UN-Mitarbeiter in Palästina getötet
Caoimhe Butterfly angeschossen, Interview mit Caoimhe B.
von Caoimhe Butterfly und Annie Higgins
24.11.2002 — ZNet
Heute Morgen erklärte die Israelische Besatzungsarmee im Zuge ihres Wiedereinmarschs ins Flüchtlingslager Dschenin den Unterbereich des Lagers zur ‘militärischen Sperrzone’. Die Zone setzte man mittels (etwa) 12 Panzern durch, mittels 10 Jeeps, u. mindestens 2 Apache-Kampfhubschraubern. Ich versuchte gerade, zwischen die wehrlosen Kinder u. die Panzer zu kommen, als mich der Anruf einer Freundin erreichte. Ich solle doch bitte helfen, ihre kranke Tochter zu evakuieren. Die (israelische) Armee lasse keine Ambulanzen durch. Also machte ich mich zusammen mit einem Freund, einem palästinensischen Journalisten, auf den Weg. Wir wurden sofort verhaftet - ebenso ein weiterer ‘internationaler Freiwilliger’. Man brachte uns irgendwo hin, wo bereits etwa 20 männliche Palästinenser gefangengehalten wurden. Man hatte ihnen Handfesseln angelegt, ihnen die Augen verbunden u. sie bis auf Hose bzw. Unterwäsche ausgezogen; zudem hatte man sie übel verprügelt. Ich wurde 2 Stunden festgehalten - und kurz verhört - dann sagten mir die israelischen Soldaten, ich sei frei u. könne geh’n. Ich bat darum, bei den Männern zu bleiben - in der Hoffnung, in dem Fall würde man die Gefangenen weniger misshandeln -, aber es wurde mir verweigert. Die Soldaten sagten, das wäre nicht erlaubt. Ich weigerte mich zu gehen, also schleppte man mich gewaltsam hinaus, man zerrte mich die Straße entlang, sagte, wenn ich zurückkehren würde in die Gegend, würde man mich einfach erschießen. Ich ging den Weg zurück, den ich gekommen war - kam am Gebäude der UN vorbei. Dort führte ich ein kurzes Gespräch mit Iain Hook, Projektleiter der UNRWA (Hilfswerk der Vereinten Nationen) in Dschenin. Er sagte, er würde mit den israelischen Soldaten verhandeln, damit sie wenigstens die Frauen u. Kinder (im Gebäude) nach Hause ließen. Also ging er aus dem UN-Gebäude, mit einer blauen UN-Fahne in der Hand, die er schwenkte. Die (israelischen) Soldaten antworteten via Mikrofon (Megaphon?) auf Englisch: “Interessiert uns nicht, ob du die Vereinten Nationen bist oder sonstwer. F** off, geh heim!”. Aber was die Leute versuchten, war ja gerade ‘heimzugeh’n’. Iain sagte, die Sache laufe schief. Aber er bestand immer noch darauf, eine ‘sichere Passage’ für seine 40 palästinensischen Mitarbeiter u. sich auszuhandeln. Er versuchte es mit legalen Mitteln, z.B. mit offiziellen Koordinationsgesprächen mit der Armee. Inzwischen hatten einige besorgte Eltern schon damit begonnen, ein Loch in die Rückwand des UN-Gebäudes zu schlagen, um ihre Kinder rauszuschaffen. Die Kinder waren nur zur Schutzimpfung dort gewesen. Wir begleiteten einige der Kinder heim.
Danach rannte ich wieder zum Haus des kranken Mädchens. Aber unterwegs traf ich eine Gruppe Kinder. Sie teilten mir mit, ein Freund von mir, der 10jährige Muhammad Bilalo, sei durch Panzerbeschuss getötet worden, 3 weitere Kinder verletzt, eines davon habe eine schwere Kopfwunde. Also ging ich dahin, wo die Kinder standen. Die Panzer schossen noch immer wahllos auf sie. Ich lief die Straße hinunter - mich immer zwischen den Kindern u. den Panzern haltend - bis ich nur noch etwa 50 Meter von einem Panzer entfernt war. Ich versuchte, in einen Dialog mit den Soldaten zu treten. Ich beschwor sie, keine scharfe Munition auf wehrlose Kinder abzuschießen, und sie hörten tatsächlich auf. Aber ein paar Minuten später kam ein APC (bewaffneter Mannschaftswagen - das ist ein gepanzertes Fahrzeug, fast wie ein Panzer, nur ohne Kanonenrohr). Er fuhr auf den Panzer zu. Ich konnte die Gesichter (darin) genau erkennen, also gehe ich davon aus, sie konnten mein Gesicht auch erkennen. Ich hatte beide Panzerfahrzeuge heute schon gesehen. Ein Soldat öffnete die Luke des zweiten Fahrzeugs, hängte sich mit dem Oberkörper raus, mit seinem Gewehr - u. feuerte drauf los. Zuerst feuerte er nur in die Luft, u. die meisten Kinder verschwanden in einer Gasse auf der linken Straßenseite. Aber 3 ganz kleine Kinder blieben zurück. Ich versuchte, sie gleichfalls in die Seitenstraße zu zerren, mit körperlichem Einsatz, ich schleppte u. schob die Kleinen. Als ich über meine Schulter sah, bemerkte ich plötzlich, wie der Soldat aus dem APC die Waffe auf mich richtete. Er war ungefähr 100 Meter entfernt. Kurz bevor ich die Seitenstraße erreichte, traf mich die Kugel in den Oberschenkel. Ich fiel, aber sie schossen weiter in meine Richtung. Ich konnte noch ein Stück Richtung Seitenstraße kriechen - das restliche Stück schleppten mich die Kinder hoch. Keine Ambulanz kam ins Camp, also schleppte man mich auf einer provisorischen Trage bis nahe zum Camp-Eingang, von wo aus mich eine Rot-Kreuz-Ambulanz abholen konnte. Während ich im ‘Emergency Room’ (Notfallraum) des Dscheniner Krankenhauses behandelt wurde, brachten sie Iain Hook von UNRWA herein. Ein paar Minuten später war er tot.
Wir haben Folgendes erfahren: Nachdem Hook verwundet worden war, weigerte sich die Israelische Armee fast eine Stunde, eine klar markierte UN-Ambulanz durchzulassen, so dass er nicht evakuiert, nicht abtransportiert werden konnte. Während dieser langen Zeit kam es zu hohem Blutverlust bei dem Verletzten. Schließlich hat ihn die Ambulanz-Besatzung doch noch evakuiert, indem sie einfach in das Loch einstieg, das die (UN-)Mitarbeiter zuvor geschlagen hatten (um die Kinder zu evakuieren).
Ich war den ganzen Morgen im Flüchtlingslager. Ich kann bezeugen, dass die palästinensischen Kämpfer schon gut zwei Stunden bevor Iain Hook bzw. ich angeschossen wurde, das Feuer eingestellt hatten. Als ich morgens am Gebäude der UN vorbeikam, habe ich gesehen, dass Heckenschützen u. Soldaten der Israelischen Armee das Gebäude umstellt hatten. Sie schossen wahllos in das Lager. Auf die Art wurden 2 Menschen getötet, 6 weitere verletzt. Außer einer Person wurden alle Opfer außerhalb der von der Armee erklärten ‘militärischen Sperrzone’ angeschossen - durch Panzerfeuer. Ich bin keineswegs in ein “Feuergefecht” geraten, wie das die Israelischen Besatzungstruppen fälschlicherweise behaupten, u. ich kann mir nicht vorstellen, dass es in Iains Fall so war.
Die Massaker hören nicht auf. Was die Welt im April so unverhüllt mitansah - die Menschenrechtsverletzungen, die Kriegsverbrechen in Dschenin - sie passieren immer noch, tagtäglich. So gesehen war der gestrige Tag, mit seinen ganz beiläufigen Tötungen, auch eigentlich kein ungewöhnlicher Tag in Dschenin. Die elementarsten Überlebens-Aktivitäten - hier sind sie potentiell suizidal. Die Israelische Besatzungsarmee - ständig verfolgt sie diese Totschlags-Strategie (shoot to kill) - und es interessiert sie auch nicht, ob ihre ‘Ziele’ Zivilisten sind oder bewaffnete Kämpfer. Warum auch? Im April diesen Jahres hat man den Israelis ja deutlich signalisiert, sie können sich Massaker leisten. Die ganze internationale Verurteilung schafft es nicht mal, eine einzige UN-Ambulanz durchzubringen, um eine einzige verletzte Person zu retten! Die Israelis zeigen immer weniger Skrupel. Die gestrigen Ereignisse sind fast schon Standard. Vonwegen Militäraktionen. Das sind ganz einfach Akte des Terrors - um die Palästinenser zu demütigen, zu drangsalieren, um sie zu quälen -, damit sie sich nämlich unterwerfen. Was man den Palästinensern verweigert, ist nicht das Recht auf Widerstand, es ist das Recht auf Leben.
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