Schenken wir unseren eigenen Warnungen Beachtung
von Jessica Azulay
08.11.2002 — ZNet Sustainer Program
Viele scharfsinnige Gesellschaftsreporter haben gute Arbeit geleistet und darauf hingewiesen, dass es eine Absicht Bushs für die Planung des Angriffs auf den Irak ist, die Öffentlichkeit von wichtigen innenpolitischen Problemen abzulenken.
Während wir von der radikalen Linken darauf hinweisen, dass der Öffentlichkeit Sand in die Augen gestreut wird, sind jedoch viele von uns mit der Möglichkeit eines Krieges beschäftigt. Es wird viel Energie in die Organisierung von Antikriegsaktionen gesteckt, und in den kommenden Monaten werden wir sowohl auf lokaler als auch auf nationaler Ebene große Demonstrationen erleben. Wenn wir aber unsere ganze Energie in die Mobilisierung gegen einen kommenden Krieg stecken, laufen wir Gefahr die ganzen anderen Probleme, von denen Bush will, dass wir sie vergessen, zu ignorieren.
Wenn ich das sage, argumentiere ich jedoch nicht gegen Antikriegsaktionen. Falls die Regierung Bush darauf versessen ist, den Irak anzugreifen und der Kongress die uneingeschränkte Zustimmung gibt, müssen wir versuchen, den Angriff zu stoppen, bevor er anfängt. Es ist jedoch auch äußerst wichtig, dass unsere Antikriegsstrategien uns nicht davon abhalten, die anderen wirklich wichtigen Kämpfe aufzugeben.
Ein Krieg ist schrecklich und ihn selbst aus moralischen Gründen abzulehnen ist wichtig und notwendig. Für alle diejenigen, die auf eine radikale Änderung des Unterdrückungssystems hoffen, müssen wir nach Strategien suchen, die sowohl das Potenzial haben, den drohenden Krieg aufzuhalten als auch uns näher an unsere langfristigen Ziele, (darf ich es sagen) die Revolution, heranzuführen. Wir sollten die Verhinderung des Krieges gegen den Irak als kurzfristiges Ziel sehen und Strategien finden, die dieses Ziel als Mittel zum Zweck betrachten, nämlich einer umfassenden Transformation in eine radikale Gesellschaft. Das bedeutet, dass wir es uns nicht leisten können, die kritischen Kämpfe, die wir nach dem verzweifelten Willen von Bush und seinen Freunden vergessen sollten, aufzugeben.
Wir sind in einer aussichtsreichen Position, denn die gleichen Strategien, die am effektivsten sind, einen militärischen Angriff gegen den Irak zu verhindern, stimmen überein mit den Zielen die am effektivsten sind, unsere langfristigen Ziele zu erreichen. Die kontinuierliche Forderung nach und der Kampf für sozialen Wandel ist eine der wichtigsten Komponenten einer effektiven, dauerhaften Antikriegsstrategie.
Wir müssen uns darauf konzentrieren, mehr und mehr Menschen für die Antikriegsbewegung zu gewinnen und deren Energie in Aktivitäten und Protestaktionen kanalisieren, welche die Kriegsanstrengungen der Herrschenden und ihre Innenpolitik bedrohen. Wenn es uns gelingt, die erkennbaren Kriegskosten der politisch Mächtigen zu steigern, werden wir sie überzeugen, diese Politik zu ändern. Da diese Mächtigen aus Unternehmen und hochrangigen Politikern bestehen, können wir am besten die Kosten steigern, wenn wir nicht nur ihre Autorität zur Kriegserklärung gegen den Irak herausfordern, sondern ihre wirtschaftliche und politische Autorität im allgemeinen.
Genau das geschah in den 60ern während der Proteste gegen den Vietnamkrieg. Was der Elite wirklich Angst machte, war die Tatsache, dass es eine große und wachsende Bewegung gab, die nicht nur Antikriegsaktionen einbezog, sondern auch solche gegen das System. Die Jugend forderte die Autoritäten heraus, hinterfragte soziale Normen und rebellierte grundsätzlich gegen die vorherrschende Mentalität. Das ist der Typus der tatkräftigen und breiten Bewegung, die wir heute aufbauen müssen, weil sie die effektivste und schnellste ist, die Bushs Kriegspläne zum Scheitern bringen wird und weil sie uns in unseren Kämpfen behilflich sein wird.
Aus diesem Grund müssen wir unseren Protest gegen den Krieg vertiefen. Wir müssen daran arbeiten, unsere Bewegung über den Zusammenhang zwischen dem Krieg und den Problemen, denen sich die Menschen tagtäglich gegenüber stehen, aufzuklären. Wir müssen ständig diesen Zusammenhang hervorheben und uns mit Themen beschäftigen, welche die Menschen in unserem Lande beschäftigen als auch mit Protesten gegen die Außenpolitik der USA. Das bedeutet, dass wir Veranstaltungen abhalten, in denen Menschen aus vielen Bereichen der Gesellschaft gefragt sind, sich einzubringen. Bei den Veranstaltungen kann der Kampf gegen den Krieg im Vordergrund stehen, aber sie sollten andere verwandte Themen, welche die Menschen für wichtig halten, mit einschließen. Es ist auch möglich, Veranstaltungen zu planen, in denen zwei oder drei Themen gleichzeitig angesprochen werden, wie z.B. eine Zusammenkunft, in der die Finanzierung freier lokaler Gesundheitszentren statt eines Krieges gefordert wird. Viele Menschen organisieren bereits derartige Aktionen und wir sollten ihre Arbeit würdigen und unterstützen.
Antikriegsgruppen sollten die Zusammenarbeit mit lokalen Gruppen suchen, die ihre Schwerpunkte auf Gesundheitszentren, Polizeibrutalität, Gefängnisthemen, Arbeit, Wohnen, Bildung usw. legen und sie unterstützen. Wenn es die Wahl gibt, eine Koalition mit landesweit operierenden Gruppen, die zentrale Massenaktionen organisieren und sich um Veranstaltungen kümmern, die Teil der Protestaktionen sind oder eine Koalition mit lokalen Gruppen, die sich verschiedener Themen annehmen, sollte wir die Arbeit und Aktionen vor Ort wählen. Das wird uns zwar nicht behilflich sein, unsere Vorstellungen in den eigenen Gemeinschaften zu verbreiten, es wird uns aber beim Aufbau einer Struktur gegen den Krieg und gegen das System einem erhaltenswertem Maß näher bringen.
Wenn unsere Antikriegsaktionen nicht auf einer komplexen Strategie für sozialen Wandel basieren, wird am Ende wenig übrig bleiben. Selbst wenn wir den Krieg gegen den Irak erfolgreich verhindern, werden unsere Kämpfe dort wieder anfangen, wo wir aufgehört haben. Während Bush und Konsorten es dann nicht geschafft haben, ihre wilden imperialistischen Ziele zu verwirklichen, werden sie doch die Öffentlichkeit erfolgreich von den Problemen im eigenen Land abgelenkt haben. Wenn wir andererseits unseren Antikriegsprotest mit langfristigen Kämpfen zusammenbringen und den Schwung der Antikriegsbewegung nutzen, uns voranzutreiben für einen größeren sozialen Wandel, können wir ihre Kriegsanstrengungen vereiteln und ihre Ablenkungseskapaden durchkreuzen.
Twitter
RSS Feed
