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Solidarität und Widerstand

Ein Interview mit Sheila Gruner und Manuel Rozental, Toronto

von Justin Podur

22.07.2001 — ZNet

— abgelegt unter:

Worum geht es bei der Kanada- Kolumbien Solidaritätskampagne?

Die Kampagne wurde während des Ottawaforums an der Charleton Universität am 2. und 3. Dezember 2000 ins Leben gerufen. Das Forum brachte Institutionen, Individuen und Organisationen aus ganz Kanada zusammen, um eine Plattform zu diskutieren, mit deren Hilfe die Solidarität mit Kolumbien zum Ausdruck gebracht werden soll.

Was bedeutet Solidarität für euch?

Wir verbrachten hier in Ottawa zwei Tage voller Arbeit. Am ersten Tag hörten wir die Reden von Menschen wie Héctor Mondragón und verfolgten fünf Podiumsdiskussionen. Am zweiten Tag teilten wir uns in kleine Gruppen, in denen wir uns mit zwei Dingen beschäftigten.

Zuerst versuchten wir ein grundlegendes Verständnis der gegenwärtigen Situation, des "Plan Colombia", die letzte kompakte amerikanische Strategie, mit der die Ressourcen Kolumbiens ausgebeutet werden sollen, und die als Einführung in die FTAA gilt, zu bekommen. Es existieren zwei Hindernisse für das FTAA. Das Erste sind die Menschen, die auf den Ländereien leben und die ein Anrecht auf diese besitzen. Das Zweite sind die Organisationen, die die Produktionskosten steigern. Die Theorie des Wettbewerbsvorteil basiert auf günstigen Arbeitskräften und Ressourcen. Mit rechten ausgestattete Menschen erhöhen die Kosten beider Faktoren. Deshalb ist die Strategie ziemlich einfach - entfernt die Menschen und demontiert die organisierte Opposition.

Es gibt zwei Wege, sie zu demontieren, und Kolumbien ist das Versuchslabor für beide. Der erste Pfad besteht aus den legalen Mechanismen. Die strukturellen Anpassungsprogramme des IWF, Privatisierungen, Freihandel, etc.. Kolumbien ist das Opfer des härtesten Strukturanpassungsprogramms in der gesamten Hemisphäre. Trotz des Krieges. Alles muss privatisiert werden und die gesamten Fürsorgefunktionen des Staates müssen drastisch abgebaut werden. Der zweite Weg ist der Drogenkrieg. Angriffe gegen den Widerstand - und in diesem Zusammenhang werden schließlich der soziale Widerstand, der Widerstand der Zivilgesellschaft, die Rechte der Indigenas bekämpft, während die Bevölkerung Zwangsumsiedlungen ausgesetzt wird. Im Wesentlichen ist dies also Gewalt mit einem Vorwand.

Wir kamen überein, das diese Entwicklungen so stattfinden.

Der nächste Schritt war, dass wir Antworten entwickeln mussten, die in vier Richtungen gehen:

1) Widerstand gegen "Plan Colombia"

2) Förderung und Unterstützung einer Verhandlungslösung, die hauptsächlich von den öffentlichen Organisationen bestimmt wird. Dies ist als Statement gegen die bewaffneten Parteien zu verstehen.

3) Auswertung der kanadische Politik und kanadischen Investitionen in Kolumbien, mit Hauptaugenmerk auf den Energie-, Öl-, Kohle- und Wassersektor

4) "Visualisierung" (sichtbar machen) des unsichtbaren Kampfes der Bevölkerung in Kolumbien. Scheinbar existieren diese unbewaffneten, keiner Regierung und keinem Unternehmen angehörigen Teile der Bevölkerung gar nicht. Trotzdem gibt es in Kolumbien die verschiedensten und kreativsten Bewegungen, die allerdings unsichtbar gemacht werden.

Aus diesen zwei Entwicklungen entstand die "Unsichtbarer Kampf"- Tour, die im März stattfand und sechs KolumbianerInnen aus der Zivilgesellschaft nach Kanada brachte, um den Kampf sichtbar zu machen. Sie wiederum luden KanadierInnen ein, um ihnen zu zeigen, was in Kolumbien geschieht, um Verbindungen zu knüpfen und einen Aktionsplan auszuarbeiten.

Das bringt uns zur "Minga", einer Delegation von 30 KanadierInnen, die alle in unterschiedliche Regionen Kolumbiens reisen, damit sie die Situation vor Ort studieren und Kontakte zur kolumbianischen Zivilgesellschaft aufbauen können. Ein weiterer Zweck der Delegation ist es, diese unsichtbaren Projekte zu beobachten und durch sie Erfahrungen zu sammeln, sich mit den OrganisatorInnen und MitstreiterInnen auszutauschen und den Grundstein für eine Solidaritätsplattform zwischen den Menschen zu legen. Der politische Aspekt der Reise ist der Aufbau gegenseitiger Solidarität zwischen verschiedenen Staaten und Menschen, der Kampf gegen das FTAA und die Finanzinteressen sowie gegen das politische und wirtschaftliche Modell, das hinter diesen Entwicklungen steht. Zudem soll die Unterstützung für Alternativen und die Idee, das es Alternativen zu jenem Modell gibt, gefördert werden. Kanada befindet sich auf dem Weg zu anderen Gedanken- und Arbeitsalternativen hinter Kolumbien und Lateinamerika. Die Idee ist, diese Projekte zu unterstützen und nicht, Opfern zu helfen.

Eine Überlegungen der ZapatistInnen ist die, eines "Neins" und vieler "Jas". Es bestehen unterschiedliche Formen des Widerstands gegen das FTAA in Kanada. Diese formen ein gemeinsames "Nein" - zum Neoliberalismus.

Sie sprachen in der Vergangenheit über effektive ( wirkungsvolle ) Taktiken des Widerstands? Könnten Sie dazu etwas sagen?

Ja. Ein weitere Sache, an der wir arbeiten, ist der Vorschlag eines ständigen Notruf/ SOS- Systems für die öffentlichen Organisationen und Bewegungen. Die Überlegung ist folgende. Angesichts der jetzigen Situation und Tendenzen werden die öffentlichen Bewegungen und Organisation in weniger als fünf Jahren zerstört oder demontiert worden sein. Und dafür gibt es reichhaltige Beweise. Jeden dritten Tag wird ein(e) GewerkschafterIn ermordet. 68 sind bereits in diesem Jahr getötet worden. Zwei Millionen Menschen sind in den vergangenen zehn Jahren zwangsumgesiedelt worden. Von den 84 Nationen der Indigenas sind genau 84 Drohungen oder direkten Angriffen ausgesetzt. Dunkelhäutige leiden am schlimmsten. Bauern und Ländereien, die bislang in "Friedensgebieten" lagen, werden attackiert. Dies ist eine Völkermordpolitik für den Profit und die KolumbianerInnen sind ihre größten Opfer in eben diesem Moment.

Innerhalb der nächsten zwei bis fünf Jahre wird diese Strategie bei gleichbleibender Flugbahn ihr vorrangiges Ziel erreichen: die Zerstörung des Widerstands, der sich gegen dieses Politik- und Wirtschaftsmodell erhebt. Und wenn sie die legalen Komponenten ( Bestandteile ) hinzufügen, wie ich sie schon zuvor beschrieben habe, wie eine Arbeitslosenquote von 24 - 26%, Privatisierungen, Stadtmigration und Krisen, vernichtet dies die KolumbianerInnen. Zumal die Lösung für die Probleme ein Mehr an derselben Medizin sein soll.

Die einzige Hoffnung sind jene Organisationen, die Entwicklungsvorschläge machen, die realisierbar sind und die Ländereien, Einkommen, Vielfältigkeit sowie die Menschen, die Mehrheit derselben mit inbegriffen, schützen. Wir reden hier vom Wettkampf zwischen zwei Projekten. Das Erste vernichtet und schließt Menschen aus, das Zweite schließt die Bevölkerung auf verschiedene Arten ein. Und obwohl beide als "Entwicklungen" bezeichnet werden, gründet sich die Erste auf die Anhäufung von Kapital während für die Zweite die Menschen das Fundament bilden.

Deshalb basiert das Notrufsystem auf der Idee, dass internationale Solidarität funktioniert; es ist die einzige Sache, die funktioniert, sie kann bewaffnete Parteien stoppen und bewaffnete Angriffe verhindern. Aber jene Idee ist fragmentiert ( aus unzusammenhängenden Teilen aufgebaut ) und nicht umfassend. Sie richtet sich nach Opfern nachdem sie zu diesen geworden sind. Deswegen ist der Vorschlag, der aus der kolumbianischen Bevölkerung kommt, nicht von hier sondern aus Kolumbien, dass Kolumbien als vollständiger Staat begriffen werden muss und nicht nur in Teilen wahrgenommen werden darf. Damit eine Kommune oder eine Person geschützt wird, aber in Zusammenhang mit einer Gesamtstrategie und dem Verstehen des aggressiven Hintergrunds. Die Paramilitärs wissen nämlich genau wie sie umfassend vorgehen müssen. Denn während wir uns hier auf eine Kommune konzentrieren, radieren sie an anderer Stelle Kommunen aus und erschießen Menschen und/oder siedeln sie um.

Wir müssen hinterfagen, warum Menschen vertrieben werden und unsere Strategie kann anhand dieser Frage entwickelt werden. Menschen werden vertrieben, weil sie ein Hindernis für das System darstellen. Wenn sie erst einmal vertrieben worden sind, ist ihnen gleichzeitig auch die Unterstützung und Solidarität entzogen worden. Und die Solidarität, die ihnen widerfährt, die politische Ökonomie der Solidarität oder der Markt der internationalen Solidarität, wenn sie diese Formulierung vorziehen, macht sie zu Opfern. Es gibt schließlich einen Markt für internationale Solidarität, dessen Kernlogik auf Spendensammlung gründet, die aber wiederum alles andere als produktiv ist.

Die Notrufidee ist das Gegenteil. Sie wirft die Frage auf: "Wie können wir Massaker, Vertreibungen, Ermordungen, Drohungen kontraproduktiv machen?" Stellen sie sich eine(n) IndgenaführerIn vor, der in Cauca von Paramilitärs bedroht wird. Die Frage, die sich nun stellt ist, wie wir die Situation dahingehend verändern könnten, dass die Drohung zum Rückgang der Auslandsinvestitionen führt, Organisationen einen Zulauf an Mitgliedern erfahren und die Informationen sowie der Widerstand gegen das Wirtschaftsmodel zunehmen?

Isolation ist z.B. ein Aspekt, der den Völkermord fördert. Die Kommunen kennen einander nicht. Was passiert also, wenn eine Kommune bedroht wird und sie kurz vor der Vertreibung steht? Sie siedelt sich neben einer anderen Kommune an. Die Zwei knüpfen Kontakte, lernen von- und über einander usw.. Nachdem die vertriebene Kommune neue Beziehungen und Verbindungen etabliert und Zuversicht erlangt hat, geht sie hat nach Hause zurück, ohne weiterhin isoliert zu sein.

Oder ein GewerkschafterInnenaustausch findet statt, bei dem ein(e) bedrohte(r) GewerkschafterIn aus Kolumbien nach Nordamerika flieht und durch eine(n) nordamerikanische(n) GewerkschafterIn ersetzt wird.

Das wäre wunderbar. Oder ein(e) ProfessorIn kommt nach Kanada, um zu unterrichten und ein(e) Kanadische(r) besetzt ihre/seine Stelle in Kolumbien. Das ist alles. Jede Aktion ist Bestandteil einer Gesamtstrategie. Und das ist die Art Aktion, die wir in unserer "Minga" fördern wollen. Die Bildung einer Plattform für solche Anstrengungen.

Wann wird das Notrufsystem also aufgehoben? Wenn es Frieden gibt, die Menschen auf dem Land sicher sind, wenn die Organisationen geschützt und frei arbeiten können, um ihre Alternativen zu organisieren und aufzubauen.

Es existieren im Moment Möglichkeiten für Initiativen und es gibt Wege diesen Kampf in all das zu integrieren, was in der Welt vor sich geht. Die KapitalistInnen fordern die Menschen heraus, sie laden sie geradezu ein, Alternativen aufzuzeigen. Wir sind mittlerweile an dem Punkt angelangt, an dem sich der Großteil der Menschen auf der Welt von der Wirtschaft und der Politik ausgeschlossen fühlt. Und diese Situation bietet die Gelegenheit für Initiativen.

Orginalartikel: -
Übersetzt von: Christian Stache
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