Scharons Kriege
(oder: wie Information durchschlüpft)
von Alexander Cockburn
09.04.2002 — 'American Journal' / ZNet
Hier sind wir also. 20 Jahre nach dem 'Libanonfeldzug' erinnert Vieles von dem, was wir gerade hören - aus Ramallah, Bethlehem u. den andern Palästinenser- städten, durch die die Israelische Armee im Moment gerade fegt -, doch verdammt an die Berichte aus Libanon im Jahre 1982 - als Scharon u. seine Invasionsarmee Richtung Norden vorstürmte: zerstörerische, plündernde, prügelnde Truppen - und palästinensische Familien, die in ihren Flüchtlingslagern kauern u. auf die Ankunft der Killer warten.
Aber es gibt dennoch einen Unterschied zu damals - einen großen. Vor 20 Jahren war es für Leute (wie mich) in den USA viel schwerer (andererseits auch nicht unmöglich) an Nachrichten aus erster Hand zu kommen, über das, was draußen vor sich ging. Man mußte allerdings aus dem Haus geh'n u. sich ausländische Zeitungen besorgen - oder sie sich umständlich aus London oder Paris zufaxen lassen. Die Berichte in der offiziellen 'Mainstream'-Presse waren nämlich auf geradezu horrende Weise bedacht, die Taten Israels möglichst gut aussehen zu lassen. Das hat sich übrigens nicht wesentlich geändert. Aber was Scharons Regierung u. Israels Militär versucht hat - nämlich die Presse einfach außen vor zu lassen, das hat diesmal nicht funktioniert.
Hier zum Beispiel ist Aviv Lavie, der in der 'Ha'aretz' schreibt: "Wenn man (in Israel) die Medienlandschaft durchforstet - Fernsehen, Radio, Zeitungen - fällt man in ein großes, beklemmendes Loch - des klaffenden Unterschieds nämlich zwischen dem, was bei uns berichtet wird u. dem, was in der Welt draußen gesehen, gehört u. gelesen wird. In arabischen TV-Sendern zum Beispiel (aber nicht nur dort) war zu sehen, wie Israelisches Militär in Krankenhäuser eindringt, dort Gerätschaften zerstört, Medikamente wegwirft u. die Ärzte einschließt, damit sie ihre Patienten nicht versorgen können. Ausländische Fernsehsender zeigten Bilder von fünf Palästinensischen Nationalen Sicherheitskräften, die aus kurzer Distanz in den Kopf geschossen worden waren. Einer von ihnen war offensichtlich der Leiter des Orchesters der Palästinensischen Regierung. Einige Sender behaupten, die Männer seien kaltblütig erschossen worden - nachdem man sie zuvor entwaffnet hätte. Die ganze Welt hat die vielen Verwundeten in den Straßen gesehen, hat gesehen, wie Ambulanzen daran gehindert wurden, zu den Verletzten durchzukommen - von Israelischen Soldaten. Die ganze Welt hat die Erzählungen palästinensischer Familien mitangehört, die 72 Stunden in ihren Wohnungen gefangen waren - manchmal ohne Strom, Wasser u. mit zur Neige gehenden Essensvorräten."
Und wie immer (in solchen Konflikten), gibt es auch hier mutige Augenzeugen. In diesem Falle die enorm mutigen jungen Leute der 'Internationalen Solidaritätsbewegung', die uns täglich mit E-mails versorgen, die in den USA anrufen, deren Berichte rund ums Internet schnellen, es manchmal sogar bis in die Interviewspalten der 'Mainstream'-Presse schaffen oder in TV-Nachrichtensendungen.
Lassen Sie mich Ihnen einige dieser Menschen vorstellen:
Da ist zum Beispiel Jordan Flaherty, der uns den vorliegenden, wenige Tage alten Bericht übermittelte:
"Letzte Nacht hat das Israelische Militär versucht, mich zu töten. Ich befinde mich derzeit im Al Azzeh Flüchtlingslager in Bethlehem, gemeinsam mit rund 20 anderen internationalen Zivilisten. Wir wollen als 'menschliche Schutzschilde' fungieren, da wir gehört haben, eine israelische Invasion stehe hier unmittelbar bevor. Auf dem Hügel über dem Lager liegt der Posten eines Scharfschützen der Israelischen Armee. Die Hauptstraße, die durch das Dorf führt, liegt im Sichtfeld des Schützen. Um an unseren Aufenthaltsort im Lager zu gelangen, mußten die meisten von uns diese Straße überqueren: ein flinker, gebückter Sprung über die Straße. Im selben Moment als ich an der Reihe war hinüber- zulaufen, schoß der Heckenschütze. Während ich schutzlos das kurze Stück über die Straße lief, hörte ich mindestens 6 Schüsse. Der erste Schuß fiel, als ich ins Sichtfeld des Schützen geriet, u. der letzte hörte auf, als ich auf der anderen Seite in Sicherheit war. Ganz klar, ich war gemeint. Und so wie es sich angehört hat, sind die Kugeln sehr nahe eingeschlagen. Die ganze Nacht über hörten wir Gewehrfeuer. Die Armee schoß in unser Dorf. Wir vermieden es, uns den Fenstern zu nähern. Einige waren mit Sandsäcken verbarrikadiert. Das Gewehr u. die Kugeln, daran habe ich keinen Zweifel, waren mit meinen eigenen Steuergeldern finanziert. Und das ist genau der Grund, weshalb wir hier sind".
Oder lesen Sie, was Tzaporah Ryter uns gestern zu berichten hatte:
Ich bin eine amerikanische Studentin von der 'University of Minnesota'. Zur Zeit halte ich mich in Ramallah auf. Wir befinden uns in einem furchtbaren Belagerungszustand, Menschen werden einerseits durch die Israelische Armee aber auch von paramilitärischen Banden bewaffneter Siedler massakriert... Donnerstag nachmittag begann die Armee, sämtliche Zugänge zu Ramallah abzusperren. Wir, die wir von außen reingekommen waren, suchten verzweifelt nach sicheren Routen oder bewegten uns in Gruppen, aber die Israelischen Streitkräfte feuerten trotzdem, u. jeder rannte u. schrie. Frauen mit Kindern auf dem Arm versuchten verzweifelt, aus Ramallah zu fliehen - mit Säuglinen u. Kleinkindern - die größeren Kinder mußten im Regen über die Felder nebenherlaufen, sie stolperten dauernd u. fielen auf Felsbrocken, während sie versuchten in Sicherheit zu kommen. Israelische Jeeps jagten durchs Gelände, kamen aus allen Richtungen, sie schossen auf die Frauen u. Kinder - auch auf mich - als wir in unterschiedliche Richtungen auseinanderliefen. Sie machten Jagd auf die Menschen, hetzten sie geradezu durch die Felder".
Oder hören wir Adam Shapiro - extrem rhetorisch gewandt u. selbstbeherrscht - dessen Augenzeugenbericht es sogar bis in die 'New York Daily News' geschafft hat sowie ins CNN-Studio, wo er zu Kyra Phillips sagte:
"Hier geht es nicht etwa um Politik zwischen Arabern u. Juden, zwischen Muslimen u. Juden. Hier geht es um Menschenwürde, um menschliche Freiheit, um Gerechtigkeit. Dafür kämpfen die Palästinenser gegen einen Besatzer, einen Unterdrücker. Die Gewalt hat nicht mit Jassir Arafat angefangen; sie hat mit der Okkupation angefangen."
PHILLIPS: Ich bin nur neugierig - haben Sie das auch - haben Sie die Gelegenheit benutzt u. haben zu Jassir Arafat gesagt: "Verurteilen Sie doch, was vor sich geht (Selbstmordattentate), gehen Sie an die Öffentlichkeit, geben Sie ein Statement ab auf Arabisch - das ist doch das Einzige, was der amerikanische Präsident von Ihnen verlangt!"
SHAPIRO: Präsident Arafat hat das doch wiederholt getan. Ich kann Arabisch. Ich lese (arabische) Zeitungen u. sehe mir hier TV-Sender an. Nach jedem terroristischen Anschlag, jeder Selbstmordbombe, nach jeder Aktion dieser Art hat Arafat doch den Verlust von Menschenleben verurteilt, den Tod von Zivilisten beider Seiten. Die Scharon Regierung entschuldigt sich auch manchmal für das Töten unschuldiger Zivilisten, aber sie entschuldigt sich nie für das Vergewaltigen ganzer Städte oder dafür, daß sie hineingeht u. terroristische Aktionen durch- führt, für ihre Haus-zu-Haus-Razzien, ganz so, wie es die Nazis im 2. Welt- krieg gemacht haben, Haus-zu-Haus-zu-Haus-Razzien, bei denen Löcher in die Wände geschlagen werden, Leute verprügelt, Menschen getötet, Menschen ermordet."
Meistens wenn man heute eine Zeitung aufschlägt - so wie ich zum Beispiel vorgestern die 'Los Angeles Times' - stößt man auf einen dieser mechanisch geschriebenen Artikel, wie den von Ronald Brownstein, der sich um den Palästinensischen Terrorismus dreht, um den entmachteten Arafat u. seine angeblichen Möglichkeiten, den Palästinenseraufstand mit ein paar schnellen Worten zu stoppen. Und dann schalte ich (zufällig) die 'Lehrer News Hour' auf PBS ein u. stoße dort plötzlich auf Zbigniev Brzezinski - auf diese einzige Person, die mir an diesem 1. April die offensichtliche Wahrheit ins Gesicht sagt:
"Tatsache ist, daß dreimal soviele Palästinenser getötet worden sind (wie Israelis) u. daß die wenigsten davon wirklich Militante waren. Das meiste waren Zivilisten. Mehrere hundert waren sogar Kinder. Während des letzten Jahres haben wir Akte palästinensischen Terrors erlebt aber auf der anderen Seite auch bewußte Überreaktionen vonseiten Scharons, nicht etwa mit der Absicht, den Terrorismus zu bekämpfen sondern vielmehr mit der Absicht, die Palästinensische Regierung zu destabilisieren u. das Oslo-Abkommen zu zerstören, gegen das er ja schon immer agitiert hat - u. zwar in einer Weise, die zu einem politischen Klima beigetragen hat, das letztendlich die Ermordung eines der beiden Architekten des Oslo-Abkommens (Rabin) zur Folge hatte."
Nachdem Henry Kissinger Brzezinski an dieser Stelle verständlicherweise in die Parade gefahren ist, fährt B. fort:
"Es ist absolute Heuchelei zu behaupten, Arafat könne den Terrorismus stoppen - und sein - drücken wir es mal vorsichtig aus: 'momentan schlechter Informationszustand' spricht ja auch dagegen. Arafat ist schlichtweg isoliert. Scharon tut im Moment alles, um die Palästinenser unter Kontrolle zu bekommen u. bringt den Terrorismus doch nicht zum Stoppen. Wie soll ihn da Arafat stoppen können? Aber die eigentliche Tatsache ist doch, daß Arafat wesentlich bessere Karten hätte, die Situation unter Kontrolle zu bringen, wenn es politische Fortschritte (zwischen Israel u. der Palästinensischen Führung) gäbe, wenn eine politische Vereinbarung in Sicht käme, wenn die USA die Sache in die Hand nähmen."
Durch diese nüchternen Konstatierung des Offensichtlichen u. durch Adam Shapiros eloquenten Mut u. den seiner tapferen internationalen Mitstreiter, schlüpft die Wahrheit ans Licht - nicht schnell genug, nicht laut genug, aber immerhin doch erfolgreicher als vor 20 Jahren.
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