Unter Druck läuft al-Dschasiera erst zur Hochform auf
von Dahr Jamail
05.02.2006 — Inter Press Service / ZNet
Doha/Katar, am 3. Februar 2006 (IPS). Auslandsbüros von al-Dschasiera wurden von amerikanischen Kampfflugzeugen bombardiert. Aus vier Ländern des Mittleren Ostens darf der Sender nicht berichten. Und doch nimmt die Popularität des Senders al-Dschasiera weiter zu.
Al-Dschasiera startete im November 1996. Seither hat der Sender einen langen interessanten - manchmal tragischen - Weg zum Erfolg zurückgelegt. Die Probleme, denen sich der Sender ausgesetzt sieht, machen gleichzeitig seinen Erfolg aus. Auch das Verbot, aus vier Ländern zu berichten - Irak, Iran, Algerien und Saudi-Arabien - hat der leidenschaftlichen Loyalität von über 40 Millionen Zuschauer keinerlei Abbruch getan.
2001 bombardierten amerikanische Kampfflugzeuge das Al-Dschasiera-Büro in Afghanistan. Während der Irakinvasion beschossen amerikanische Panzer Journalisten des Senders in einem Basraer Hotel mit Granaten. Kurz darauf wurde das Al-Dschasiera-Büro in Bagdad von einer Rakete aus einem US-Kampfflugzeug getroffen und der Korrespondent Tareq Ayoub dabei getötet.
Al-Dschasiera-Reporter wurden von US-Streitkräften verhaftet und in Gefängnissen im Irak bzw. in Guantanamo auf Kuba inhaftiert. Der Sender al-Dschasiera hat mehrere Verbalattacken des amerikanischen Verteidigungsministers Donald Rumsfeld sowie von Regierungsoffiziellen aus vielen Ländern des Nahen/Mittleren Ostens überstanden.
"Ich kann definitiv sagen, was al-Dschasiera macht, ist böse, inakkurat und unentschuldbar", so Rumsfeld am 15. April 2004 gegenüber Reportern. Zuvor hatte al-Dschasiera Aufnahmen von toten Frauen und Kindern aus Falludscha gezeigt - Opfer der US-Bomben auf die Stadt.
Im November desselben Jahres versuchte Präsident George W. Bush, den britischen Premierminister Tony Blair davon zu überzeugen, einer Bombardierung der Al-Dschasiera-Zentrale in Doha/Katar zuzustimmen (das behauptet ein Bericht des britischen Daily Mirror und zitiert aus einem "Topsecret"-Sitzungsbericht des Meetings, auf dem dies diskutiert worden sei).
Diese Woche fand in Doha das Al-Dschasiera-Medienforum statt. Anlässlich dieses Treffens fragte IPS den Al-Dschasiera-Programmredakteur Samir Khader, ob der Bericht über einen damals angeblich geplanten Angriff auf die Al-Dschasiera-Zentrale die Arbeit des Senders beeinflusst habe.
"Glauben Sie, nur weil es ein solches Memo gibt, müssen wir mit unserer Arbeit aufhören? Das können wir natürlich nicht. Wir müssen unsere Arbeit tun. Falls das Memo stimmt und George Bush Dschasiera bombardieren wollte - was können wir tun? Mögen sie es machen, die ganze Welt wird Bescheid wissen".
Samir Khader ist jener Mann, der im Mittelpunkt einer bekannten Doku über den Sender stand (Titel: 'Control Room'). Er fügt hinzu: "Nur weil ein Journalist bedroht wird, wird er deswegen nicht aufhören, seinen Job zu tun".
Wir fragen nach, ob man al-Dschasiera eine Erklärung für den Bericht des Daily Mirror gegeben hat. Khader: "Nein. Der offizielle Sprecher der britischen Regierung sagte, in dem Memo stünde nichts, das sich auf al-Dschasiera beziehe, und Tony Blair hat das Gleiche vor dem House of Commons gesagt. In Beantwortung von Nachfragen britischer Bürger gab derselbe Sprecher allerdings zu, dass es ein solches Memo gibt, in dem etwas über al-Dschasiera steht. Es besteht also ein Widerspruch zwischen ihren eigenen Aussagen".
Khader sagt, al-Dschasiera warte noch immer auf eine Antwort sowohl der britischen als auch der amerikanischen Regierung.
Wadah Khanfar ist der geschäftsführende Direktor des Medienprodukts al-Dschasiera. Gegenüber IPS sagt er, es gebe da eine Kraft innerhalb des Senders, die ihn durch schwierige Zeiten vorantreibe.
"Manchmal ist die Unterstützung durch unsere Zuschauer das Einzige, was uns aufrechterhält - aber auch, dass wir so großartige Mitarbeiter hier haben, so professionell ausgebildete Reparateure, "Stringers" und Fahrer".
Khanfar sagt, der Sender setze auf seinen Ruf, angesichts von Feindseligkeiten erst recht siegreich zu sein.
"Mit unserem Reportagestil haben wir einen Kult geschaffen - so fällt es unterdrückerischen Regimen inzwischen schwerer, al-Dschasiera zu stoppen", sagt Khanfar. "Wenn du, als Journalist, deinem Beruf treu sein willst, weißt du, dass es manchmal schwierig wird, an eine (bestimmte) Story zu kommen. Aber wenn es irgendeine Möglichkeit gibt, musst du es trotzdem tun".
Genau diese Einstellung war es, die Reporter von al-Dschasiera in Falludscha dazu antrieb, Aufnahmen von Zivilisten zu machen, die von US-Soldaten getötet worden waren. (Einer) dieser Reporter wurde zur gleichen Zeit Augenzeuge, wie in Falludscha Zivilisten und Ambulanzen angegriffen wurden.
General Mark Kimmitt, damals oberster Sprecher des US-Militärs im Irak, sagte während der Belagerung von Falludscha im April 2004: "Sender, die zeigen, wie Amerikaner bewusst Frauen und Kinder töten, sind keine legitime Nachrichtenquelle".
Eine junge Journalistin, die für die englische Website des Senders schreibt, zögert etwas, ihren Namen zu nennen. Gefragt, ob sie sich Druck vonseiten des US-Militärs oder vonseiten repressiver Regime in der Region ausgesetzt fühle, sagt sie allerdings: "Nicht direkt. Aber weil wir wissen, dass man so genau auf uns achtet, fühle ich eine noch größere Verantwortung, meinen Job gut zu machen".
Denken andere Al-Dschasiera-Reporter ebenso? "Denken nicht alle Journalisten heute so?" fragt sie zurück.
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