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'Twilight Zone' / Berufsrisiko

von Gideon Levy

03.03.2003 — Ha'aretz / ZNet

— abgelegt unter:

Immer wenn die Sanitäts-Teams von Gaza die IDF-Militärmaschinerie herannahen hören, spurten sie in ihre Ambulanzen u. fahren in Richtung Schlachtfeld. So auch die Nachtschicht eines palästinensischen Polizeikrankenhauses im Norden des Gazastreifens spätnachts am letzten Sonntag. Das Team bestand aus 2 Ärzten, 2 Sanitätern u. dem Ambulanzfahrer. Einer der beiden Sanitäter war Majd Majdalawi. Jetzt liegt er im (israelischen) Sheba-Medical-Center, versucht, sich von seinen zahlreichen Wunden zu erholen. Majdalawi, 30, macht seinen Job seit 5 Jahren. Es gibt nichts, was er nicht schon gesehen hätte. "Ich sah Leute, die durch Bomben verletzt wurden, durch Gewehrschüsse, durch Granaten, Panzerbeschuss, Mordanschläge, Raketen, Minen - alles, was Sie wollen -, Kopfverletzungen, Brustschüsse, Bauchschüsse oder Verletzungen an den Beinen wie bei mir hier. Viele starben, viele überlebten. Hunderte habe ich gesehen, viele Hunderte". Im Verlauf jener Nacht lag der erfahrene Sanitäter selbst blutend auf der Erde - lange, lange Zeit - bevor seine Kollegen ihn endlich bergen konnten. Die leuchtend orange Weste, die er trug u. die beleuchtete Ambulanz hatten ihn nicht davor bewahrt, unter Beschuss zu geraten. Die Schüsse trafen ihn, als er gemeinsam mit dem zweiten Sanitäter versuchte, einem verwundeten Mann beizustehen, der am Straßenrand zwischen einem gerade gesprengten Haus u. einer nahen Baumreihe auf der Erde lag. Vielleicht war der Mann ein bewaffneter Verdächtiger, jemand, den die IDF wollte.

Eine Woche nach seiner Verwundung ist Majdalawi noch immer nicht in der Lage, sein Bett zu verlassen. Als Kind zog er (mit seiner Familie) von Zarnuja (jetzt Rehovot) nach Kairo, von Kairo nach Libyen u. 1991 schließlich ins Gazaer Flüchtlingslager Nuseirat. In Amman besuchte er die Krankenpflegeschule u. kehrte anschließend nach Gaza zurück. 1999 heiratete er seine jetzige Frau Hoda. Sie ist in Rafah aufgewachsen. Ihre Familie stammt ursprünglich aus einem inzwischen ausgelöschten Dorf in der Nähe von Ashkelon. Vor einem Jahr hatte man sich eine Wohnung in Nord-Gaza gekauft - in einem Wohnprojekt speziell für junge Paare. Ihre beiden Töchter heißen Nur, 2 u. Nada, 1. Majdalawis Englisch ist gut. Er arbeitet Vollzeit im palästinensischen Polizeikrankenhaus von Gaza. Um sein Einkommen aufzubessern schiebt er zusätzliche Nachtschichten in der kleinen Privatklinik Adawa.

Jedesmal, wenn Hoda sein Bein sachte bewegt, stöhnt er vor Schmerzen auf. Vor kurzem hatte ihn der Arzt von einer Maschine genommen, die ihn mittels Infusion mit Schmerzmitteln versorgt hatte. Letzten Sonntag ging Majdalawi gegen 19 Uhr von zu Hause weg: Nachtschicht in der Polizeiklinik. Als er ins Taxi stieg, rief ihm ein Nachbar zu: "Sei bloß vorsichtig dadraußen!" Gegen 23 Uhr hörte man zuerst das Geräusch eines israelischen MRPV*. "Als wir das hörten, wußten wir, jetzt gibt's Ärger", sagt er. Kurz vor Mitternacht rief Hoda an. Sie mache sich Sorgen: Überall am Himmel Helikopter, und dann der Lärm der vorrückenden Panzer. Plötzlich geriet der 2. Stock der Klinik unter Beschuss. Er war menschenleer. Die nahen Obstgärten u. die verlassenen palästinensischen Sicherheitsposten neben der Klinik sind häufige Zielscheiben (der Israelis).

Der Gefechtslärm nimmt zu. Das Team rennt aus dem Gebäude: Dr. Faisal Ashkar, Dr. Ismail Najjar, der Sanitäter Mohammed Abu Shanar, Fahrer Abdullah Maqawi sowie Majd Majdalawi bilden das Ambulanz-Team. Man rast Richtung Stadtzentrum. Dort angekommen, wird kurz in der Nasser-Straße beim Haus eines Freundes Halt gemacht. Die Leitstelle ruft an, Sanitäter u. Fahrer sollen zurück in den Norden, dort habe es Verletzte gegeben. Unterwegs erfahren sie, mehrere Ambulanzen sind bereits im beschossenen Gebiet. Gegen 2.30 Uhr eine laute Explosion. Man teilt ihnen mit, das Haus eines Verdächtigen im Viertel Tawam sei in die Luft gesprengt worden. Bis heute weiß Majdalawi nicht, um wen es sich genau handelte. Zudem wird ihnen gesagt, neben dem Haus lägen Verletzte, es würde aber gefährlich, sich ihnen zu nähern. Man benutzt eine Umgehungsroute u. gelangt schließlich nach Tawam. Mehrere andere Ambulanzen u. ein TV-Kamerateam sind schon vor Ort. Die Fernsehleute wollen das Geschehen filmen. Ein kurzer Fahrzeug-Konvoi wird gebildet. Langsam-vorsichtig u. stockend rückt man vor. Plötzlich kommt ein einzelner Panzer über den nahen Hügel gerollt: "Jetzt wußten wir, wo die Gefahr war - das gesprengte Haus und die Verletzten". Man hält an, wartet. Plötzlich kommen zwei Leute über die dunkle Straße gerannt, verschwindet, rufen sie, die Panzer kommen. Kurz darauf feuert der Panzer. Majdalawi sagt zum Fahrer, dreh' schnell um, aber dann sind da plötzlich diese Hilfeschreie. Sie kommen aus einem der Häuser. Langsam wird darauf zugefahren. Die zwei Sanitäter springen aus ihrer Ambulanz. Im Dunkeln kann Majdalawi erkennen, jemand liegt neben der Straße. "In dem Moment setzte mein Denken aus. Ich vergaß den Panzer und wollte einfach nur noch die verletzte Person evakuieren". Die beiden Sanitäter nähern sich dem Mann, sie sehen, er atmet noch u. beschließen, den Versuch zu wagen, ihn zur Ambulanz zu bringen. Majdalawi fasst seine Hände, Abu Shanar die Beine. Sofort werden sie beschossen. Sie haben den Verletzten kaum bewegt, da trifft Majdalawi schon die erste Kugel ins linke Bein. Er fällt zu Boden. Auch Abu Shanar trifft es ins linke Bein. So schnell er kann, kriecht er in Richtung Ambulanz. Seine Verletzung ist weniger schlimm als die Majdalawis. Majdalawi sagt, er sei kaum einen Meter gekommen, schon hätte ihn die zweite Kugel, diesmal in den Arm, getroffen. Er ruft nach der Ambulanz-Crew, will Hilfe - die andern sind nahe -, aber sie brüllen zurück, sie könnten nicht kommen, das Gewehrfeuer sei zu intensiv. So bleibt Majdalawi verletzt auf der Erde liegen, ruft umsonst nach Hilfe. Sein Freund Abu Shanar hat inzwischen hinter der Mauer eines nahen Hauses Deckung gefunden. "Ich war über und über mit Blut bedeckt. Ich versuchte, mich ein wenig kriechend vorwärtszubewegen, aber ich habe mich nur ein bißchen bewegt, da traf mich schon die nächste Kugel - wieder ins linke Bein. An diesem Punkt setzte beinah' Bewußtlosigkeit ein. Alles verschwamm. Alle zwei Minuten habe ich nach den andern gerufen. Ich lag zwischen dem verletzten Mann hinter mir und dem Ambulanz-Team auf der andern Seite. Sie lagen hinter dem Haus in Deckung. Ich konnte nur noch denken, wie komme ich hier wieder raus".

Die Minuten verstrichen, dehnten sich zu Stunden. Endlich gelang es einem der Ambulanz-Fahrer, sein Fahrzeug als Puffer zwischen Majdalawi u. den Panzer zu parken. Man zog ihn ins Fahrzeuginnere - auch den verletzten Mann, der mittlerweile tot zu sein schien. Der Panzer schoss erneut, traf den Reifen der Ambulanz. Also ging eine zweite Ambulanz als Puffer dazwischen. Auf einer Bahre schaffte man Majdalawi ins andere Fahrzeug. Als die Dämmerung anbrach, erreichten sie das Krankenhaus von Shifa. Am Abend des gleichen Tags wurde er auf schnellstem Weg ins (israelische) Krankenhaus Sheba gebracht, wo man ihn 18 Stunden operierte. Insgesamt wurde Majdalawi von 5 Kugeln getroffen: ins rechte Bein, ins linke Bein, in den Arm, den Bauch u. den Rücken. Am gravierendsten ist die rechte Beinverletzung. Der Knochen ist zersplittert, die Nerven beschädigt. Die Ärzte hoffen, dass Majdalawi mit der Zeit wieder auf die Beine kommt, aber bis dahin ist noch ein weiter Weg. Diese Woche hat man ihn nach Gaza rückverlegt - was ihm gar nicht paßt. Es wäre ihm lieber, er hätte in Sheba die ferneren Operationen abwarten können u. eine Reha absolvieren. Die ganze Woche in Sheba war seine Frau Hoda an seiner Seite. Sie schlief im Krankenzimmer auf einer Klapp-Couch. Ein arabischer Hausmeister hatte ihnen sein Handy geliehen, sodass sie Kontakt zu ihren beiden kleinen Töchter zu Hause in Gaza halten konnten. Majdalawis Mutter betreute die Kleinen. Majdalawi sagt, für ihn stünde außer Zweifel, dass man ihn u. seine Kollegen beschossen hat, um die Evakuierung des Verletzten zu verhindern. Ich frage: Nach allem, was passiert ist, was empfinden Sie da in einem israelischen Krankenhaus? "Schon komisch, dieses Gefühl", sagt er. "Aber ich bin eigentlich jemand, der die Juden nie gehasst hat, ich habe nicht mal daran gedacht, sie zu hassen. Und ich war mir bei meiner Arbeit immer so sicher. Ich dachte, wenn neben dir ein israelischer Soldat verletzt wird, wirst du dich um ihn kümmern, wie um jeden andern auch. Aus diesem Grund erwartete ich auch, dass man mich hier (im israelischen Krankenhaus) gut behandelt. Wir sind doch alle Lebensretter. Und man hat mich auch gut behandelt". Weiter sagt er: "Wir wussten, auch wir könnten Zielscheibe werden - ein Freund von mir, auch Sanitäter, hat vor ein paar Monaten sein Bein verloren -, aber wir sind entschlossen, unsere Arbeit zu machen und Leben zu retten. So Gott will, werde ich wieder gesund. Dann werde ich an denselben Ort zurückkehren und die gleiche Arbeit weiter tun".

Die Antwort des Sprechers der Israelischen Armee: "In der Nacht vom 16. auf den 17. Februar zerstörten IDF-Kräfte das Haus des Hamas-Kommandeurs Ahmed Randur im nördlichen Sektor, westlich von Jabalya, im Norden des Gazastreifens. Randur ist verantwortlich für eine Bombe, die nahe der (jüdischen) Siedlung Dugit neben einem (israelischen) Panzer gezündet wurde - am Samstag, den 15. Februar 2003. Dabei wurden 4 IDF-Soldaten getötet. Randur ist für weitere Terrorangriffe verantwortlich, zum Beispiel für ein Gefecht zwischen einer Terrorzelle u. IDF-Soldaten nahe Dugit im Juni 2002, bei dem 3 IDF-Soldaten getötet wurden." Und weiter: "Während der Aktion gerieten die (israelischen) Truppen unter Beschuss. IDF-Soldaten erwiderten das Feuer und schossen auf die Quelle des Gewehrfeuers. Wir haben uns mit der Truppe im Feld in Verbindung gesetzt. Von Verletzten eines medizinischen Teams ist dort nichts bekannt. Bleibt festzuhalten, weder in den Koordinations-Büros, noch in den Verbindungs-Büros ist eine Beschwerde dieser Art eingegangen".

Der 'Rote Halbmond' gibt an: Seit Beginn der Intifada kam es zu 231 Vorfällen, bei denen palästinensische Ambulanzen beschossen wurden: 109 Ambulanzen bekamen dabei Treffer ab, 27 Totalschaden. 187 Mitarbeiter des 'Roten Halbmonds' - Ärzte, Sanitäter, Fahrer - sind bei diesen Vorfällen verletzt worden, 3 wurden von der IDF erschossen. Ibrahim Habib, ein Ermittler für 'Physicians for Human Rights' (Ärzte für Menschenrechte), hat diese Woche ein Schreiben an den obersten (israelischen) Militärstaatsanwalt gerichtet, in dem er eine Untersuchung der Schüsse auf Majdalawi verlangt. Die Verantwortlichen müssten vor ein Gericht gestellt werden.

Anmerkung d. Übersetzerin

*ferngesteuertes militärisches Minifahrzeug

Übersetzt von: Andrea Noll
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