Toribio unter Beschuß
Der Versuch, die Region Toribio im Herzen der kolumbianischen Volksbewegung zu militarisieren, ist in vollem Gange
von Hector Mondragon
09.04.2005 — ZNet
—
abgelegt unter:
Kolumbien
Die Kleinstadt Toribo wird seit dem 14. April grausam attackiert. Richtig - das sind die Leute, die sich für die große indigene Minga eingesetzt haben und sie später verwirklichten. Die Minga marschierte zwischen dem 13. und 16. September 2004 nach Cali - gegen das Freihandelsabkommen mit den USA (TLC [Tratado de Libre Comercio] oder FTA [Free Trade Agreement]), gegen die Verfassungsreform, gegen die sogenannten Projekte für demokratische Sicherheit" des kolumbianischen Präsidente Alvaro Uribe Velez und gegen Gewalt. In Toribio leben jene Leute, die sich für ein Volksbegehren gegen das Freihandelsabkommen einsetzten und dieses zustande brachten; 75% der Bevölkerung nahmen daran teil, 98% sagten NEIN zur FTA.
2004 hat sich in Kolumbien eine neue Massenbewegung erhoben - wie eine kraftvolle Woge - und zweifellos war das kleine Toribio ihr Epizentrum. Der Nationalstreik am 12. Oktober und die zahlreichen Massendemonstrationen an jenem Tag, die Arbeiterstreiks speziell der Streik der Arbeiter des staatlichen Ölunternehmens Ecopetrol die wiederholten Proteste gegen die FTA-Verhandlungen und besonders die enorme Beteiligung der Jugendlichen, die am 13. April dieses Jahres wieder die Szene betraten, sind kennzeichnend für den erstarkenden, massiven Kampf gegen Präsident Uribe. Er setzt den Behauptungen, Uribe sei enorm poulär, die in den Umfragen der Medien ständig präsentiert werden, Fakten entgegen.
Aber in Kolumbien sehen sich große Volksbewegungen stets mit der Gewalt konfrontiert. So erging es der Friedensgemeinschaft von San Jose de Apartado am 21. und 22. Februar - deren prominentester Führer und sieben andere, drei davon Kinder, massakriert wurden. Nach Meinung der Gemeinschaft, ist die kolumbianische Armee für das Massaker verantwortlich. Genauso lief es am 5. August 2004, als die Armee den legendären Bauernführer Alirio Martinez aus Arauca, gemeinsam mit zwei Gewerkschaftsführern, exekutierte. Und nicht anders lief es, als am 6. Oktober 2004 Pedro Jaime Mosquera, ein anderer legendärer Bauernführer aus Arauca, entführt, gefoltert und getötet wurde.
In Toribio allerdings ging die Initiative von der FARC aus, sie löste die Tragödie aus. Am 14. April griff die FARC an und startete den Kampf. Letztendlich führte dies zur Abkommandierung von 200 Soldaten und Polizisten, inklusive Luftunterstützung, gegen die FARC. Die verschiedenen Sprengstoffe, die sie mitbrachten (inklusive Rohrbomben, im Original gas pipe bombs ), richteteten enorme Schäden unter der Zivilbevölkerung bzw. an deren Häusern an.
Was war passiert? Seit dem letzten Jahr geht die Guerilla zunehmend in die Offensive - direktes Resultat des Militärplans Plan Patriota, der vom Southern Command der US-Armee entwickelt wurde. Der Plan sah vor, die Nachschubbasen (im Original support bases) der FARC im Süden und Osten des Landes zu umzingeln und zu zerstören. Analytiker, wie der Ex-Berater der Armee, Alfredo Rangel, haben gewarnt, der Plan werde nicht funktionieren. Der US-Befehlshaber und die Uribe-Regierung überschätzten ihre Kräfte ebenso, wie die FARC diese Kräfte vier Jahren zuvor unterschätzt hatte. Die Schläge, die die FARC aufgrund ihrer eigenen Fehleinschätzungen und ihrer Politik in der Endphase der Regierung Pastrana bzw. in den ersten Monaten der Uribe-Regierung einstecken musste, wurden seitens Uribes falsch interpretiert. Er glaubte, jetzt sei die Zeit reif für den endgültigen Schlag gegen die FARC-Bastionen.
Es ist zu erwähnen, dass die Indigenas - vor allem in Toribio und Nord-Cauca - sich immer gegen Plan Patriota gestellt haben - schon davor gegen Plan Colombia. Die Wurzeln bzw. Konsequenzen des kolumbianischen Konflikts sind ihnen wohl bewusst. Für sie war es keine Überraschung, dass trotz der Giftbesprühung von 130 000 Hektar Kokapflanzen im vergangenen Jahr (14 000 Hektar mehr, als tatsächlich bepflanzt waren), heute - laut offizieller Statistik - kein einziger Hektar Koka weniger angebaut wird als vor der Sprühaktion. Die Indigenas haben immer gesagt, dass die Lösung des Problems des illegalen Anbaus keine repressive vielmehr eine ökonomische und soziale sein muss. Ihnen war schon seit langem klar, dass Uribes Plan, die FARC zu zerschlagen, der Guerilla aufs Neue die Chance bietet, wieder stark zu werden und irgendwann zurückzuschlagen - so kam es auch. In Narinho, Putumayo, Uraba und Arauca griff die Guerilla an. Mittlerweile blutet die kolumbianische Armee an der Front und in den Minenfeldern bzw. leidet an tropischen Krankheiten, und dabei glaubt sie, sich in der Offensive zu befinden.
Die in der Offensive befindliche FARC steht der Massenbewegung des kolumbianischen Volks geradezu spektakulär ablehnend gegenüber. Die FARC zeigt keinerlei Interesse. Auf diesem Hintergrund ist auch die Entscheidung der FARC zu sehen, Toribio anzugreifen - aus militärischen Gründen.
Die Aktivisten der Volksbewegung - die unser Leben in unsere Händen legen -, wissen, wir können jeden Tag Opfer der Mörder des Regimes werden. Im letzten Jahren lernten sie, die Stadt Toribio als unser Kind zu betrachten, als unseren Traum - und wir wollen, dass mit Toribio entsprechend umgegangen wird. Das ist der Grund für unseren Aufruf, die Einladung des Nasa-Volkes zum 'Forum für Leben und Frieden und gegen den Krieg' anzunehmen. Das Forum ist von den Nasa Indigenas aus Toribio sowie anderen Indigenas aus Cauca für den 22. April 2005 geplant. Uns ist bewusst, der Konflikt in Kolumbien ist nur über eine politische Verhandlungslösung plus Agrarreform und Landrückgabe an die Vertriebenen (im Original: the displaced) lösbar. Dieses verweigert das Regime seit 41 Jahren. Und noch etwas wissen wir: Wir kämpfen, damit das Volk regiert, ihm allein gilt unser Vertrauen, damit es uns von diesem Regime des Todes befreit - ein Regime, das dem Land seit Jahrzehnten aufgebürdet ist. Wie mächtig das Volk ist, haben uns die Indigenas, die Bewohner Toribios bewiesen - mit der Minga im September 2004 und dem Volksbegehren im März 2005.
In Toribio geben die Menschen dem Bürgermeister Befehle - nicht umgekehrt. Die indigenen Räte befehlen dem Bürgermeister, und er gehorcht wie jedes andere Gemeindemitglied und macht, was (von ihm) gemacht werden muss, im Einklang mit dem Gesetz. In Toribio, schützen 'Indigene Wächter' die Menschen, sie erleichtern ihnen Mobilisierung und Widerstand. Die Wächter tragen keine Waffen - gestützt allein auf die eigene Autorität, den Respekt vor der Gemeinde und den vor deren Symbolen.
All jene, die für eine Alternative zu der uneingeschränkten Macht der Multis kämpfen - eine andere Welt ist möglich - sollten ihre Solidarität auf Toribio ausweiten. Dort ist die Hoffnung lebendig. Sie kommt in den Organisationen und den Volksbewegungen für zivilen Widerstand zum Ausdruck. Indem wir die Bewohner Toribios in dieser schwierigen Zeit unterstützen, weiter vorwärts zu gehen, gewährleisten wir, dass der große Kampf des kolumbianischen Volkes, Präsident Uribe und FTA schließlich zu Fall bringen wird und so die Grundlage legt für ein anderes Kolumbien - als Teil eines Lateinamerika, das auf dem Weg ist in eine andere Welt. Die Baustelle dieser anderen möglichen Welt sind die Barrikaden der (jetzigen) Welt.
Hector Mondragon ist ein kolumbianischer Aktivist und Ökonom.
[Übersetzt von Justin Podur. Für ein größeres Foto-Essay mit Hintergrundinformationen über die Indigenas in Cauca und Toribio besuchen Sie diesen Link aus Februar 2004 http://www.en-camino.org/caucaphotoessay/caucaphotoindex.htm]
2004 hat sich in Kolumbien eine neue Massenbewegung erhoben - wie eine kraftvolle Woge - und zweifellos war das kleine Toribio ihr Epizentrum. Der Nationalstreik am 12. Oktober und die zahlreichen Massendemonstrationen an jenem Tag, die Arbeiterstreiks speziell der Streik der Arbeiter des staatlichen Ölunternehmens Ecopetrol die wiederholten Proteste gegen die FTA-Verhandlungen und besonders die enorme Beteiligung der Jugendlichen, die am 13. April dieses Jahres wieder die Szene betraten, sind kennzeichnend für den erstarkenden, massiven Kampf gegen Präsident Uribe. Er setzt den Behauptungen, Uribe sei enorm poulär, die in den Umfragen der Medien ständig präsentiert werden, Fakten entgegen.
Aber in Kolumbien sehen sich große Volksbewegungen stets mit der Gewalt konfrontiert. So erging es der Friedensgemeinschaft von San Jose de Apartado am 21. und 22. Februar - deren prominentester Führer und sieben andere, drei davon Kinder, massakriert wurden. Nach Meinung der Gemeinschaft, ist die kolumbianische Armee für das Massaker verantwortlich. Genauso lief es am 5. August 2004, als die Armee den legendären Bauernführer Alirio Martinez aus Arauca, gemeinsam mit zwei Gewerkschaftsführern, exekutierte. Und nicht anders lief es, als am 6. Oktober 2004 Pedro Jaime Mosquera, ein anderer legendärer Bauernführer aus Arauca, entführt, gefoltert und getötet wurde.
In Toribio allerdings ging die Initiative von der FARC aus, sie löste die Tragödie aus. Am 14. April griff die FARC an und startete den Kampf. Letztendlich führte dies zur Abkommandierung von 200 Soldaten und Polizisten, inklusive Luftunterstützung, gegen die FARC. Die verschiedenen Sprengstoffe, die sie mitbrachten (inklusive Rohrbomben, im Original gas pipe bombs ), richteteten enorme Schäden unter der Zivilbevölkerung bzw. an deren Häusern an.
Was war passiert? Seit dem letzten Jahr geht die Guerilla zunehmend in die Offensive - direktes Resultat des Militärplans Plan Patriota, der vom Southern Command der US-Armee entwickelt wurde. Der Plan sah vor, die Nachschubbasen (im Original support bases) der FARC im Süden und Osten des Landes zu umzingeln und zu zerstören. Analytiker, wie der Ex-Berater der Armee, Alfredo Rangel, haben gewarnt, der Plan werde nicht funktionieren. Der US-Befehlshaber und die Uribe-Regierung überschätzten ihre Kräfte ebenso, wie die FARC diese Kräfte vier Jahren zuvor unterschätzt hatte. Die Schläge, die die FARC aufgrund ihrer eigenen Fehleinschätzungen und ihrer Politik in der Endphase der Regierung Pastrana bzw. in den ersten Monaten der Uribe-Regierung einstecken musste, wurden seitens Uribes falsch interpretiert. Er glaubte, jetzt sei die Zeit reif für den endgültigen Schlag gegen die FARC-Bastionen.
Es ist zu erwähnen, dass die Indigenas - vor allem in Toribio und Nord-Cauca - sich immer gegen Plan Patriota gestellt haben - schon davor gegen Plan Colombia. Die Wurzeln bzw. Konsequenzen des kolumbianischen Konflikts sind ihnen wohl bewusst. Für sie war es keine Überraschung, dass trotz der Giftbesprühung von 130 000 Hektar Kokapflanzen im vergangenen Jahr (14 000 Hektar mehr, als tatsächlich bepflanzt waren), heute - laut offizieller Statistik - kein einziger Hektar Koka weniger angebaut wird als vor der Sprühaktion. Die Indigenas haben immer gesagt, dass die Lösung des Problems des illegalen Anbaus keine repressive vielmehr eine ökonomische und soziale sein muss. Ihnen war schon seit langem klar, dass Uribes Plan, die FARC zu zerschlagen, der Guerilla aufs Neue die Chance bietet, wieder stark zu werden und irgendwann zurückzuschlagen - so kam es auch. In Narinho, Putumayo, Uraba und Arauca griff die Guerilla an. Mittlerweile blutet die kolumbianische Armee an der Front und in den Minenfeldern bzw. leidet an tropischen Krankheiten, und dabei glaubt sie, sich in der Offensive zu befinden.
Die in der Offensive befindliche FARC steht der Massenbewegung des kolumbianischen Volks geradezu spektakulär ablehnend gegenüber. Die FARC zeigt keinerlei Interesse. Auf diesem Hintergrund ist auch die Entscheidung der FARC zu sehen, Toribio anzugreifen - aus militärischen Gründen.
Die Aktivisten der Volksbewegung - die unser Leben in unsere Händen legen -, wissen, wir können jeden Tag Opfer der Mörder des Regimes werden. Im letzten Jahren lernten sie, die Stadt Toribio als unser Kind zu betrachten, als unseren Traum - und wir wollen, dass mit Toribio entsprechend umgegangen wird. Das ist der Grund für unseren Aufruf, die Einladung des Nasa-Volkes zum 'Forum für Leben und Frieden und gegen den Krieg' anzunehmen. Das Forum ist von den Nasa Indigenas aus Toribio sowie anderen Indigenas aus Cauca für den 22. April 2005 geplant. Uns ist bewusst, der Konflikt in Kolumbien ist nur über eine politische Verhandlungslösung plus Agrarreform und Landrückgabe an die Vertriebenen (im Original: the displaced) lösbar. Dieses verweigert das Regime seit 41 Jahren. Und noch etwas wissen wir: Wir kämpfen, damit das Volk regiert, ihm allein gilt unser Vertrauen, damit es uns von diesem Regime des Todes befreit - ein Regime, das dem Land seit Jahrzehnten aufgebürdet ist. Wie mächtig das Volk ist, haben uns die Indigenas, die Bewohner Toribios bewiesen - mit der Minga im September 2004 und dem Volksbegehren im März 2005.
In Toribio geben die Menschen dem Bürgermeister Befehle - nicht umgekehrt. Die indigenen Räte befehlen dem Bürgermeister, und er gehorcht wie jedes andere Gemeindemitglied und macht, was (von ihm) gemacht werden muss, im Einklang mit dem Gesetz. In Toribio, schützen 'Indigene Wächter' die Menschen, sie erleichtern ihnen Mobilisierung und Widerstand. Die Wächter tragen keine Waffen - gestützt allein auf die eigene Autorität, den Respekt vor der Gemeinde und den vor deren Symbolen.
All jene, die für eine Alternative zu der uneingeschränkten Macht der Multis kämpfen - eine andere Welt ist möglich - sollten ihre Solidarität auf Toribio ausweiten. Dort ist die Hoffnung lebendig. Sie kommt in den Organisationen und den Volksbewegungen für zivilen Widerstand zum Ausdruck. Indem wir die Bewohner Toribios in dieser schwierigen Zeit unterstützen, weiter vorwärts zu gehen, gewährleisten wir, dass der große Kampf des kolumbianischen Volkes, Präsident Uribe und FTA schließlich zu Fall bringen wird und so die Grundlage legt für ein anderes Kolumbien - als Teil eines Lateinamerika, das auf dem Weg ist in eine andere Welt. Die Baustelle dieser anderen möglichen Welt sind die Barrikaden der (jetzigen) Welt.
Hector Mondragon ist ein kolumbianischer Aktivist und Ökonom.
[Übersetzt von Justin Podur. Für ein größeres Foto-Essay mit Hintergrundinformationen über die Indigenas in Cauca und Toribio besuchen Sie diesen Link aus Februar 2004 http://www.en-camino.org/caucaphotoessay/caucaphotoindex.htm]
Orginalartikel:
Toribio Attacked
Übersetzt von:
Leonardo Torres und Andrea Noll
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