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Showdown

von Michael Albert

17.03.2003 — ZNet

— abgelegt unter:

Sogar die New York Times waren nach den Mammut- Demonstrationen am 15. und 16. Februar gezwungen, es zuzugeben: "Es gibt möglicherweise zwei Supermächte auf dem Planet: die Vereinigten Staaten und die Meinung der Weltöffentlichkeit." Aber während alle AktivistInnen und all die Menschen mit gutem Wille den turbulenten Erfolg dieses Wochenendes zurecht feiern, müssen wir die nächste Runde des Kampfes einläuten.

Auf der einen Seite stehen die Regierungen und die Wirtschaftseliten. Die gemeinsamer Plan ist noch derselbe wie zuvor. Der allgemeine Versuch ihre Vorteile gegenüber der Mehrheit der Weltbevölkerung zu schützen und zu vergrößern. Ihre Mittel sind doppelt gelagert. Zuallererst wollen sie die Regeln des internationalen Handels neu schreiben, um ihre Reichtümer weiter aufzustocken. Dieser Prozess wird wirtschaftliche Globalisierung genannt. Zweitens, verfolgen sie das Ziel öffentliche Schutzmaßnahmen und Bürgerrechte zu erschüttern, die sich die Menschen über viele Jahre rund um den Globus erkämpft haben. Sie wollen sich an positiven Entwicklungen, Einwanderungsrechten, Sozialprogrammen und ausgiebigen Sozialausgaben vergehen. Sie wollen neue Methoden der Unterdrückung festsetzen. Und all dies nennen sie Patriotismus. Hinter diesem breiten Konsens sind die Eliten allerdings gespalten.

Seit dem 11.9. hat sich der zentrale und mächtigste Teil der Eliten dazu ermächtigt gefühlt, seine Kontrolle dramatisch auszuweiten indem sie sich den Krieg gegen den Terror ausdachten. Dieses, hauptsächlich in den USA angesiedelte Kontingent der Weltelite, versucht, die Völker überall auf dem Planet zu ängstigen und zu beschwatzen und hofft dadurch, alle sonst unmöglichen Arten der Umverteilungen und Unterdrückung voran treiben zu können. Bush, Blair und Co scheinen sich im Moment einen Zuwachs an Macht und Kontrolle zu versprechen indem sie die Uhr zurückdrehen und brutalste Gewalt in den internationalen Beziehungen einsetzen. Irak bis auf die Knochen zu bombardieren und anschließend in kolonialer Manier zu besetzen, ist nicht der Höhepunkt ihrer Überlegungen sondern lediglich ein Sprungbrett für ein Mehr an kommenden Kriegen und Kolonialisierungen. Nächster Halt Iran, Syrien, Nordkorea, Venezuela - insbesondere Venezuela - Kolumbien und vielleicht sogar China. Sie beabsichtigen einen zeitlosen Krieg auf der Jagd nach zeitloser Macht. Sie verfolgen eine Gewaltspirale, deren Logik diejenige dazu ermächtigt über die Welt zu herrschen, die den Großteil der weltweit existierenden Waffen besitzen. Bush wird Cäsar.

Andere, die auf dem Gipfel des Dreckhaufens sitzen, der die Welt regiert, sind mit ihrem Geschäft, so wie es die letzten paar Jahrzehnte gelaufen ist, vollkommen zufrieden. Sie wollen einige Einstellungen hier und da, aber sie glauben, dass das offenkundig imperiale Streben eine zu breite andersdenkende Reaktion hervorriefe und/oder sie fürchten, dass sich ein zu großer Teil der Gewinne in den Händen einer zu kleinen Gruppe an der Spitze ansammelte. Sie sind besorgt, dass Washington profitierte, aber nicht Paris, Berlin und Moskau. Deshalb schimpfen die französischen, deutschen und russischen Eliten über den Irakkrieg - trotzdem zieht Chirac gleichzeitig aber seine rassistischen Angriffe gegen ImmigrantInnen nicht zurück, Schröder ruft nicht seine Eingriffe ins Sozialsystem zurück und Putin verurteilt nicht auf einmal seinen Krieg gegen Tschetschenien - und noch weniger wird einer von ihnen, heute oder in näherer Zeit, Gerechtigkeit und eine faire Neuverteilung zu Hause, in ihren Staaten, standfest befürworten.

Gegen jene Reichen, die noch mehr Reichtümer und Macht anhäufen wollen, aber sich nicht ganz sicher sind, welcher der beste Weg ist, steht unsere wachsende, weltumfassende Bewegung der Bewegungen. Die gemeinsame Agenda unserer Bewegungen ist ein Nein zum Krieg gegen den Irak, die Umkehrung der wirtschaftlichen Globalisierung und Gerechtigkeit für alle. Unsere gemeinsamen Mittel bestehen aus einer breiten Palette des Ungehorsams, die sich von Tag zu Tag ausdehnt, aus Teach-Ins und Massenversammlungen, um Informationen durch Schauspiel und Medien zu verbreiten, um auf die Straßen zu ziehen und um zivilen Ungehorsam, etc. auszuüben. Aber unsere Seite des Kampfes setzt sich ebenfalls aus verschiedenen Bestandteilen zusammen. Das Verständnis unseres Handels unterscheidet sich ebenso wie unsere Haltungen.

Der große Verständnisunterschied besteht darin, dass einige von uns glauben, dass wir nur versuchen, das nächste Ziel zu erreichen, wie z.B. die Verhinderung eines Irakkriegs oder die Blockade irgendeines neuen Handelsabkommens. Andere denken hingegen, dass wir dies natürlich auch machen, aber, dass wir zudem versuchen müssen, diese Siege nachhaltig zu gestalten und zu wachsen indem wir die zugrundeliegenden Institutionen, die die Ungerechtigkeiten schaffen, die wir kritisieren, herausfordern und sie letztendlich ersetzen. Die Ebenen unseres Verständnisses unterscheiden sich anhand ihres Ranks: Revolution einer- und Reform andererseits.

Auf der Ebene der Methodik und Taktik gibt es ebenfalls einen Hauptunterschied. Versuchen wir hauptsächlich die Gefühle, die wir in jedem Moment durchleben, festzulegen, festzuhalten und nach außen zu tragen - oder versuchen wir, eine Bewegung zu formen, die einen massiven Systemwechsel auf lange Sicht als ihr Ziel betrachtet?

Im ersten Fall treffen wir die Entscheidungen, wenn sich uns eine Situation darstellt indem wir vorrangig unsere eigenen Gefühle befragen: wie wütend sind wir, wie sehr wünschen wir uns, diese oder jene Aktion, basierend auf unserer Stimmung und unseren Wünschen und im Lichte dessen, was von uns verlangt wird, was es uns im Nachhinein bringt und wie wir uns dann fühlen, durchzuführen?

Im zweiten Fall treffen wir Entscheidungen - indem wir vorrangig unsere beste Beurteilung zur Vergrößerung der Bewegung und zur größtmöglichen Steigerung unseres Einblicks und unseres Engagements abrufen. Für diese Haltung ist es genauso wichtig auf unsere Gefühle und Fähigkeiten zu achten, um sicher zu sein, aber sie behandelt vorrangig die Bedürfnisse des Erfolgs und nicht unsere Gefühle. Es mag derb klingen, aber ich bin überzeugt, dass dies tatsächlich ein ernsthafter Unterschied ist, auch wenn er in Worten zumeist nackter zu Tage tritt als in der Praxis.

Kurz gesagt, bilden wir eine Gemeinschaft von AktivistInnen, die sich selbst gegen das Eindringen von außen erhält, entwickeln wir eine Identität als DissidentInnen für uns, die wir vor einer Auflösung bewahren und die manchmal mehr darüber besorgt ist, alle Formulierungen und Prozesse beizubehalten, als zu wachsen und ihre Vielfalt zu leben? Oder schaffen wir eine Bewegung, deren Absicht es ist, beständig zu wachsen und sich zu verändern und in der wir unsere persönlichen Neigungen einstellen müssen, wenn wir neue Gruppierungen aufnehmen oder neue Pläne einbauen? Sind wir fähig, andere zu ermächtigen indem wir unsere eigene Macht und unseren Einfluss auf Prozesse verringern, damit die Stärke der Bewegung insgesamt anwächst?

Was muss also als Nächstes geschehen?

(1) Erfolg ist nicht eine einzelne "alles oder nichts" Angelegenheit. Selbstverständlich wollen wir den Krieg gegen den Irak verhindern. Und natürlich wäre das Erreichen dieses Ziels ein die Welt umwandelnder und historischer Erfolg. Aber selbst wenn der Krieg stattfindet, bedeutet das nicht, dass wir gescheitert sind sondern, dass wir zu diesem Zeitpunkt weniger Macht besaßen als wir zu haben glaubten. Trotzdem besitzen wir weitaus mehr Stärke als die Menschen noch vor gerade einem Jahr zu glauben wagten. Ob dieser Krieg nun stattfindet oder nicht, unsere weitere Aufgabe bleibt dieselbe. Wir müssen wachsen, unser Bewußtsein erweitern, militanter (kämpferischer) werden, uns besser organisieren - um zu versuchen diesen und die nächsten Kriege zu verhindern, die Globalisierung umzukehren und um weiterhin die grundlegenden Institutionen herauszufordern und sie eventuell sogar zu ersetzen. Nichts von alledem wird über Nacht passieren. Aber wir sind auf dem Weg dorthin und wir müssen ihn weiter beschreiten. Dies ist unsere Flugbahn. Wir müssen es ernst nehmen und unermüdlich auf unser Ziel hin arbeiten.

(2) Die Anti- Kriegsdemonstrationen an diesem Wochenende waren möglicherweise der größte Erguß solcher Art in der jüngeren Geschichte. Waren es zwei oder anderthalb Millionen in London? Waren es zwei oder drei Millionen in Rom? Zwei oder drei Millionen in den spanischen Städten? 500.000 oder 750.000 in New York City? Der Punkt ist, dass unglaubliche Massen mobilisiert wurden und, weitaus wichtiger noch, dass unser Widerstand sehr schnell weiter wächst. Tatsächlich ist die Zuwachsrate der Ablehnung völlig außerordentlich und das ist die wahre Drohung, die unsere Bewegung momentan ausstrahlt. Und diese ist in Erscheinung getreten, ohne dass nur eine einzelne internationale Organisation es übersehen konnte. Und erst Recht konnte keine amerikanische Organisation sie übersehen. Wir sollten unserer massiv hervorgekommenen, eingerollten und internationalen Bewegung der Bewegungen keine Art zentraler Führung oder Identität aufdrängen. Die Sache läuft gut. Genau genommen läuft eigentlich alles großartig. Wir bedürfen mehr von dem, was gewesen ist und keinen dramatischen Wechsel - wir sollten nur versuchen, neue und breitere Gruppen aggressiver anzusprechen, geduldig zu arbeiten und Unterschiede zu respektieren, um breiteres Verständnis und Engagement sicher zu stellen.

(3) Wir dürfen unsere kurzfristigen Ziele auf der Welle des eigenen Wachstums nicht so hoch bewerten, dass sie unerreichbar werden, so dass wir anschließend deprimiert sind, wenn all unsere Anstrengungen nicht ausreichen und wir unvermeidlich unsere Ziele verfehlen. Wir müssen vielmehr unser Handeln als einen Prozess verstehen. Wir sollten die Entwicklung dieses Prozesses bejubeln und sie als eine enorme Leistung betrachten - aber als eine Leistung, die den Weg für noch mehr ebnet. Das Wachstum unseres Widerstands bringt eine Verantwortung mit sich: weiteres Wachstum. Wir sollten uns nicht von unserer gegenwärtigen Größe und Masse, ob auf einem einzigen Campus, oder in einer Stadt, oder einer Großstadt, oder einem Land, oder auf internationaler Ebene, verzaubern lassen. Der Trick besteht darin, nicht uns selbst zu feiern sondern unser Potential. Die Aufgabe ist, weitere Kreise zu ziehen, die noch breiter sind - um in Bereiche zu gelangen, von denen wir annahmen, sie nicht erreichen zu können - weil wir es doch können. Auf den Campus müssen wir in die StudentInnenwohnheime und die -verbindungen gehen, um nicht nur die DissidentInnen aufzusuchen sondern auch die Footballspieler - ja, auch die SportlerInnen müssen mit allen Mittel angesprochen werden! Legt ein Flugblatt unter jede Tür. Und macht es wieder. Und klopft dann an die Türen und diskutiert. Und wiederholt auch dies. Verteilt Material in euren Nachbarschaften und an euren Arbeitsplätzen und unterhaltet euch mit unseren MitbürgerInnen ein ums andere Mal. Richtet euch an PostbotInnen, LehrerInnen, Imbißbudenköche, FlugbegleiterInnen, Monteure, LastwagenfahrerInnen, Pflegepersonal, BergwerkarbeiterInnen, und selbst an SoldatInenn und PolizistInnen, ja sogar und insbesondere an die SoldatInnen und die PolizistInnen.

Auf der einen Seite stehen Bush, Blair und andere politische FührerInnen und Mullahs, zusammen mit FirmeneigentümerInnen und jede Menge Vorstandsmitgliedern. Auf der anderen, eine Bewegung der Bewegungen - und ein riesiger, weltweiter Wahlkreis, den wir erreichen müssen.

Wenn Bewegungen, die für einen sozialen Wandel eintreten, beständig Vielfalt, Solidarität, Gleichheit und Selbstbestimmung - Frieden und Gerechtigkeit - suchen und wenn sie das auf eine Art und Weise und mit einem Ton und einer Taktik machen, die darauf abzielt die Schwachen zu bevollmächtigen und den Bedürfnissen der Armen zu entsprechen, dann können wir/sie diesen Kampf gewinnen - und der Kampf, den ich gewinnen will, von dem ich denke, dass wir uns in ihm befinden, wird nicht nur für die eine oder andere Reform an dieser oder jener Stelle - und auch nicht für Frieden dann und wann mal - geführt. Es geht darum, wer über die Zukunft entscheidet und wem die Zukunft dienen soll. Also tatsächlich ein Showdown.

Wir haben wirklich Anlaß zur Freude. Aber wir müssen auch Mut besitzen. Und Durchhaltevermögen. Unser Kampf wird viel Zeit und ein gewaltiges Maß an Beharrlichkeit erfordern. Aber der Tag kommt, an dem das Schiff der Gleichheit, das Schiff der Selbstbestimmung, das Schiff der Solidarität, das Schiff der Vielfalt und das Schiff des Friedens und der Gerechtigkeit anlegt. Rudert weiter!

Geschichte ist nicht vorüber. Ganz im Gegenteil, es ist an uns, sie zu übernehmen.

Orginalartikel: Showdown
Übersetzt von: Christian Stache
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