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Sind Vergewaltigungen Normal?

von Robert Jensen

08.10.2002 — ZNet Kommentar

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Es ist nicht sonderlich überraschend, dass wir uns von Menschen, die scheußliche Verbrechen begehen, distanzieren wollen, um den Glauben aufrecht erhalten zu können, dass die abscheulichen Dinge die einige Menschen tun, das Ergebnis vom so etwas wie dem Bösen in ihnen selbst seien.

Aber dennoch kämpfen die meisten von uns mit dem nagenden Gefühl, dass, egal wie krankhaft diese brutalen Verbrecher auch sein mögen, sie zu uns gehören - das sie Teil unserer Welt sind und sich aus unserer Kultur entwickelt haben.

Einer dieser Fälle ist Richard Marc Evonitz, nach Worten eines Fachmannes, ein "sexuell sadistischer Psychopath", der in Virginia und Umgebung Mädchen entführt, vergewaltigt und getötet hat. Was sind die Merkmale eines sexuell sadistischen Psychopathen? Einem FBI- Ermittler zu Folge, der Serienmörder studiert hat, ist "ein Psychopath nicht in der Lage Reue für seine Verbrechen zu empfinden. Er neigt dazu seine Taten zu rechtfertigen und so zu tun als wären sie für ihn in Ordnung. Er streitet seinen Opfern die Menschlichkeit ab und behandelt sie wie Objekte und nicht wie menschliche Wesen."

Eine solche Person ist ohne Frage grausam und unmenschlich. Aber Teile dieser Beschreibung passen nicht nur auf sexuell sadistische Psychopathen; leicht verändert beschreiben sie eine Menge von dem, was wir in unserer Kultur als "normalen" Sex betrachten.

Sehen Sie sich die Massenkompatible Pornographie an, mit einem geschätzten Umsatz von $10 Milliarden pro Jahr allein in den Vereinigten Staaten, die hauptsächlich von Männern konsumiert wird. Frauen werden dort normalerweise als Sexobjekte dargestellt, deren alleiniger Zweck darin besteht, Männer zu befriedigen. Deren eigenes Wohlbefinden irrelevant ist, so lange die Männer befriedigt werden.

Berücksichtigen sie das weltweite Prostitutionsgeschäft, welches einen jährlichen Umsatz von $52 Milliarden hat: Obwohl es in den Vereinigten Staaten (außer Nevada) illegal ist, liegt diese Industrie das Recht der Männern zugrunde, sexuelle Befriedigung zu erlangen, ohne sich über die körperlichen und emotionalen Folgen für Frauen und Kinder Gedanken zu machen.

Oder hören sie einfach mal dabei zu, was heterosexuelle Frauen oft über ihre männlichen Sexpartner sagen: Ihn scheint nur sein eigenes Vergnügen zu interessieren; er ist emotional nicht an mir als Person interessiert; er behandelt mich wie einen Gegenstand.

Auf diese Punkte hinzuweisen bedeutet nicht, dass alle Männer brutale Tiere oder sexuell sadistische Psychopathen sind. Diese Beobachtungen sollten uns alarmieren und uns vor Augen führen, dass sexuelle Gewalttäter keine einzelnen Abweichler in einer sonst gesunden Sexualkultur sind.

Männer in den Vereinigten Staaten werden normalerweise auf die verschiedensten Arten darauf trainiert, Sex als eine Lustvermehrung durch die Konsumierung von Frauen zu sehen. Sex ist ein Feld, bei dem Männer darauf trainiert sind, sich selbst als sexuell dominant und Frauen als auf natürliche Art passiv zu sehen. Frauen werden zu Objekten und die weibliche Sexualität wird in eine Ware verwandelt, die ge- und verkauft werden kann. Sex wird sexy, weil Männer dominant sind und Frauen sich unterordnen.

Nochmals, meine Aussage ist nicht, dass alle Männer dies glauben oder sich dementsprechend verhalten, aber solche Ideen sind in unserer Kultur sehr weit verbreitet, vermittelt an die Jungen durch erwachsenen Männern mittels direkter Anleitung und Erziehung, durch Gruppenzwang unter Jungen und durch die Massenmedien. Das waren die Lektionen, die ich während meines eigenen Heranwachsens in den 60er und 70er Jahren gelernt habe und die heute, normaler und intensiver sind als je zuvor.

Das abzusehende Ergebnis dieses Umstandes, ist eine Kultur in der sexualisierte Gewalt, sexuelle Gewalt und Gewaltausübung durch Sex so normal ist, dass es als normal angesehen werden sollte. Nicht normal im Sinne von gesund oder wünschenswert, aber als ein Ausdruck der sexuellen Normen unserer Kultur und nicht als eine Verletzung dieser Normen. Vergewaltigung ist illegal, aber die sexuelle Ethik die einer Vergewaltigung zugrunde liegt, ist eng mit der Beschaffenheit unserer Kultur verflochten.

Keine dieser Beobachtungen entschuldigt oder rechtfertigt sexuellen Missbrauch. Obwohl es Menschen gab, die argumentiert haben, dass Männer naturgemäß sexuell Aggressiv sind, haben Feministen daran festgehalten, dass diese Verhaltensweisen anerzogen wurden. Deshalb müssen wir uns nicht nur mit den Krankheiten derer beschäftigen, die über die Legalität hinausgehen und Missbrauchen, Vergewaltigen und Töten, sondern auch mit unserer gesamten Kultur.

Jene, die diese Analyse unverschämt finden, sollten sich die Ergebnisse einer Studie über sexuelle Angriffe auf Campi von US- Colleges ansehen. Forscher fanden heraus, dass 47 Prozent der Männer, die eine Frau vergewaltigt hatten, sagten, dass sie es wieder machen würden und 88 Prozent der Männer berichteten so über ihren Angriff, dass er zwar der gesetzlichen Definition einer Vergewaltigung entsprach, bestanden aber trotzdem darauf, sie hätten niemanden vergewaltigt. Dies deutet eine Kultur an, in der viele Männer erzwungenen Sex nicht als Vergewaltigung ansehen und in der viele Männer keine moralischen Bedenken haben, in sexuellen Fragen eine solche Haltung einzunehmen.

Die Sprache, die Männer benutzen um Sex zu beschreiben, besonders wenn keine Frauen anwesend sind, ist sehr aufschlussreich. In Umkleidekabinen wird man Männer wohl kaum über die Qualität ihrer emotionalen und intimen Erfahrungen reden hören. Statt dessen sind die Fragen: "Hast Du letzte Nacht eine abbekommen?" "Bist Du zum Zug gekommen?" "Hast Du sie gef....?" In der Diskussion über Sex benutzen Männer oft eine Sprache der Macht -- der Kontrolle, der Herrschaft und davon, sich das zu nehmen was man will.

Ich erinnere mich noch, als ich ein Teenager war, dass Jungen oft Witze machten, dass es eine wirksame sexuelle Strategie wäre, mit einer Verabredung in ein entlegenes Gebiet zu fahren und zu sagen, "OK, f... or fight." Es würde mich nicht sonderlich überraschen, wenn Jungen sich immer noch gegenseitig mit diesem "Witz" belustigen.

Also, sexuelle Gewalttäter sind Monster, aber keine Monster von einem andern Planeten. Was wir von ihren Fällen lernen, hängt davon ab, inwieweit wir gewillt sind nicht nur in das Gesicht von Männern wie Evonitz zu blicken, sondern auch in den Spiegel zu gucken. Indem wir nicht nur ehrlich die Dinge zu untersuchen, in denen wir uns von solchen Menschen unterscheiden, sondern auch die Dinge zu untersuchen, in denen wir in gewissen Maße ähnlich sind.

Eine solche Selbst- Reflektion darf, individuell und kollektiv gesehen, jedoch nicht zu dem Schluss führen, dass Männer sexuelle Tiere sind und das man nichts daran ändern kann. Stattdessen sollte es uns dazu bringen, darüber nachzudenken wie wir uns gegen das System, in dem wir leben, wehren können und es verändern können. Diese feministische Kritik ist nicht nur für die Befreiung der Frauen entscheidend, sondern auch für die Menschlichkeit der Männer, die so oft vom Patriarchat deformiert wird.

Die Lösung liegt nicht in dem Ruf der Konservativen, zu einem illusorischen "Goldenen Zeitalter" der sexuellen Moral zurückzukehren, zu einem System, dass genauso auf der Unterordnung der Frauen aufgebaut ist. Die Aufgabe besteht darin, die Erkenntnisse des Feminismus in eine neue sexuelle Ethik umzuwandeln, die keine traditionellen, restriktiven sexuellen Normen auferlegt, sondern dabei behilflich ist, eine Welt zu erschaffen die auf Gleichheit und nicht auf Dominanz gründet, in der für das Vergnügen von Männer keine Unterordnung der Frauen notwendig ist.

Orginalartikel: Rape Is Normal?
Übersetzt von: Timo
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