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Thema Wirtschaftsgerechtigkeit

ZNet interviewt Robin Hahnel zu dessen neuem Buch

von Robin Hahnel

06.04.2005 — ZNet

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Seit mehr als 20 Jahren lehrt Robin Hahnel Politikwirtschaft (political economy) an der American University. Gemeinsam mit Michael Albert von ZNet verfasste er 1991 „The Political Economy of Participatory Economics“.

ZNet: Worum geht es in ihrem neuesten Buch, „Economic Justice and Democracy: From Competition to Cooperation“ (Routledge 2005)? Was will es uns sagen?

Hahnel: In „Economic Justice and Democracy“ geht es darum, dass wir Progressiven uns am besten wieder an den Konzeptionstisch setzen sollten. Was ist wirtschaftliche Gerechtigkeit überhaupt, was ist Wirtschaftsdemokratie? Wie können wir für beides kämpfen? Im ersten Teil (Part 1) meines Buches argumentiere ich, Wirtschaftsgerechtigkeit, das sei, wenn man im Verhältnis zu seiner Anstrengung, bzw. zu den erbrachten Opfern, belohnt wird. Wirtschaftsdemokratie sei Entscheidungsmacht proportional zum Grad der eigenen Betroffenheit (von der Entscheidung). In diesem ersten Teil nehme ich verschiedene konkurrierende Konzepte für Wirtschaftsgerechtigkeit genauer unter die Lupe - z.B. das Konzept von Robert Nozick oder das von John Rawls - und setze mich mit unterschiedlichen Vorstellungen von Wirtschaftsdemokratie auseinander, siehe Amartya Sen. Im letzten Kapitel dieses Teils meines Buches setze ich mich zudem mit einer Reihe Mythen auseinander, mit denen sich die Linke im 20. Jahrhundert herumschlug. Wird Zeit, einen Schritt vorwärts zu machen.

Im zweiten Teil (Part 2) übe ich Systemkritik - sowohl am Kapitalismus als auch am zentralistischen Sozialismus. Ich denke, das wird alle Antikapitalisten interessieren, die über den eigenen kleinen Tellerrand hinausblicken und etwas zu sagen haben. Dieser Teil handelt von den Stärken und Schwächen der Sozialdemokratie und des undogmatischen Sozialismus. Ich biete eine Erklärung an, weshalb Antikapitalisten jeder Couleur - inklusive der demokratischen Sozialisten - am Thema „gerechte Kooperation“ scheiterten und es zuließen, dass Habgier und eine wettbewerbsorientierte Wirtschaft das letzte Viertel des 20. Jahrhunderts dominieren konnten.Nachdem ich Stärken und Schwächen der sozialen Marktwirtschaft und einer gemeindeorientierten (community based) Ökonomie untersucht habe, setze ich mich im dritten Teil (Part 3) mit dem Modell der partizipativen Ökonomie auseinander und entwickle es ausführlich. Ganz konkret wird hier dargelegt, was partizipative Ökonomie zum Umweltschutz beitragen könnte und wie sie am internationalen Handel und der internationalen Investmenttätigkeit teilhaben könnte, ohne ihre Prinzipien zu verraten. Zum Schluss gehe ich ausführlich auf Vorbehalte und wichtige Kritikpunkte ein, die in den letzten 12 Jahren gegen die partizipative Ökonomie geäußert wurden.

Der vierte Teil (Part 4) handelt von einer Ökonomie der „gerechten Kooperation“ - im Hier und Jetzt. Wie könnten Kampagnen, die eine Reform der Wirtschaft fordern, eine solche Ökonomie fördern? Wie könnten bestehende Bewegungen eine solche Ökonomie fördern? Wie alternative Experimente, die Kooperation als Wert über kommerzielle Werte stellen? Welche Möglichkeiten bestehen, dass existierende Bewegungen, die für eine Reform der Wirtschaft eintreten, ihre Basis verbreitern? Welche Möglichkeiten gibt es, diese Bewegungen gleichzeitig zu noch tiefgreifendenden Veränderungen zu motivieren? “Economic Justice and Democracy“ ist ein Buch, das sich an Progressive und Aktivisten richtet. Eine ökonomische Vorbildung ist dabei nicht nötig. Für Aktivisten dürfte vor allem der vierte Teil von Interesse sein - der längste Teil des Buches. Darin sind eine Reihe praktischer Vorschläge enthalten, wie sich Aktivisten besser organisieren können.

ZNet: Sagen Sie uns bitte, wie kam es zu dem Buch? Woher haben sie die Themen genommen? Was hat das Buch zu dem gemacht, was es ist?

Hahnel: Das Buch ist das Resultat meiner fast 40jährigen Arbeit. Während all der Jahre habe ich - als Ökonom und Aktivist - versucht, einen progressiven, sozialen Wandel herbeizuführen. Dieses Buch ist der Höhepunkt jahrzehntelanger Arbeit. Ich habe in dieser Zeit viel über den Kapitalismus gelernt und kann ihn fundiert kritisieren - das Gleiche gilt für dessen wichtigste Gegenkonzepte, den zentralistischen Sozialismus und die soziale Marktwirtschaft. Das Buch ist zudem der Höhepunkt meiner jahrzehntelangen Zusammenarbeit mit Michael Albert*. Gemeinsam entwickelten wir das Modell einer partizipativen Ökonomie*. Das Buch soll vor allem jenen Antworten geben, die wichtige Kritikpunkte gegen die partizipative Ökonomie vorzubringen haben. Es gibt auch Antwort auf wichtige Fragen, die bislang untergingen. Ich versuche in meinem Buch, unsere Vorstellung von Wirtschaftsgerechtigkeit und von Wirtschaftsdemokratie noch deutlicher zu begründen. Das Buch enthält bahnbrechende neue Vorschläge - sehr konkrete Vorschläge - zum Thema Umweltschutz in einer partizipativen Ökonomie zum Beispiel oder zum Thema internationale Wirtschaftsaktivitäten. Ich versuche, zu einer Reihe von Themen, umfassende Antworten anzubieten - Themen von Menschen, die unsere Werte teilen. Der wichtigste Punkt: Mein Buch soll Antworten auf zwei Fragen geben, die bei anderen Vertretern der partizipativen Ökonomie zu kurz kamen: 1) Vorausgesetzt, der demokratische Sozialismus war die richtige Antwort auf den Kapitalismus des 20. Jahrhunderts: Welchen Fehler haben Sozialdemokraten und libertäre (undogmatische) Sozialisten gemacht? Wie konnte es dazu kommen, dass Sozialdemokraten aller Couleur am Ende des Jahrhunderts machtloser und verwirrter dastanden als zu dessen Beginn? 2) Wie können wir es besser machen als jene, die im 20. Jahrhundert für wirtschaftliche Gerechtigkeit und Wirtschaftsdemokratie kämpften? Anders gesagt, wie können wir im 21. Jahrhundert erreichen, was im verklungenen 20. Jahrhundert misslang - nämlich eine Wirtschaft des Wettbewerbs und der Habgier durch eine Wirtschaft der gerechten Kooperation zu ersetzen?

ZNet: Welche Hoffnungen verbinden Sie mit „Economic Justice and Democracy“? Welchen Beitrag soll Ihr Buch in politischer Hinsicht leisten, was wollen Sie politisch damit erreichen?

Hahnel: Ich hoffe, mein Buch leistet einen Beitrag zu einer ernsthaften Inventur - wie können wir die Ökonomie der Gier und des Wettbewerbs bekämpfen? Wie für eine Ökonomie der gerechten Kooperation einstehen? Ich hoffe, mein Buch hilft den Aktivisten der neuen Generation, die Fehler ihrer Vorgänger zu vermeiden. Gleichzeitig soll diese Generation schätzen lernen, was ihre Vorgänger richtig gemacht haben, worin sie erfolgreich waren. Ja, wir müssen zurück an den Konzeptionstisch, aber es wäre tragisch, wenn wir das Kind mit dem Bade ausschütteten. Wir müssen das Rad nicht neu erfinden und wertvolle Zeit vergeuden. Und noch etwas hoffe ich, nämlich dass mein Buch einen Beitrag zum konstruktiven Dialog zwischen den Sozialdemokraten des 20. Jahrhunderts und den libertären Sozialisten leistet - damit meine ich vor allem jene, die noch nicht begriffen habe, dass sie sich mit ihrer politischen Analyse und Praxis in eine lange geschichtliche Tradition von Erfolg und Niederlage einreihen müssen. Ich hege die Hoffnung, dass mein Buch Menschen in verschiedenen ökonomischen Reformbewegungen und - kampagnen hilft, konstruktivere Arbeit zu leisten, es soll Leuten, die im Bereich „gerechte Kooperation“ experimentieren, zu mehr Erfolgserlebnissen verhelfen. Letzter Punkt, mein Buch will der Linken neue Impulse geben - wie können wir uns (besser) organisieren? Impulse, die produktiver sind als dieses in kleinen politischen Sekten vor sich hin arbeiten. Und letztendlich geht es in meinem Buch auch um einen befriedigenderen Aktivismus in unserem Leben.

Anmerkung d. Übersetzung

* zum Thema partizipative Ökonomie siehe unser PARECON-Forum bzw. unsere Sammlung von ZNet-Übersetzungen zu Michael Alberts Parecon-Buch (auf der ZNet-Seite unter „Vision“)

Übersetzt von: Andrea Noll
Artikelaktionen
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Hanel sagt
15.06.2008 00:20

Wirtschaftsgerechtigkeit ohne vollkommen neues "setup" und "Formatierung" des (inter)nationalen Wirtschaftssystem KANN es nicht geben. Programmanweisung zur Herstellung der entsprechenden "boot disk" lesen Sie hier: http://www.islamheute.ch/isloeko.htm

Textprobe:
Um das, zur Zeit scheinbar allein als gültig anerkannte System des Wirtschaftens zu verstehen, um seine partiellen Stärken und seine wesentliche Schwäche gleicherweise zu begreifen, müssen wir vor Augen haben, worin denn das Wesen, das Eigentliche des Wirtschaftens überhaupt besteht und wie es denn vor allem entstanden ist.

Eine unabdingbare Voraussetzung, um die aus dem Ruder laufende Weltwirtschaft auf einen humanen, gerechten, überschaubaren und stabilen Kurs zurückzubringen, entsprechende Reformen durchzuführen, welche nicht Chaos noch mehr verstärken, sondern Ordnung, Wohlstand und Frieden in das wirtschaftliche Treiben der Menschen zu bringen vermögen. ...

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Freiwirtschaftler sagt
15.03.2009 13:44

Es geht schon lange nicht mehr darum, was unternommen werden muss, um alle zivilisatorischen Kinderkrankheiten endgültig zu eliminieren:

http://www.deweles.de/files/soziale_marktwirtschaft.pdf

Die Alles entscheidende Frage lautet: Was hielt die halbwegs zivilisierte Menschheit bis heute davon ab, die ideale Makroökonomie zu verwirklichen? Auch diese Frage ist jetzt beantwortet:

http://www.deweles.de/files/himmel_auf_erden.pdf