Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Artikel Um den Terror zu beenden, brauchen wir die Wahrheit
Artikelaktionen

Um den Terror zu beenden, brauchen wir die Wahrheit

von David Bacon

16.09.2001 — ZNet

— abgelegt unter:

SAN FRANCISCO, CA (16.09.2001) Das katastrophale Ausmaß und die hohe Zahl an unschuldigen Opfern in den letzten Terrorattacken sollten Grund genug sein, um ihre Ursprünge genau anzuschauen. Und auch die noch größere Gefahr, dass weitere Selbstmordangriffe, in denen möglicherweise Massenvernichtungswaffen eingesetzt werden können, macht eine gründliche Prüfung unbedingt notwendig. Der Kongress hat dem Präsidenten praktisch eine unbegrenzte Kriegsvollmacht gegeben, und der frühere Verteidigungsminister William Cohen schlägt sogar die Verwendung von nuklearen Waffen gegen Terroristen vor. Diese Schritte könnten zum Verlust von Millionen von Leben führen, sowie zu schrecklichen Folgen, von denen sich unser Planet nie wieder erholen könnte.

Wenn, wie sie sagen, die Angriffe auf das World Trade Center und das Pentagon alles veränderten, dann sollten wir vielleicht bereit sein, ihre historischen Wurzeln zu finden. Wir sind jetzt aufgerufen, einen Krieg gegen einen Feind zu erklären, der noch nicht benannt werden kann, bürgerliche Freiheiten für die Sicherheit zu opfern und noch mehr Geld für das Militär auszugeben. Geld, das wir dringend brauchen, um unsere sozialen Probleme zu lösen. Ein Blick auf die historische Wahrheit kann uns dabei helfen, zu entscheiden, wie wir hier ankamen, wer die Feinde sein könnten, und ob das allumfassende Netz Amerikanischer Politik verantwortlich sein könnte, wenigstens teilweise, indem es diese Feinde geschaffen hätte.

Andere Länder, die ähnlichen traumatischen Änderungen gegenüberstehen, die sie aus der Vergangenheit reißen, haben einen Weg geebnet, um ihre eigene Geschichte zu hinterfragen, und jene Fragen zu beantworten, welche wir uns jetzt stellen sollten. In El Salvador, Guatemala, Südafrika und woanders auch wurden Wahrheitsfindungskommissionen gegründet, um die tatsächliche Geschichte jedes Landes öffentlich bekannt zu machen. Solche Erkenntnis ist ein notwendiger Schritt zu Änderung.

Den Vereinigten Staaten ist dieser Prozess nicht fremd. Nach dem Ende des Vietnam-Krieges hielt Senator Frank Church Anhörungen, in denen einige von den „Geistern" des Kalten Krieges vor die Öffentlichkeit traten. Dieser Prozess dauerte jedoch nur kurz, und die für die Greueltaten des Kalten Krieges verantwortliche Politik wurde nie richtig in Frage gestellt. Als ein Ergebnis wurden die Geister nie in den Ruhestand geschickt. Und wir leben heute noch immer mit ihnen, und in New York und Washington starben Tausende für sie.

Der massive gesellschaftliche Aufruhr in der Heimat erzwang nach dem Vietnam-Krieg diese Prüfung, nachdem es über eine Million tote Vietnamesen und 40,000 Amerikanische Soldaten gegeben hatte. Bevor die Menschen dieses und anderer Länder einen ähnlichen Preis bezahlen, müssen wir die Geschichte wieder überprüfen.

Die Wurzeln der Terrorangriffe in New York und Washington liegen im Kalten Krieg. Solange dieser nicht wirklich beendet und seine Folgen entwirrt werden, wird es keine Sicherheit für das Amerikanische Volk geben.

Es scheint sehr wahrscheinlich, dass die Gruppen, die jetzt beschuldigt werden, diese Angriffe begangen zu haben, ihre Wurzeln in den Truppen haben, die in Afghanistan aufgestellt wurden, um die Sowjet Union zu bekämpfen. Zumindest dies ist mittlerweile öffentlich bekannt. Jedoch warum hat die Amerikanische Politik diese Kräfte unterstützt, einschließlich Osama Bin Laden, damals noch ein junger Mann aus der oberen Mittelschicht Saudiarabiens?

In den Siebzigern kam in Afghanistan eine moderate reformorientierte Regierung an die Macht. Eine linksorientierte Bewegung, die die Demokratisierung der afganischen Gesellschaft anstrebte. Sie startete eine Bildungsoffensive und baute Schulen und Kliniken in ländlichen Gebieten. Sie setzte sich dafür ein, die Unterdrückung der Frauen in Bereichen der Bildung zu beenden. Sie plädierte für die Ablegung des Schleiers (Purdah). Sie sprach (manchmal auch mehr als das) von einer Landreform, wodurch sie die Feindschaft der traditionellen Elemente in der afghanischen Gesellschaft auf sich zog und die dann anfingen, bewaffnete Angriffe auf Regierungsmitglieder zu organisieren, sowie auf jene, die den Analphabetismus bekämpften und Ziele der Regierung verfolgten.

In einer anderen Ära hätten möglicherweise solche internen Konflikte unter Afghanen selbst gelöst werden können. Nun jedoch sahen die Kräfte des rechten Flügels, des religiösen Extremismus, ihre Stunde nahen.

Die mit Afghanistan gemeinsame Grenze und die freundlichen Beziehungen mit der Sowjet Union machten jedoch dieses Land zu einem attraktiven Ziel für eine Destabilisierung im Sinne des Kalten Kriegs. Die Britischen und Amerikanischen Geheimdienste förderten mit Hilfe des Pakistanischen Geheimdienstes jene Oppositionsgruppen, die die Afganische Regierung bekämpften. Als dann tatsächlich ein Bürgerkrieg drohte, appellierte die afganische Regierung an die Sowjet Union, militärische Hilfe zu leisten. Und der Krieg brach aus. Ab diesem Zeitpunkt, gaben die USA gaben noch mehr Geld aus, um Trainingslager für die fundamentalistischen Gruppen auszubilden und diesen mit Waffen zu versorgen. Die hier gespendeten Gelder sind mehr als die für den Contra-Krieg in Nicaragua und die Bekämpfung von Aufständischen in El Salvador zusammen. Geheimdienste träumten davon, diesen Kriege selbst in dem sowjetischen Zentralasien zu exportieren. Und nach dem Zerfall der Sowjet Union breitete sich der Konflikt in der Tat nach Norden aus.

Jene, die für ein säkulares Afghanistan, sozialen Fortschritt und Gerechtigkeit standen, wurden ermordet, ins Exil getrieben oder zum Schweigen gebracht. In der Zwischenzeit, kamen militärische Führer, unterstützt von sowjetischen Truppen, die ihre eigenen Ziele im Bürgerkrieg verfolgten, und ersetzten die Reformer.

Die Amerikanische Hilfe konzentrierte sich dann auf eine philosophische Bewegung, die konservativ religiöse Doktrin mit Nationalismus kombinierte. Nachdem diese die Sowjets in Afghanistan besiegt hatte, richtete sich diese Philosophie gegen die USA und benutzte dazu Ressourcen, die ursprünglich von unserer Regierung geliefert wurden, von Leuten, die ehemals vom Amerikanischen Geheimdienstagenten als "Vermögenswerte" angesehen wurden, einschließlich Mitglieder des Pakistanischen Inlandsgeheimdienstes. Die neue Ausrichtung dieser Philosophie wird von der zunehmenden Amerikanischen militärischen Präsenz in den Mittleren Osten genährt und den Öl-Interessen, die sie schützt, von der Amerikanischen Unterstützung für Israel, sowie von den Bombenangriffen und den Sanktionen gegen den Irak.

Welche Fragen, sollte eine Wahrheitskommission, die aufgrund der aktuellen Tragödie gebildet wird, stellen? Und wer könnte Antworten geben?

War eine Politik, die auf der Destabilisierung der Sowjet Union gründete, eine genügende Rechtfertigung für die Entscheidung der USA, einen Krieg gegen eine Regierung zu unterstützen, die mehr von unseren erklärten Werten vertrat, als jene, die wir bewaffneten, um eben gegen diese Regierung zu kämpfen? Würden jene ehemaligen nationalen Sicherheitsberater, die diese Entscheidung trafen, jetzt für ihre Folgen gerade stehen? In einer angeblich Post-Kalten-Krieg-Welt, scheinen die militärischen Eingriffe, die die Politik des Kalten Krieges charakterisierten, noch lange nicht zu Ende. Ist diese Politik in Jugoslawien, Irak, Osteuropa, Kuba, Vietnam, Korea, Kolumbien und woanders auch im Grunde unverändert? Verursachen heutige Eingriffe möglicherweise Terrorismus so wie sie Krieg in Afghanistan produzieren?

Und hinter den Soldaten und den Gewehren, wessen Interessen werden eigentlich verteidigt? Unterstützen wir jene in anderen Ländern, die soziale Gleichheit und Gerechtigkeit suchen, oder jene, die gegen sie kämpfen?

Für die Länder, die als Schlachtfelder gedient haben, wie El Salvador, Vietnam, Jugoslawien, Irak und eben Afghanistan selbst, was muss gemacht werden, um den Schaden jener Jahrzehnte wieder gutzumachen und zu helfen, stabile Gesellschaften zu schaffen, die für den Vorteil der überwiegenden Mehrheit ihrer Bürger arbeiten?

Die USA könnten helfen, das Zerstörte wiederaufzubauen, eher als Afghanistan zurück ins Steinzeitalter zu bomben, um die alte Kaltkrieg-Redewendung zu benutzen. Sie könnten jene Freie-Marktpolitik beenden, die Armut für Millionen von Menschen bedeutet. Oder wir könnten die Geschichte der militärischen Eingriffe des Kalten Krieges in Unterstützung genau jener Politik fortsetzen.

Welche wäre die bessere Verteidigung gegen Terrorismus?

Artikelaktionen