Unser kleines Mädchen wurde durch einen Selbstmordattentäter getötet...
von Alexandra Williams
29.06.2002 — The Mirror / ZNet
Jerusalem. Ein großer, roter „Befreit Palästina“-Sticker prangt gut sichtbar an der vorderen Haustür der Elhanan-Familie. Aber das hier ist keineswegs ein palästinensisches Gebäude in den „Besetzten Gebieten“. Nein, bemerkenswerterweise steht dieses Haus in einem wohlhabenden Viertel Jerusalems u. gehört einem Ehepaar, dessen 14jährige Tochter Smadar durch einen palästinensischen Selbstmordbomber getötet wurde. Aber anstatt an Rache zu denken u. zu hassen, kämpfen Nurit Elhanan u. ihr Mann Rami - beide 52 - für den Frieden. Sie haben eine Kampagne gestartet, mit der sie sich für ein Ende der israelischen Okkupation in den palästinensischen Gebieten einsetzen. Und sie nennen die Okkupation ein Krebsgeschwür, das den Terror nährt. Nurit - sie hat den Doktortitel u. lehrt an der israelischen Hebrew University Sprachen -, sagt: “Keine echte Mutter, (deren Kind getötet wurde,) könnte sich damit trösten, dass auch das Kind einer anderen Mutter getötet wird. Israel verwandelt sich mittlerweile in einen Friedhof für Kinder. Das „Heilige Land“ wird zum Brachland.“ Und ihr Mann Rami, ein Grafikdesigner, stimmt zu: “Wenn ein israelisches Kind stirbt u. am nächsten Tag ein palästinensisches - wo ist da die Lösung? Unsere Tochter starb aufgrund des Terrors der israelischen Okkupation. Jedes unschuldige Opfer auf beiden Seiten ist letztendlich ein Opfer dieser Besatzung. Die Okkupation ist das Krebsgeschwür, das den palästinensischen Terror nährt“.
Letzte Woche - nach zwei Selbstmordattentaten u. einer Schießerei, durch die insgesamt 30 Israelis ihr Leben verloren -, verschärfte Israel seine militärische Taktik. Dies führte zum Tod mehrerer unschuldiger Palästinenser - allein am Freitag mußten 5 (palästinensische) Kinder sterben. Rami: “Über den Tod der palästinensischen Kinder in Dschenin war ich ebenso erschüttert wie einen Tag zuvor über den Tod dieser Israelis durch den Selbstmordbomber. Die Palästinenser weinen u. trauern exakt genauso wie wir Israelis. In unsern Adern fließt ja dasselbe Blut“. Einige werfen dem Ehepaar vor, die Selbstmordattentäter zu entschuldigen. Auf einer Friedensdemonstration beschimpfte sie ein Israeli als “linke Verräter“ u. fügte hinzu: “Schade, dass sie euch nicht zusammen mit eurer Tochter hochgejagt haben!“
Smadar war das Opfer eines palästinensischen Doppelanschlags geworden, der sich im September 1997 in Jerusalem ereignet hat. Es geschah um 15 Uhr nachmittags - am ersten Schultag gleich nach den Ferien. Smadar wollte zusammen mit zwei ihrer besten Freundinnen noch Schulbücher einkaufen. Als die verängstigten Einkaufspassanten vor dem ersten Bombenattentäter flüchten wollten, rannten sie direkt in den zweiten Terroristen rein, der daraufhin seine tödliche Vorrichtung zündete. Smadar u. eine ihrer Freundinnen waren sofort tot. Die zweite lag noch 6 Monate im Koma. 5 Jahre später ist der Schmerz für deren Familie noch immer so überwältigend, dass sie nicht über die Sache reden können. Ramis Vater überlebte Auschwitz, seine Großeltern, Onkeln u. Tanten dagegen kamen im Holocaust um. Er sagt: “Unsere wunderschöne Tochter verloren zu haben, ist ein so unerträglicher Schmerz. Trotzdem ist unser Haus kein Haus des Hasses. Du mußt dich entscheiden: entweder du versinkst in deiner Trauer u. wartest auf den Tod oder du kannst versuchen, etwas Sinnvolles zu machen. Wir haben Kontakt zu Leuten auf der anderen Seite gesucht, die in derselben Situation sind. Inzwischen haben wir viele palästinensische Freunde - Eltern, die auch ihre Kinder verloren haben. Wir haben die Macht. Wir konnten nicht einfach den Mund halten. Wir müssen uns an die Welt wenden. Unser Unglück hat uns diese Macht verliehen“.
Es gibt Leute, die sagen, auch ein Ende der Okkupation werde die Selbstmordattentäter nicht davon abhalten weiterzumachen. Hamas u. der Islamische Dschihad hätten ja geschworen, ihre Aktionen fortzusetzen - solange, bis die Juden aus Israel vertrieben sind. Aber Rami u. Nurit argumentieren dagegen, Terrororganisationen bezögen ihre Stärke ja aus der Verfolgungssituation eines Volks. Nurit: “Hamas ist nur mächtig durch die Wut. Wenn man den Menschen aber ihre Würde zurückgibt, ihre Ehre u. ihren Wohlstand - nämlich durch das Ende der Okkupation - dann verliert Hamas seine Stärke“. Und Rami ergänzt: “Nehmen wir an, ein Mann hat Krebs in seinem Bein. Er geht zum Doktor u. fragt, ob er, wenn er das Bein amputieren läßt, auch wieder ganz gesund wird. Kein Doktor der Welt würde jetzt natürlich antworten: “Ja, ganz bestimmt kommt alles wieder in Ordnung!“ Aber andererseits würde auch kein Doktor sagen: “Laß es nicht wegmachen!“. Wenn wir uns aus Gaza u. der Westbank zurückziehen, ist das einfach das Beste - sowohl für die Palästinenser als auch für uns.“
Nurit u. Rami haben drei Söhne: Elik, 25, Guy,23 u. Yigal, 10. Elik u. Guy - beide studieren derzeit in Paris -, taten als Wehrpflichtige Dienst in der Israelischen Armee. Sie wurden bei den Kämpfen an der libanesischen Grenze eingesetzt. Ihre Eltern sind sich sicher: werden ihre Söhne heute erneut eingezogen, werden sie den Dienst in den „Besetzten Gebieten“ verweigern. Rami selbst ist Veteran des Jom-Kippur-Kriegs von 1973 u. hat auch an der israelischen Libanon-Invasion von 1982 teilgenommen. Er sagt: “Die Refuseniks* sind die eigentlichen Helden“. Die Wut des Paares richtet sich weniger gegen den Attentäter selbst, der ihre Tochter auf dem Gewissen hat, als vielmehr gegen Israels Premier Scharon, Palästinenserführer Jassir Arafat u. Amerika. Nurit sagt: “Die Front in diesem Krieg verläuft nicht zwischen dem israelischen u. dem palästinensischen Volk - vielmehr (zwischen uns) u. diesen todbringenden Männern, die sich „Führer“ nennen. Die USA sind zu zögerlich, außerdem haben sie diese Situation hier satt. Und der Rest der Welt macht einfach weiter, als ob es dieses Blutvergießen überhaupt nicht gäbe“.
Nurit u. Rami Elhanan haben das „Forum für verwaiste Familien“ („Bereaved Family Forum“) gegründet - gemeinsam mit dem Palästinenser Izzat Ghazzawi, dessen 16jähriger Sohn Ramy von der israelischen Armee getötet wurde. Im letzten Dezember wurde Nurit u. Izzat deswegen vom Europäischen Parlament der „Sacharow-Preis“ verliehen - ein Preis für freie Aussprache. Nurit sagt: “Ich bin oft gefragt worden, ob ich mich nicht rächen will für den Tod meines kleinen Mädchens - das ja nur sterben mußte, weil es als Israelin zur Welt kam, ermordet von einem jungen Mann, der hoffnungslos war, nur weil er als Palästinenser zur Welt kam - u. zwar so hoffnungslos, dass er zu Mord u. Selbstmord fähig war. (Wenn mir diese Frage gestellt wird,) dann antworte ich immer mit dem hebräischen Dichter Bialik, der sagt: “Selbst Satan hat noch keine Methode gefunden, das Blut eines (kleinen) Kindes zu rächen“.
*Refuseniks sind die israelischen Kriegsdienstverweigerer
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