Terminal der Verzweiflung
(Am Grenzübergang Allenbybrücke nach Jordanien)
von Gideon Levy
15.07.2004 — ZNet Deutschland
Da gibt es keinen Duty-free-Laden, keine Wartende auf Flüge, kein „letzter Aufruf für Flugnummer ...“. die palästinensischen Sommerferien haben einen schweren Start. Es ist die Art von Mühseligkeiten, die anscheinend nur Palästinenser mit so viel Geduld durchstehen können, weil sie mit vielen Erfahrungen an Checkpoints herkommen. Zwei oder drei Tage auf dem Fußboden mit Kindern und alten Leuten, bis sie endlich an die Reihe kommen, und die Israelis sie schließlich die Brücke nach Jordanien auf dem Weg zur übrigen Welt überqueren lassen. Es ist die letzte verbleibende Fluchtlücke aus dem Westbank-Gefängnis. Zwei oder drei Tage auf dem Fußboden bis in die Nachmittagsstunden in der neuen mit japanischem Geld gesponserten und mit einer Klimaanlage versehenen Halle. Sie wird gegen 16 Uhr bis zum Morgen geschlossen. Dann müssen alle auf dem glühenden Sand draußen unter Margosabäumen weiter warten, auf Holzmatten in der Wartezone, entlang der vor Hitze aufgeweichten Asphaltstraße oder in dem überfüllten Hotel von Jericho, falls man noch in der Lage ist, 75 NIS pro Nacht zu bezahlen. Tausende von Menschen warten hier. Zwei ganze Tage oder manchmal drei. Sie verlassen ihr Haus in Hebron oder Jenin mitten in der Nacht, brauchen stundenlang für die Straßen und Checkpoints in der Westbank und kommen in der Morgendämmerung in Jericho an, erhalten eine Nummer, die erst nach zwei Tagen nützlich ist. Und sie warten und warten und warten. Keiner kommt an dem Tag durch, an dem er ankam. Das geschieht einfach nicht. In dieser Woche gab es niemanden, der nur einen Tag wartete. Das Warten betrug zwei Tage und mehr für die, die einen Sommerbesuch bei Verwandten in Jordanien machen wollen, die zur Arbeit nach Saudi-Arabien oder in Kalifornien ein neues Leben beginnen wollen. Alles beginnt hier, seitdem Israel den Ben-Gurion-Flughafen für die Palästinenser geschlossen hat. Man stelle sich nur vor, man muss auf seinem Weg in ein Club-Hotel in Griechenland so etwas durchstehen. Das ganze Jahr leben diese Leute unter den harten Bedingungen der Besatzung. Nun wollen sie nur mal für eine kurze Zeit dem entfliehen und mit Verwandten zusammen sein und vor den Schrecken des Lebens hier eine Weile fliehen. Am Sonntagnachmittag sieht die Wartehalle ( von Beit Hanetivot) für die Ausreisenden wie ein beruhigtes Schlachtfeld aus: Hunderte von Männern, Frauen und Kindern sitzen von der Hitze betäubt und vom Warten erschöpft in bemerkenswerter Ordnung. Einige liegen lang ausgestreckt auf dem Fußboden und schlafen mitten am Tag; einige starren mit leerem Blick geradeaus, als wären sie von einem Hitzschlag getroffen worden. Jedes Mal, wenn die nächste Nummer über den Lautsprecher aufgerufen wird, sind noch 1000- 2000 Nummern vor der Nummer, die auf dem blauen Papierstreifen derjenigen steht, die gestern ankamen und 3000 vor der Nummer derjenigen, die heute ankamen . Und jeder wartet fatalistisch und gehorsam. Da gibt es nichts zu verlieren und nichts, worauf man sich freuen kann. Immer wieder fängt ein Baby an zu schreien oder eine alte Frau seufzt. Die meiste Zeit ist es aber erstaunlich ruhig an diesem Terminal der Verzweiflung. Drei Bilder von Arafat und drei Bilder von gefallenen Männern zieren den verrosteten Schiffscontainer, der den Sicherheitskräften in Beit Hanetivot als Hauptquartier dient. Die Gefallenen sind alle aus Qalqilya, von wo auch einige andere der palästinensischen Einheit sind, die diese Wartehalle bewachen. Israelis sind nicht zu sehen; das macht den Eindruck, als ob hier palästinensische Souveränität herrschen würde – was absolut irreführend ist; denn nur die Israelis bestimmen, wer hier passieren darf. Der Empfangsraum hat nur eine dünne Decke und keine Klimaanlage. In ihm stehen eine Reihe abgenützter Holzbänke, die die Hitze zu absorbieren scheinen. Am Eingang der neuen Abfahrtshalle, die von der UN-Entwicklungshilfe gebaut wurde, ist eine marmorene Platte mit der Inschrift: „ Diese Halle wurde unter der Schirmherrschaft von Seiner Excellenz Yassir Arafat, Präsident von Palästina, am 27. Februar 2004 dank der großzügigen Spende der japanischen Regierung eingeweiht.“ Man kann sich kaum vorstellen, wie die Dinge hier aussahen, bevor es eine japanische Halle mit Klimaanlage gab. Aber im letzten Jahr gingen noch weniger Reisende hier durch, und sie mussten weniger lange hier warten. Vor etwa 12 Jahren, als ich hier einmal mitten in der Nacht ankam, sahen wir viele Mercedes-Taxis hier stehen, die auf den Sonnenaufgang warteten. Ihre Passagiere gingen in die Felder und zündeten ein spektakuläres Freudenfeuer an. Nur die Szene hat sich für die verzweifelt Wartenden geändert . Es herrscht beneidenswerte Ordnung und Geduld – nach 37 Jahren Besatzung sind sie darin wohl geübt. Es gibt keinen Ärger, keinen Zorn, keiner verliert seine Nerven. Sie sitzen ruhig da und warten zwei Tage lang . Azmi Daoud, ein saudischer Englischlehrer, sitzt auch ruhig auf dem Boden. Er sitzt seit 12 Stunden mit seinen fünf Kindern da. Er wird als Neu-Ankömmling betrachtet; denn er ist erst einen halben Tag hier. Gewöhnlich kam er einmal im Jahr her, um seine Familie in Beit Lid zu besuchen, einem Dorf - zwischen Tulkarem und Nablus - indem er geboren wurde. Aber seit zwei Jahren war er nicht da und seine Kinder seit sechs Jahren nicht, weil die Reise zu beschwerlich ist, und Gefahren an jeder Ecke lauern. Über den Lautsprecher wird verkündet: „Die aus Bethlehem kommen, werden gebeten, die Halle schnell zu verlassen. Yalla, yalla! – schnell, schnell!“
Azmi D. ist auf dem Weg zurück nach Saudi Arabien. Um zwei Uhr früh fuhr er vom Haus seiner Eltern ab und erreichte den Checkpoint bei Jericho um fünf, als er gerade geöffnet wurde. Um sechs kam er hier an und erhielt die Nummer 5000 - - 3000 sind vor ihm. Wenn er Glück hat, kann er morgen weiterfahren, sonst eben übermorgen. Die Israelis haben gerade ein verdächtiges Objekt auf der Brücke gefunden. In der letzten Stunde durfte keiner die Brücke überqueren. Keiner weiß, wie viele Leute an einem Tag passieren dürfen. An einem Tag sind es 30 Busse, an einem anderen Tag nur fünf. Daoud verbrachte drei Wochen im Dorf und nun wünscht er sich nichts Sehnlicher, als hier raus zu kommen. Nächstes Jahr wird er nicht wiederkommen. „Ich mag nicht auf dem Boden sitzen. Meine Kinder haben nie auf dem Fußboden geschlafen. Wir warteten schon eine Stunde am Checkpoint. Dann gab es noch einen. Wir fuhren über felsige Wege, ich war entsetzt. Niemals war es so schlimm wie jetzt. Es war das erste Mal, dass ich mit einem Auto bei Nacht zwischen Olivenbäumen fuhr. Ich hatte Angst. Auch vor einem Helikopter, der uns entdecken und beschießen könnte oder einem Panzer.“ .... Der Lautsprecher tönt: „Die Nummern 2400 – 2420 können passieren....“ Drei ältere Frauen liegen auf dem Boden in einer Ecke der Halle. Hadra will ihre Söhne in Amman treffen..... Die Fahrt kostet 420 NIS. Da bleibt nichts übrig, um in einem Hotel in Jericho zu übernachten. Sie wartet hier und schläft draußen, so wie Hadiya H. ihre Nachbarin, die die letzte Nacht auf einer Bank draußen zugebracht hat. Sie betet darum, dass sie heute noch durchgehen kann; ihre Nummer ist 3053 und noch tausend sind vor ihr. Sie hatte sich etwas zu essen mitgebracht – nun ist es alle. Aus dem Lautsprecher tönt es: „Bitte, von den Schaltern zurücktreten“ Dalal A-H., aus der Nähe Hebrons, sitzt mit drei kleinen Kindern hier, die fest schlafen. Das jüngste ist anderthalb Jahre alt. Sie hat einen Jordanier geheiratet und seit fünf Jahren ihre Eltern nicht besucht. Sie wird wohl auch die nächsten fünf Jahre nicht wiederkommen. ...
Viele Reihen weißer unbequemer Plastikstühle, ein Geschenk der Japaner, stehen da. Wer aber schlafen will, legt sich auf den Boden. Die Imbissstube liegt weit hinten in der Halle und ist verlassen; wer hat schon Geld für teure Naschereien, die keinen Nährwert haben.? ... Zubeir K. aus der Nähe Jenins sitzt seit gestern morgen hier. Sie kam mit ihren vier Kindern und ein paar älteren Verwandten und will ihren Bruder nach 20 Jahren in Jordanien wiedersehen. Sie hat so lange gewartet – jetzt kommt es auf einen Tag auch nicht mehr an. Bei Mohamed D. ist es etwas anderes. Er hat Sorge, dass er nicht rechtzeitig wegkommt. Er hat ein Visum für Saudi-Arabien, dass in zwei Tagen seine Gültigkeit verliert, er möchte seinen Arbeitsplatz nicht verlieren. Er hat die Nummer 3200 - und 2450 wurde gerade aufgerufen. Sami von Samis Hotel kommt. Wir besuchten einmal sein ungewöhnliches Gästehaus, das mitten im Flüchtlingslager steht. Nun wartet Sami darauf, dass die Brücke geschlossen wird. Dann wird er seinen Wagen mit enttäuschten Reisenden füllen, die es heute nicht mehr schafften und die noch das Geld haben, für die Übernachtung zu zahlen. Sein Geschäft geht gut . Von leeren Wasserflaschen umgeben sitzt Bassam A. hier und schaut wie betäubt drein. Er kam mit seiner Schwester und ihrem Baby vor zwei Tagen an. Sie hatte die Nummer 2223 und ist vor zwei Stunden aufgerufen worden. Nun wartet er auf ihren Handyanruf, ob sie wirklich die Brücke hat überqueren können. Dann fährt er heim. Obwohl er unter der japanischen Klimaanlage sitzt, läuft ihm der Schweiß herunter. „Es ist eine schreckliche Situation. Es ist eine Katastrophe. Ich bin erwachsen – aber mit den Kindern ist es ein Problem. Um vier Uhr jagen sie alle nach draußen.“ Ein weiterer Bus rollt vom Terminalparkplatz, voll beladen mit schweren Koffern. ....
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