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Unsere geckenhafte Selbstgerechtigkeit

von Shulamit Aloni

23.07.2003 — Ha'aretz / ZNet Deutschland

— abgelegt unter:

Seit Beginn der Intifada sind mehr als 800 Israelis, meist Zivilisten von Palästinensern getötet worden. Wir nennen dies zu recht „Mord“. Einige wurden durch Selbstmordattentäter getötet, die andern durch andere Mordinstrumente. Zur selben Zeit sind mehr als 2200 Palästinenser durch Israelis getötet wurden – einige als bewaffnete Verdächtige und fast alle mit den Waffen unserer Soldaten. Wir nennen diese Todesfälle nicht „Morde“.

Aber vielleicht sollten diese Tötungen auch als Morde bezeichnet werden. All diese Todesmaschinen, die vom Himmel kommen, die Panzer und Scharfschützen sind auf den „Feind“ ausgerichtet, wie der Generalstabschef sagt oder in „kriegerischen Operationen“, wie der Judge Advocate (Staatsanwalt?) General (JAG) Menachim Finkelstein sagt. Und deswegen ist es unnötig, die Soldaten zu verhören und die Mörder von Zivilisten gerichtlich zu belangen. Außerdem, fügt der gesetzestreue JAG hinzu, ist es unmöglich 2000 Untersuchungen über 2000 Todesfälle durchzuführen.“ (Haaretz 10.Juli 2003) Aber er führte keine Untersuchungen durch, als es nur 50 Fälle von ermordeten Palästinensern gab oder als es 100 davon gab. Also warum soll man Mörder und Peiniger/ Rechtsbrecher vor Gericht bringen, jetzt wo es so viele sind. Moment mal, er fand schließlich acht Fälle, Schießunfälle, die untersucht werden müssen.

Und natürlich kann man jüdisches Blut nicht mit palästinensischem Blut vergleichen. Die Palästinenser benützen die schreckliche Waffe des Selbstmords, während auf unserer Seite alles ästhetisch und elegant ist. Bomben fallen vom Himmel und die Piloten gehen sicher nach Hause; die Panzer feuern mit Granaten voll spitzer Pfeile, und unsere gedrillten Scharfschützen treffen jedes ihrer Ziele. Natürlich fragt keiner jemals : welches Ziel? Wir bekämpfen den „Feind“ und eine große Zahl der „Morde“ sind Kriegshandlungen. Natürlich bekämpfen sie – die Palästinenser – nicht einen Feind. Sie bekämpfen eine aufgeklärte Besatzung, die darum gepokert hat, ihnen die letzten 36 Jahre die Herrschaft zu übertragen, fand es aber sehr schwierig, weil sie auf Land leben, das uns vor 1900 Jahren gehörte, und weil wir es nur für uns selbst wollen.

Oder sind wir vielleicht ein gieriger Besatzer, plündern ihr Land ( wenigstens so weit es uns betrifft) reißen Bäume aus, demolieren Häuser, und vertreiben und brechen in ihre Häuser ein. Und immer noch nicht sind wir ein Feind und immer noch denken wir, wir sind eine aufgeklärte Besatzung. Und unser Generalstabschef tut alles nur Mögliche, um ins Bewusstsein der Besetzten einzubrennen, dass man seinen Besatzer lieben sollte, der sie im eigenen Haus als Gefangene hält, bis sie alle hungrig und vollkommen gedemütigt sind. Und all dies darum, um sie dahin zu bringen, endlich zu begreifen, wer die Herren des Landes sind und wer die Diener.

Alles was ich hier schreibe, ist allen bekannt – aber es ist verboten, es laut auszusprechen, weil es unpatriotisch sei. Schließlich ist alles, was wir tun, so, damit unsere Feinde uns nicht einen 2. Holocaust bescheren. So wird es uns erklärt – immer und immer wieder.

Und wie können unsere Feinde uns einen 2. Holocaust bescheren? Offensichtlich muss dies nicht hinterfragt werden. Schließlich haben wir Frieden mit Ägypten und Jordanien und der Irak ist keine Bedrohung und der Iran ist ein Problem für die ganze Welt.

Also vor wen fürchten wir uns? Vor den Palästinensern? Ist das nicht ein schlechter Witz? Aber uns ist es nicht erlaubt , dies zu sagen, weil unser jüdischer Verfolgungswahn sehr ernst zu nehmen ist. Die Leute von der PR der Armee und die Gierigen nach Groß-Israel wissen, wie man dies sehr gut manipuliert. Und das ist der Grund, warum es uns erlaubt ist, sie zu töten und zu morden und umzubringen, ohne dass es eine Anklage oder eine Gerichtsverhandlung gibt; wir dürfen ihre Patrioten ohne Erklärung, ohne Gerichtsverhandlung und Zeitlimit verhaften. Und natürlich wurden einige nur zu „Handelszwecken“ verhaftet, genau so wie es Terroristenbanden tun. Falls jemand in unserer Regierung das Töten wirklich zu einem Ende bringen will und der Saat des Todes auch, dann muss er die palästinensischen Gefangenen befreien – nicht die Diebe und Einbrecher - aber jene, die wir zu „Feinden“ erklärt haben, und dadurch sollten wir das Töten der Hunderten und Tausenden von ihnen rechtfertigen. Befreit werden sollten auch die, „die Blut an den Händen haben“. Haben die Scharfschützen oder Piloten, die Tod gesät haben, nicht auch Blut an den Händen? Unsere geckenhafte Selbstgerechtigkeit. Die gänzliche Gefühllosigkeit des JAG, der sich sehr um die Drückeberger (Militärverweigerer) sorgt und hinter ihnen herjagt, der es aber zu schwierig findet, Mörder zu verfolgen, weil es so viele sind. Uns ist anscheinend alles erlaubt, denn wir sind „die letzten Opfer“, auch wenn wir die Besatzer sind und die Macht haben.

Genug! Die Besatzung ist zu teuer, zu anstrengend, zu zerstörerisch. Lasst die politischen Gefangenen gehen – die alten und die neuen. Gebt dem Ende des Mordens eine Chance und der Stille und in ihrer Folge: gebt dem Frieden eine Chance! Es wäre die Sache wert, einmal die Macht der Großzügigkeit, des guten Willens und der Aufrichtigkeit auszuüben.

(Die Autorin ist ein früheres Mitglied der Knesset und war Ministerin von Meretz)

Orginalartikel: Dieser Artikel ist NICHT auf zmag.org erschienen!
Übersetzt von: Ellen Rohlfs
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