The Week Online Interview
von Noam Chomsky
21.02.2002 — ZNet Kommentar
WOL: Während des Superbowls am Sonntag wurde eine Serie von Werbespots gesendet, die versuchte eine Verbindung zwischen dem Mißbrauch von Drogen und dem "Krieg gegen den Terror" herzustellen. In dem Spot hieß es, wenn Sie Drogen konsumieren, unterstützen sie den Terrorismus. Was sagen sie dazu?
Noam Chomsky: Terrorismus wird und wurde auf die gleiche Art benutzt in dem der Kommunismus benutzt wurde. Wenn Sie irgendetwas auf die Tagesordnung drücken wollen, spielen Sie die Terrorismuskarte. Wenn Sie mir daraufhin nicht folgen, unterstützen sie den Terrorismus. Das ist vollkommen infantil, besonders wenn man den Hintergrund berücksichtigt, dass in der Geschichte des Drogenhandels die Spuren meist direkt zu der CIA und anderen Interventionsprogrammen der USA führen.
Geht man zum Ende des zweiten Weltkrieges zurück, dann sieht man -- und das ist unstrittig, und gut dokumentiert -- das die USA sich mit der französischen Mafia verbündet, aus der die French Connection hervorging, die das Heroingewerbe in den 60er Jahren dominierte. Das gleiche Vorgehen fand mit Opium in dem Goldenen Dreieck während des Vietnam-Krieges und wieder in Afghanistan während des Krieges gegen die Russen statt.
WOL: Der Kokainhandel ist einer der Gründe die angegeben werden um das Eingreifen der USA in Kolumbiens Bürgerkrieg zu rechtfertigen. In welchem Ausmaß sind die Drogen ein Vorwand? Und ein Vorwand wofür?
Chomsky: Kolumbien hat den schlechtesten Menschenrechtsreport den man in der Halbkugel im letzten Jahrzehnt aufgezeichnet hat, während es gleichzeitig der führende Empfänger von US Waffen und Training in der Westliche Hemisphäre ist und weltweit nur noch hinter Israel und Ägypten steht.
Es gibt einen engen Bezug der über eine lange Zeit zwischen Menschenrechtsverstößen und US Militärhilfe und Ausbildung besteht. Es ist nicht, das die US Bevölkerung gerne Leute foltert; es ist nur, dass es ihnen eigentlich egal ist. Für die US Regierung, sind die Menschenrechtsverstöße eine sekundäre Konsequenz.
In Kolumbien neigen Menschenrechtsverstöße, so wie überall, dazu, größer zu werden wenn der Staat versucht gewaltsam Opposition gegen Ungleichheit, Unterdrückung, Korruption, und anderen Staatsverbrechen zu unterdrücken, für die es keine politische Bühne gibt. Der Staat wendet sich dem Terror zu -- das ist was in Kolumbien seit einer langen Zeit geschehen ist, lange bevor es einen kolumbianischen Drogenhandel gab.
Aufstandsbekämpfung gibt es dort seit 40 Jahren; Präsident Kennedy sandte in den frühen 60ern Spezialkräfte nach Kolumbien. Ihr Vorschlag den sie der kolumbianischen Regierung gemacht haben wurde kürzlich freigegeben. Es erforderte "paramilitärischen Terror" -- das sind ihre Worte -- gegen, was sie "bekannte kommunistische Unterstützer" nannten. In Kolumbien bedeutet das Arbeitsführer, Priester, Menschenrechtsaktivisten, und so weiter. Kolumbianische Militärhandbücher begannen in den 60ern, diesen Rat widerzuspiegeln. In den letzten 15 Jahren, in denen die USA tiefer involviert wurde, sind die Menschenrechtsverstöße beträchtlich gestiegen.
Nehmen wir an, dass der Drogenvorwand berechtigt war. Nehmen Sie an das die Vereinigten Staaten wirklich versuchen Kolumbien von den Drogen zu befreien. Hat Kolumbien dann das Recht, Tabakfarmen in Kentucky auszuräuchern? Diese erzeugen eine tödliche Substanz, weit gefährlicher als Kokain. Es sterben mehr Kolumbianer an tabakbezogenen Krankheiten, als Amerikaner an Kokain sterben. Und natürlich hat Kolumbien kein Recht so etwas zu tun.
WOL: Im Inland haben staatliche, lokale, und Bundes-Regierungen Milliarden von Dollars für den "Krieg gegen Drogen" ausgegeben, aber bisher bleiben verbotene Drogen so vorhanden, rein und billig wie immer. Wenn diese Richtlinien ihre anvisierten Ziel nicht erreichen, wie schafft man es dann? Gibt es irgend etwas auf der Tagesordnung mit dem man etwas bewegen könnte?
Chomsky: Sie haben die ganze Zeit gewußt dass es nicht funktionieren wird, sie haben den Beweis dafür in ihrer eigenen Forschungsstudie. Diese zeigt, dass wenn man sich mit Drogenmißbrauch befasset, Kriminalisierung die schlechteste Methode ist. Der RAND- Bericht hat eine Rentabilitätsanalyse von verschiedenen Drogenbekämpfungsstrategien durchgeführt und fand heraus, dass das wirksamste Mittel Prävention und Behandlung ist.
Polizeiaktion kamen erst nach Prävention, nach den Polizeiaktionen kam Verbot, und am Ende bezogen auf die Rentabilität extraterritoriale Anstrengungen, so wie das was die Vereinigten Staaten in Kolumbien tun. Im Vergleich dazu hatte Präsident Nixon eine signifikante Komponente für Prävention und Behandlung, die effektiv war.
US Drogenrichtlinien zeichen ihre Ziele nicht aus, und den Politikern ist das sehr bewußt. Wenn es nicht um die Reduzierung des Drogenmißbrauchs geht, worum geht es dann? Es ist völlig klar, sowohl die gegenwärtigen Aktionen als auch die historischen Aufzeichnung zeigen, dass Drogen dazu neigen, kriminalisiert zu werden, wenn sie sich mit den sogenannten gefährlichen Klassen verbinden, daß die Kriminalisierung von gewissen Drogen ein Verfahren zur gesellschaftlichen Kontrolle ist.
Die US Innenpolitik der letzten 20 Jahre ist die Version der Reichen von struktureller Anpassung. Sie schaffen eine überflüssige Bevölkerungsschicht, die im Zusammenhang mit den USA hauptsächlich arm, schwarz, und lateinamerikanisch ist, sowie eine noch breitere ökonomisch unzufriedene Bevölkerungsschicht.
Man liest all diese Schlagzeilen über die großartige Wirtschaft, aber die Fakten sehen anders aus. Für die überwältigende Mehrheit hat diese neoliberale Politik eine negative Wirkung gehabt. Hinsichtlich der Löhne haben wir nur jetzt die Lohnstufen von vor 30 Jahren wiedergewonnen. Einkommen kann nur gehalten werden durch längere und härtere Arbeit, oder dadurch das beide Erwachsenen in einer Familie arbeiten. Sogar die Wachstumsraten der Wirtschaft sind nicht so hoch gewesen, das Wachstum dort ist ist sehr konzentriert in gewissen Sektoren gewesen.
Wenn die meisten Leute unzufrieden gemacht werden und andere nutzlos sind, wollen sich die Unzufriedenen von den Nutzlosen befreien. Der Drogenkrieg tut genau das. Die US Wiederholungstäterrate ist dramatisch gestiegen, hauptsächlich wegen Opferloser Verbrechen, wie Drogenvergehen welche enorm hart betraft werden. Der Drogenkrieg befreit nicht nur von der überflüssigen Bevölkerung, sondern er versetzt alle anderen in Angst.
Drogen spielen eine ähnliche Rolle wie Kommunismus oder Terrorismus, Menschen kuscheln sich zum Schutz vor einer Bedrohung unter dem Regenschirm der Autorität zusammen. Es ist schwer zu glauben, daß diese Konsequenzen nicht verstanden werden. Sie sind für jeden sichtbar. Als die gegenwärtige Ära des Drogenkrieges begann, berücksichtigte Senator Moynihan Sozialwissenschaftliche Studien und er sagte, dass wir wenn wir dieses Gesetz verabschieden, wir damit beschließen, eine Verbrechenswelle unter Minderheiten zu schaffen.
In den gebildeten Schichten ging der Drogenmißbrauch in den 90ern zurück, ob wir über Kokain, Zigaretten oder über das Essen von Rind- und Schweinefleisch reden. Dies war ein Zeitraum, in der kulturelle und pädagogische Änderungen stattfanden die die gebildeteren Schichten veranlaßte den Konsum von allerlei schädlichen Substanzen zu reduzieren.
Für die ärmeren Schichten blieb der Drogenmißbrauch dagegen relativ stabil. Sieht man sich die Statistiken an, sieht man was geschehen wird, es ist offensichtlich. Der Mißbrauch wird sich in die ärmeren Schichten verlagern. Einige Historiker haben einmal prognostiziert daß Tabak kriminalisiert werden würde, weil man es mit ärmeren und weniger gebildeten Menschen assoziiert.
Wenn Sie zu McDonalds gehen, sehen Sie Kinder die Zigaretten rauchen, aber ich habe lange Zeit keinen Magisterstudenten mehr gesehen, der Zigaretten rauchte. Wir beginnen jetzt die Konsequenzen des Rauchens zu sehen und natürlich hat die Industrie dies für Jahre kommen gesehen. Phillip Morris und die anderen haben damit begonnen ihre Geschäfte zu verteilen und, Operationen in das Ausland zu verlagern.
WOL: Viele der glühensten Befürworter einer Drogenreform bezeichnen sich selbst als Libertäre [ Libertarians ]. Als Anarchist -- ich nehme an, es ist angemessen sie so zu bezeichnen -- wie ist ihre Einstellung dazu?
Chomsky: Der Begriff Liberaler [ libertarian ], so wie er in den USA benutzt wird ist etwas vollkommen anderes als das, was es historisch und noch immer im Rest der Welt bedeutete. Geschichtlich ist die Liberalistische Bewegung [ libertarian movement ]der undogmatische Flügel der sozialistischen Bewegung gewesen. Sozialistischer Anarchismus war libertärer Sozialismus [ libertarian socialism ].
In den USA, in denen die Gesellschaft viel mehr von der Wirtschaft dominiert wird, hat der Begriff eine völlig andere Bedeutung. Es bedeutet staatliche Kontrolle zu beseitigen oder hauptsächlich über die Kontrolle der privaten Tyranneien. Liberale [ libertarians ] in den USA sagen nicht, befreien wir uns von den Unternehmen. Es ist eine Art von ultra rechter Einstellung [ultra-rightism].
Ich habe bereits offen gesagt, dass ich mit ihnen [ liberalen ] bei vielen Dingen übereinstimme. Im Fall der Drogen neigen sie dazu, die Einmischung des Staates in den Drogenkrieg zu bekämpfen, den sie richtig als eine Form von Nötigung und Entzug der Freiheit betrachten. Sie werden überrascht sein wenn sie hören, dass ich vor einigen Jahren, bevor es irgendwelche unabhängige linken Zeitungen gab, ich hauptsächlich für das Cato Institute- Journal geschrieben habe.
WOL: Was sollte bezüglich Drogenmißbrauch und Drogenhandel getan werden?
Chomsky: Ich stimme mit RAND überein. Es ist ein Problem. Kokain ist nicht gut für Menschen. Wenn Sie sich mit Drogenmißbrauch befassen wollen, sollte der Ansatzpunkt Erziehung, Verhinderung, Rehabilitation und so weiter sein. Das ist was wir erfolgreich mit anderen Drogen gemacht haben. Wir mußten Tabak nicht verbieten, um eine Veringerung des Konsums zu erreichen; das ist das Ergebnis von kulturellen und pädagogischen Änderungen.
Man muß immer vorsichtig sein, wenn man gesellschaftliche Richtlinien empfiehlt, weil wir nicht wissen können, was geschehen wird. Aber wir sollten Schritte gegen die Kriminalisierung erforschen. Lassen sie uns ernsthafte Anstrengungen unternehmen und dann werden wir sehen, was passiert. Ein offensichtlicher Ansatzpunkt dafür ist Marijuana. Die Entkriminalisierung von Marijuana wäre eine sehr vernünftige Sache. Und wir müssen damit beginnen von der Kriminalisierung zur Prävention überzugehen. Prävention und Behandlung sind wie wir harte Drogen wie Kokain und Heroin angehen sollten.
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