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Sechs Monate später, Die Sprache ist das grundlegende Werkzeug

von Norman Solomon

22.03.2002 — ZNet Kommentar

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Die Kameras haben zahllose unauslöschliche Momente festgehalten. Noch viele Monate nach dem 11. September klingen die beklemmenden, im Fernsehen übertragenen Bilder des Schreckens in uns nach. Visuelle Eindrücke wirken sehr stark auf uns. Dennoch können sie Worte, mittels derer ein Fazit aus Dingen gezogen werden kann, die ansonsten unklar, bestürzend oder verwirrend sind, nicht ersetzen. Worte geben dem Geschehen Inhalt.

In den Medien wurde die Phrase "Krieg gegen den Terrorismus" und die davon abgeleitete und von Journalisten gebrauchte Verkürzung "Krieg gegen den Terror" zum vielleicht wichtigsten demagogischen Ausdruck des letzten Herbstes.

Die gegenwärtige Berichterstattung hat sich in einer Weise festgefahren, die unbefugte Ironie ausschließt. Es wird bedenkenlos akzeptiert, dass die US-Regierung in ihrem "Krieg gegen den Terror" high-tech-Waffen einsetzen darf, die unvermeidlich eine große Anzahl von Menschen terrorisieren. In den täglichen Nachrichtenmeldungen werden nahezu alle Mittel, die von hohen Beamten in Washington als angemessen betrachtet werden, unter der Rubrik eines angehenden Krieges, der möglicherweise nie aufhören wird, akzeptiert.

Ironie, obwohl sicherlich nicht tot, ist nun vorwiegend beschränkt auf die überlegungen Einzelner. Einsichten, die vom verbreiteten Dogma abweichen, haben keinen oder nur kurzzeitigen Zugang zu den Mainstreammedien. Nie war unabhängiges Denken von größerer Bedeutung.

Die offenen Schecks des Militarismus werden mit unsichtbarer Tinte und leichtfertigen Phrasen, bezogen auf den Krieg gegen Terrorismus oder Terror, unterschrieben. Man kann sie ungefähr so übersetzen: "Bezahle auf die Bestellung des Präsidenten" - Einlösung durch eine Menge menschlichen Blutes. ("pay to the order of the president" - to be cashed with a lot of human blood).

Die großen Medienkonzerne sind dem neuen politischen "Newsspeak" so verfallen, dass sie kaum in der Lage sind, eine grundlegende Opposition dem Weissen Haus gegenüber einzunehmen. Andererseits gibt es eine Reihe kleinerer Medien - weit entfernt von den Zentren journalistischer Macht - die den wichtigen Fragestellungen nicht ausweichen und es sich nicht verbieten lassen, die Schlüsselfragen zu stellen.

Eine kleine Tageszeitung in Florida, die Daytona Beach News-Journal, äußerte in einem Leitartikel am 2 März die profunde Erkenntnis: "Die Loyalität zur Nation wird zum schablonenhaften Denken. (groupthink)"

"Wie sonst soll man erklären, wie ein Präsident, mit den dümmsten Slogans des Krieges spielend, damit erfolgreich ist, ein obszönes korporatives Steuererlassgesetz als "Wirtschaftliches Sicherheitsgesetz"; eine Erhöhung der Gelder für die Militärproduktion als "Heimatland Sicherheit" und einen ausbeuterischen Zugriff auf die schützenswertesten Landschaften unseres Kontinents als "Energie Sicherheit" zu verkaufen? Wie sonst soll man seine Verachtung für das Repräsentantenhaus, seine nixonianische Fixierung auf Geheimhaltung und dem seit letztem September, Junta ähnlichem, Auftreten der Bush-Regierung in Washington erklären?"

Der beachtenswert offene Leitartikel deutet an, dass "ohne kräftigen Widerspruch die Demokratie zusammenpacken und sich verziehen kann". ( "without robust dissent, democracy might as well pack up and head for the hills.") Der Leitartikel beschreibt auch ganz akkurat den Status quo in den USA im März 2002: "Dies ist nicht Einigkeit, es ist auch kein Patriotismus - wir verharren in einer Erstarrung".

Die Medien-Kampagne der Selbstrechtfertigung, fokussiert, aber dennoch verschwommen, geht weiter. Mittels unausgesprochener Definition können Washingtons Aktionen gegen den Terrorismus selbstverständlich immer nur berechtigt sein - und ein Halbschatten der Tugend trifft auch Onkel Sam's Verbündete. So lässt sich erklären warum im täglichen Nachrichtengewühl aus dem Mittleren Osten, Israelies die schießen für Sicherheit sorgen, indes schießende Palästinenser bewaffnete "Terroristen" sind.

Beinahe ohne Ausnahme werden in US-Nachrichtensendungen rechtfertigende Worte wie "Vergeltung" für tödliche israelische Aktionen, nicht aber für tödliche palästinensische Aktionen verwendet. Es ist der typische Stil des amerikanischen Journalismus: Israelies "vergelten", Palästinenser nicht.

Die Medien sind den Besatzern gegenüber überaus zuvorkommend. Wenn israelische Angriffe Menschenopfer fordern ist es nicht "Terrorismus". Wenn Israel mit Panzern und Flugzeugen palästinensische Städte oder Flüchtlingslager in Gaza oder der West Bank angreift so ist das lediglich ein "Eindringen".

Zwischenzeitlich finanzieren amerikanische Steuerzahler des Pentagons massive Unternehmungen mit Truppen und Waffeneinsatz in übersee von Afghanistan bis Georgien und den Philippinen. Damit zu prahlen man bekämpfe den "Terror" durch terrorisieren ist hirnlos nur in dem Sinn, dass unsere Gehirne einen automatischen Piloten eingeschaltet haben müssen um damit einverstanden zu sein.

Vor etwas über einem Jahr, auf dem Welt-Sozial-Forum in Porto Alegre, Brasilien, kommentierte der lateinamerikanische Autor Eduardo Galeano unsere Gesellschaften so: Wir erleiden eine "Furcht vor der Einsamkeit .... vor dem Sterben und vor dem Leben." Die dominierenden Tendenzen ermutigen Passivität. "Passivität basiert auf Angst“. Und: "Das System präsentiert sich als permanent. Die Machteliten versuchen uns beizubringen dass "morgen" nur ein anderes Wort für "heute" ist."

Gegenwärtig ist das so mehr der Fall als irgendwann zuvor. Dem uns angekündigten immerwährenden Krieg gegen den Terror entspricht ein paralleler Medienkrieg ohne Ende. Dieser Propaganda-Belagerung müssen wir widerstehen - da eine wirklich offene Debatte lebenswichtig für die Demokratie ist. Wie Galeano observiert: "Es gibt keine größere Wahrheit als die Suche nach ihr."

Diese Suche, ganz sicher endlos und notwendigerweise nicht einfach, wird beeinträchtigt durch manipulative Sprache. Worte sind der Angelpunkt der uns in diese Lage fesselt. Und Worte können entscheidend sein um uns aus dieser Lage zu befreien.

Norman Solomon's letztes Buch ist: "Die Gewohnheiten einer trügerischen Medienwelt". Er schreibt Kommentare über Politik und Medien

Übersetzt von: Helmut Fiedler
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