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Überschwemmungen in Haiti

von Kevin Pina und Solange Echeverria

23.09.2004 — Flashpoints-Interview / ZNet

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Echeverria: Hört sich biblisch an: große Überschwemmungen, Hungersnöte, Tod.Pech nur für die Haitianer, daß wir nicht über eine ferne Zeit sprechen, sondern daß sich das hier und jetzt ereignet.Die Kräfte des haitianischen Volks werden durch politischeEntführungen, destabilisierende Diktaturen und verheerende Hurrikane weiter auf die Probe gestellt. Flashpoints-Sonderkorrespondent Kevin Pina ist heute wieder mit uns verbunden, bringt uns auf den neuesten Stand... Können Sie einfach mal kurz beschreiben, wie sich die Situation darstellt? Laut Berichten wurden in den USA mehrere Dutzend Menschen Opfer des Hurrikans. Nun zu den Opferzahlen der Haiti-Überschwemmungen: Wie sieht es dort im Vergleich zu hier mit Verwüstungen aus? Können Sie uns etwas dazu sagen?

 

Pina: Große Gebiete der gesamten Nordregion Haitis - vom Zentralplateau bis hinaufnach Cap Haitien, im Osten bis nach Port au Paix - stehen komplett unter Wasser.Bisher konnten etwa 600 Leichen geborgen werden. Schätzungen gehen imMoment von weit über 1000 Toten aus, als Bilanz, wenn alles vorbei ist. Mitarbeiter der UN und verschiedener Hilfsorganisationen versuchen derzeit, nach Nordendurchzukommen - natürlich eine sehr schwierige Aufgabe, angesichts der Überschwemmungen und Straßenbedingungen. Zudem muß man Folgendes begreifen: Nach der erzwungenen Amtsenthebung Aristides am 29. Februar wurde das Civil Protection Bureau (Zivilschutzbüro), das für Katastrophen dieser Art eingerichtet wurde - also gemeindeorientierte Organisationen (und) Strukturen wie dieses Büro, die unter der Regierung Aristide entstanden und sogar durch USAID finanziell unterstützt wurden... also selbst so positive Organisationen wie das Katastrophenhilfebüro bzw. die Leute, die dort arbeiteten, wurden aus dem Amt gejagt, (ihre) Büros verbrannt, die Leute mußten sich verstecken. Daher kommt es, daß die Bevölkerung der betroffenen Gebiete jetzt doppelt leidet - es existiert keine Infrastruktur, die auf eine Katastrophe dieser Größenordnung reagieren könnte.

Das bringt mich zu meiner nächsten Frage. Spielt Politik bei dem Ganzen eine Rolle - oder nicht? Vor allem in Hinblick auf die verheerenden Flutenim Mai, von denen sich die Haitianer noch immer nicht erholt haben - was hatPolitik damit zu tun? Und wie geht das neue Regime mit den Verheerungen um?

Wie gesagt, es existieren keine Strukturen; die Strukturen, die es gab, um aufdie Not der Bevölkerung zu reagieren, sind komplett zerschlagen undausgelöscht, vor allem in Gegenden wie Gonaives, wo der Tropensturm Jeanneam schlimmsten wütete. In Gonaives regieren inzwischen Wilfred (unverständlich) und Butteur Metayer, sie kontrollieren das Bürgermeisteramt, man kann die beiden ruhig als Gangsterbosse bezeichnen. Es ist eine Region, in der die ehemalige Armee die Patrouillen und die Sicherheit der Stadt (Gonaives) kontrolliert - trotz der Anwesenheit argentinischer Truppen. Letzten Monat war in der Region ein sehr problematischer Waffenstillstand zwischen UN-Truppen und den Ex-Militärs inkraft. Wir reden hier also von einer Region, die schon davor enorm litt: Aufgrund diesespolitischen Klimas und weil selbst so positive Organisationen wiedas „Office for Civil Defense and Protection“ zerschlagen wurden, müssendie Menschen von Gonaives weiter leiden - ohne Strukturen, die auf ihre Notreagieren könnten bzw. Soforthilfe in die Regionen bringen,Strukturen, die überwachen könnten, daß die Hilfe auch die richtigen Leute - also solche, die die Hilfe wirklich verdienen - erreicht und zwar möglichst schnell.

Kevin, wenn die internationale Gemeinschaft heute aufHaiti blickt, glauben Sie, sie begreift den Unterschied zwischen dem, was Aristidetat und dem, was die Regierung Latortue im Moment tut... Nach allem, was Siegerade sagen, scheint mir offensichtlich, daß die richtigen Leute, die Haiti jetzt helfen könnten, siehe Flut, sich momentan versteckt halten müssen, oder sie sind vermißt bzw. verschwunden. Glauben Sie, die internationale Gemeinschaft ist fähig, diesen Zusammenhang zu erkennen?

Ich denke nicht, aber die internationale Gemeinschaft wirdzahlen müssen. Letztendlich ist es die internationale Gemeinschaft, die aufder Rechnung sitzenbleibt - es existieren keine Strukturen, die Strukturen wurden praktisch abgebaut und zerstört. Leute, die bei so etwas Positivem wieHurrikanschutz mitmachten, müssen sich jetzt versteckthalten, nur weil das alles zufällig unter Aristide bzw. unter dessen Vorgängerregierung entstand. Das heißt, letztendlich wird es auf die UNO-Mitgliedsbeiträge der USAhinauslaufen, also letztendlich auf US-Steuergelder, sprich, Geld aus den Taschen amerikanischer Bürger. Extrakosten entstehen, weil Strukturen nicht länger existieren. Die UN muß als Lückenbüßer herhalten, sie muß für alles aufkommen und ihre Leute in kleinen Trupps und Konvois losschicken, damit Hilfsgüter die (betroffenen) Regionen erreichen, denn es existieren keine staatlichen Strukturen. Sämtliche Strukturen wurden abgeschafft, wie Sie vorhin schon sagten; vor allem Gonaives, das am stärksten betroffen ist und wo die Zahl der Toten am höchsten ist, wird praktisch von Gangstern, Schurken und Kriminellen regiert. Bisher zählt man in Gonaives 500 Tote, das meiste davon Kinder. Wir habenes hier mit einer Katastrophe zu tun, bei der die vorangegangene Katastrophe eine Rolle spielt: die erzwungene Abdankung der demokratischen Regierung.

Sie erwähnen... daß die UN den Lückenbüßer spielen muß.Seien wir ehrlich: Ist sie dazu in der Lage? Wenn sie versucht, den Haitianern zu helfen, welchen Hindernissen sieht sie sich gegenüber?

Sie (die UN) erwähnt immer wieder Sicherheitsbedenken. Zurecht. (Regionen) wie das Zentralplateau oder Hinche werden von der früheren Armee kontrolliert - es ist die gleiche Ex-Armee, der die UN ohne ein Wort zu verlieren, gestattete, langsam Stadt für Stadt einzunehmen, ohne sie irgendwie aufzuhalten. Im Grunde sind sowohl UN als auch die Regierung Latortue - erinnern wir uns, Gerard Latortue begrüßte exakt diese Truppen als “Freiheitskämpfer“ -, zu Opfern ihrer eigenen Politik geworden, sie sind Opfer der Konzessionen, die sie gegenüber den Ex-Militärs machten, die diese Regionen kontrollieren. Wenn die UN sagt, die Sicherheitslage sei ein Problem bei der Frage, ob Hilfskonvois in die Region durchkommen bzw. wenn es um diemedizinische Versorgung geht, um Hilfen, Trinkwasserverteilung, die Menschen haben ja kein Trinkwasser mehr, um Nahrungsmittelverteilung, die Leute haben ja nichts mehr zu essen, dann ist das natürlich eine berechtigte Befürchtung der UN, nämlich, ob sie in einer sicheren Umgebung wirken kann. Sie sind eben Opfer ihrer eigenen Politik geworden.

Da wir schon bei den Opfern sind: Die Abholzung der haitianischen Wälder -welche Rolle spielt dabei die Ökonomie Haitis? Und welche Folgen hatdas alles für Haiti?

Eine historische Frage, die man nicht so kurz beantworten kann, Solange.Das Ganze begann vor vielen Jahren, als die Franzosen das Holz ganzer Waldgebiete aus Haiti rausschafften, vor allem wertvolles Hartholz, (und ging weiter mit) einer korrupten Diktatur nach der andern. Dann natürlich die schwarzen Schweine, die durch die Politik der US-Regierung ausgerottet wurden. Verzeihen Sie mir den Ausdruck „Schweine-Bank“, aber die schwarzen Säue waren für die Bauern auf dem Land eben wirklich so eine Art „Schweine-Bank“. Anders ausgedrückt, die Schweine waren eine zusätzliche Einnahmequelle der Bauern im ländlichen Raum - immerhin 70% der Bevölkerung Haitis. Dann kamen die USA mit ihrer Behauptung, es herrsche „Schweinepest“; sie ersetzten die schwarzen Säue durch US-Schweine - pink-weiße Schweine. Jetzt mußten die Bauern mehr Geld für Schweinefutter ausgeben als sie für die eigene Familie zur Verfügung hatten - eine wirtschaftliche Katastrophe für den haitianischen Bauernstand. Die Schweine waren nicht länger die Schweine-Bank der Bauern. Stattdessen wurden die Bäume, die auf eigenem Grund wuchsen, zur bäuerlichen „Schweine-Bank“ - eben eine Bank, etwas, was man den Kindern hinterlassen kann. Natürlich sind Bäume in Haiti Brennstofflieferant - nicht nur zum kochen sondern auch für die chemischen Reinigungen, die überall in jeder größeren Stadt aus dem Boden schießen.Die Bauern bekommen viel Geld, wenn sie auf ihrem Land Bäume abholzen und an chemische Reinigungsbetriebe verkaufen, also an so einen reichen Schmock, der damit ein gutes Geschäft macht.Aber da die Bäume die Schweine-Bank der Bevölkerungsmehrheit undgleichzeitig das einzige flexible Einkommen darstellen - müssen sie auch herhalten, damit die Kinder die Schule besuchen können, bei Notfällen in der Familie oder wenn jemand krank ist. Solange es Diktat der Politik ist, daß Bäume die einzige verläßliche und flexible Einkommensquelle der Bauern sind, solange wird das Problem nicht gelöst, wird sich nie etwas ändern - eine gewaltige Katastrophe, die sicher auch eine große Rolle spielt bei den Überschwemmungen im Norden während des Tropensturms Jeanne.

Kevin, können Sie uns sagen, was den Haitianern jetzt unmittelbar bevorsteht - sogrob?

Die Zeiten sind sehr schwierig. Die Repression flammt erneut auf.Das Level der Repression wird derzeit hochgeschraubt, wenn man so will.Das betrifft auch viele Leute, die ich persönlich kenne;ich erhalte täglich jede Menge Anrufe - Panikanrufe. Menschenrechtsbüros werden angegriffen; Gewerkschaftsmitglieder werden grundlos verhaftet, auch Mitglieder religiöser Gemeinschaften werden ohne Grund verhaftet. Da ist diese Organisation „National Coalition of Haitian Rights“ (NCHR) - sie druckt Blankobeschuldigungen. Es geht um den 5. Dezember 2003. Sie behauptet, Lavalas (die Partei Aristides) habe damals das Universitätsgelände angegriffen. Das wird als Blankorechtfertigung verwendet, um jede Menge Leute, von denen behauptet wird, sie hätten etwas mit Lavalas zu tun oder sympathisierten mit ihr, zu verhaften, festzuhalten und einzusperren. Dieses ganze Versöhnungsgerede, das die heutige, von den USA eingesetzte Regierung noch immer von sich gibt, scheint nichts als leere Worte zu sein. Jedenfalls, solange sie auf Organisationen wie NCHR hört und zuläßt, daß die in Haiti weiter ein Klima der Hexenjagd schaffen, sehe ich nicht, wie Versöhnung je möglich sein soll.

Wenn jemand den Menschen Haitis helfen möchte, an wen sollte er oder sie sich wenden?

Ich denke am besten an www.haitiaction.net Auf deren Website finden Sie ganzoben eine Organisation, die sich „Haiti Emergency Relief Fund“ nennt (HERF).Ich weiß, daß diese Leute mit verschiedenen Gruppen zusammenarbeiten, die sich für die Rechte von Opfern einsetzen, und ich denke, sie sind derzeit auch im Norden vor Ort.

Vielen Dank, Kevin. Wir sprechen uns hoffentlich bald wieder.

 

Orginalartikel: Haiti Floods
Übersetzt von: Andrea Noll
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