The Take
Eine Rezension
von Daniel Morduchowicz
20.09.2004 — ZNet
—
abgelegt unter:
Argentinien
In den frühen 90er Jahren, wurde Argentinien im Mainstream weitestgehend als der Musterschüler für die neoliberale Globalisierung betrachtet. Die Zeitschrift Time kündigte auf einer Ihrer Titelseiten Das Menem Wunder an, in Bezug auf den damaligen Präsidenten des Landes und seinen Erfolg hinsichtlich der Umkehrung der wirtschaftlichen Entwicklung nach vielen Jahrzehnten des ernsthaften Rückgangs. Darüber hinaus, folgte er strikt allen Anweisungen des IWF und der Weltbank, wohin das Auge blickte privatisierte und verkaufte er alle staatliche Unternehmen zu Schleuderpreisen.
Durch die Kopplung des Peso an den Dollar, gelang es Domingo Cavallo, der in Harvard ausgebildete Wirtschaftsminister, die ausser Kontrolle geratene Inflation zu stoppen und ein gewisses Maß an Stabilität zu erreichen. Durch das Stoppen der Inflation wurde es möglich ein Kreditsystem in einem Land einzuführen, dass vorher hauptsächlich als eine chaotische Bargeld-Wirtschaft funktionierte, wo es üblich war mit fliegenden Schecks (Im Original flying checks) bezahlt zu werden (ein sehr schwieriges ad hoc System, bei dem die Menschen, die den Scheck einlösten im Endeffekt keine Ahnung hatten woher dieser kam). Als alle mit einem Mal in der Lage waren auf Kredit zu kaufen, gerieten sie in einen Rausch und trugen dadurch zum unglaublichen Wachstum des Bruttoinlandsprodukts bei, das als Beweis für die erfolgreiche Politik propagiert wurde, auf die von Seiten des IWF und anderen internationalen Kreditinstituten gedrängt wurde und die von der Menem Regierung mit religiösem Eifer befolgt wurde.
Aber das Wunder war wie ein Kartenhaus, das dazu bestimmt ist zu kollabieren und als es geschah, war es verheerend.
Versteckt hinter diesen Blendwerk war die Tatsache, dass sich das Wunder ausschliesslich auf eine finanzielle Spekulation gründete und kein bißchen auf einer produktiven Leistung der Wirtschaft basierte - tatsächlich war es genau das Gegenteil, denn die Gleichwertigkeit zwischen dem Peso und dem Dollar ließ alle argentinischen Güter unerschwinglich werden, zerstörte ihre Exportkapazität und hatte letztendlich eine vernichtende Auswirkung auf die industrielle Basis des Landes. Die Kopplung war nur dadurch aufrechtzuerhalten, das man mehr Kapital von den internationalen Märkten lieh, was zur einer explosionsartigen Anstieg der Auslandsschulden führte.
Die jüngst privatisierten Unternehmen feuerten die Mehrheit ihrer Arbeitnehmer im Namen der Effizienz. Und Fabriken, Bauernhöfe und andere Geschäfte schlossen überall. Begleitet wurde dies von der vom IWF geforderten Zerstörung des Sozialversicherungssystems (social safety net), um den Staatshaushalt in den Griff zu bekommen, so daß die Schulden an die ausländischen Gläubiger zurückbezahlt werden konnten. Dies hatte katastrophale soziale Auswirkungen und warf Millionen über Millionen von Menschen in die Arbeitslosigkeit - und Armut.
Ab Mitte des Jahrzehnts haben Menschen, die an den Rand gedrängt worden waren damit begonnen, ihre Angelegenheiten in ihre eigenen Hände zu nehmen. Die inzwischen berühmte Piquetero Bewegung der arbeitslosen Arbeiter starteten eine Serie von extremen Aktionen des zivilen Ungehorsams, wie z. B. die Einnahme der Hauptverkehrsstrassen, die nach Buenos Aires führen. Mit diesen Mitteln brachten sie alles zum Stillstand und zogen dadurch die Aufmerksamkeit auf ihre Not und ihre Forderungen für einen tiefgreifenden, radikalen sozialen Wandel auf sich.
Es dauerte bis zum Jahr 2001 bis es zur totalen Katastrophe kam, als es offensichtlich wurde, dass das gesamte Finanzsystem untragbar war. Das ausländisches und ein großer Teil des inländischen Kapitals - das in Besitz der argentinischen Oberschicht war - aus dem Land floh. Die Regierung frierte die Bankkonten aller Bürger ein um einen angeblichen Ansturm auf das Banksystem zu vermeiden. Dadurch raubte sie erfolgreich das Geld der Menschen, um die internationalen Finanzinstitutionen zu schützen, die Niederlassungen im Land errichtet hatten. Am 19. Dezember, als Bundeskanzler De la Rua (der im Jahr 1999 gewählt wurde um Menem zu ersetzen) den Belagerungszustand ausrief, strömten Millionen von Menschen in die Straßen, was einer spontanen Revolution gleichkam, deren wichtigste Forderung que se vayan todos war (raus, ihr alle).
Diese Zeit wurde von vielen als ein vor-revolutionärer Zustand missverstanden. Dieser Prozess stellte ein wahres soziales Versuchslabor her, das aus dem Bedürfnis der Menschen entstand eine extreme Situation zu bewältigen und eine große Fülle von Bewegungen ins Rollen brachte, von denen die Welt noch sehr viel zu lernen hat.
Die großen Tauschhandelssysteme erwiesen sich als untragbar. Fehlende Schutzmechanismen, erlaubten skrupellosen Teilnehmern die Mängel des Systems auszunutzen. Ursprünglich demokratische und partizipative Nachbarschaftsvereine, wurden von den verschiedenen politischen Parteien übernommen. Alles Beispiele für die unterschiedlichen Faktoren, die viele dieser Experimente letztendlich korrumpierten. Dennoch zeigt uns dieser Prozess auch, wie wir es in der Zukunft besser machen können. Ebenso wichtig ist vielleicht, dass viele dieser Bewegungen bis heute noch existieren und sie im Leben vieler reale und direkte Veränderung mit sich bringen. Die Bewegung der Piqueterosist hier nur ein Beispiel, die neben ihrem Fokus auf direkte Aktionen darauf bedacht ist, einfallsreiche Wege zum Überleben zu finden und Räume für das Wachstum zu schaffen.
Eine andere Bewegung, die vielleicht am meisten Aufmerksamkeit genossen hat, ist die Bewegung der Wiedergewonnenen Fabriken (Movement of Recuperated Factories). Arbeitsplätze, die unter den Vorwand der Unwirtschaftlichkeit von den Besitzern gestrichen worden waren, wurden von den Arbeitern zurückgefordert. Diese Arbeiter betreiben erfolgreich die Unternehmen und überwiegend unter Prinzipien der partizipativen Demokratie, ohne Chefs, Geschäftsführer oder Vorarbeiter.
The Take (http://www.nfb.ca/thetake/), ein Film von Avi Lewis und Naomi Klein, der ab den 22. September für zwei Wochen im Film Forum Theather von New York gezeigt wird, konzentriert sich auf eine Gruppe von Metallarbeitern aus einer dieser Fabriken, die Forja San Martin, die eine Kooperative gründen und sich auf dem schwierigen Weg machen, ihren Arbeitsplatz wieder zu gewinnen, die vor drei Jahren aus Insolvenzgründen vernichtet wurden. Ihre Aktionen entspringen der blanken extremen Not, nicht unbedingt aus einer im Vorfeld festgelegten Ideologie. Sie sind nicht von einer politischen Agenda korrumpiert, was eine gewisse Reinheit -zu dem was sie zu tun versuchen- verleiht und zu dem wie sie es zusammen angepackt haben. Ein Sachverhalt, den der Film sehr erfolgreich darlegt wird und hierin liegt vielleicht sein größter Wert: er demonstriert, dass Menschen unter den schrecklichsten Gegebenheiten imstande sind zusammenzuarbeiten, kooperativ und demokratisch, in Richtung eines gemeinsamen Zieles.
Ein großer Teil der Aufmerksamkeit wird auf Freddy und seine Familie gelegt, den Präsidenten der Kooperative, wie er sich selbst gerne bezeichnet. Freddy ist ein unfreiwilliger Krieger. Vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch, der über Argentinien hereinbrach, führte er ein gemütliches Leben und war dankbar für die materiellen Güter, die Forja ihm zur Verfügung stellte (zu einem bestimmten Zeitpunkt im Film erwähnt seine Frau, dass Forja ihr Haus baute, wobei dies nicht bedeutet, dass das Unternehmen das Haus bereitstellte, sondern dass sie dank der Arbeitsstelle dort, in der Lage waren es zu bauen). Der extreme Umstand des Arbeitsplatzverlustes und das er keine andere Arbeit finden zu können, in einem Land mit einer grassierenden Arbeitslosigkeit, zwingt ihn radikal zu werden und das gesamte System in Frage zu stellen - und ihm den Kampf anzusagen. Nach so vielen Jahren des Lebens in einem hierarchischen System, das ihn programmierte sehr individualistisch zu sein, ist Freddy gezwungen zu wachsen und er beginnt den Wert der Solidarität zu verstehen. Wie Avi Lewis sagt: In gewisser Hinsicht, stellt ein so melancholischer und innerlich zerrissener Jedermann wie Freddy keinen schlechten Führer in einer Fabrik dar er mag vielleicht genauso wenig der Macht die Stirn bieten können, aber er kann auf alle Fälle durch seine Wähler dazu gebracht werden ehrlich zu bleiben untersteht dem Willen der Mehrheit zu unterstehen. Er möchte nur arbeiten, und das ist ein beträchtlich demokratischer Impuls, da er alle anderen braucht, um dies zu erreichen.
Der Film beginnt mit den Arbeitern denen eine beachtliche Summe ausstehender Gehälter geschuldet wird, die nach Forja zurückkehren, um die Demontage und den Ausverkauf der Fabrik zu verhindern. Er begleitet sie durch den quälenden Prozeß, bei dem sie versuchen einen rechtlichen Status zu erlangen, um die Fabrik in Betrieb zu nehmen und ohne die Angst vor einer Zwangsräumung leben zu müssen. Dies ist eine Gefahr, die in vielen anderen Betrieben lauert, wo die kapitalistischen Führer mit stillschweigenden Einverständnis des Systems versuchen, die Fabriken zurückzugewinnen nachdem die Arbeiter ihre Rentabilität gezeigt haben.
Dies ist der Fall von Zanon, eine Fliesenfabrik im Süden Argentiniens und Brukman, eine Kleiderfabrik im Geschäftsviertel von Buenos Aires, die auch im Film dargestellt werden. Allesamt Firmen, die seit mehreren Jahren unter Arbeiterkontrolle stehen und unter den Prinzipien einer transparenten, horizontalen Demokratie geführt werden an der jeder partizipiert und das gleiche Gehalt bekommt.
Zanon ist so erfolgreich geworden, dass sie - in einer Wirtschaft mit einer um sich greifenden Arbeitslosigkeit angefangen hat - neue Arbeiter einzustellen. Dies geschah selbstverständlich nachdem der ehemalige Besitzer diese für zahlungsunfähig erklärte. Jemand der enorme Geldmengen an Subventionen bekommen hatte, die aus der Gemeinde herausgepresst wurden, hauptsächlich in Form von Steuern. Den Zanon Arbeitern schuldete er auch riesige Summen an ausstehenden Lohnzahlungen, als der Besitzer die Fabrik schloss.
In diesem Zusammenhang geschah es, dass die Arbeiter sich berechtigt fühlten das kapitalistische System herauszufordern und ihre Arbeitsplätzen enteigneten. Der Slogan der Bewegung lautet besetze, leiste Widerstand, produziere, und den Zanon Arbeiter wird durch eine sehr starke Unterstützung von der Gemeinde, die sie umgibt in ihr Streben geholfen. Sie hat ihnen geholfen, in dem sie zu Tausenden erscheinen, wann immer sie gegen eine Zwangsräumung mit körperlichen Einsatz kämpfen (der Film zeigt die Arbeiter wie sie den Umgang mit einer Steinschleuder trainieren, um die Polizei zurückzudrängen, eine perfekte Analogie zu David und Goliath).
Obwohl die Bewegung relativ klein ist (es gibt ungefähr 200 besetzte Fabriken, die 15,000 Arbeiter beschäftigen. Ein Tropfen auf den heißen Stein, in einem Land mit über zwei Millionen Arbeitslosen und somit keine unmittelbare Lösung für dieses großes Problem) liegt ihre Hoffnung in ihren implizit revolutionären Botschaften: Erstens, dass im Gegensatz zu dem was das kapitalistische und andere hierarchische Systeme den Menschen glauben lassen wollen, Arbeitsplätze ohne Profitanreiz funktionieren können und in den meisten Fällen durchaus besser und effizienter ohne Geschäftsführer, Chefs oder Vorarbeiter; zweitens, die Menschen fordern die grundlegendsten Dogmen, die das System stützen, heraus das angenommene absolute Recht auf Privateigentum, auf den ein Richter im Film anspielt der sagt, dass das Verteidigen dieses Rechts seine allererste Verantwortung sei; und drittens, die Bewegung, die zusammen mit anderen Gruppen zusammenarbeitet (einschließlich der Piqueteros), hilft den Menschen lang und breit der Tatsache ins Auge zu sehen, dass all unsere Schicksale stark ineinander verflochten sind.
Zu einen bestimmten Zeitpunkt im Film nehmen Freddy und einige seiner Mitarbeitern an einem Treffen teil mit anderen besetzten Unternehmen. Hier wird die Möglichkeit geäußert, dass sie Geschichte schreiben und allmählich verstehen, dass ihre Aktionen über den Beschaffungsbedarf von Lebensmittel für ihre Familie hinausgegangen sind und sich zu einem wachsenden Kampfgeist entwickeln, der große Resonanz in der Zukunft haben kann.
Es ist interessant daran zu erinnern, dass obwohl das was sie tun, zu einem erheblichen Maße revolutionär ist, sie keine andere Möglichkeit haben als innerhalb der Zwänge des größeren Systems zu operieren, das zutiefst gegen deren Erfolg arbeitet. Nach der Rebellion von 2001 gewährte die Regierung den Arbeitern beispielsweise die vorübergehende Erlaubnis die besetzten Fabriken zu betreiben. Die Mehrheit dieser Vereinbarungen hatten jedoch nur eine zweijährige Laufzeit und viele von ihnen kämpfen heute erneut gegen einer drohenden Zwangsräumung. (siehe ZNet, http://www.zmag.org/content/showarticle.cfm?SectionID=42&ItemID=6250)
The Take macht den Versuch den geschichtlichen Kontext aufzuzeigen, der das alles zu Stande gebracht hat. Ein sehr schwieriges Unterfangen, da die Geschichte sehr lang und verzwickt ist. Die einzige eklatante Schwachstelle des Films ist meines Erachtens, wie er die ca. 40 Jahre Historie schönfärbt, zwischen der ersten Peron Regierung bis Carlos Menem und später die stürmischen Wahlen, die dem Aufstand von 2001 folgten. Im Laufe dieses Prozesses, vielleicht als Ergebnis der zeitlichen Zwänge, erwähnt der Film kaum die brutalen militärischen Diktaturen, die das Land ab Mitte der 50er bis Anfang der 70er erleidete, gefolgt von der Wiederkehr von Peron und danach das unglaublich mörderische Militärregime, das den schmutzigen Krieg führte in dem 30,000 Menschen verschwanden. Peron selbst ist weit weg von dem Sozialdemokraten, auf den im Film angespielt wird er begann seine Karriere als militärischer Oberst, einer der vielen Militärs, die zum Großteil Nazisympathisanten waren und die in der Tat zuerst Zuflucht in Stroessner's Paraguay suchten und später in Franco's Spanien nachdem sie ihres Amtes im Jahr 1955 enthoben wurden. Auch wenn seine Anstrengungen, die Arbeiterklasse zu organisieren, maßgeblich waren, um ein Gefühl der Selbstachtung einzuflößen und seine Regierung einige Reformen durchführte, die das Sozialversicherungsnetz gewährleisteten, das das Entstehen des berühmten argentinischen Mittelstands ermöglichte; agierte er paternalistisch und letztendlich den größeren Interessen genau derselben Arbeiterklasse nicht hilfreich, in dem er sehr korrupte Gewerkschaften organisierte, die letztlich im Dienste der Gewerkschaftsführer standen. Sein Spitzname war Der Macho - ein Stempel, der sogar von sehr engagierten Linken mit Bewunderung benutzt wurde ohne sich der Ironie im Klaren zu sein. All dies ist von Bedeutung, da es helfen würde zu erklären, wie die angebliche Peronistische Arbeiterpartei Richtungen aus beiden Polen des Spektrums umfasst, einschließlich jemanden wie Menem, mit dem Ergebnis, dass die Menschen langsam zu der Einsicht kommen, dass es sich nicht lohnt sich für die übliche Politik (im Original: politics as usual) zu engagieren und auch die Torheit erkennen, die darin steckt, an eine sogenannte auf Wahlen gestützte repräsentative Demokratie zu glauben, die weder repräsentativ noch demokratisch ist.
Letzten Endes, erreicht The Take sein wahrscheinlich wichtigstes Ziel: er bringt uns eine menschliche Betrachtungsweise des Kampfes der argentinischen Bevölkerung bei dem Bestreben eine anständige Gesellschaft zu schaffen nahe. Ihre Würde und Fähigkeit zur Solidarität wird wieder und wieder auf vielfältige Art und Weise gezeigt. Gegen Ende des Filmes, beschreibt eine Frau wie die Brukman Frauen, die selbst sehr arm sind, versuchen ihrer Schwester finanziell zu helfen, die sich einer Chemotherapie unterzieht und die früher in der Fabrik arbeitete. Sie beschreibt, wie die ehemaligen Arbeitgeber ein Teil ihres Gehalts abzogen, wenn sie zur Behandlung gehen musste. Diese Szene ist gefolgt von einer anderen, in der Arbeiter, in der Mehrheit Damenschneider mittleren Alters oder älter, gegen einen Zwangsräumungsbefehl zu kämpfen versuchen und von der Polizei brutal unterdrückt werden.
Diese Nebeneinanderstellung dient tatsächlich als eine große Metapher für den Rest der Botschaft des Filmes
Daniel Morduchowicz ist 1959 in Argentinien geboren und lebt seit 24 Jahren in den USA. Er arbeitet zurzeit als Mitglied des Z Kollektivs in Woods Hole, MA.
Durch die Kopplung des Peso an den Dollar, gelang es Domingo Cavallo, der in Harvard ausgebildete Wirtschaftsminister, die ausser Kontrolle geratene Inflation zu stoppen und ein gewisses Maß an Stabilität zu erreichen. Durch das Stoppen der Inflation wurde es möglich ein Kreditsystem in einem Land einzuführen, dass vorher hauptsächlich als eine chaotische Bargeld-Wirtschaft funktionierte, wo es üblich war mit fliegenden Schecks (Im Original flying checks) bezahlt zu werden (ein sehr schwieriges ad hoc System, bei dem die Menschen, die den Scheck einlösten im Endeffekt keine Ahnung hatten woher dieser kam). Als alle mit einem Mal in der Lage waren auf Kredit zu kaufen, gerieten sie in einen Rausch und trugen dadurch zum unglaublichen Wachstum des Bruttoinlandsprodukts bei, das als Beweis für die erfolgreiche Politik propagiert wurde, auf die von Seiten des IWF und anderen internationalen Kreditinstituten gedrängt wurde und die von der Menem Regierung mit religiösem Eifer befolgt wurde.
Aber das Wunder war wie ein Kartenhaus, das dazu bestimmt ist zu kollabieren und als es geschah, war es verheerend.
Versteckt hinter diesen Blendwerk war die Tatsache, dass sich das Wunder ausschliesslich auf eine finanzielle Spekulation gründete und kein bißchen auf einer produktiven Leistung der Wirtschaft basierte - tatsächlich war es genau das Gegenteil, denn die Gleichwertigkeit zwischen dem Peso und dem Dollar ließ alle argentinischen Güter unerschwinglich werden, zerstörte ihre Exportkapazität und hatte letztendlich eine vernichtende Auswirkung auf die industrielle Basis des Landes. Die Kopplung war nur dadurch aufrechtzuerhalten, das man mehr Kapital von den internationalen Märkten lieh, was zur einer explosionsartigen Anstieg der Auslandsschulden führte.
Die jüngst privatisierten Unternehmen feuerten die Mehrheit ihrer Arbeitnehmer im Namen der Effizienz. Und Fabriken, Bauernhöfe und andere Geschäfte schlossen überall. Begleitet wurde dies von der vom IWF geforderten Zerstörung des Sozialversicherungssystems (social safety net), um den Staatshaushalt in den Griff zu bekommen, so daß die Schulden an die ausländischen Gläubiger zurückbezahlt werden konnten. Dies hatte katastrophale soziale Auswirkungen und warf Millionen über Millionen von Menschen in die Arbeitslosigkeit - und Armut.
Ab Mitte des Jahrzehnts haben Menschen, die an den Rand gedrängt worden waren damit begonnen, ihre Angelegenheiten in ihre eigenen Hände zu nehmen. Die inzwischen berühmte Piquetero Bewegung der arbeitslosen Arbeiter starteten eine Serie von extremen Aktionen des zivilen Ungehorsams, wie z. B. die Einnahme der Hauptverkehrsstrassen, die nach Buenos Aires führen. Mit diesen Mitteln brachten sie alles zum Stillstand und zogen dadurch die Aufmerksamkeit auf ihre Not und ihre Forderungen für einen tiefgreifenden, radikalen sozialen Wandel auf sich.
Es dauerte bis zum Jahr 2001 bis es zur totalen Katastrophe kam, als es offensichtlich wurde, dass das gesamte Finanzsystem untragbar war. Das ausländisches und ein großer Teil des inländischen Kapitals - das in Besitz der argentinischen Oberschicht war - aus dem Land floh. Die Regierung frierte die Bankkonten aller Bürger ein um einen angeblichen Ansturm auf das Banksystem zu vermeiden. Dadurch raubte sie erfolgreich das Geld der Menschen, um die internationalen Finanzinstitutionen zu schützen, die Niederlassungen im Land errichtet hatten. Am 19. Dezember, als Bundeskanzler De la Rua (der im Jahr 1999 gewählt wurde um Menem zu ersetzen) den Belagerungszustand ausrief, strömten Millionen von Menschen in die Straßen, was einer spontanen Revolution gleichkam, deren wichtigste Forderung que se vayan todos war (raus, ihr alle).
Diese Zeit wurde von vielen als ein vor-revolutionärer Zustand missverstanden. Dieser Prozess stellte ein wahres soziales Versuchslabor her, das aus dem Bedürfnis der Menschen entstand eine extreme Situation zu bewältigen und eine große Fülle von Bewegungen ins Rollen brachte, von denen die Welt noch sehr viel zu lernen hat.
Die großen Tauschhandelssysteme erwiesen sich als untragbar. Fehlende Schutzmechanismen, erlaubten skrupellosen Teilnehmern die Mängel des Systems auszunutzen. Ursprünglich demokratische und partizipative Nachbarschaftsvereine, wurden von den verschiedenen politischen Parteien übernommen. Alles Beispiele für die unterschiedlichen Faktoren, die viele dieser Experimente letztendlich korrumpierten. Dennoch zeigt uns dieser Prozess auch, wie wir es in der Zukunft besser machen können. Ebenso wichtig ist vielleicht, dass viele dieser Bewegungen bis heute noch existieren und sie im Leben vieler reale und direkte Veränderung mit sich bringen. Die Bewegung der Piqueterosist hier nur ein Beispiel, die neben ihrem Fokus auf direkte Aktionen darauf bedacht ist, einfallsreiche Wege zum Überleben zu finden und Räume für das Wachstum zu schaffen.
Eine andere Bewegung, die vielleicht am meisten Aufmerksamkeit genossen hat, ist die Bewegung der Wiedergewonnenen Fabriken (Movement of Recuperated Factories). Arbeitsplätze, die unter den Vorwand der Unwirtschaftlichkeit von den Besitzern gestrichen worden waren, wurden von den Arbeitern zurückgefordert. Diese Arbeiter betreiben erfolgreich die Unternehmen und überwiegend unter Prinzipien der partizipativen Demokratie, ohne Chefs, Geschäftsführer oder Vorarbeiter.
The Take (http://www.nfb.ca/thetake/), ein Film von Avi Lewis und Naomi Klein, der ab den 22. September für zwei Wochen im Film Forum Theather von New York gezeigt wird, konzentriert sich auf eine Gruppe von Metallarbeitern aus einer dieser Fabriken, die Forja San Martin, die eine Kooperative gründen und sich auf dem schwierigen Weg machen, ihren Arbeitsplatz wieder zu gewinnen, die vor drei Jahren aus Insolvenzgründen vernichtet wurden. Ihre Aktionen entspringen der blanken extremen Not, nicht unbedingt aus einer im Vorfeld festgelegten Ideologie. Sie sind nicht von einer politischen Agenda korrumpiert, was eine gewisse Reinheit -zu dem was sie zu tun versuchen- verleiht und zu dem wie sie es zusammen angepackt haben. Ein Sachverhalt, den der Film sehr erfolgreich darlegt wird und hierin liegt vielleicht sein größter Wert: er demonstriert, dass Menschen unter den schrecklichsten Gegebenheiten imstande sind zusammenzuarbeiten, kooperativ und demokratisch, in Richtung eines gemeinsamen Zieles.
Ein großer Teil der Aufmerksamkeit wird auf Freddy und seine Familie gelegt, den Präsidenten der Kooperative, wie er sich selbst gerne bezeichnet. Freddy ist ein unfreiwilliger Krieger. Vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch, der über Argentinien hereinbrach, führte er ein gemütliches Leben und war dankbar für die materiellen Güter, die Forja ihm zur Verfügung stellte (zu einem bestimmten Zeitpunkt im Film erwähnt seine Frau, dass Forja ihr Haus baute, wobei dies nicht bedeutet, dass das Unternehmen das Haus bereitstellte, sondern dass sie dank der Arbeitsstelle dort, in der Lage waren es zu bauen). Der extreme Umstand des Arbeitsplatzverlustes und das er keine andere Arbeit finden zu können, in einem Land mit einer grassierenden Arbeitslosigkeit, zwingt ihn radikal zu werden und das gesamte System in Frage zu stellen - und ihm den Kampf anzusagen. Nach so vielen Jahren des Lebens in einem hierarchischen System, das ihn programmierte sehr individualistisch zu sein, ist Freddy gezwungen zu wachsen und er beginnt den Wert der Solidarität zu verstehen. Wie Avi Lewis sagt: In gewisser Hinsicht, stellt ein so melancholischer und innerlich zerrissener Jedermann wie Freddy keinen schlechten Führer in einer Fabrik dar er mag vielleicht genauso wenig der Macht die Stirn bieten können, aber er kann auf alle Fälle durch seine Wähler dazu gebracht werden ehrlich zu bleiben untersteht dem Willen der Mehrheit zu unterstehen. Er möchte nur arbeiten, und das ist ein beträchtlich demokratischer Impuls, da er alle anderen braucht, um dies zu erreichen.
Der Film beginnt mit den Arbeitern denen eine beachtliche Summe ausstehender Gehälter geschuldet wird, die nach Forja zurückkehren, um die Demontage und den Ausverkauf der Fabrik zu verhindern. Er begleitet sie durch den quälenden Prozeß, bei dem sie versuchen einen rechtlichen Status zu erlangen, um die Fabrik in Betrieb zu nehmen und ohne die Angst vor einer Zwangsräumung leben zu müssen. Dies ist eine Gefahr, die in vielen anderen Betrieben lauert, wo die kapitalistischen Führer mit stillschweigenden Einverständnis des Systems versuchen, die Fabriken zurückzugewinnen nachdem die Arbeiter ihre Rentabilität gezeigt haben.
Dies ist der Fall von Zanon, eine Fliesenfabrik im Süden Argentiniens und Brukman, eine Kleiderfabrik im Geschäftsviertel von Buenos Aires, die auch im Film dargestellt werden. Allesamt Firmen, die seit mehreren Jahren unter Arbeiterkontrolle stehen und unter den Prinzipien einer transparenten, horizontalen Demokratie geführt werden an der jeder partizipiert und das gleiche Gehalt bekommt.
Zanon ist so erfolgreich geworden, dass sie - in einer Wirtschaft mit einer um sich greifenden Arbeitslosigkeit angefangen hat - neue Arbeiter einzustellen. Dies geschah selbstverständlich nachdem der ehemalige Besitzer diese für zahlungsunfähig erklärte. Jemand der enorme Geldmengen an Subventionen bekommen hatte, die aus der Gemeinde herausgepresst wurden, hauptsächlich in Form von Steuern. Den Zanon Arbeitern schuldete er auch riesige Summen an ausstehenden Lohnzahlungen, als der Besitzer die Fabrik schloss.
In diesem Zusammenhang geschah es, dass die Arbeiter sich berechtigt fühlten das kapitalistische System herauszufordern und ihre Arbeitsplätzen enteigneten. Der Slogan der Bewegung lautet besetze, leiste Widerstand, produziere, und den Zanon Arbeiter wird durch eine sehr starke Unterstützung von der Gemeinde, die sie umgibt in ihr Streben geholfen. Sie hat ihnen geholfen, in dem sie zu Tausenden erscheinen, wann immer sie gegen eine Zwangsräumung mit körperlichen Einsatz kämpfen (der Film zeigt die Arbeiter wie sie den Umgang mit einer Steinschleuder trainieren, um die Polizei zurückzudrängen, eine perfekte Analogie zu David und Goliath).
Obwohl die Bewegung relativ klein ist (es gibt ungefähr 200 besetzte Fabriken, die 15,000 Arbeiter beschäftigen. Ein Tropfen auf den heißen Stein, in einem Land mit über zwei Millionen Arbeitslosen und somit keine unmittelbare Lösung für dieses großes Problem) liegt ihre Hoffnung in ihren implizit revolutionären Botschaften: Erstens, dass im Gegensatz zu dem was das kapitalistische und andere hierarchische Systeme den Menschen glauben lassen wollen, Arbeitsplätze ohne Profitanreiz funktionieren können und in den meisten Fällen durchaus besser und effizienter ohne Geschäftsführer, Chefs oder Vorarbeiter; zweitens, die Menschen fordern die grundlegendsten Dogmen, die das System stützen, heraus das angenommene absolute Recht auf Privateigentum, auf den ein Richter im Film anspielt der sagt, dass das Verteidigen dieses Rechts seine allererste Verantwortung sei; und drittens, die Bewegung, die zusammen mit anderen Gruppen zusammenarbeitet (einschließlich der Piqueteros), hilft den Menschen lang und breit der Tatsache ins Auge zu sehen, dass all unsere Schicksale stark ineinander verflochten sind.
Zu einen bestimmten Zeitpunkt im Film nehmen Freddy und einige seiner Mitarbeitern an einem Treffen teil mit anderen besetzten Unternehmen. Hier wird die Möglichkeit geäußert, dass sie Geschichte schreiben und allmählich verstehen, dass ihre Aktionen über den Beschaffungsbedarf von Lebensmittel für ihre Familie hinausgegangen sind und sich zu einem wachsenden Kampfgeist entwickeln, der große Resonanz in der Zukunft haben kann.
Es ist interessant daran zu erinnern, dass obwohl das was sie tun, zu einem erheblichen Maße revolutionär ist, sie keine andere Möglichkeit haben als innerhalb der Zwänge des größeren Systems zu operieren, das zutiefst gegen deren Erfolg arbeitet. Nach der Rebellion von 2001 gewährte die Regierung den Arbeitern beispielsweise die vorübergehende Erlaubnis die besetzten Fabriken zu betreiben. Die Mehrheit dieser Vereinbarungen hatten jedoch nur eine zweijährige Laufzeit und viele von ihnen kämpfen heute erneut gegen einer drohenden Zwangsräumung. (siehe ZNet, http://www.zmag.org/content/showarticle.cfm?SectionID=42&ItemID=6250)
The Take macht den Versuch den geschichtlichen Kontext aufzuzeigen, der das alles zu Stande gebracht hat. Ein sehr schwieriges Unterfangen, da die Geschichte sehr lang und verzwickt ist. Die einzige eklatante Schwachstelle des Films ist meines Erachtens, wie er die ca. 40 Jahre Historie schönfärbt, zwischen der ersten Peron Regierung bis Carlos Menem und später die stürmischen Wahlen, die dem Aufstand von 2001 folgten. Im Laufe dieses Prozesses, vielleicht als Ergebnis der zeitlichen Zwänge, erwähnt der Film kaum die brutalen militärischen Diktaturen, die das Land ab Mitte der 50er bis Anfang der 70er erleidete, gefolgt von der Wiederkehr von Peron und danach das unglaublich mörderische Militärregime, das den schmutzigen Krieg führte in dem 30,000 Menschen verschwanden. Peron selbst ist weit weg von dem Sozialdemokraten, auf den im Film angespielt wird er begann seine Karriere als militärischer Oberst, einer der vielen Militärs, die zum Großteil Nazisympathisanten waren und die in der Tat zuerst Zuflucht in Stroessner's Paraguay suchten und später in Franco's Spanien nachdem sie ihres Amtes im Jahr 1955 enthoben wurden. Auch wenn seine Anstrengungen, die Arbeiterklasse zu organisieren, maßgeblich waren, um ein Gefühl der Selbstachtung einzuflößen und seine Regierung einige Reformen durchführte, die das Sozialversicherungsnetz gewährleisteten, das das Entstehen des berühmten argentinischen Mittelstands ermöglichte; agierte er paternalistisch und letztendlich den größeren Interessen genau derselben Arbeiterklasse nicht hilfreich, in dem er sehr korrupte Gewerkschaften organisierte, die letztlich im Dienste der Gewerkschaftsführer standen. Sein Spitzname war Der Macho - ein Stempel, der sogar von sehr engagierten Linken mit Bewunderung benutzt wurde ohne sich der Ironie im Klaren zu sein. All dies ist von Bedeutung, da es helfen würde zu erklären, wie die angebliche Peronistische Arbeiterpartei Richtungen aus beiden Polen des Spektrums umfasst, einschließlich jemanden wie Menem, mit dem Ergebnis, dass die Menschen langsam zu der Einsicht kommen, dass es sich nicht lohnt sich für die übliche Politik (im Original: politics as usual) zu engagieren und auch die Torheit erkennen, die darin steckt, an eine sogenannte auf Wahlen gestützte repräsentative Demokratie zu glauben, die weder repräsentativ noch demokratisch ist.
Letzten Endes, erreicht The Take sein wahrscheinlich wichtigstes Ziel: er bringt uns eine menschliche Betrachtungsweise des Kampfes der argentinischen Bevölkerung bei dem Bestreben eine anständige Gesellschaft zu schaffen nahe. Ihre Würde und Fähigkeit zur Solidarität wird wieder und wieder auf vielfältige Art und Weise gezeigt. Gegen Ende des Filmes, beschreibt eine Frau wie die Brukman Frauen, die selbst sehr arm sind, versuchen ihrer Schwester finanziell zu helfen, die sich einer Chemotherapie unterzieht und die früher in der Fabrik arbeitete. Sie beschreibt, wie die ehemaligen Arbeitgeber ein Teil ihres Gehalts abzogen, wenn sie zur Behandlung gehen musste. Diese Szene ist gefolgt von einer anderen, in der Arbeiter, in der Mehrheit Damenschneider mittleren Alters oder älter, gegen einen Zwangsräumungsbefehl zu kämpfen versuchen und von der Polizei brutal unterdrückt werden.
Diese Nebeneinanderstellung dient tatsächlich als eine große Metapher für den Rest der Botschaft des Filmes
Daniel Morduchowicz ist 1959 in Argentinien geboren und lebt seit 24 Jahren in den USA. Er arbeitet zurzeit als Mitglied des Z Kollektivs in Woods Hole, MA.
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Übersetzt von:
Leonardo Torres
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