The Camp X-ray Concentration Camp
von John Pilger
03.03.2002 — Z Net / Daily Mirror (London)
Die brutalen und illegalen Bedingungen, unter denen die Gefangenen in einem amerikanischen Konzentrationslager auf Kuba gehalten werden, treffen den Kern des "Krieges gegen den Terrorismus" und zeigen, wie die Regierung Blair die Grundrechte der britischen Bürger an die Interessen einer fremden Macht verrät.
Shafiq Rasul aus Tipton in der Nähe von Birmingham ist einer von fünf Briten, die ohne Anklage und entgegen aller internationalen Abkommen im Camp X-Ray gefangen gehalten werden.
Er ist über 1,80 m groß, schmächtig und wiegt normalerweise weniger als 70 Kilo. Er hat 20 Kilo verloren und sein Bruder beschreibt ihn als "beängstigend stark abgemagert". Seine Familie glaubt, ihn, an eine Bahre gefesselt, am 21. Februar im Fernsehen gesehen zu haben.
In diesem Zustand wurde er von den Vertretern des britischen Geheimdienstes MI5 verhört – was an sich schon der Genfer Konvention über Kriegsgefangene zuwiderläuft. Gleichzeitig behauptet das Außenministerium, dass es keine Kenntnisse der Umstände hat, unter denen die fünf Männer inhaftiert wurden.
Hier werden Erinnerungen wach an die Aussagen des britischen Beamten Mark Higson, die er 1994 in der Untersuchung der Waffenlieferungen an den Irak machte. Laut Higson sei das Außenministerium von einer "Kultur des Lügens" durchdrungen.
Wie jetzt allmählich bekannt wird, hat keiner der 194 Gefangenen auf Kuba ein Verbrechen begangen. Das stimmt bis auf eine Handvoll für alle 400 in Afghanistan gefangen genommenen, von denen viele gar nicht zu Al-Qaeda gehören.
In den seit drei Monaten laufenden Untersuchungen durch ein Heer von FBI- und anderen Polizeibeamten wurde nicht der geringste Beweis vorgelegt, der die Gefangenen mit den Anschlägen vom 11. September in Verbindung bringt oder sie als "Terroristen, die Amerika bekämpfen", identifiziert.
Trotzdem wurden sie im Unterhaus von den verschiedenen Ministern als "zu den gefährlichsten Männern in der Welt gehörend" diffamiert, was fast wörtlich die Bemerkungen des US-Verteidigungsministers Donald Rumsfelds wiedergibt.
Das ist der Mann, der, wie er zugibt, im Pentagon ein Büro eingerichtet hat, das die der alleinige Funktion hat, fremde Regierungen und ausländische Medien über den "Krieg gegen den Terrorismus" zu belügen.
Gareth Peirce, Anwältin und Kämpferin gegen Justizirrtümer, die in dem Film Im Namen des Vaters dargestellt wurde, vertritt die Familie von Shafiq Rasul.
Sie sagt: "Angenommen, [Shafiq] ist wirklich so stark abgemagert, dann bedeutet das, dass wir unsere Beamten auf diese Gefangenen loslassen, um sie in einer total riskanten Lage zu verhören und wie Parasiten die vollkommen illegalen Gefangennahmen durch die Amerikaner auszunutzen."
Louise Christian, ebenfalls eine britische Anwältin und Menschenrechtsaktivistin, vertritt den 22-jährigen Feroz Abassi. Sie droht der britischen Regierung mit einem Rechtsverfahren wegen Kollaboration mit den USA bei den "illegalen Verhören" von Feroz.
Der Anwalt der Regierung forderte sie auf, ihren Antrag auf richterliche Überprüfung durch den Obersten Gerichtshof zu verschieben, da Tony Blair und seine Minister noch nicht über ihr Vorgehen entschieden hätten.
Mit anderen Worten, sie fragen die Amerikaner, wie sie in Bezug auf die Menschenrechte britischer Bürger handeln sollen, gegen die ganz offensichtlich nichts vorliegt. Vor kurzem wurde ein algerischer Pilot, Lotfi Raissi, nach fünf Monaten Untersuchungshaft, ohne dass gegen ihn Anklage wegen Terrorismus erhoben wurde, aus dem Gefängnis Belmarsh entlassen.
Tag für Tag werden sowohl die vorgeschobenen Gründe für den "Krieg gegen den Terrorismus" sowie Blairs Beteiligung an den Gewaltverbrechen in Afghanistan und der Verweigerung grundlegender Rechte offensichtlicher. Ursprünglich diente Camp X-Ray als ein groteskes Theater für die ständig manipulierte amerikanische Öffentlichkeit gedacht.
Durch die Veröffentlichung absichtlich provozierender Fotographien eingeschüchterter Männer in Ketten glaubte das Buschregime, die öffentliche Meinung von dem Debakel seines "Krieges" in Afghanistan ablenken zu können, in dem die Kriegmaschinerie vergeblich versuchte, Osama bin Laden oder auch ein einzelnes führendes Mitglied von Al-Qaeda zu fangen oder zu töten.
Sogar der Führer der Taliban, Mullah Omar, entkam. Als einzigen nahmen sie den Botschafter der Taliban in Pakistan, einen verhältnismäßig niederen Beamten, gefangen.
Einer neuen Studie der Universität von New Hampshire zufolge bezahlten die Menschen in Afghanistan dieses amerikanische Desaster mit mindestens 5.000 Toten unter der Zivilbevölkerung.
All diesen Fotos amerikanischer Truppen vor Wüstenlandschaften zum Trotz standen nur wenige von ihnen im Kampf. Stattdessen werden arme Leute in staubigen Dörfern vom Himmel aus getötet.
Die Hilfsgüter, die bisher die Menschen in Afghanistan erreichten, haben nicht einmal den Wert eines amerikanischen Bombers B52 – trotz der "Gelübde" Amerikas und Europas und der Schaumschlägerei Tony Blairs, dass "wir-Afghanistan-nie-wieder-im-Stich-lassen-werden".
Trotz aller Bemühungen zu beweisen, dass sich das von den Amerikanern eingesetzte Regime in Kabul radikal von dem der Taliban unterscheidet, sind die Hauptänderungen aber die Rückkehr zu einem blutigen Bürgerkrieg und Feudalismus und das Wiederaufleben des Heroinhandels.
Was die Menschenrechte der leidgeplagten Bevölkerung anbelangt, wird die neue Regierung, wie die Taliban, dem Land das islamische Gesetz der Scharia aufstülpen. Laut Richter Ahamat Ullha Zarif werden die öffentlichen Hinrichtungen und Amputationen fortgesetzt, aber mit einer Veränderung: "Die Taliban ließen zum Beispiel die Leichen der Hingerichteten vier Tage lang öffentlich hängen. Wir werden die Körper nur kurze Zeit hängen lassen, sagen wir mal eine Viertel Stunde."
Richter Zarif stellte auch klar, dass die Höchststrafe für Ehebrecher, sowohl für Männer wie für Frauen, in Kraft bleiben würde. Sie würden immer noch zu Tod gesteinigt werden, "aber wir benutzen nur kleine Steine".
Das ist das Regime, dessen führende Politiker britische Soldaten als Leibwächter haben. Und die Amerikaner bombardieren weiter – während der Norden und Westen Afghanistans im Gefolge der amerikanischen Angriffe vom Hunger heimgesucht werden.
Am 12. Februar berichtete ein Team von World Vision Health and Nutrition Team aus dem Nordwesten, dass "zahlreiche Gruppen von Frauen und Kindern die Felder in den Tälern nach Unkraut, Wurzeln und Grass zum Essen absuchten."
Die französische Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen berichtet, dass immer mehr Menschen unterernährt sind. "Die Verteilung von Nahrungsmitteln funktioniert nicht", sagte die Krankenschwester Jenny Andersson." Obwohl vom Welternährungsprogramm Nahrung für mehr als 300.000 Leute zur Verfügung gestellt wurde. Es erreicht ganz einfach nicht die Leute, die es brauchen."
Keiner dieser Gräuel wurde von der amerikanischen oder britischen Regierungen angesprochen, die Hauptpartner in der von Washington bestochenen Koalition, die für das Desaster in Afghanistan verantwortlich zeichnet, welches Jack Straw "unsere Rechtfertigung" nennt.
Es überrascht nicht, dass die Amerikaner auf die Beendigung aller Verfahren wegen Kriegsverbrechen drängen, selbst jetzt, da der ehemalige jugoslawische Präsident Slobodan Milosevic in Den Haag vor Gericht steht. Offensichtlich fürchtet die Regierung Bush, dass sie die Kontrolle über diesen Prozess verlieren und er zu einer Dauereinrichtung werden und so die Einrichtung eines Internationalen Strafgerichtshofs fördern könnte, den Washington entschieden ablehnt.
Washington fürchtet, dass solch eine Einrichtung seine richterliche Arbeit wirklich ausführen und "unsere" Kriegverbrecher festnehmen könnte – d. h., die amerikanischen und britischen Politiker und Beamte, die die gnadenlose Bombardierung tausender unschuldiger Männer, Frauen und Kinder befohlen und unterstützt haben und ein Konzentrationslager wie das, in dem abgemagerte Männer gefangengehalten und gegen internationale Gesetzte verstoßend verhört werden, geleitet oder mit der Leitung zusammengearbeitet haben.
In dem Stück Asche zu Asche verwendet Harold Pinter das Bild des Nazismus und des Holocausts als Interpretation einer Warnung davor, dass sich die totalitären Handlungen westlicher Politiker, mit denen sie die Herrschaft über andere Menschen zu erreichen suchen, prinzipiell und in ihren Auswirkungen in nichts von denen der Faschisten – und der Terroristen – unterscheiden.
Die Wirklichkeit hinter dem Anspruch des Premierministers als eines "Kriegführers" wird jeden Tag offensichtlicher.
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