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Unabhängige Berichterstattung im Irak

von Dahr Jamail und Justin Podur

24.03.2004 — ZNet

— abgelegt unter:
Dahr Jamail berichtete im letzten Jahr mehrere Monate direkt aus dem Irak – für unabhängige Medien wie ‚The NewStandard‘*. Jamail plant, im April in den Irak zurückzukehren und seine Berichterstattung fortzusetzen. Zur Zeit tourt er und versucht, genug Geld für diesen Zweck aufzubringen (siehe The NewStandard online: www.newstandardnews.net/dahr).

Sie sind ein unabhängiger Journalist ohne mächtige Medienorganisation im Hintergrund. Folglich werden Sie sicherlich nicht viel Zugang zu den Besatzungbehörden haben, zu offiziellen Quellen generell. Sie sind in keine Militäreinheit irgendwelcher Art „eingebettet“. Sie verfügen über keine großen Summen - für lokale Übersetzer oder Assistenten. Was haben sie zu bieten – im Gegensatz zu den Schwärmen von Journalisten, die im Irak sowohl Ressourcen als auch ‚Zugang‘ haben? Und warum?

Was ich im Gegensatz zu den US-Konzernmedien zu bieten habe - als unabhängiger Journalist im Irak - ist, dass ich auf die Straße gehe und mit Irakern rede. Ich halte mich nicht an die Regeln, die die CPA (Provisorische Behörde der Koalition) an die Journalisten des Medien-Mainstream ausgibt. Generell ist zu sagen, die Leute der Konzern-Medien im Irak verlassen ihre Hotels nur dann, wenn das Militär sagt, da und da ist es okay. Anschließend kommen sie zurück und schreiben ihre Story – und haben dabei normalerweise die Tendenz, alles nachzuplappern, womit sie das ‚Presseinformationszentrum der Koalition‘ (CPIC) gefüttert hat. Bei mehreren Gelegenheiten kam ich an einem Parkplatz vorbei, auf dem die ganzen Fahrzeugen von CNN, Fox, usw. stehen. Die haben dort am hellichten Tag geparkt. „Warum sind sie nicht Tag für Tag draußen auf der Straße?“ habe ich mich gefragt. „Dieses Land befindet sich in einer Spirale zur Unkontrollierbarkeit und die sitzen im Hotel. Warum?“ Ich habe gute Übersetzer, die ich auch einsetze... Ich gehe das Risiko ein und fahre nach einem Bombenanschlag nach Falludschah, um mit den Leuten zu sprechen und ihre Meinung zu hören. Ich gehe zu Beerdigungen von Irakern, die von Amerikanern getötet wurden, weil ich die irakische Seite der Story will. Ich gehe in Krankenhäuser und rede mit den Opfern von US-Aggression. Bei all diesen Aktivitäten treffe ich nie auf Journalisten der Konzernmedien, die dasselbe täten. Was meine Leser von mir erwarten können: die andere Seite der Geschichte, die über die die Konzern-Medien einfach nicht berichten, meist ist es die irakische Seite. Meine Stories stützen sich auf Fakten. Wenn ich jemanden zitiere, dann mit vollem Namen und seiner Position. In den Stories der Konzernmedien, die heutzutage aus dem Irak kommen, ist das kaum der Fall. Ich habe nachgeforscht, welche Fortschritte Bechtel beim irakischen „Wiederaufbau“ macht – bestenfalls trostlos. Die Schreiber der meisten Reportagen der Konzernmedien zum Thema, soweit von mir gelesen, plapperten auch hier einfach nur papageienhaft nach, was die Bechtel-PR in sie hineinfütterte. Ich habe an einer investigativen Reportage mitgewirkt, in der es um die Fortschritte Bechtels im Bereich Wiederherstellung der Wasser-Infrastruktur – gemäß deren Vertrag - geht. Darin berichte ich auch über einige positive Dinge, die sie zustandegebracht haben. Natürlich stieß ich auf wenig (Positives), und das meiste, was sie zustandebrachten, hat den Irakern nicht zu mehr Trinkwasser verholfen. In den Konzernmedien war darüber nirgends was zu lesen. Meine Stories für den NewStandard sind mehrfach und von verschiedenen Leuten faktengeprüft worden. Bei Leuten, die ich in meinen Artikeln zitiere, mache ich hinsichtlich des Namens nur dann eine Ausnahme, wenn sie mich im Hinblick auf ihre Sicherheit darum bitten, anonym zu bleiben. Ich glaube, Job der Medien ist es, die Quellen der Macht im Auge zu behalten. Im Irak heißen diese Quellen Militär, CPA, Bechtel, Halliburton und Konsorten. Investigativer Journalismus – für mich bedeutet das, Risiken eingehen und den Dreck an den Händen nicht zu scheuen. Ich glaube, wenn ein Viertel der Leute in den USA wüsste, wie sie hinsichtlich Irak betrogen werden – da werden Milliarden von Steuerzahler-Dollars buchstäblich geklaut und das Blut amerikanischer Soldaten für Konzernprofite vergossen -, wir hätten längst ein Amtsenthebungsverfahren. Die Tatsache, dass Medien in Konzernbesitz nicht darüber berichten, überrascht mich zwar nicht, ist aber doch äußerst empörend.

Hatten Sie häufig mit sogenannten „Eingebetteten“ zu tun, beziehungsweise mit Konzern-Journalisten?

Nein – abgesehen von einer CPIC-Pressekonferenz, auf der ich war. Ich habe mir das angehört, wie diese Leute General Kimmit und Bremers Sprecher (Marionette) Mr. Dan Senor mit Softbällen bewarfen. Aber draußen treffe ich diese Leute so gut wie nie – ganz einfach, weil sie ihre Hotels typischerweise nur dann verlassen, wenn das Militär ihnen sagt, da und da ist es okay. Mir wurde zudem gesagt, einige der Mainstream-Medienleute haben gar keine Erlaubnis, das Hotel nach 17 Uhr zu verlassen, aus versicherungsrechtlichen Gründen.

Haben diese Journalisten tatsächlich so wenig Ahnung, wie es scheint? Ich meine, versuchen sie, die Dinge zu veröffentlichen und scheitern dann an der Redaktion oder zensieren sie sich gleich selbst?

Bei den Leuten, mit denen ich es zu tun hatte, müsste die Antwort lauten: ja und nein. Sicher gibt es Zensur von oben – selbst Christiann Ammanpour von CNN hat das vor einiger Zeit öffentlich gesagt. Die meisten scheinen allerdings zu ängstlich, um rauszugehen und die Story von den Irakern selbst zu hören. Sie tragen schusssichere Westen, Helme und haben diese generelle Wir-gegen-sie-Haltung, wenn‘s um das irakische Volk geht – wie die US-Soldaten. Viele versuchen, das Hotel nur dann zu verlassen, wenn es nicht anders geht, ganz simpel.

Nennen Sie uns einige Stories, die Sie gebracht haben und die die verpassten.

Das, was ich oben erwähne, hauptsächlich – Folter, Razzien in Privathäusern, Menschen, die darunter leiden, dass es an Gas mangelt, die grobschlächtige Taktik des US-Militärs oder wie die Mehrheit der Iraker über die Okkupation denkt, etc.. Ich selbst habe eine Story ans Licht gebracht, die kein Organ der Konzernmedien bringen wollte. Dabei ging es um Oberschüler aus Amiriyah, Bagdad, die vom US-Militär verhaftet wurden, weil sie kurz nach Saddams Festnahme eine Pro-Saddam-Demo veranstalteten. Ich habe die Story zusammen mit David Enders – im AP-Stil - geschrieben. Wir boten sie unzähligen Mainstream-Medien an – New York Times, Washington Post, AP, usw.. – keiner hat sie gebracht. Wir haben sie dennoch rausgebracht – im Netz: electroniqiraq.net, truthout.org, usw.. Das meiste, was ich berichte, kommt nie im Mainstream an.

Mit ihrer Erfahrung aus erster Hand – kommentieren sie uns doch bitte die aktuellen Mainstream-Debatten. Haben Sie zum Beispiel eine Idee, wer hinter den Bomben auf die schiitischen Moscheen stecken könnte?

Die meisten Iraker glauben, dahinter steckt die CIA. Sie glauben, das US-Militär im Irak und die CIA ziehen einen gespaltenen Irak vor, selbst wenn das Bürgerkrieg bedeutet – weil sie das besser managen und kontrollieren können. Ein geeinter Irak sei das Letzte, was diese Leute wollten. Erscheint mir sehr glaubwürdig. Natürlich gibt es auch noch andere Möglichkeiten. Al Kaida oder andere Terrorgruppen aus dem Ausland könnten dahinterstecken – Terrorgruppen, die in den Irak kamen, um die Amerikaner zu bekämpfen.

Und wer steckt hinter den Plünderungen kurz nach Kriegsende?

Das kann niemand mit Sicherheit sagen. Einige Iraker (unter anderem Freunde von mir, die Augenzeugen waren) berichten – übrigens auch einige unabhängige Journalisten, wie Robert Fisk – man hätte Busladungen von Männern zu ganz bestimmten Gebäuden transportiert, damit sie plündern und zerstören. Diese Busse hätten die militärischen Checkpoints der Amerikaner oft ungehindert passiert. Wer die Männer genau waren, darüber gibt es lediglich Spekulationen; viele meiner Freunde haben das Gefühl, es waren von den Amerikanern bezahlte Leute... via Kontraktoren, wie bei Bechtel.

Wie verhalten sich die unterschiedlichen politischen und ethnischen Gruppen zur Besatzung?

Die einzige Gruppe, die ich je getroffen habe, die die Besatzung unterstützte, war eine kurdische Gruppe. Alle andern waren ganz entschieden dagegen – selbst die Schiiten. Sie sagten, es ginge Ihnen jetzt schlechter als sogar unter Saddam! Aber selbst die Kurden, mit ihrer lauwarmen Unterstützung, gaben zu, dass sie denken, die Amerikaner sind nur wegen des Öls hier. Man solle ihnen noch ein bisschen Zeit geben, um die Dinge ins Lot zu bringen... allerdings nur ein paar Jahre, nicht mehr, dann müssten sie den Irak wieder verlassen. Der IGC (Irakischer Verwaltungsrat) wurde quer durch das Spektrum von allen gehasst, mit denen ich sprach. Alle wollten ihn zerschmettern. Und alle wollen ihre eigenen Wahlen. Generell wollen die Menschen – wie die, die ich gerade nannte -, aus unterschiedlichen Gründen kein fremdes Militär im Land. Die meisten Leute fragen inzwischen, warum sind die immer noch hier? Wenn es bei diesem Krieg nicht um Öl ging, was tun sie dann noch im Irak, jetzt, wo Saddam weg ist und es bewiesenermaßen keine WMDs (Massenvernichtungswaffen) gibt?

Was ist Ihre Meinung in puncto „Objektivität“ und „Neutralität“ der Medien? Wenn man Mainstream-Journalisten – vor allem amerikanische – aus dem Irak berichten hört, so scheinen sie hin- und hergerissen zwischen Nationalismus und der Idee von „Objektivität“ und „Balance“. Zum Schluss behält meistens der Nationalismus die Oberhand. Wie sehen Sie sich selbst – glauben Sie, Sie sind objektiver? Und falls nicht objektiver, sind Sie zumindest fairer und ausgewogener? Oder was ist Ihre Agenda?

Ich glaube, für einen Menschen ist es unmöglich, hundertprozentig objektiv zu sein. Jeder von uns sieht die Welt auf seine eigene, spezifische Weise. Wir treffen eine Auswahl – was wir sehen, was wir ignorieren. Ein Journalist hat das miteinzubeziehen. Nichtsdestotrotz – ich fühle, es ist mein Job, über sämtliche Seiten einer Story zu berichten. Wenn ich das Gefühl habe, sie haben etwas gut gemacht (die Amerikaner), was selten genug vorkommt, berichte ich auch darüber. Meiner Meinung nach basiert die Irak-Invasion der Amerikaner auf Lügen, die die Bush-Administration erzählt hat... Andererseits würde ich es als unehrlich empfinden, wenn ich nicht auch über das Positive berichte, das die US-Präsenz im Irak erreicht. Aber lassen Sie mich ein Beispiel nennen für eine Disparität, wie ich sie im Irak quasi täglich erlebt habe. Ich berichtete über den Angriff auf eine US-Patrouille in Khaldiya – das liegt relativ nahe bei Ramadi. Die Patrouille wurde von einer ‚Improvisierten Explosivvorrichtung‘ getroffen. Das US-Militär berichtete, drei Soldaten seien getötet worden und ein irakischer Zivilist noch vor Ort. Natürlich haben das die meisten Konzern-Medien einfach so nachgeplappert. Am Tag nach dem Anschlag war ich vor Ort. Jeder Augenzeuge, mit dem ich sprach, inklusive eines irakischen Polizisten, berichtete von mehr als 3 toten Amerikanern. Anschließend begab ich mich in das Krankenhaus von Ramadi, wo alle irakischen Opfer hingebracht wurden. Dort erfuhr ich, es wären 3 Leichen ins Krankenhaus gebracht worden, und 3 der Verletzten seien inzwischen auch gestorben.

Bin ich voreingenommen, wenn ich beide Seiten der Geschichte wiedergebe? Ich fühle mich als guter Journalist, wenn ich sowohl wiedergebe, was das US-Militär verlautbarte, als auch das, was mir die Iraker über das gleiche Geschehnis berichten. Und genau das tun die Konzern-Medien im Irak nicht. Bin ich bei meiner Berichterstattung parteiisch? Dann in folgendem Sinne: Ich glaube, es ist von übergeordneter Bedeutung, über den Preis der Besatzung im Irak zu berichten. Mit ‚Preis ‘ meine ich vor allem den Preis an Menschenleben, die Opferbilanz, sowohl auf irakischer als auch amerikanischer Seite (amerikanische Soldaten). Diese Opferbilanz verschweigen die Mainstream-Medien der USA. Wie die Invasion zerstört auch die blutige, brutale Okkupation das Leben der Menschen. Stimmt, wir leben heute in einem globalen Dorf – in einem Dorf, in dem das, was im Irak passiert, irgendwann direkte Auswirkungen auf uns, in den USA, haben wird. Die agressive Handlungsweise der Amerikaner im Irak wird Generationen von Irakern hervorbringen, die extrem anti US-Regierung eingestellt sind. Wie wirkt sich das aus? Es wird sich in irgendeiner Form auf uns alle auswirken – auch wenn wir auf der anderen Seite der Welt leben. Aber so sehr es mir auch am Herzen liegt, das alles deutlich zu machen, und so sehr ich mir das Ende der Okkupation wünsche, ich würde für meine Überzeugung nie die Fakten verzerren oder falsch berichterstatten. Wäre ich dazu bereit, hätte ich kein Recht, mich Journalist zu nennen.

Auf der Website von The NewStandard finden Sie mehrere Artikel von Dahr Jamail – sowie eine Zine, inklusive Fotos und Stories:

Anmerkung d. Übersetzerin

* The NewStandard ist ein neues Internet-Zeitungsprojekt, an dem Justin Podur mitwirkt. Es ist ein Projekt von ‚Peoples Networks‘, das unsere Unterstützung dringend braucht: www.newstandardnews.net

Übersetzt von: Andrea Noll
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