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Überlegungen zu Pinochets Tod

von Juan Antonio Montecino

23.12.2006 — ZNet

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Inzwischen hat die Welt genug Zeit gehabt, um über die Ironie des Todestages von General Augusto Pinochet am 10. Dezember - dem Internationalen Tag der Menschenrechte - nachzudenken. Nun wird der Diktator, der für den Tod, die Folter und das Verschwinden von Tausenden von Menschen verantwortlich ist, sich nie vor der Justiz rechtfertigen müssen.

Es sind nun schon mehr als 33 Jahre vergangen, seit Pinochet durch einen der blutigsten Umstürze des 20. Jahrhunderts an die Macht gekommen ist. Er führte am 11. September 1973 die Bombardierung des chilenischen Regierungspalastes La Moneda an und stürzte die demokratisch gewählte Regierung des Sozialisten Salvador Allende. Für diejenigen, die seinen Tod betrauern, war Pinochet ein Held und Patriot, der Chile und seine geschwächte Wirtschaft vor den Klauen des Marxismus und dem sowjetischen Einfluss rettete. Aber für mich und unzählige andere ist er der Grund, warum ich mit einem Familienmitglied zuwenig aufwuchs.

In den Wochen nach dem Umsturz wurde mein Onkel Christián Montecino von der Militärpolizei aus seiner Wohnung entführt und in einer Militärbaracke erschossen, aus dem einzigen Grund, weil er fotografiert hatte. Während der 17jährigen Diktatur tötete und entführte Pinochets Geheimpolizei, die DINA, ungefähr 3.000 Menschen - vom linken Dissidenten zum Kirchenmann, Universitätsprofessoren genauso wie Journalisten. Noch heute müssen viele der Verwandten der Opfer mit dem Schmerz und der Unsicherheit leben, nicht zu wissen, ob ihre verschwundenen Angehörigen getötet wurden oder nicht.

Als ich noch ein Kind war, kam eine argentinische Frau zu unserem Haus herüber um meinen Vater um Hilfe bei der Suche nach ihrem lang vermissten Freund zu bitten. Mein Vater war gerade nicht zu Hause und so half ich ihr durch sein Archiv von Bildern von politischen Gefangenen aus dem Nationalstadion in Santiago. Während ich ihr am Computer meines Vaters die Bilder zeigte und die Gesichter derer vergrößerte, die es wahrscheinlich nie lebendig aus dem Stadion geschafft hatten, hielt sie eine bereits verblasste Fotografie ihres verlorenen Freundes fest in ihren Händen und schaute geduldig auf den Bildschirm. Aber die Hunderte von Bildern ergaben keinen Hinweis und die Frau hatte keine andere Wahl als weiter mit ihrer inneren Überzeugung zu leben, dass eines Tages, wenn sie schon nicht mit ihrem Geliebten wieder vereinigt sein wird, sie wenigstens sein Schicksal kennen wird.

Als ich als Teenager in der Zeit nach Pinochet aufwuchs, hatte ich Probleme damit, meinen Mitschülern und Freunden meine Gefühle über die Diktatur mitzuteilen, denn viele von ihnen waren für Pinochet. Einige von ihnen, die zweifellos von ihren reichen Eltern entsprechend instruiert worden waren, sagten Dinge wie: "Pinochet ist ein Held" oder "Es ist wirklich schade, dass so viele sterben mussten, aber es war im Interesse unseres Land es". Nun bin ich immer wieder geschockt darüber, wie oft ich dieselbe Verteidigung von gebildeten Erwachsenen höre, Leute, die feigerweise sich weigern zu sehen, dass Tausende von Toten mehr sind als nur gesichtslose Nummern oder Kolateralschäden.

War - als ich noch sehr klein war - mein Babysitter und enger Freund der Familie Rodrigo Rojas nur ein Kolateralschaden, als man ihn bei lebendigem Leibe verbrannte und dann in einen Abwassergraben neben einer Straße warf? Kann wirtschaftliches Wachstum aufgewogen werden mit der Straffreiheit für die Täter solcher Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder dem Schmerz, den die Familie von Rodrigo erleiden musste?

Die gute Sache ist, dass die meisten Menschen nicht mehr so denken und die überwältigende öffentliche Reaktion in Chile auf die Nachricht von Pinochets Tod zeigte sich in einem Freudenfest, das dazu führte, dass in den Alkoholläden in Chile der Champagner ausging. Aber obwohl seine Korruption und seine Verbrechen nun weitgehend in der Öffentlichkeit verurteilt werden und Chile sogar ein früheres Folteropfer, Michelle Bachelet, zur Präsidentin gewählt hat, gehöre ich zu denen, die nicht feiern. Sein Tod ist viel zu passend für ihn und seine Unterstützer weil er nun nie mehr für seine Verbrechen verurteilt werden kann. Die Rechten, die unverfroren genug sind, zu ihrem "General" zu stehen, können nun für immer in ihrer Phantasiewelt leben. Glücklicherweise hat der Sprecher der Regierung verkündet, dass Pinochet kein Staatsbegräbnis erhalten wird. Nun ist der Kult um Pinochet endlich am Verklingen und der diesjährige Internationale Tag der Menschenrechte kann in die Geschichte eingehen als ein wahrhaft passender Tag.

Vielleicht bedeutet Pinochets Tod das wirkliche Ende des Kalten Krieges in Lateinamerika.

Anmerkungen:

Juan Antonio Montecino, ein früherer Student am Institute for Policy Studies, ist nun ein Student der Universität von Britisch-Kolumbien in Kanada und schreibt für Foreign Policy In Focus.
Übersetzt von: Fred Becher
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