt. Meines Wissens hat es unter der nicht-jüdischen Bevölkerung Israels keinen ernsthaften Ruf nach Sanktionen gegeben. Also kann man wohl sagen, dass der Widerstand gegen Sanktionen innerhalb Israels sehr stark bis extrem heftig ausfallen würde.

Wie steht es um die Befürworter von Sanktionen gegen Israel in den militärisch besetzten Gebieten, oder den Flüchtlingslagern etwa im Libanon oder in Jordanien. Ich habe hierzu keinen Bericht gelesen, aber es würde mich überraschen, wenn man dort Sanktionen gegen Israel nicht gut heißen würde. Ich nehme an, dort würde man auch eine Invasion und Zerstörung Israels befürworten. Aber ich kann nicht sehen, welche konkreten Schlüsse wir für unser Vorgehen hieraus ziehen können, einige kleinere ausgenommen: Es macht viel Sinn alle Hilfsleistungen an Israel zu blockieren, die dem Aufrechterhalten der Besetzung dienen. Das umfasst fast die gesamte militärische Unterstützung und einen großen Teil der Wirtschaftshilfen. Diese Position stützt sich auf Prinzipien und könnte effektiv sein. Sie steht im Einklang mit der Mehrheitsmeinung in den USA, auch wenn das Thema in der Öffentlichkeit ignoriert wird. Wenn es also keinen Eingang in den politischen Diskurs findet – und das tut es nicht – dann ist dies unsere Schuld, die Schuld der Aktivisten, einschließlich jener, die die Aufmerksamkeit auf wahrscheinlich schädliche und bestenfalls sinnlose Themen wie das der Sanktionen lenken, statt sich auf die echten Themen zu konzentrieren, wo Fortschritt möglich und sehr wirkungsvoll ist.

Übersetzt von: Patrick Mueller
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